Die Geschichte der Khasaren

VORWORT

So sehr das Leben eines Menschen mit beruflicher Tätigkeit auch ausgefüHt erscheint und so umfassend diese auch ist, so beschäftigen ihn doch in seinen Mußestunden oft auch andere Themen, deren Ausarbeitung ihm Erholung von den Anstrengungen und Mühen des Tages bietet. Für eine tätige, arbeitsfreudige Natur ist auch der Wechsel in der Arbeit eine Erholung.


Bekannt und anerkannt sind die Leistungen des am 2. September des Jahres dahingeschiedenen Sektionschefs Hugo Freiherrn v. Kutschera, der als erster Mitarbeiter Källays durch mehr als zwei Dezennien die hervorragende Kulturarbeit leistete, welche die früher verwahrlosten türkischen Provinzen Bosnien und Herzegowina auf jene Stufe westeuropäischer Zivilisation hob, die sie heute einnehmen und sie zum geordnetsten Lande der Balkanhalbinsel machen.


Schwer und anstrengend war diese Tätigkeit und nahm die volle Arbeitskraft in Anspruch und doch fand Kutschera noch Zeit, sich auch anderweitig zu betätigen und historische Studien zu betreiben, als deren Ergebnis er ein vollkommen fertiges Manuskript hinterließ, das in Druck zu legen ihm nicht mehr vergönnt war.

 

Als Sohn eines herzoglich modenesischen Beamten am i6. März 1847 in Wien geboren, wuchs er auch in dieser Stadt heran und erhielt den ersten öffentlichen Unterricht in der damahgen Normalschule zu Sankt Anna, von welcher er im Jahre 1856 an das k. k. akademische Gymnasium übertrat, in welchem er aber nur bis zum Jahre 1858 verblieb. In diesem Jahre hatte nämlich der Onkel des Herzogs Franz V. von Modena, Erzherzog Maximilian von Österreich-Este, in einem der Schlösser des Deutschen Ordens, dessen Großmeister er war, ein Knabenseminar errichtet und an sämtliche estensisch-modenesische Beamte die Einladung ergehen lassen, ihre im entsprechenden Alter stehenden Söhne diesem Institute anzuvertrauen. Es war das in Nordmähren gelegene Schloß Eulenberg, wo Hugo Kutschera seine Gymnasialstudien mit ausgezeichnetem Erfolge fortsetzte, doch nicht beenden konnte, da nach dem Tode des Hoch- und Deutschmeisters im Jahre i863 dieses Institut aufgelassen wurde.

 

Er trat nun in das Kalksburger Konvikt Immaculatae Virginis ein, wo er bis zur Ablegung der Maturitätsprüfung stets der Erste seiner Klasse war. Dieser vorzügliche Studienerfolg ermöglichte es, daß er im Jahre 1866 in die damalige k. k. orientalische Akademie in Wien aufgenommen wurde, um sich für die diplomatische Carriere auszubilden. In dieser eröffnete sich dem begabten jungen Manne ein weiter Horizont interessanter Studien und waren es besonders die orientalischen Sprachen, die sein ganzes Interesse fesselten. Bald lernte er das Persische und Türkische sowie die arabische Sprache nicht nur beherrschen, sondern auch durch eifrige Lektüre in den Geist und die Anschauungsweise der Orientalen einzudringen, was ihm dann im weiteren Verlauf seines Lebens sehr von Nutzen, man kann sagen, für ihn bestimmend war.


Nach vorzüglich abgelegter Schlußprüfungwurde er am 24. August 1871 zum k. k. Konsulareleven ernannt und am 20. September desselben Jahres dem Generalkonsulate in Ruschtschuk, das damals noch türkisch war, zugeteilt. Dort rückte er am 12. Jänner 1875 zum Vizekonsul vor und wurde am 20. April 1876 in dieser Eigenschaft dem Generalkonsulate in Konstantinopel zugeteilt.

 

Nun war er in der Residenz des Kalifen, wo das Leben fast der ganzen islamitischenWelt sich konzentriert, und konnte sich mit Eifer dem Studium dieser für den Abendländer so fremden und daher doppelt interessanten Völker widmen. Er wurde dadurch ein gewiegter Kenner der türkischen Sprache und des türkischen Wesens, so daß er schon am 12. Dezember 1876 dem Dragomanate der Botschaft zugeteilt und am 18. März 1877 zum Attache derselben ernannt wurde. Als solcher wurde er der Grenzbestimmungskommission für das durch den Berliner Kongreß geschaffene Ostrumelien zugeteilt, wo der vom Ministerium zum bevollmächtigten Minister ernannte gewesene Generalkonsul von Belgrad, Benjamin V. Källay, Gelegenheit hatte, seineTüchtigkeit und Verwendbarkeit sowohl sowie seine gründliche Kenntnis des orientalischen Volkscharakters kennen zu lernen.


Am 22. Juli 1879 erfolgte dann die Ernennung zum Dolmetsch der Botschaft und zum Legationssekretär, womit in der Regel ein langjähriger Aufenthalt in Konstantinopel verknüpft ist.


Durch den Berliner Kongreß hatte bekanntlich Österreich-Ungarn das Mandat erhalten, die beiden türkischen Provinzen Bosnien und die Herzegowina zu besetzen und zu verwalten; am 3i. Juli 1878 hatte der Einmarsch in diese Provinzen begonnen, die aber erst nach harten Kämpfen gegen die aufständische Bevölkerung ganz erobert werden konnten.


Die ersten Versuche, eine geordnete Verwaltung einzuführen und die gegen abendländische Kultur sich ablehnend verhaltende Bevölkerung zu beruhigen, scheinen nun anfangs nicht mit dem erforderlichen Takt unternommen worden zu sein, denn schon anfangs 1882 brach im südlichen Teile dieser Länder, geschürt durch ausländische Emissäre, ein neuer Aufstand aus, der mit Waffengewalt niedergeworfen werden mußte. Nachdem die Ruhe wieder hergestelltwar, handelte es sich nun darum, eine solche Verwaltung einzuführen, die einiges Verständnis für die Denkweise der Orientalen hätte und deren Vertrauen erringen könnte. Es wurde hiezu in erster Linie Benjamin V. Källay berufen, der sich mit einem Stabe von Beamten umgab, deren Kenntnis des Orientes und der orientalischen Verhältnisse ihm die Gewähr dafür zu bieten schien, daß weitere Mißgriffe vermieden würden. Unter diesen Mitarbeitern Källays befand sich auch Hugo Kutschera, dessen spezielle Aufgabe es nun war, die noch immer mißtrauischen Mohammedaner mit dem neuen Regime zu versöhnen.

 

Er wurde am 25. Juli 1882 zum Administrativdirektor der Landesregierung ernannt. Da er die türkischen Sitten und Gebräuche sehr gut kannte, daher nie, wie es früher manchmal vorgekommen sein mag, dagegen verstieß, außerdem die türkische Sprache besser beherrschte als irgendein Bosnier, ja selbst im Scheri besser bewandert war als die dortigen Theologen, so faßten die Mohammedaner bald Vertrauen zu ihm und folgten willig seiner Leitung.

 

Sie wurden im Laufe der Zeit die getreuesten Untertanen Sr. Maj. des Kaisers und Königs und wünschten sich, den Aufschwung, den das Land durch die Okkupation genommen, erkennend, keine Änderung der bestehenden Verhältnisse. Ging es auch nicht immer ohne alle Reibungen mit anderen Elementen in Bosnien ab, so fand er doch genügend anderweitige Anerkennung für seine ersprießliche Tätigkeit.

 

War ihm auch vor allem das Bewußtsein, seine Pflicht zu erfüllen und stets nach bester Überzeugung gehandelt zu haben, der schönste Lohn, so freute ihn das Vertrauen und das Ansehen, das er im ganzen Volke genoß. Strenge gegen sich selbst und milde und gerecht gegen andere, wußte er sein Ansehen im ganzen Lande zu befestigen. Aber auch äußere Ehren wurden ihm zuteil, indem er am 6. Mai 1886 in den Freiherrnstand erhoben wurde. Als Baron Nikolic, der bisherige Ziviladlatus, im Jahre 1887 von dieser Stelle zurücktrat, rückte Kutschera auf dessen Posten, dem höchsten der Zivilverwaltung, vor, womit sich sein Wirkungskreis erhebHch erweiterte. In dieser Eigenschaft wurde ihm auch am 1 1. Oktober 1890 die Würde eines Geheimen Rates verliehen. Im selben Jahre verehelichte er sich mit Josefine Lederer, welcher Ehe im Laufe der Zeit zwei Kinder entsprossen.


Als Minister v. Kallay am 13. Juli igoo starb, beabsichtigte Kutschera, nach so langer Tätigkeit sich in den Ruhestand zurückzuziehen, um ganz seiner Familie leben zu können. Doch da der neuernannte Minister mit den Verhältnissen Bosniens nicht so gut vertraut sein konnte und es wünschenswert erschien, das bisherige, so gut bewährte System der Verwaltung fortzusetzen, so wurde maßgebendenorts darauf hingewirkt, Kutschera weiter im Dienste zu erhalten, damit er als Ratgeber, wenigstens für die erste Zeit, sich nützlich erweise. Nur von seinem stark ausgeprägten Pflichtgefühle geleitet und die eigenen Wünsche in den Hintergrund drängend, nahm er 1903 die Stelle des I. Sektionschefs im gemeinsamen Finanzministerium an.

 

Die anstrengende Tätigkeit im Laufe seiner ganzen Dienstzeit hatte aber schon seine Gesundheit untergraben und hätte eine größere Schonung angezeigt erscheinen lassen, als das Verbleiben im Dienste zuließ. Traten auch die Symptome einer Erkrankung nur zögernd und langsam auf, so wurden sie doch im Laufe der Jahre immer stärker, und wenn er ihnen auch anfangs keine besondere Bedeutung beilegen wollte und glaubte, sich in der Erfüllung seiner Pflicht dadurch nicht abhalten lassen zu sollen, so zwang ihn doch Anfang 1909, nachdem im Vorjahre noch die Annexion der Okkupationsländer ausgesprochen worden war, sein Gesundheitszustand, um die Versetzung in den Ruhestand zu bitten. Diese Bitte wurde ihm auch unter Verleihung des Großkreuzes des Leopold-Ordens gewährt. Noch glaubte er, sich wieder erholen zu können, doch war es leider schon zu spät; die durch die intensive Tätigkeit seines ganzen Lebens überanstrengten Nerven konnten dem Organismus nicht mehr die zur Bekämpfung der Krankheit erforderliche Spannkraft und Widerstandskraft verleihen und so verfielen seine Kräfte immer mehr und mehr. Trotz Aufbietung aller Mittel, welche die ärztliche Kunst kennt, und der aufopferungsvollsten Pflege siechte er unter großen Schmerzen schnell dahinund verschied am 2. September 1909 an den Folgen der Arterienverkalkung.


Ein reiches, tätiges Leben, das ganz der Erfüllung der übernommenen Pflicht gewidmet war, hatte damit seinen Abschluß gefunden. Wie eingangs erwähnt, fand er seine Erholung in wissenschaftlichen Studien und ist das vorliegende Buch ein Ergebnis derselben. Schon als er in jungen Jahren nach dem Oriente kam, fiel ihm in Ruschtschuk der Unterschied zwischen den bei uns einheimischen Juden und den sogenannten Spaniolen auf und nahm er sich vor, der Frage nach der Ursache dieser Verschiedenheit näher zu treten.


In Konstantinopel sowohl wie auch in Sarajevo hatte er Gelegenheit, dieses Studium weiter zu verfolgen, und so beabsichtigte er, wenn er sich einmal zur Ruhe gesetzt haben werde, hiemit vor die Öffentlichkeit zu treten. Sein vorzeitiges Ableben verhinderte die Ausführung dieses Gedankens und so erachten es die Hinterbliebenen für einen Akt der Pietät, diese seine Absicht jetzt auszuführen.


DerVerfasser hätte gewiß diese Studie auf Grund des neuesten bezüglichen Materiales revidiert und umgearbeitet, aber auch in der jetzigen Form bietet dieselbe viel des Anregenden. Es mag manche, durch die neuesten Forschungen als veraltet angesehen werden, es wird auch in einzelnen Punkten divergierende Ansichten geben, aber der Fleiß des Forschers, der Kenner des Orients leuchtet aus dieser Studie glänzend hervor.


Hugo Kutschera hatte nie die Absicht, «unter die Gelehrten zu gehen». Er arbeitete für sich, zu seiner eigenen Belehrung, sintemalen er zu jenen gehörte, welche ihr Wissen stets zu erweitern suchten.


Man könnte diesen Mann, das Prototyp eines „homo integer scelerisque purus“, einen Fanatiker der Arbeit nennen, der mit stoischer Ruhe jede ihm übertragene Arbeit bewältigte. Er hätte auch dieses sich selbst gestellte Pensum mit gewohnter Gründhchkeit erledigt, doch dasKismet, sein Schicksal, hat es anders gewollt.


So geht das Büchlein ohne ihn in Freundeshände, als Andenken dessen, der nunmehr gewesen ist.

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