2006: Theis: Innensicht und Fremdbild am Beispiel der Freimaurerei

6 Zusammenfassung und Analyse

Am Beispiel der Verschwörungstheorien hat sich gezeigt, wie leicht ein falsches Bild über eine Gruppe, die Geheimnisse und Tabus als konstitutives Element verwendet, gezeichnet und instrumentalisiert werden kann.


Wie lange sich dabei die Diffamie unbewusst in den Köpfen der Menschen hält, zeigt eine Studie, die im Auftrag der Freimaurer im April/Mai 1995 944 Nichtmaurer zum Verständnis der Freimaurerei befragten. Den Teilnehmern wurde dabei zwei Aussagen vorgelegt, die Bezug auf das „Geheime“ nahmen. Die erste Behauptung lautete: „Die Freimaurer halten ihre Ziele geheim.“ 63 Prozent der Teilnehmer stimmten dieser Aussage zu.

 

Die zweite These besagte: „Mich stört die Geheimnistuerei der Freimaurer.“ Dies bestätigten 47 Prozent der Befragten, während 48 Prozent die These verneinten (Höhmann und Bergmann 2003: 9f.).


Die Zahlen zeigen, dass gut die Hälfte der Befragten immer noch davon ausgehen, dass die Freimaurer etwas zu verbergen haben und daher „geheimnistuerisch“ vorgehen. Das Ergebnis verblüfft, denn die tabuisierten Bereiche wie die Rituale und Erkennungszeichen sind seit Jahrhunderten bekannt und auch die Freimaurer selbst haben oftmals erklärt, keine geheime Gesellschaft zu sein, und ihre gesellschaftlichen, humanitären Ziele bekannt gemacht. Dies zeigt, wie Unwissen und Diffamie das Bild für Außenstehende auf die Freimaurerei prägen.


Auch wenn es gegenwärtig nicht mehr zur Verfolgung von Freimaurern kommt, haben die Logen ein zunehmendes Problem mit der herrschenden Außensicht. Immer weniger Menschen schließen sich dem Bund an. Die Mitgliederzahl der drei deutschen Großlogen nahm von 1960 bis 2000 um zehn Prozent, von 16 000 auf 14 500 ab (Höhmann und Bergmann 2003: 9f: 10 f.). Auch das Durchschnittsalter, das nach Höhmann bei circa 60 Jahren liegt, hat seit 1970 um fünf Prozent zugenommen (Höhmann und Bergmann 2003: 9 f.).

 

Beide Tendenzen lassen sich auch in der nach eigener Bezeichnung „jungen“ Loge Ver Sacrum erkennen. So bemerkte Informant G eine nachlassende Teilnahme von Logenbrüdern aufgrund von altersbedingten Krankheiten. Laut dem Mitglied der Forschungsloge Quator Coronati Hans Hermann Höhmann ist es: „[…] unverkennbar, dass die Freimaurerei in Deutschland Struktur- und Entwicklungsprobleme aufweist.“ (Höhmann und Bergmann 2003: 11)


Gründe für diese Entwicklung sieht er in dem herrschenden Außenbild auf die Freimaurerei und in der freimaurerischen Innensicht. Beides hat zu Vermittlungs-Problemen zwischen der freimaurerischen und profanen Lebenwelt geführt: „Die Freimaurer lassen sich im starkem Maße auf einen doppelten Vergrößerungseffekt ein: von außen wird die Freimaurerei traditionell verschwörerisch überhöht und dämonisiert, von innen reagieren die Freimaurer allzu sehr mit einer Attitüde humanitärer Überlegenheit, die im Hinblick auf die Möglichkeit einer nachhaltigen Realisierung nicht hinreichend hinterfragt wird.


Beides sind Fehlverständnisse, die auf ein flaches, zu wenig auf Wissen begründetes, im ersten Fall aggressives, im zweiten Fall apologetisches Freimaurerbild zurückzuführen sind.“ (Höhmann und Bergmann 2003: 8) Nach Höhmann ist die Freimaurerei aus ihrem „[…] traditionellen Bund mit dem Zeitgeist herausgefallen“ (Höhmann 2003: 9), was dazu führte, dass die Logen es versäumt haben, gezielt gegen die vielfach publizierte Diffamie und das herrschende Unwissen vorzugehen, während die freimaurerischen Verschwörungstheorien in immer neuen Auflagen erschienen.


So stellt Höhmann fest, dass das traditionelle Rekrutierungsschema, das neue Mitglieder vornehmlich aus dem Umfeld von Logenmitgliedern gewann, seine Leistungsfähigkeit weitgehend verloren hat. Daraufhin entstand die Notwendigkeit durch Werbemaßnahmen, wie Anzeigen und öffentliche Vorträge, neue Mitglieder zu gewinnen. Aber diese Schritte sind auf der freimaurerischen Seite umstritten. Viele verstehen die Freimaurei als etwas, dass das Individuum für sich selbst finden muss. Daher auch die Bezeichnung „Suchender“, für die noch nichtinitiierten Mitglieder. So wird der Weg zum Erstkontakt mit einer Loge unbewusst schon als Teil der Initiation gesehen. Geht dieser durch das Schalten von Werbung verloren, ist das idealtypische Bild der Freimaurerei nicht erfüllt. Der Kompromiss scheint nicht letahl für die Bruderschaft, dennoch markiert er eine Grenzüberschreitung. Um sich den gesellschaftlichen Bedingungen anzupassen, müssen die Brüder auf ein traditionelles Merkmal verzichten.


Der Diffamie durch Verschwörungstheorien zu begegnenen würde es große Opfer fordern: die Türen der Logenhäuser und der Tempelräume müssten geöffnet, und die aktuellen Ritualtexte sowie Mitgliederlisten veröffentlicht werden.

 

Gerade im Internet werden Verschwörungstheorien verbreitet, wie beispielsweise auf den Seiten www.freedomdomain.com/freemason.html oder www.runenhort.de/rat/crowley/geheim/dollar1.htm. Aber was bleibt dann von der Freimaurerei? Kapitel 5.5 hat die Bedeutung des  freimaurerischen Geheimnisses als Gruppengenerator dargestellt.


Das Geheimnis der Freimaurerei erschließt sich nach Aussagen der Logenbrüder im partizpierenden Erleben der freimaurerischen Gemeinschaft. Für Höhmann bedeutet das Geheimnis vor allem „[…] die von den Logen zum Setzen von Gruppengrenzen rituell geübte Verschwiegenheit […]“ (Luhmann und Fuchs 1989: 104).


Die Bedeutung der Veschwiegenheit als grundlegende distinktive Eigenschaft der freimaurerischen Ingroup zeigt sich in der bereits erwähnten Hiramslegende. Die Versicherung der Verschwiegenheit ermöglicht den Mitgliedern eine, vor der Outgroup geschütze, Möglichkeit der „paradoxe Kommunikation“ (siehe Kapitel 2 und 5.5).


Nach Niklas Luhmann ist die „Semantik des Geheimen eigentlich eine Semantik der Kommunikation – wenngleich unter negativem Vorzeichen.“ (Luhmann und Fuchs 1989: 101). So kann in den Augen der Outgroup Vorsicht in der Kommunikation schnell als Geheimnis, das womöglich eine Bedrohung darstellt, verstanden werden. (Luhmann und Fuchs 1989: 124). Nach Luhmann ist die Konnotation des „Geheimen“ in der westlichen
Gesellschaft bereits überhöht. Kommt darüber hinaus Diffamie ins Spiel kann das Interesse der Geheimhaltung der Ingroup mit dem Interesse der Outgroup kollidieren (Luhmann und Fuchs 1989: 124). So betont er die differenten Perspektiven der Gruppen: „Geheimnisse haben in sozialen Situationen eine doppelte Bedeutung, je nachdem, ob es sich um eigene Geheimnisse handelt oder um die der anderen.“ (Füssel 2002: 40)


Die benannte doppelte Bedeutung erzwingt auf der Seite der Outgroup Handlungen mit dem Ziel das vermeintliche Geheimnis zu erfahren, auf Seiten der Ingroup Maßnahmen, dieses zu bewahren. Marion Füssel folgert daraus, dass der Wille zum Wissen ist auch immer ein Wille zur Macht ist (Füssel 2002: 40). So sind Konflikte vorbestimmt.


Aggression, Misstrauen und Ablehnung scheinen nach der Ethnozentrismusforschung
die natürliche Verhaltensweise, in der In- und Outgroup miteinander agieren: „[…] an idividual will discriminate against an member of an out-group even when there is no conflict or hostility;“ ( Luhmann und Fuchs 1989: 105) 68 Darüber hinaus wurde die Fähigkeit, ein Geheimnis zu behalten von der Antike an bis weit ins 17. Jahrhundert hoch geschätzt (vgl. Barth 1970, Berger und Luckmann 1969, Geertz 1964, Le Vine und T. 1972, Robbins 1973, Ross 1975). 69 vgl.Fishman 1977, Leach 1978, Müller 1987

 

Eine Möglichkeit mit dem Misstrauen umzugehen, ist, die Inhalte der eigenen Lebenswelt der anderen Gruppe transparent zu machen. So scheint beispielsweise ein Taubenzüchter-Verein nicht sonderlich suspekt; Inhalte und Zweck sind öffentlich und die Mitgliedschaft steht jedem frei. Bei den Logen der Freimaurer verhält es sich dagegen anders. Verschwiegenheit wird zu einer Tugend erklärt, die es zu üben gilt. So lässt sich die Verschwiegenheit der Freimaurer als ein konstituives Fundament der Gruppe ausmachen, dass eo ipso Tabus nachsichzieht. Diese Tabus stehen dann unvereinbar der Forderung der Außenwelt nach Transparenz gegenüber. Daher ist die Freimaurerei einem doppelten Risiko ausgesetzt.


Dem Risiko des Redens und dem Risiko des Schweigens (Papst Clemens XII., 1738). Öffnen die Freimaurer sämtliche tabuisierten Bereiche, droht ein Verlust der Gruppenidentität, da der „sakraleRaum der „profanen“ Öffentlichkeit preisgegeben wird. Schweigen die Logen, kann mit weiterer Diffamie und weiteren Anfeindungen gerechnet werden. Es zeigt sich also, dass sich Distinktion und Diffamie gegenseitig bedingen, insbesondere, wenn das Eigenbild einer Gruppe tabuisierte Bereiche umfasst, die der Outgroup nicht mitgeteilt werden können.


Weiterführend wäre es vom großen Interesse, andere Gruppen, die ein hohes Maß an tabuisierten Bereichen in ihrer distinktiven Lebenwelt aufweisen, hinsichtlich ihres Umgangs mit Diffamie zu untersuchen.


Zum Abschluss ein emischer Ausblick: Das Wandgemälde (Abb. 5) zeigt in der unteren rechten Bildhälfte zwei Säulen auf deren Messlatte ein Tuch im starken Sturm schwingt. Dieses Bild soll dem Künstler nach die Zukunft der Freimaurerei beschreiben. Es antizipiert, dass sich die Freimaurerei bewusst ist, dass sie auch zukünftig exosphärischen Widrigkeiten ausgesetzt sein wird. Das Bildnis veranschaulicht die Aufgabe eines jeden Freimaurers, sich den künftigen Herausforderungen zu stellen. Dies geschieht vor allem durch stetige Selbstverbesserung. So ist für Hans Hermann Höhmann „die Geschichte der Freimaurerei […] auch immer eine Geschichtet ihrer Veränderung“ (Höhmann und Bergmann 2003).

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