Wie wir wurden, was wir sind

Bevor die Reise beginnt, ist es wichtig, die Voraussetzungen zu klären. Das Alte, das es zu entdecken gilt, ist nämlich nicht von vornherein besser als die Bewusstseinsstufe der Gegenwart.

 

Manche Verfechter des alten Wissens erwecken aber genau diesen Eindruck, so als ob die Entwicklungsgeschichte von Jahrtausenden die Geschichte eines stetigen Rückschritts wäre, aus der paradiesischen Vergangenheit hin zur dornenreichen Gegenwart, die Geschichte eines Verlustes also.

 

Hier versteckt sich eine Haltung, die stets nur eine einzige Wahrheit gelten lassen möchte, die Haltung des Entweder-oder. Sie unterscheidet sich von der kompromisslosen Einstellung mancher Vertreter der konventionellen Medizin nur durch die Blickrichtung. Während diese alles Alte ablehnen, als Ausdruck magischen Unwissens, sehen jene im Fortschritt der modernen Heilkunde nur die seelenlose Apparatemedizin.

 

Die Wahrheit liegt vielleicht nicht genau in der Mitte, setzt sich aber aus beiden Blickrichtungen zusammen, in stetiger Entwicklung: Die Haltung eines Sowohl-als-auch macht auf allen Ebenen wertvolle Entdeckungen. Sie erkennt, dass die jahrtausendelange Entwicklung, die uns zu immer mehr Bewusstheit geführt hat, im Kern eine gute Entwicklung ist: Sie gibt uns die Möglichkeit, aus der Sicherheit modernen Wissens unvoreingenommen zurückzuschauen auf das, was war, und damit zu erkennen, was auch in unserer Zeit noch hilfreich sein kann.

 

Dabei geht es nicht darum, die so mühsam errungene Stufe des rationalen Bewusstseins, in dem wir heute im Alltag überwiegend leben, zugunsten eines Rückfalls in archaisches Denken aufzugeben. Es geht vielmehr darum, ein neues Bewusstsein zu kreieren, ein neues inneres Gesamtbild, das alle Ebenen verbindet und so auch den gegenwärtigen Zustand überwindet: das integrale Bewusstsein, eine neue Weltsicht, die Zusammenhänge herstellt, aber auch Sichtweisen gleichberechtigt nebeneinanderstehen lässt, die sich nicht einfach verbinden lassen.


Denn wie die moderne Physik gezeigt hat, gibt es in der Welt ein Grundprinzip, das sich auf der Ebene der kleinsten Bausteine als Dualismus, als Wechselspiel zweier eigentlich unvereinbarer Zustände zeigt: Je nachdem, für welche Form der Messung sich ein Beobachter entscheidet, erscheinen in der subatomaren Welt entweder winzige, unfassbar kleine Teile – oder Wellenmuster ohne festen Umriss, ohne festen  Ausdruck derselben dahinterliegenden Wirklichkeit. Es gibt gute Gründe, anzunehmen, dass dieses Prinzip in der Welt insgesamt gilt, nicht nur auf der tiefsten Ebene, dass es also überall einander komplementäre (sich ausschließende, sich diametral gegenüberstehende) Wahrheiten gibt, die dennoch beide Ausdruck derselben Wirklichkeit sind.

 

Wer diese philosophische Vorstellung akzeptiert, erkennt schnell, dass der Kampf um die allein selig machende Wahrheit sinnlos ist. Es kommt einfach auf den Blickwinkel an – und damit auf das innere Bild, dessen Entsprechung wir in der äußeren Wirklichkeit suchen. Aber wie schon angedeutet, könnte es für die Anhänger beider Sichtweisen bereichernd sein, die jeweils entgegengesetzte Auffassung als zweiten Blick auf die
Wirklichkeit zu akzeptieren und am Ende in eine neue Weltsicht zu ntegrieren.


 

Die persönliche Bewusstseinsreise jedes Menschen beginnt in der Zeit vor der Geburt. In diesen Monaten lebt der Embryo in vollkommener Symbiose mit der Mutter, Innenwelt und Außenwelt sind eines. Er nimmt wahr, was die Mutter fühlt, auch die Geräusche der Außenwelt: Musik und Stimmen formen seine ersten, nicht durch die genetische Prägung bestimmten inneren Bilder.

 

Aber alle seine Wahrnehmungen empfindet er nicht als äußere Erlebnisse, sondern sie sind von vornherein Teil seiner selbst, weil es noch keine Trennung gibt. Was ein Baby im Mutterleib erlebt, wird das ozeanische Bewusstsein genannt, ein tief verankertes Gefühl der All-Einheit, in dem es buchstäblich nur das Ganze gibt, weil die Vorstellung eines Teils nicht einmal denkbar ist.


Diese Stufe des Bewusstseins bleibt noch, in fließend sich verändernder Form, eine ganze Zeitlang nach der Geburt bestehen: Der Säugling kann zwischen sich und der Mutter nicht unterscheiden, er erlebt die Mutter als Teil seiner selbst – doch in diesem Wort steckt ja schon die Anmutung einer Trennung, ein Bild, das aber noch keine Entsprechung in der Wirklichkeit des Babys hat.

 

Zum Gefühl der vollständigen Einheit gehört das Gefühl der Allmächtigkeit. Jeder Wunsch wird unmittelbar erfüllt, man muss ihn nur äußern – wobei auch dieser Begriff schon wieder ein falsches Bild aufscheinen lässt, denn äußern kann nur, wer ein Außen kennt, aber das existiert ja noch nicht.


Allein in der Beschreibung dieses besonderen Zustands zeigt sich, dass die Sprache, in der alle Worte etwas Dingliches haben, nur unzureichend die Wahrnehmung in einer Zeit beschreiben können, in der Sprache ja noch nicht entwickelt ist. »Sich einen Begriff von etwas machen«, diese Fähigkeit, die Welt ordnend zu betrachten, kommt vom Begreifen, also der Berührung mit der Hand: Nur was ein Mensch anfassen kann, kann er auch erfassen. So sind alle Beschreibungen dessen, wie sich diese früheste Phase in der menschlichen Entwicklung anfühlt, nur vorsichtige Annäherungen, die unzureichend wiedergeben, was wirklich geschieht.


Die Phase der All-Einheit, aus der das Kleinkind nach und nach vertrieben wird, wie aus dem Paradies, erschafft eine große Zahl innerer Bilder, die mit Gefühlen und Vorstellungen wie Vertrauen, Gelassenheit, innerer Sicherheit, intuitivem Wissen und Verstehen jenseits des Verstandes verbunden sind.

 

Aber es entstehen auch entgegengesetzte Bilder, Muster, die Angst ausdrücken und aus einem grundlegenden Gefühl des Verlorenseins entstehen. In dieser frühen Phase lange vor der Sprachfähigkeit nämlich können Momente des Alleinseins, die vielleicht nur Minuten dauern, das Ausmaß einer Tragödie annehmen, die Erkenntnis des unmittelbar bevorstehenden Endes, eines Traumas, das sich tief in die entstehende Bilderwelt eingräbt.

 

Es ist klar, dass alle Formen von Gewalt, die ein Kind in dieser Zeit erlebt, ganz grundlegend die Welt der inneren Bilder prägt und damit Auswirkungen auf das ganze Leben hat. Diese Bilder später durch positive zu ersetzen ist aber prinzipiell möglich. Die Traumapsychologie hat die entsprechenden Wege geöffnet, und die neue Erkenntnis der Neuroplastizität des Gehirns hat gezeigt, dass eine Veränderung tatsächlich auch physiologisch möglich ist.

 

Hat das Baby diese Phase, die auch die archaische genannt wird, ohne wesentliche traumatische Erlebnisse erfahren, dann kann es auf die Bilder dieser Zeit immer wieder im heilsamen Sinne zurückgreifen. Das geschieht natürlich selten bewusst, sondern das prägende Grundmuster, das sich mit dem Schatz der ererbten Bilder verbunden hat, formt eine Basis, auf die das psychosomatische Netzwerk sich beziehen kann, um Körper und Seele im Gleichgewicht zu halten.

 

Wenn das Baby heranwächst, entwickelt es über die Erfahrung, dass nicht alles so geschieht, wie es das wünscht, nach und nach ein Gefühl dafür, dass eine Außenwelt existiert. Dieses Gefühl ist zunächst nur vage, nimmt aber immer mehr Gestalt an, wenn aus dem physischen Begreifen die abstrakten Begriffe der Sprache entstehen. Es sind die Millionen neuer Eindrücke einer in jeder Beziehung unbekannten Umgebung, die dem Gehirn einen gewaltigen Wachstumsschub geben und in ihm immer neue innere Bilder verankern.

 

Diese Phase zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr wird die magische Phase genannt, weil das Kind zwar nach und nach begreift, dass es zwischen ihm und den Eltern wie allen anderen Menschen einen Unterschied gibt, gleichzeitig aber das Gefühl behält, alles nach seinem Willen steuern zu können. Was es will, soll geschehen, und es wird geschehen (wenn auch immer weniger häufig). Was die Mutter oder der Vater als wichtigste Bezugspersonen sagen, ist unumstößliche, geradezu göttliche Wahrheit, und was sie voraussagen, geschieht: Wenn die Mutter ihrem Kind verspricht, dass seine Schmerzen bald vergehen und es sich wieder wohl fühlen wird, dann geschieht das, und zwar nicht selten unmittelbar.


Die magische Phase lebt vom Vertrauen in die Kräfte des Wunsches und des Willens, von der Gewissheit, dass es Zauberei gibt (auch wenn ein Dreijähriger das Wort vielleicht noch nicht vollständig erfassen kann). In dieser Zeit der Erkenntnis einer grundlegenden Trennung entwickelt sich also gleichzeitig das Bild, dass diese Trennung jederzeit aufgehoben werden kann, allein durch den Wunsch, den Willen, die Vorstellung, auch durch das Wort, das Türen öffnet und gleichsam Berge versetzen kann, ein Mittel also von großer Zauberkraft.


Die Grenzen zur mythischen Phase (dieser Begriff kommt mehr aus der Geistesgeschichte und spielt in der Psychologie keine entscheidende Rolle) sind fließend. Denn auch ihre Bilder haben ja noch etwas Magisches, wenn auch gleichsam in einer höheren, dem Rationalen näheren Ordnung.


Im mythischen Bewusstsein spielen Götter oder der eine Gott eine wichtige Rolle, die Frage von Gut und Böse und von Schuld und Sühne rückt in den Vordergrund. Die Erfüllung eines Wunsches scheint sich jetzt mehr an die Einhaltung von Regeln oder gar Gesetzen zu knüpfen, weniger an die Intuition. Und wenn auch Gebete durchaus noch einem magischen Ritual ähneln, nehmen sie doch oft den Charakter eines Geschäfts an: Weil das Kind seine Pflicht erfüllt, wird es auch belohnt.

 

Die inneren Bilder dieser Entwicklungsstufe sind von Größe und Erhabenheit geprägt, sie spiegeln Vertrauen ebenso wie Angst, aber sie geben auch die Ahnung eines Sinns. Das Bild Gottes hat starke ordnende Macht. Aber in dieser Phase der Entwicklung, in kleinerem Maße auch schon zuvor, wenn das magische Denken noch fast vollständig die Macht hat, blitzt mehr und mehr das erwachende rationale Bewusstsein auf, die Fähigkeit, Dinge zu überprüfen und aus eigener Kraft als wahr oder falsch zu beurteilen.

 

Das Kind wechselt zwischen der Gewissheit unmittelbar gestalterischer Macht oder dem Vertrauen auf göttliche Hilfe einerseits und der fast wissenschaftlichen Überprüfung von Ursache und Wirkung andererseits hin und her, bis im Laufe der Jahre das alte Denken immer mehr in den Hintergrund tritt. In einer Umgebung, die (zumindest in den westlichen Industrienationen) fast vollständig auf das rationale Bewusstsein setzt, erobert dieser Weg, die Wirklichkeit wahrzunehmen, nahezu vollständig den Raum des Wachbewusstseins.


Mit jedem Tag wird das Geflecht rational geprägter innerer Bilder differenzierter und damit stärker. Und wenn auch die alten Bilder noch in der Verborgenheit weiterleben, sichtbar vor allem in den Träumen, schätzt sie das Kind von Jahr zu Jahr geringer und rückt sie damit immer weiter in den Hintergrund. Der Weg zu den grundlegenden Bildern der frühesten Zeit gerät nach und nach in Vergessenheit, und damit wird es immer schwieriger, in Zeiten der Krise oder einer Erkrankung die alten heilenden Muster zu aktivieren. Nur ein Teil der Bilder behält ihren Zugang zur Oberfläche, andere wirken unbemerkt aus der Tiefe, einerseits positiv, andererseits aber auch negativ, denn keineswegs alles, was im Laufe der Jahre entstand, ist ein Ausdruck von Kraft. Auch die Traumata, die das Kind erlitt, ruhen in starken Bildern in den Schichten ihrer Zeit und entfalten von dort aus Wirkung.

 

Diese kurze Zeitreise in die persönliche Entwicklungsgeschichte zeigt, wie sich das Weltbild jedes Menschen nach und nach verändert, wie Schicht um Schicht neue Bilder die alten überlagern und den grundlegenden Plan verändern. Wie aber lassen sich die Wege wieder öffnen, die zu verborgenen heilenden Bildern führen? Und welche Bilder sind es, die Menschen unserer Zeit helfen können, ihre Gesundheit zu erhalten oder eine Erkrankung zu überwinden?


Um dies zu klären, möchte ich die Reise noch einmal beginnen und dabei den Blickwinkel auf die Epochen der Menschheitsgeschichte lenken, in denen sich die grundlegenden Bilder entwickelten. Denn was jeder Mensch gleichsam im Zeitraffer eines einzigen Lebens nachvollzieht, entspricht der langen Entwicklungsgeschichte des Geistes. Diesmal beginnt die Reise in der Gegenwart, auf der Ebene des rationalen Bewusstseins, die unser Alltagsdenken bestimmt. Von dieser sicheren Plattform aus ist es leichter möglich, Schritt für Schritt in die Tiefe zu steigen und nach den verlorenen Schätzen lange vergangener Epochen zu suchen, um ihren Wert zu überprüfen.

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