2022/03: Big Oil, Bye Bye

Keine Branche war so wichtig für Putins Machterhalt: Nun geben Shell, Exxon und BP ihr Russland-Geschäft auf. Doch um ihre Gewinne werden sie sich nicht sorgen müssen.
 

Jahrzehntelang mühten sich die westlichen Ölkonzerne um gute Verbindungen zum Kreml. Mit Erfolg: BP, Shell und Exxon sicherten sich Förderprojekte mit Milliardenwert in Russland. Keine Branche profitierte so von den russischen Rohstoffvorkommen und keine war so bedeutend für Putins Machterhalt. Innerhalb von wenigen Tagen sahen sich die internationalen Energiekonzerne nun gezwungen, ihre einst lukrativen und strategisch wichtigen Investitionen aufzugeben. (Nur die französische TotalEnergies zögert noch.)

In einer Pressemitteilung nannte BP den russischen Angriff auf die Ukraine einen „Akt der Aggression mit tragischen Konsequenzen für die Region“. Shell-Chef Ben van Beurden sagte, sein Unternehmen „könne und wolle nicht tatenlos zusehen“ und der texanische Exxon-Konzern drückte seine Unterstützung für die Ukrainer und ihren Kampf um „ihre Freiheit und Selbstbestimmung als Nation“ aus. Tatsächlich war der Druck von Öffentlichkeit und Politik auf die Unternehmen zuletzt groß. Wahr ist auch, dass es die Sanktionen extrem schwierig und unsicher machen, die Geschäfte fortzusetzen. Der Abschied der privaten Ölkonzerne aus einem der führenden Förderländer – Russland liefert zehn Prozent des weltweiten Öl- und 15 Prozent des Erdgasbedarfs – dürfte von Dauer sein. Die Folgen werden allerdings nicht auf Russland beschränkt bleiben.

Schmerzhafter Verlust

Den Anfang machte BP. Das britische Unternehmen kündigte vergangenen Sonntag an, seinen Anteil von 19,75 Prozent an Rosneft, der staatlichen russischen Ölgesellschaft, abzugeben. BP-Chef Bernard Looney sowie sein Vorgänger Bob Dudley zogen sich beide aus dem Aufsichtsrat von Rosneft zurück. Zuvor hatte die britische Regierung Druck gemacht. Für BP ist der Ausstieg bei Rosneft ein schmerzhafter Verlust. Ein Unternehmenssprecher ging von Abschreibungen in Höhe von 25 Milliarden Dollar aus. Aus den russischen Feldern kommen eine Million Barrel Öl täglich, rund ein Drittel der täglichen Fördermenge des britischen Konzerns.


BP war zeitweise der größte ausländische Investor in Russland. Gemeinsam mit Milliardären wie Michail Fridman, Len Blavatnik und Wiktor Wekselberg hatten die Briten 2003 ein Joint Venture gegründet, das zu einem der größten Ölkonzerne wurde. Eingefädelt wurde der Deal mithilfe von Tony Blair, der sich bei Präsident Wladimir Putin dafür verwendete. Die Beziehung von BP zum damaligen britischen Premierminister war so eng, dass Kritiker lästerten, die Abkürzung stehe nicht für British Petroleum, sondern für „Blair Petroleum“.  

Doch die Partnerschaft mit den Russen war nicht ohne Konflikte. 2012 verkaufte BP seinen Anteil an Rosneft und erhielt dafür 17 Milliarden Dollar sowie den Anteil, der nun verkauft werden soll. Dudley, damals noch BPs Chef, sagte, der Deal stelle „eine wundervolle Gelegenheit dar, eine Partnerschaft mit einem großartigen russischen Ölunternehmen einzugehen“, wie die Finanznachrichtenagentur Bloomberg berichtet.  

Ein Texaner in Moskau

Rivale Shell war noch länger in Russland engagiert. Schon in den Neunzigerjahren, noch unter Präsident Boris Jelzin, stieg der Konzern in ein Erdgasprojekt im Osten des Landes ein, das schließlich 2009 als Sacharin-2 in Betrieb genommen wurde. Es war eine Zeit, in der Moskaus Regierung schwach war. Wichtig für den Kreml: Sacharin-2 liefert Flüssiggas in die Wachstumsmärkte Asiens. Auch wenn Putin die Briten später zwang, 50 Prozent an dem Projekt an Gazprom abzugeben, war es für Shell offenbar ein guter Deal. Bis zum Überfall Putins auf die Krim 2014 mühte sich der Konzern in Moskau, die Genehmigung zu erhalten, das Projekt erweitern zu dürfen. Einen Tag nach BP hat sich vergangene Woche auch Shell zum Rückzug entschlossen.

Exxon, nach Saudi Aramco die größte private Ölgesellschaft, zögerte noch länger. Die Texaner haben ein besonderes Verhältnis zu Putin. Kaum ein westlicher Manager kam dem Kremlmachthaber und seinem inneren Kreis so nahe wie der ehemalige Exxon-Boss Rex Tillerson. Beide verdankten nicht zuletzt dieser Beziehung ihren Aufstieg. Tillerson setzte auf den Zugang zu den russischen Rohstoffvorkommen in einer Zeit, in der es für westliche Konzerne immer schwieriger wurde, ihre Bedingungen in Produktionsländern durchzusetzen. Denn die Öl- und Gasstaaten übertrugen die Ausbeutung ihrer nationalen Ressourcen zunehmend staatlich gelenkten Unternehmen. „Moskau war dagegen ein vergleichsweise freundliches Umfeld für die Multis“, sagt Lorne Stockman, Co-Direktor Research bei Oil Change International, einer Umweltorganisation.


Tillerson, der öfter die unternehmenseigene Datsche nutzte, um Kontakte zu pflegen, habe mehr direkten Austausch mit Putin gehabt als jeder andere Amerikaner mit Ausnahme von Henry Kissinger, sagte einmal John Hamre, ehemaliger Vizeverteidigungsminister unter Bill Clinton.


2011 sicherte Tillerson, mittlerweile zum Chef von Exxon befördert, seinem Konzern den exklusiven Zugang zu den russischen Vorkommen in der Arktis, die wegen der Klimaerwärmung nun gefördert werden können. 2013 verlieh Putin dem Exxon-Chef den Freundschaftsorden seines Landes, für Tillersons Einsatz für die Energiewirtschaft Russlands.


2016 verließ Tillerson seinen Posten, um unter Präsident Donald Trump Außenminister zu werden. Dabei spielte Tillersons guter Draht zum Kreml mit eine Rolle. Der Exxon-Chef sei ein „Weltklassespieler“, der „massive Deals“ gemacht habe, pries ihn Trump 2016. Tillerson wiederum gab zum Besten, Trump habe ihn gebeten, die Beziehungen zwischen beiden Ländern zu verbessern. Das hinderte Trump nicht, Tillerson nur Monate nach seiner Ernennung per Twitter zu feuern.

Technik und Expertise werden fehlen

Für Putin war die Verbindung zu den Texanern ebenfalls förderlich. Als er die Macht übernahm, lag die russische Wirtschaft in Scherben. Seine Beliebtheit verdankt er nicht zuletzt der Tatsache, dass er stabilere Verhältnisse schaffen konnte. Die Einnahmen aus Öl und Erdgas waren dafür ein entscheidender Faktor. Allein das Projekt Sacharin-1, das Putin und Tillerson 1999 gemeinsam anstießen, wird nach Schätzungen von Exxon bis 2050 bis zu 89 Milliarden Dollar in die Staatskasse gespült haben. 


Kurzfristig dürfte der Ausstieg der Ölkonzerne die russischen Förderbetriebe nicht beeinträchtigen. Doch mittel- bis langfristig werde sich bemerkbar machen, dass Expertise und Technologie der westlichen Partner fehlten, sagt Christof Rühl, früher Chefökonom bei BP und heute Experte beim Center on Global Energy Policy der New Yorker Columbia University. „Das dürfte etwa die Erschließung der Vorkommen in der Arktis schwieriger machen und künftiges Wachstum beschränken.“

Aber auch für den Westen wird der Exodus der Konzerne nicht ohne Folgen bleiben. Zum einen werden die unabhängigen privaten Öl- und Gasgesellschaften weiter an Bedeutung verlieren. Industrieländer wie Deutschland sind dann noch abhängiger von politisch gesteuerten nationalen Produktionsunternehmen. Die Energiewende dürfte ebenfalls negativ betroffen sein. Umweltaktivist Stockman fürchtet, die Konzerne könnten bei der Suche nach Alternativen zu den russischen Vorkommen in Ländern aktiv werden, in denen Umweltschutz und soziale Bedingungen noch weit schlechter sind als in Russland. „Es gibt keine direkte Linie zwischen dem Ausstieg der Konzerne aus fossilen Brennstoffen und einem Umschwenken auf grüne Energie“, sagt Stockman. Etwaige Erlöse aus den Divestments würden stattdessen an die Anteilseigner fließen.


Experte Rühl warnt vor den Folgen der geopolitischen Verwerfungen bei den fossilen Brennstoffen. Energiesicherheit bedeute, dass Energie sowohl verfügbar als auch bezahlbar sei. „Was wir aus der europäischen Energiekrise gelernt haben sollten, ist, dass es ohne Energiesicherheit keine Energiewende geben wird und dass es, zumindest aus heutiger Sicht, ohne fossile Energieträger keine Energiesicherheit gibt. Auch in Europa nicht“, sagt Rühl. Sehr hohe Energiepreise gefährdeten den Übergang zu nachhaltigen Energien, weil diese sozial und politisch an Unterstützung verlören. „Von einem bestimmten Niveau an wird es zum Irrglauben, dass hohe Preise für fossile Brennstoffe erneuerbare Energie attraktiver machen.“

Für die Konzerne mag der Verlust der russischen Investments erst einmal schmerzhaft sein. Doch auch wenn sich die Milliardensummen beeindruckend anhören, sind sie verkraftbar. Exxon soll der Ausstieg vier Milliarden Dollar kosten. Im Jahr 2021 allein erwirtschafteten die Texaner 48 Milliarden Dollar an Cashflow im operativen Geschäft. Und angesichts der bisher ungeminderten Nachfrage nach ihren Produkten dürfte das nun knappere Angebot die Preise weiter nach oben treiben und die Gewinne der Multis weiter sprudeln lassen. 

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