1969–2011: Arabische Republik Libyen

Am 1. September 1969 wurde König Idris I., der sich mit Königin Fatima zu einem Kuraufenthalt in Bursa in der Türkei aufhielt, von einer Gruppe panarabischer Offiziere gestürzt. Mit Truppentransportern und Panzern des britischen Typs Centurion und nur rund 200 Mann beendeten sie die Monarchie in Libyen, ohne auf größeren Widerstand in der Bevölkerung zu stoßen. Die Putschisten besetzten alle strategisch wichtigen Plätze in Tripolis, u. a. das Gebäude der Sicherheitspolizei, den Königspalast und die nationalen Radiostationen sowie Ministerien. Nur in Al-Baida leistete die königliche „Weiße Garde“ Widerstand.

 

Über den lokalen Hörfunksender Etha’at al-Mamlaka al-Libya rief Oberst Muammar al-Gaddafi am 1. September 1969 die „Arabische Republik Libyen“ aus. Er verkündete der Bevölkerung, die Kontrolle in Libyen ohne Blutvergießen übernommen zu haben. König Idris wurde für abgesetzt erklärt. Er blieb mit seinem Neffen, Kronprinzen Hassan Rida (* 1940) zunächst in der Türkei, ging später nach Griechenland und danach ins Exil nach Ägypten, wo er 1983 im Alter von 94 Jahren verstarb.

 

Der Revolutionäre Kommandorat unter Führung von Gaddafi forderte in seinen ersten Reden an die Bevölkerung ein Mitspracherecht bei Problemen im Nahen Osten und in Nordafrika. Er wollte als neue Führungspersönlichkeit in der arabischen Welt fungieren und mit Korruption und Vetternwirtschaft der Königsfamilie aufräumen.

 

Er forderte mehr Effektivität im Staatsapparat. Entgegen vielen anderen afrikanischen Putschisten sollte Gaddafi nach Einschätzung westlicher Geheimdienstkreise nicht an persönlichem Reichtum interessiert sein und galt als unbestechlich. Die USA, so wurde vermutet, tolerierten den Putsch, um die Option für einen Fortbestand der Militärstützpunkte im Land behalten zu können.

 

Gaddafi und Nasser, 1969

Die Mitglieder des revolutionären Kommandorats (Majlis Kyiadat Ath-thawra) waren 1969 neben Muammar al-Gaddafi: Abdussalam Jalloud, Abu Bakr Yunis Jaber, Awad Hamza, Basheer Hawwadi, Mukhtar al-Gherwi, Abdel-Monem al-Houni, Emhemmed al-Mghariaf, Mohammad Najm, Mustafa al-Kharoubi, Al-Khwaildi al-Hmaidi und Omar al-Amhaishi. Die Anerkennung der libyschen Revolutionsregierung erfolgte als erstes durch das Nachbarland Ägypten und durch den Irak. Die europäischen Staaten zögerten.

Autoritäre Staatsführung, Verstaatlichungen, Ende der jüdischen Gemeinden

Am 11. Dezember 1969 erfolgte die Erklärung einer neuen Verfassung, die auch die Einsetzung des revolutionären Kommandorates als oberstes Staatsorgan vorschrieb. Auch ein Dekret zum Schutz der Revolution wurde erlassen: Jeder Bürger, der die Grundlagen der Revolution in Frage stellte, konnte mit Haft oder sogar mit dem Tode bestraft werden.

 

 

Muammar al-Gaddafi

Alle ausländischen Banken, Versicherungen sowie die Erdölindustrie wurden nach und nach verstaatlicht. Auf Anordnung der Revolutionsregierung vom 13. November 1969 mussten die ausländischen Banken ihr Kapital zu 51 % an den libyschen Staat abtreten und ihre Filialen in arabische Namen umwandeln.


Betroffene waren: Barclays Bank (künftig: Aljomhorya Bank), Banco di Roma (Omma Bank), The Arab Bank (Oroba Bank) und Banco di Napoli (Al Istikal Bank). Es erfolgte die Gründung einer neuen Staatsbank, der Alkafila Domestic Bank. Auch wurde das erst 1960 durch Esso Libya erschlossene Zletin-Ölfeld am 21. Juli 1970 verstaatlicht.


Für seine Ölpolitik ließ sich Gaddafi vom saudischen Ölexperten Abdullah Al-Tariki beraten. 1970 verlangte er von allen im Land tätigen Ölgesellschaften eine erhebliche Erhöhung der Förderpreise sowie des Anteils des Erzeugerstaats an den Ölgewinnen, der bis dahin bei 50 % gelegen hatte.


Weil viele Ölgesellschaften aufgrund der libyschen Strategie der Bevorzugung kleinerer Unternehmen bei der Konzessionsvergabe keine anderen Ölquellen besaßen, mussten sie nach und nach auf die Forderungen eingehen. So konnte Libyen als erstes arabisches Land eine Erhöhung seines Anteils an den Ölprofiten auf 55 % durchsetzen. Iran, Irak und Saudi-Arabien folgten seinem Beispiel.


Während des Sechstagekriegs vom 5. bis zum 10. Juni 1967 brachte die libysche Regierung Juden in einem Lager aus Tripolis bzw. Bengasi in Sicherheit. Dennoch gab es mehrere Morde und zahlreiche Brandschatzungen von Synagogen, Läden und Häusern – auch in den neuen Judenquartieren. Italien half bei der Evakuierung der Flüchtlinge.


Gaddafi verschärfte die Aufenthaltsbestimmungen und ließ die Verstaatlichung des Besitzes ausgewanderter oder abwesender Juden durchführen. Synagogen wurden in Moscheen umgewandelt oder geschlossen.


Neben den Briten und US-Amerikanern mussten auch alle 25.000 Italiener und Juden das Land bis Oktober 1970 verlassen, ihr Besitz in Libyen wurde enteignet. Am 10. Oktober 2003 verließ der letzte Jude das Land: Rina Debash siedelte im Alter von 81 Jahren zu ihrem Neffen nach Rom über.


In Israel leben heute etwa 120.000 Nachfahren libyscher Juden, in Italien vielleicht 4500. Im israelischen Or Yehuda entstand ein Museum. In Tripolis gab es vor der Vertreibung 62 Synagogen. Die 1628 errichtete Sla El Kebira Synagoge ist heute eine Moschee, das Gebäude der früheren Dar E Serousi Synagoge birgt nach der Restaurierung von 1994 ein Stadtarchiv, und die Dar Bishi Synagoge, an deren Einweihung seinerzeit der italienische König Viktor Emanuel III. teilgenommen hatte, sollte nach dem Ende des Regimes restauriert werden. Doch musste der Initiator aufgeben, weil er bedroht wurde.


Dessen ungeachtet erfreute sich das Regime zunehmend internationaler Anerkennung. Vom 25. bis zum 27. Februar 1970 war als erster europäischer Staatschef der jugoslawische Präsident Josip Broz Tito zu einem Staatsbesuch in Libyen. Vom 5. bis 9. September 1973 nahm das Land an der Konferenz der Blockfreien Staaten in Algier teil. Am 29. Juni 1973 nahm Libyen diplomatische Beziehungen zur Deutschen Demokratischen Republik auf.


Zum 1. September 1973 und gleichzeitig am 5. Jahrestag der Revolution wurden alle Konzessionen der Ölgesellschaften, die noch nicht verstaatlicht worden waren, verstaatlicht, darunter ExxonMobil (Esso/Mobil Oil), Shell, Gelsenberg, Texaco, SoCal, Grace Petroleum und Libyan-American ARCO. Die Ölkonzerne waren bis 1969 und teilweise bis 1972 weiterhin sehr einflussreich. Konzessionen des Staates gaben ihnen Exklusivrechte und Exterritorialität. Die Konzerne bestimmten den Preis und die Fördermenge des Rohöls.


Am 28. März 1970 wurde der seit 1948 bestehende US-Luftwaffenstützpunkt geschlossen, am 11. Juni 1970 auch der seit 1955 genutzte britische Stützpunkt.


Die libyschen Streitkräfte erhielten ab September 1970 von Frankreich modernere Ausrüstung, darunter 57 Kampfflugzeuge vom Typ Mirage 5, 53 Mirage 5D Kampfbomber, 32 Mirage 5DE Aufklärungsflugzeuge, neun SA.321M Super Frelon Hubschrauber und zehn SA.316B Alouette II Hubschrauber.


Auch die Sowjetunion begann mit der Auslieferung von T-55 Kampfpanzern und BMP-1 Schützenpanzern. Zudem plante Libyen den Kauf von 16 Transportflugzeugen vom Typ C-130H Hercules aus den USA.

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