Geheimes Pflanzen-Bewusstsein: Einleitung

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Braucht das Mauerblümchen Liebe? Sind Pflanzen für Zuneigung dankbar? Ist eine Blume fähig, sich freudig der Gießkanne zuzuneigen – und kann ein Strauch vor der Gartenschere zurückweichen?


»Nichts in der Welt der Pflanzen klingt zu verrückt, um nicht wahr zu sein«, sagt Anthony Trewavas, Professor für Zell- und Molekularbiologie an der Universität von Edinburgh. »Pflanzen haben Fähigkeiten, die wir uns noch gar nicht vorstellen können.« Der 70-jährige Schotte – Mitglied der Royal Society, der ältesten wissenschaftlichen Gesellschaft Großbritanniens – ist der Vordenker einer Avantgarde von Pflanzenphysiologen, Molekularbiologen, Ökologen und Agroforschern, die an den Grundfesten der Biologie rütteln.


Sie sprechen aus, was viele ihrer Kollegen nicht zu denken wagen: Intelligenz, Gedächtnis, Lernvermögen bei Pflanzen. Sie berufen sich auf modernste Forschungen, bei denen in Pflanzen Eigenschaften entdeckt wurden, die eher an eine Phantasiewelt à la Tolkien denken lassen als an das Unkraut im Garten. Und so ordnet sich neuerdings eine wachsende Gruppe von Botanikern einer Zunft zu, diedurch die Beobachtung von Graugänsen bekannt geworden ist: den Verhaltensforschern. Sie reden von »Partnersuche«, »Eifersucht« und »sozialer Intelligenz« ihrer grünen Forschungsobjekte.


Gibt es zwischen Ahorn und Adler, zwischen Klatschmohn und Kabeljau, zwischen Rose und Rhinozeros am Ende weit mehr Ähnlichkeiten, als das äußere Erscheinungsbild vermuten lässt?


Vom siebten Stock seines Instituts blickt Professor Trewavas auf die Pentland Hills. Die Hügel schwingen sanft wie grüne Wellen bis zum Horizont. »99 Prozent der Wesen, die Sie da sehen, sind Pflanzen. Und obwohl sie an ihren Standort gefesselt sind, haben sie jeden erdenklichen Lebensraum erobert.« Trewavas streicht sich durch sein zerzaustes weißes Haar und fährt fort: »Die Art und Weise, wie Pflanzen vorgehen, und den Erfolg, den sie dabei haben, zeigen, dass eine Menge Berechnungen in ihre aktuellen Entscheidungen eingehen. Andernfalls würden sie auf unserer Erde nicht so dominieren.«


Bislang waren es eher esoterisch angehauchte Laien, die über Grips und Gefühl bei Pflanzen räsonierten, oder anthroposophisch inspirierte Demeter-Landwirte und -Konsumenten, die ihrem biologisch-dynamisch gezogenen Gemüse besondere Kräfte zusprachen. Jetzt aber sagen auch Wissenschaftler: »Wir haben Pflanzen immer unterschätzt – und tun es heute noch.«


Zwar bewundern wir die Schönheit der Rose und die Aura einer mächtigen Eiche – doch im Grunde zählen für uns Pflanzen zu den primitiven Lebensformen. »Dumm wie Bohnenstroh«, sagt der Volksmund.


Will man jemanden beleidigen, dann setzt man dessen Denkvermögen mit dem eines Kohlkopfes gleich. Und im Englischen werden Komapatienten gar als vegetables (Gemüse) bezeichnet.

Print Friendly, PDF & Email