Ein falsches Wort genügt

12 Tages-Anzeiger – Dienstag, 29. August 2017

Hintergrund & Debatte
 
Einst sagte mir ein Bekannter aus der Türkei: «Dein Fehler bei der Beurteilung von Medien ist, dass du unsere Medien mit denen in Deutschland und in der Schweiz vergleichst.» Ich muss gestehen, dass ich diesen Fehler in der Schweiz als Zeitungsleser und Radiohörer nicht vermeiden kann. Ich konsumiere im Internet täglich viele kurdische und türkische Medien. Da kommt der Qualitätsvergleich automatisch zustande.
 
Seit ich mich erinnern kann, leidet in der Türkei die Meinungsfreiheit. Die Medien waren in zwei Kategorien eingeteilt: für die Regierung und gegen die Regierung. Wer versuchte, kritisch über die Machenschaften der Staatsmacht zu schreiben, musste mit ernsthaften Konsequenzen rechnen. Entlassen oder angeklagt zu werden, waren und sind heute noch die harmloseren Konsequenzen. Jeder, der nicht nach dem Gusto der Mächtigen schrieb, wurde zum Gejagten.
 
Dieser Umgang mit Medien ist nicht nur ein Merkmal der Regierungszeit von Erdogan. Die Unterdrückung von kritischen Stimmen war auch in den vorherigen Jahrzehnten eine bekannte Praxis. Viele haben für ihren Mut teuer bezahlt: Literaten wie Yasar Kemal, Nazim Hikmet und Aziz Nesin verbrachten Jahre hinter Gittern wegen ihrer Bücher, die dem Staat nicht passten. Ich erinnere mich schmerzlich an die Ermordung von Abdi Ipekci im Jahre 1979, Ugur Mumcu 1993, Musa Anter und von über 20 anderen kurdischen Journalistinnen und Journalisten in den 90er-Jahren. Die Morde an diesen renommierten Persönlichkeiten wurden nie richtig aufgeklärt. Keiner im Land zweifelt aber an der Mithilfe der Staatsorgane bei den Taten. Derzeit sind wegen der Ermordung des bekannten armenischstämmigen Journalisten Hrant Dink 2007 mehrere Männer in Haft, die zum Zeitpunkt der Tat höchste Ämter im Sicherheitsapparat bekleideten.
 
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