2010/03: Wisnewski: Der »Pate« – Henry Kissinger.

… ist der Mann, der zu Beginn von unserem sympathischen Hoteldirektor eindeutig als der Bilderberger-Leitwolf bezeichnet worden war: Henry Kissinger.

 

Wer oder was also ist Henry Kissinger? Historiker sei er, schreibt die  online- »Enzyklopädie« Wikipedia. So kann man seine Rolle natürlich auch beschreiben. Als führendes Mitglied des »Council on Foreign Relations« mischt Kissinger schon so lange in der Geschichte des Planeten mit, dass er gar nicht mehr aus ihr wegzudenken ist. Für die Älteren, die sich noch an Kissingers publikumswirksame Hochphase in den siebziger Jahren erinnern, ist er schlicht eine reine Lichtgestalt bzw. Friedenstaube. Kissinger stiftete einfach überall Frieden, zuWasser, zu Lande und in der Luft. Zuweilen fiel es schwer, über seine Aktivitäten den Überblick zu behalten.

Doch der Reihe nach. Kissinger habe die Entspannung zwischen Ost und West ebenso eingeleitet wie die Friedensgespräche zwischen Nord- und Südvietnam, erfährt man allenthalben, wofür er prompt den Friedensnobelpreis erhielt. Selbst den Jom-Kippur-Krieg vom Oktober 1973 zwischen Ägypten, Syrien und Israel soll Kissinger zu einem friedlichen Ende gebracht haben. Fast zu schön, um wahr zu sein. Das fand auch der amerikanische Starjournalist Seymour Hersh, der immer wieder große Affären der US-Politik aufgedeckt hat. Für ihn ist der Friedensapostel Kissinger in Wirklichkeit ein Todesengel, der die Verantwortung für die Bombardierung von Zivilisten in Vietnam trägt. »Wenn unsereins Schafe zählt, wenn er nicht schlafen kann, zählt dieser Typ bis zum Ende seines Lebens verbrannte und verstümmelte kambodschanische und vietnamesische Babies.« »Globalisierung ist nur ein anderes Wort für US-Herrschaft«, meint der Boss der Bilderberger.

Im Jahr 2001 zählte der bekannte amerikanische Journalist Christopher Hitchens Kissingers mutmaßliche Verbrechen in seinem Buch The Trial of Henry Kissinger (»Der Prozess gegen Henry Kissinger«) auf.

 

Im Jahr 1973 (übrigens am 11. September), als Kissinger bereits als unvermeidliche Friedenstaube durch die Welt flatterte (und auch längst manierlich bei den Bilderbergern plauderte), zettelte er zusammen mit der CIA einen blutigen Putsch gegen den demokratisch gewählten chilenischen Staatspräsidenten Salvador Allende an, den dieser nicht überlebte. Und die chilenische Demokratie auch nicht. Der Putsch führte zu der blutigen Diktatur des Augusto Pinochet, der Oppositionelle in Konzentrationslagern zu Tode foltern oder einfach über dem Meer aus dem Hubschrauber werfen ließ. Dagegen erscheint Saddam Hussein wie das reinste Unschuldslamm. Über eine Million »Linke« (oder solche, die dafür gehalten wurden) mussten das Land verlassen und fanden Asyl im damals von Olof Palme (der später einem Attentat zum Opfer fiel) regierten Schweden. Über 28 000 Menschen wurden während der Pinochet-Diktatur brutal gefoltert.

 

Am 10. September 2001 verklagte die Familie des 1970 ermordeten chilenischen Generals René Schneider Kissinger und den früheren CIA-Chef Richard Helms beim Bundesgerichtshof in Washington D. C., weil der Tötungsbefehl gegen Schneider direkt von Kissinger gekommen sei (Sydney Morning Herald, 30.4.2002, u.a.). Einen Tag später, am 11. September 2001, dem 28.Jahrestag des Pinochet-Putsches, reichte eine chilenische Menschenrechtsorganisation Klage gegen Kissinger und andere wegen ihrer mutmaßlichen Verwicklung in die »Operation Condor« ein, in deren Rahmen mehrere lateinamerikanische Diktaturen Regimegegner gemeinsam verfolgten und ermordeten. Eine Nachricht, die ein bisschen unterging, weil an diesem Tag die Türme des World Trade Center von Unbekannten in die Luft gejagt wurden.

 

Weil die unterschiedlichsten Verfahren wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen gegen ihn liefen, konnte die »Friedenstaube« Kissinger bisweilen gleich mehrere Länder nicht bereisen. So werfen ihm Menschenrechtler und Betroffene vor, er habe 1975 und 1976 seine Finger auch bei der blutigen Invasion Osttimors durch Indonesien im Spiel gehabt, bei der unbestätigten Berichten zufolge 200000 Menschen ums Leben kamen. Gerüchte und merkwürdige Koinzidenzen bringen Kissinger sogar mit dem Tod von Aldo Moro, 1978 Chef der italienischen Christdemokraten (Democrazia Cristiana, DC), in Verbindung. In den Augen der Amerikaner wollte Moro ein todeswürdiges Verbrechen begehen, nämlich zusammen mit den Kommunisten in Italien eine Regierung bilden (der sogenannte »Historische Kompromiss«).

Moros Öffnung nach links »stieß in den USA auf erbitterten Widerstand, der in einer regelrechten Mordhetze gegen den DC-Politiker gipfelte«, schrieb der Historiker und Publizist Gerhard Feldbauer. Bei einem Besuch Moros in Washington sei dieser »massiv unter Druck gesetzt« worden.

 

Außenminister und »heimlicher US-Präsident« zu dieser Zeit: Henry Kissinger. In Chile habe man »das getan, was die Vereinigten Staaten tun, um ihre Interessen im Ausland zu verteidigen«, hatte »Kissingers Präsident« Gerald Ford die Italiener gewarnt.

 

Eleonora Moro, die Witwe des ermordeten DC-Führers, habe im Rahmen der parlamentarischen Untersuchung zum Fall Moro ausgesagt, »dass ihrem Mann während dieses Staatsbesuches in Washington massiv Konsequenzen für den Fall angedroht wurden, dass er seine Zusammenarbeit mit den Kommunisten nicht aufgebe«.

 

»Entweder hören Sie auf damit, oder Sie werden es teuer bezahlen«, habe ihm ein Gesprächspartner, dessen Namen ihr Mann nicht genannt habe, angekündigt. »Ihr Mann habe das so ernst genommen, dass er, nach Rom zurückgekehrt, sein Testament aufgesetzt habe.« Bei Moros Rückkehr nach Italien sei ihm Kissinger »fast auf den Fersen« gefolgt.

 

In einem Interview habe er sich unverblümt zur Aufgabe der CIA geäußert, »Realitäten zu schaffen«. Ein der CIA nahestehender Korrespondent übersetzte das in der New York  Times wie folgt: »Ich bin mir so gut wie sicher, dass die verwirrende Situation in Italien durch die Geheimaktivitäten der CIA gelöst werden wird.« In den folgenden Jahren seien Kissingers Angriffe gegen Moro »noch schärfer« geworden, so Feldbauer.

 

Er habe ihn den »Allende Italiens« genannt – was man wohl kaum anders denn als üble Drohung werten kann. Am 16. März 1978 wurde Aldo Moro von einer CIA-Firma namens »Rote Brigaden« entführt und nach 55-tägiger Geiselhaft ermordet. Das ist, soweit ich sehe, allerdings alles, was Kissinger mit dem Mordfall Moro »in Verbindung bringt«.

 

Handfeste Beweise gibt es in dieser Sache nicht, so dass Kissingers Rolle in der »Sache Moro« mit einem großen Fragezeichen zu versehen ist.

 

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