Hermann Benjes: WhAvSG – 7. Warum Wachstum?

7. Warum Wachstum ?

Wenn sich ein deutscher Bundeskanzler im Fernsehen zur Lage der Nation oder zur Wirtschaft äußert, fällt schon nach wenigen Sekunden das Wort Wachstum oder Wirtschaftswachstum. Und dann geht es Schlag auf Schlag: Wachstum, Wirtschaftswachstum, Wachstum usw. Ich wollte mal mitzählen, aber das hätte mir ja doch keiner geglaubt, also unterblieb es, und so wissen wir bis auf den heutigen Tag nicht genau, wie oft sich das Wort Wachstum in einer Rede des Bundeskanzlers unterbringen läßt.


Da auch die Interviewpartner des Kanzlers bei diesem magischen Wort jedesmal in Ehrfurcht versinken und ganz blanke Augen kriegen, sollte man davon ausgehen können, daß Wachstum eine feine Sache ist, besonders natürlich das Wirtschaftswachstum. Hätten wir nur genug davon, gäbe es kaum Probleme, ist die einhellige Meinung der „Experten„, und die Mehrheit der Bevölkerung scheint das auchzu glauben.


Gemeint ist ein ständiges Wachstum, das von keiner Stagnation unterbrochen wird. 1995 Wachstum, 1996 Wachstum, 1997 noch mal Wachstum und ab 1998 dann schießlich nur noch Wachstum. Also Wachstum auf Wachstum. Ein solches Wachstum, das wie beim Jesuspfennig durch den Verdoppelungseffekt die Umwelt zerstört, bevor es absurde Ausmaße angenommen hat, entzieht sich der menschlichen Vernunft und kann daher die instinktive Gefahrenabwehr, den Selbsterhaltungstrieb des Menschen, heimtückisch unterlaufen, vergleichbar mit einem tödlichen Virus, dem es gelingt, das menschliche Immunsystem zu überlisten.


Seit Donella und Dennis Meadows 1972 in ihrem Buch „Die Grenzen des Wachstums“ die Ahnungslosen mit diesem Schlagwort konfrontierten, haben Politiker nicht aufgehört, eben diese Grenzen zu verschweigen und zu ignorieren.


Haarsträubende Beispiele wie der Jesuspfennig oder die bekannte indische Geschichte mit dem Schachbrett und den Weizenkörnern haben eben den Nachteil, daß man schnell zu der beruhigenden Einsicht gelangt, es sei ja nur ein Gedankenspiel, das mit der Wirklichkeit wenig zu tun habe. Wer sich die Sache mit den Gefahren des Wachstums so einfach macht, sollte mit dem Bundeskanzler unverzüglich Brüderschaft trinken; der denkt nämlich auch so. Bevor der Jesuspfennig die nicht mehr vorstellbare Größe in Gold angenommen hat, zerstört er die Lebensgrundlagen der ganzen Menschheit, vergleichbar mit einem Krebsgeschwür, das ja nur deshalb nicht weiterwächst, weil es mit dem Tode des Patienten seinem eigenen Wachstum eine Grube gräbt. Eine weitere Gefahr liegt darin, daß der Mensch von Natur aus linear zu denken gewohnt ist und keinen Instinkt besitzt, der ihn vor den Gefahren exponentiellen Wachstums warnen könnte.


Immer schön der Reihe nach“. Wer kennt ihn nicht, diesen sympathischen, treudeutschen Spruch. Wir lernen in der Schule eins, zwei, drei, vier, fünf und können damit im Leben ja auch wirklich etwas anfangen. Was wir dagegen nicht lernen, ist, uns vor folgender Zahlenreihe in acht zu nehmen; sie beginnt übrigens genau so harmlos wie die erste Zahlenreihe: Eins, zwei, vier, acht, sechzehn, zweiunddreißig usw. Mit dieser nach hinten offenen Zahlenreihe haben es jene zu tun, die sich ein ständiges Wirtschaftswachstum mit gleichbleibenden Prozentsätzen wünschen, weil sie offenbar zu wenig Verstand haben, um sich die Konsequenzen ihrer perversen Wünsche vorzustellen.


Darum sollte man den unverbesserlichen Anhängern eines ständigen Wirtschaftswachstums mildernde Umstände einräumen, denn sie wissen offenbar nicht, was sie tun. Wer dagegen die respektable Meinung vertritt, der Bundeskanzler z.B. habe durchaus genug Verstand und wisse sehr wohl um die tödlichen Gefahren exponentiellen Wirtschaftswachstums, der kommt dann auch nicht umhin, ihn für einen gefährlichen Krisenverursacher zu halten, den man so schnell wie möglich aller seiner Ämter entheben sollte.


Hat nicht auch er einmal geschworen, „den Nutzen des Volkes zu mehren und Schaden von ihm abzuwenden“? Selten ist ein Schwur – trotz hingehaltener Bibel – leichtsinniger dahingeplappert worden.


Für den jetzigen Kanzler spricht allerdings, daß er schon einmal – im Parteispendenskandal – durch einen amtlich bestätigten Blackout davor bewahrt wurde, wie sein Spendenkollege Graf Lambsdorf, rechtskräftig verurteilt zu werden. Man sollte sich aber nicht zu lange damit aufhalten, darüber nachzudenken, ob er in schicksalhaften Wirtschaftsfragen diesen Blackoutbonus schützend vor sich herschieben darf, würde doch dies auf eine Narrenfreiheit hinauslaufen, die in letzter Konsequenz einem öffentlich geduldeten Staatsverbrechen gleichkäme.


Bevor wir zur Entlastung des Bundeskanzlers zu der Frage vorstoßen, weshalb er und seine Lobby eigentlich so scharf auf Wirtschaftswachstum sind, sei das Thema Wachstum noch mal von einer anderen Seite aus beleuchtet: Wer Kinder heranwachsen sieht, macht normalerweise eine freudige Erfahrung: Sie hören mit etwa 20 Jahren auf zu wachsen. Selbst wenn man sie mit Steaks und Kuchen regelrecht mästen würde, das Längenwachstum ist mit zwanzig beendet. Da nützen keine Pillen und auch keine Streckübungen; es ist aus und vorbei damit. Selbst der Kanzler wird mir in diesem Punkt zustimmen. Spezielle Gene sorgen dafür, daß uns drei bis vier Meter hohe Kinder erspart bleiben, für die es nur im Zirkus eine sinnvolle Verwendung geben würde. Auch Bäume hören irgendwann einmal auf, in die Höhe zu wachsen. Bäume – das ist bekannt – wachsen nicht in den Himmel.


Wachstum ist vielleicht das Wunderbarste an der ganzen Schöpfung. Darum verstehe ich einerseits auch den Kanzler, der ja einer betont christlichen Partei angehört, wenn er von diesem göttlichen Wachstum gar nicht genug kriegen kann. Wunderbarerweise sind dem Wachstum in der Natur jedoch Grenzen gesetzt, die wir alle kennen, die uns auch nicht stören, die wir ganz im Gegenteil begrüßen und erfolgreich zu nutzen wissen.


Zwar ist es denkbar, daß Genforschern Versuchsratten durch die Lappen gehen, die beim Wiedereinfangen die beachtliche Größe einer Wildsau erreicht haben, aber schön und wahrscheinlich ist diese Vorstellung nicht. Nur wenn eine Stadt durch ein Erdbeben oder ein ganzes Land durch den Krieg zerstört wurde, ist Wachstum vorübergehend wünschenswert und notwendig. Ganz ohne Zweifel war es angebracht, den Wiederaufbau Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg durch das berühmte Wirtschaftswunder, also durch Wachstum beschleunigt zu haben. Doch wie ein Baum, der mit 50 Metern das Längenwachstum einstellt und dann nur noch etwas in die Breite geht, hätte das Wirtschaftswachstum Mitte der sechzigerJahre einem „qualitativen Nullwachstum“ weichen müssen.


Statt dessen geriet die damalige Bundesregierung in Panik, erlebte die erste Wirtschaftskrise, versuchte, sich mit einer großen Koalition Luft zu verschaffen und spendierte sich das verrückte „Gesetz zur Förderung des Wachstums und der Stabilität der Wirtschaft“, auch Stabilitätsgesetz genannt. Was war geschehen? Eigentlich nichts Ernstes. Die Bundesbürger hatten sich an der Freßwelle überfressen, die Plüschsofa-bzw. Einrichtungswelle gerade noch geschafft und waren dann etwas müde geworden, hatten es zur Abwechslung mal etwas langsamer angehen lassen. Eigentlich eine sehr vernünftige Reaktion, wie sie beispielsweise auch nach einem allzu üppigen Essen ärztlicherseits empfohlen wird, um aus dem Rülpsen und Furzen möglichst bald wieder herauszukommen.


Die Leute hatten sich endlich mit dem Nötigsten versorgt und begannen sich darauf einzurichten, vor dem Fernsehapparat das Erreichte zu genießen. Industrie und Werbung erkannten damals, daß man von der Bedarfsdeckung ganz schnell zur Bedarfsweckung übergehen müsse, um ab sofort auch völlig überflüssige oder unsinnige und sogar schädliche Produkte verkaufen zu können.


Helmut Creutz hat diese Zusammenhänge wie kein anderer vor ihm erkannt und in seinem Buch „Das Geldsyndrom“ in eindrucksvoller Weise dargestellt. Was für ein Ramsch in den sechziger und siebziger Jahren mit Hilfe der Reklame – heute heißt es Werbung – tatsächlich verkauft werden konnte, ist heute noch an Sperrmülltagen auf dem Gehsteig zu bestaunen. Durch künstliche Bedarfsweckung – und das war neu – konnte also eine zweite Kaufrauschwelle ausgelöst werden, die aber schon bald an ihre Grenzen stieß, da den Konsumenten das nötige Kleingeld ausging und der Einkauf auf Pump noch nicht so gesellschaftsfähig war wie heute.


Die Industrie blieb also erneut auf einem Teil ihrer Waren sitzen und baute erstmalig nach dem Krieg Arbeitsplätze in größerem Umfang wieder ab. Vom bisherigen Wachstum verwöhnt und selbstverständlich davon ausgehend, daß dies immer so weitergehen würde, standen Industrie, Gewerkschaften und Regierung den 500.000 Arbeitslosen ziemlich ratlos gegenüber. Daß sich diese – heute niedlich anmutende – Zahl Mitte der neunziger Jahre fast verzehnfachen würde, ahnte damals noch keiner. Da es sich jetzt für das große Kapital plötzlich nicht mehr lohnte, in eine stagnierende Industrie zu investieren, wurden große Geldmengen auf den Kapitalmarkt geschwemmt, was natürlich die Zinsen nach unten drückte.


In einer derartigen Situation greifen Kapitalisten zum bewährten Mittel der Geldhortung, um durch Kapitalmangel die Wirtschaft zu zwingen, das Geld mit hohen Zinsgeschenken aus den Rattenlöchern der Spekulanten wieder hervorzulocken. Kommt die Wirtschaft dieser Erpressung der Kapitalisten nicht oder nicht schnell genug nach, gerät das Land an den Rand der Rezession, denn wie dem Leser schon mehrfach dargestellt, bringen schon kleinste Stokungen im Geldumlauf den Kreislauf der Wirtschaft in größte Gefahr.


Mit dem oben schon erwähnten Stabilitätsgesetz zur Ankurbelung des Wachstums wurde 1967 eine vom großen Kapital begeistert gefeierte Möglichkeit geschaffen, Milliardenbeträge gegen hohe Zinsen von den Tresoren der Zinserpresser ohne Risiko auf das Schuldenkonto des Staates zu lenken. In der Stunde der Not und zur Abwendung einer Katastrophe können Schulden durchaus sinnvoll sein, doch hier ging es zum ersten Male in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland um den perversen Plan, ohne Rücksicht auf natürliche Sättigungstendenzen für unaufhörliches Wachstum zu sorgen. Der Staat spielte sich zum Arbeitgeber auf, indem er das geliehene Geld der Reichen in Großprojekte fließen ließ und damit, wenn auch nur vorübergehend, neue Arbeitsplätze schuf Atomkraftwerke, Autobahnen, sinnlose Kanalbauten, Weltraumforschung und der Aufbau einer nach dem Kriege nicht für möglich gehaltenen Rüstungsindustrie konnten ohne Rücksicht auf das Gesetz von Angebot und Nachfrage mit gepumptem Geld aus dem Boden gestampft werden.


Da alle diese Projekte wenig oder keinen Gewinn abwarfen und außerdem mit gewaltigen Zinsforderungen der Kapitalgeber belastet waren, blieb dem Staat nur der Ausweg, diesen Zuschußbetrieb durch Steuererhöhungen zu finanzieren. An dieses „Wachstum“ hatten Arbeitnehmer und Gewerkschaften natürlich nicht gedacht, und so forderten diese als Ausgleich entsprechende Lohnerhöhungen, die nun ihrerseits die Arbeitgeber zwangen, die Preise zu erhöhen und/oder das Exportgeschäft gewaltig auszuweiten. Deutschland wurde Exportweltmeister aller Staaten dieser Erde; Jahr für Jahr konnten neue Rekorde aufgestellt werden – ohne Rücksicht auf Mensch und Natur; aber auch ohne Rücksicht auf jene Länder, die unsere Exportüberschüsse mit entsprechenden Importüberschüssen zu bezahlen hatten; d.h. wir verkauften auf Deubel komm raus, ohne diesen Ländern entsprechend viel von ihren eigenen Erzeugnissen abgekauft zu haben.


Von der Bevölkerung zunächst gar nicht bemerkt, unterließ es der Staat, in Zeiten der Hochkonjunktur die Schulden abzutragen, was in den ersten Jahren durchaus noch möglich gewesen wäre. Statt dessen beschränkte sich der Staat darauf, immer neue Schulden aufzunehmen (das Wort Neuverschuldung entstand) und den Kapitalgebern die Zinsen pünktlich und korrekt zu überweisen. In seinem Buch „Das Geldsyndrom“ stellt Helmut Creutz dazu fest:

  • „Garantierte Abnahmemengen bei garantierten Preisen und Gewinnen machten die Rüstungsproduktion zu einer Wachstumsbranche ersten Ranges. Für die Industrie wurde es viel einfacher und sicherer, ein Dutzend Politiker für einen neuen Panzer zu gewinnen, als Millionen Verbraucher für ein neues Produkt.“

Wenn also der Staat dazu übergeht, selbst in guten Zeiten Schulden aufzunehmen statt diese abzubauen, dann wird auch verständlich, daß die ungeheuerliche Absicht besteht, diese Schulden niemals wieder zu tilgen, weil es dafür inzwischen zu spät ist. Die verantwortlichen Politiker haben erkannt, daß die durch Schulden mitverursachte Wachstumsspirale nur noch in eine Richtung gedreht werden kann, und das bedeutet, daß zur Vermeidung des Staatsbankrotts ständig neue Schulden zu den bereits vorhandenen Schulden aufgenommen werden müssen.


Den Verantwortlichen ist bekannt, daß der unweigerlich bevorstehende Staatsbankrott für die Bevölkerung um so schlimmer sein wird, je länger er durch „Neuverschuldung“ hinausgezögert wird. Das ist wie beim Bergsteigen ohne Seilsicherung: Je höher man steigt, desto tiefer der Fall.


Noch einmal Helmut Creutz:

  • „Hinter vorgehaltener Hand wird einem häufig bestätigt, daß ein solches ständiges Wachstum natürlich nicht fortzusetzen sei. Aber heute – heißt es im gleichen Atemzug – könne man darauf noch nicht verzichten.“


Was sind das für Gründe, die fortgesetztes Wachstum und die damit einhergehende Verschuldung scheinbar erzwingen? Aus der Sicht der verantwortlichen Politiker und ihrer Berater ist Wachstum mit Wohlstand gleichzusetzen. Daß dieser Wachstumszwang aber in Wirklichkeit eine Zwillingsschwester des Vermögenswachstums (der Reichen!) durch Zinsen ist und den Lebensstandard von über 90% der Bevölkerung tödlich bedroht, wird uns verschwiegen. Vor Jahren hieß es, Wachstum sei die Voraussetzung dafür, daß wir der Dritten Welt beistehen können.


Heute wissen wir, daß die Entwicklungshilfe nicht einmal zum Bezahlen der Zinsen reicht, die unsere Kapitalexporte aus diesen armen Ländern herauspressen. Im Klartext: Die Entwicklungshilfe kommt dort gar nicht an, weil sie vorher mit den Zinsverpflichtungen dieser bedauernswerten Länder banktechnisch verrechnet wird! Als diese Masche nicht mehr zog, hieß es plötzlich: Wir brauchen Wachstum, um die durch das Wachstum angerichteten schweren Umweltschäden wieder beseitigen zu können.


Das ist ungefähr so, als würde man den Mörder, der das Opfer gerade niedergestochen hat, an Ort und Stelle feierlich zum Notarzt befördern. Kann es noch dümmer kommen? Da kam der frühere Bundesminister Volker Hauff der Sache schon etwas näher, als er zugab, daß sich das kapitalistische Wirtschaftssystem (gemeint war die Zinswirtschaft!) ständig ausweiten müsse, wenn es funktionieren solle.


Aber damit ist immer noch nicht gesagt, weshalb es denn – zum Donnerwetter noch mal – ständig wachsen muß! Es ist der Zins; das muß man sich mal vorstellen! Der unscheinbare, von Menschen erdachte und gemachte Zins tanzt der Wirtschaft auf der Nase herum und bricht ihr schließlich das Genick.


Die Unterschätzung dieser Gefahr beginnt bereits in der Schule, wo einflußreiche Kräfte seit über hundert Jahren dafür sorgen, daß der Lehrer die Kinder nur den Zinsgenuß berechnen läßt, nicht jedoch die verheerende Wirkung der Zinslast.


Nun aber endgültig: Warum ist Wachstum im kapitalistischen System unvermeidbar und in diesem unmenschlichen System sogar notwendig? Wer einen Kredit zurückzahlt, muß bekanntlich zusätzlich zur Kreditsumme Zinsen bezahlen, das dürfte klar sein.


Dadurch verringert sich das Einkommen des Schuldners, da er um den Betrag ämer geworden ist, um den er den Kreditgeber reicher machte. Auch das dürfte unstrittig sein. Unter diesen Bedingungen findet aber noch kein Wachstum statt, denn dem Minus des Schuldners steht ein gleichhohes Plus des Kreditgebers gegenüber.


Um aber dieser schmerzhaften Ausplünderung durch den Zinsnehmer zu entgehen, sind Privatleute, Unternehmer aber auch der Staat, Städte und Gemeinden gezwungen, ihre Leistungen wenigstens so zu steigern, daß der Zins damit bezahlt werden kann. Helmut Creutz bringt diese fundamentale Ursache des Wachstums auf den Punkt:

  • „Entweder führt der Zins zur Verarmung der Werteschaffenden, oder er zwingt zu höherer Leistung.“

Erzwungene Leistungssteigerung ist also der Motor des umweltverschlingenden Wachstumszwangs. Gäbe es genügend Geld, das sich auch ohne Zinsen freiwillig und bereitwillig zur Verfügung stellt und nicht mehr in der Lage wäre, zu streiken, entfiele der Wachstumszwang und wir würden nicht länger vor die grauenhafte Alternative gestellt, entweder die Umwelt oder die Wirtschaft zu ruinieren.


Wie uns der Jesuspfennig gezeigt hat, bringt sich der Mensch an den Rand einer Katastrophe, wenn er einer unaufhörlichen Vermehrung des Kapitals durch den tödlichen Zinseszinseffekt tatenlos zusieht.


Und genau das geschieht in unserer so hochgelobten kapitalistischen Demokratie! Um die exponentiell anschwellenden Einkommen der Kapitaleigner wieder in den Geldkreislauf zu locken (sie reißen hier ein Loch, das gestopft werden muß!), sind Staat und Gesellschaft gezwungen, den geforderten Zins zu zahlen, andernfalls würde die Wirtschaft durch besagte Hortungsschäden in eine schwere Wirtschaftskrise gerissen. Andererseits haben viele Häuslebauer und Unternehmer keine Lust mehr, sich dieser Zinserpressung zu beugen.


Der eine verzichtet dann lieber auf das Eigenheim, der andere auf die Modernisierung seines Betriebes und riskiert damit, den Anschluß an die Konkurrenz zu verlieren. Da die Einkommen der Superreichen viel schneller wachsen als das Bruttosozialprodukt, kann der Markt das überschäumende Geld schon gar nicht mehr aufnehmen. Sicher, zu einem günstigen Preis (Zins) wäre das Geld der Reichen spielend unterzubringen, denn überall fehlt es ja am Geld. Aber von den Zinslasten anschließend erdrosselt zu werden, das schreckt ab, und so bleiben die Krisengewinnler erstmal – sollte man meinen – auf ihrem Geld sitzen.


Das ist jedoch ein Irrtum, denn der Staat wird vom großen Kapital vor die Wahl gestellt, entweder das angebotene Geld stellvertretend für die Wirtschaft anzunehmen (und sich damit zu verschulden!) oder das Opfer einer durch Hortung verursachten Rezession zu werden. Das die Deutsche Bundesbank Hortungsschäden durch vermehrtes Gelddrucken vermeiden bzw. gerade noch rechtzeitig ausgleichen kann, ist ein frommer Wunsch, denn diese Behörde ist noch nicht einmal in der Lage, das Horten von größeren Geldbeträgen rechtzeitig zu erkennen. Darum läuft die Bundesbank der eigenen Geldmengenprognose voraus (vorsichtshalber) und der tatsächlichen Situation hinterher.


Gegenüber dem großen Kapital verhält sich der Staat wie ein eingeschüchtertes Kind, das von einem Triebtäter sexuell bedrängt wird. Es müßte eigentlich laut schreien, tut es aber nicht, weil der Verbrecher damit droht: „Dann bringe ich dich um!“ Wie lange kann so etwas „gutgehen„? So lange der Staat in der Lage ist, für die ihm aufgedrängten Milliarden Löcher zu finden, die man übrigens auch Geldgräber nennt. Geldgräber sind Projekte, die so viel Geld vom Kapitalmarkt nehmen, daß Geld immer knapp bleibt und der Zins dadurch nie unter 5% sinkt! Das begann einmal „ganz harmlos“ mit dem Bau von Atomkraftwerken. Viele werden sich noch daran erinnern, daß eigentlich jedes Jahr mindestens ein Atomkraftwerk ans Netz gehen sollte; dreißig bis vierzig zusätzliche Atomkraftwerke standen auf der Wunschliste aller Bundesregierungen, damit uns die Lichter nicht ausgehen. Wir verdanken der Anti-AKW-Bewegung – und nur ihr, daß dieser perverse Wunschtraum des großen Kapitals nicht in Erfüllung gegangen ist.


Neue Geldgräber waren aber schnell gefunden: Wackersdorf, Rhein-Main-Donau-Kanal, Autobahnen, Magnetschwebebahnen usw. Nur mit der bemannten Raumfahrt, einem besonders schönen Geldgrab, hat es bisher noch nicht so richtig geklappt, aber vom Tisch ist dieser Sarg noch nicht.


Ideale Geldgräber sind in der Rüstungsindustrie zu finden, denn die Bundeswehr ersetzt laufend völlig einwandfreie Waffensysteme und Gerätschaften, weil sie angeblich immer auf dem neuesten Stand sein muß, in Wirklichkeit aber durch das frisch nachdrängende Geld in Zugzwang gerät. Geradezu phantastisch als Geldgrab geeignet – und darum seit Jahrhunderten in einschlägigen Kreisen so beliebt – sind Kriege einschließlich der in letzter Zeit immer interessanter werdenden „Kriegsfolgenbeseitigung„.


Gäbe es keine Kriege oder wenigstens Spannungsgebiete, man müßte sie erfinden, denn Erdbeben treten aus der Sicht des großen Kapitals einfach zu selten auf und lassen bei der Schadensbilanz oft doch sehr zu wünschen übrig. So lag das Epizentrum eines Erdbebens erst kürzlich wieder 80 km vor der Küste im Meer, das muß man sich mal vorstellen. Kriege sind da ergiebiger; und wie nett es dabei zugehen kann, belegt eine Episode aus dem Golfkrieg:

  • Aus London noch in letzter Minute eingeflogene Industrievertreter machten den Kuweitis damals klar, daß englische Firmen (und nicht nur amerikanische) bevorzugt am Wiederaufbau der kuweitischen Ölraffinerien beteiligt werden müßten, man setze schließlich auch das Leben englischer Piloten für Kuweit aufs Spiel. „Aber sicher , soll der kuweitische Verhandlungsführer gebremst haben,nur laßt sie (die Iraker!) doch erst einmal die Raffinerien zerstören.“ Zum Glück wurden die Raffinerien in den folgenden Tagen dann auch tatsächlich zerstört (von welcher Seite ist in diesem Zusammenhang völlig egal), andernfalls hätten die gutgekleideten Herren aus London unverrichteter Dinge wieder nach Hause fliegen müssen.

Wachstum muß sein?

Kinder, Hühner, die Wirtschaft und Bäume müssen wachsen. Aber plötzlich ein Stillstand, alle haben irgendwann einmal ihren höchsten Punkt erreicht. Kirchturmhohe Hühner, die uns die Kinder in der großen Pause wie Körner vom Schulhof wegpicken, bleiben uns erspart. Gott sei Dank!


Nur die Wirtschaft soll angeblich immer weiterwachsen können. Bis zu den Wolken, dann bis zum Mond. Und das funktioniert?


Nein; aber so lange die Bevölkerung dumm genug ist, an diesen perversen Unsinn zu glauben, können Wachstumsfanatiker in der Politik ihre Wahlchancen wachsen lassen: Je dümmer desto schlümmer!

 

 

 
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