6. Wie das Freigeld beurteilt wird: Der Schuldner

Man müßte schon der Familie der Dickhäuter entstammen, wenn man ich nicht beleidigt fühlen sollte durch die Schimpfnamen, womit wir Agrarier (*)

im Reichstage, in den Zeitungen und im gewöhnlichen Leben betitelt wurden: Brotwucherer, Spitzbuben, Bettler.

 

(*) Agrarier = der verschuldete Grundbesitzer, der sich der Schulden auf gesetzlichem Wege entledigen will!)

 

Daß die Arbeiter über uns herfielen, weil wir ihnen das Brot verteuerten, läßt sich begreifen. Ihnen gegenüber spiellen wir die Rolle der Angreifer; sie hatten und nichts getan, was unseren Angriff auf ihre an sich schon magere Kasse rechtfertigte. Daß aber auch die anderen Parteien, die uns durch so manches Gesetz schwer geschädigt hatten, um sich selbst zu bereicher, in das Lied der Arbeiter einstimmten, das finde ich einfach lächerlich. Das beweist, daß diese Parteien überhaupt noch nicht wissen, was Politik ist. Politik ist Macht und wer die Macht hat, macht die Politik und beutet sie aus zu seinen Gunsten. Früher hatten die liberalen Parteien die Macht und beuteten sie aus; jetzt ist die Reihe an uns. Also wozu die Schimpfnamen; sie fallen ja auf alle zurück, die jemals die Macht gehabt haben und die sie in Zukunft haben werden.


Dabei waren die Liberalen entschieden die Angreifer in diesem Streite. Sie griffen und mit der Goldwährung an; wir suchten die Doppelwährung wieder herzustellen, um und zu verteidigen. Als uns das nicht gelang, nahmen wir Zuflucht zu den Zöllen. Warum halte man uns die Doppelwährung genommen, auf die unsere Grundschuldurkunden lauteten; warum zwang man uns, mehr zurückzuzahlen, als wir erhalten hatten? Warum fälschte man Sinn und Inhalt unserer Schuldurkunden, indem man uns die Wahl zwischen Gold und Silber nahm? Darum nahm man uns zugunsten unserer Gläubiger die Möglichkeit unsere Schulden mit dem billigeren von zwei Metallen zu bezahlen? Ob ich nach freier Wahl meine Schuld mit 1000 Kilo Kartoffeln oder mit 100 Kilo Baumwolle zahlen kann, oder ob ich dagegen nur mit Kartoffeln zahlen muß, ist doch durchaus nicht gleichgültig. Ohne irgendeine Entschädigung hatte man

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uns die Gewinnmöglichkeiten dieser Vertragsbestimmung genommen. Nach freier Wahl hätte ich sonst mit 160 Pfd. Silber oder mit 10 Pfund Gold bezahlen können, und mit dem billigsten der beiden Stoffe hätte ich natürlich bezahlt, die man mir auch mit dem damals billigsten der beiden Stoffe das Darlehn auszahlte. Wieviel diese Gewinnmöglichkeiten bedeuteten, das sahen wir nachher am Preisstand des Silbers im Vergleich zum Gold. Um 50 % war das Gold im Vergleich zum Silber teurer geworden: statt 100000 Mark betrugen meine Schulden 200000 Mark — nicht nach dem Nennwerk, sondern, was viel schlimmer st, der Wirkung nach. Doppelt soviel meiner Erzeugnisse mußte ich jährlich aufbringen für die Verzinsung meiner Schuld. Statt 50 Tonnen Weizen mußte ich der Darlehnsbank jährlich 100 Tonnen fronen. Wären wir bei der Silberwährung geblieben, so hätte ich die 30 Tonnen, die ich an Zins mehr zahlen mußte, für die Schuldentilgung verwenden können, und ich wäre jetzt Schuldenfrei.


Ist nun eine solche Behandlung der Schuldner, die die Liberalen guthießen, kein unerhörter Betrug?


Wenn nicht alle Schuldner wie ein Mann sich dagegen verwahrten, wenn wenn der Widerspruch auf die Agrarier und sonstigen Pfandschuldner beschränkt blieb, so ist das damit zu erklären, daß die meisten anderen Schuldner, die Gelder ohne Sachdeckung aufgenommen hatten, in dem bald nach Einführung der Goldwährung eingetretenen großen Krach durch Zahlungseinstellung sich ihrer Schulden entledigten und darum an der Sache nicht mehr beteiligt waren.


Als wir dann, unter Berufung auf den Umstand, daß der Weizenpreis unter der Goldwährung von M. 265 auf M. 140 heruntergegangen war, die Wiedereinführung der Silberwährung forderten, weil wir für unsere Pfandbrief ja Silber und kein Gold erhalten hatten, da lachte man uns aus und sagte dir verstünden nichts von der Währung, von den Bedürfnissen des Handels. Die Goldwährung hätte sich vortrefflich bewährt (Beweis: der große Krach und der Rückgang der Preise!) und man dürfe nachträglich nichts mehr daran ändern, sonst wäre Gefahr, daß das ganze Wirtschaftsgebäude einstürzen könnte und daß die Eigentumsbegriffe gänzlich verwilderten. Wenn es und wirtschaftlich schlecht ginge, trotz den Segnungen der Goldwährung, so läge das an
unserer rückständigen Betriebsweise; wir sollten die neuen Maschinen versuchen, mit Kunstdünger arbeiten, Handelsgewächse bauen, um so mit geringeren Kosten mehr Erträge zu gewinnen und trotz niedrigerer Preise bestehen zu können. Wir wären im Irrtum; der, „Wert“ des Goldes wäre fest, nur der, „Wert“ der Waren wäre gefallen infolge verminderter Erzeugungskosten: Denn das Gold habe einen, festen, inneren Wert und alle Preisschwankungen kämen von den Waren her!


Wir suchten die guten Ratschläge auszuführen und mit geringeren Erzeugungskosten zu arbeiten. Auch der Staat half uns mit billigen Bahnfrachten und niedrigen Bahnpreisen für die polnischen Arbeiter. Und wir erzielten auch tatsächlich mit gleicher Arbeit größere Ernten. Aber was half das, wenn mit den größeren Ernten die Preise fielen, von M. 265 auf M. 140, wenn wir für die größeren Ernten weniger Geld lösten? Geld brauchten wir, Geld forderten unsere Gläubiger; keine Kartoffeln und Zückerrüben! Sie bestanden auf ihrem, gesetzlich zu ihren Gunsten gefälschtem Schein und forderten Gold!

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Geld, mehr Geld, billiges Geld, dazu hätte uns die Silberwährung verholfen, aber da man uns diese versagte, so suchten wir nach anderen Mitteln, um aus unseren Erzeugnissen mehr Geld herauszuschlagen. Und so vervielen wir auf die Zölle.


Hätte man uns die Silberwährung gelassen, so wären die Zölle nicht nötig gewesen, und die ganze Verantwortung für die Zölle wälzen wir darum von uns auf die, die uns Brotwucherer, Bettler, Diebe nannten; auf die, die uns mit der Goldwährung bestohlen haben.


Diese ganze häßliche und schmutzige Geschichte, die soviel böses Blut gemacht und so volksverhetzend gewirkt hat, wäre vermieden worden, wenn man sich die Mühe gegeben hätte, bei der Münzneuerung den Begriff Taler oder Mark gesetzlich festzulegen, wenn man die Fälle aufgezeichnet hätte, die den Staat zur Entmünzung des Silbers oder Goldes berechtigen sollten.


Bei der gewaltigen Bedeutung der Sache war es leichtsinnig, liederlich von beiden Seiten, so blindlings den Taler und nachher die Mark als Grundlage ihrer Geschäfte zu benutzen und die Beantwortung der Frage: „Was ist eine Mark d. R.W. ?“ zu einer politischen Frage, zu einer Machtfrage zu machen. Doch jetzt weiß ich mich sicher; das Reichswährungsamt wacht, und das Freigeld ermöglicht es ihm, den Gegensatz zwischen Gläubiger und Schuldner gerecht auszugleichen.

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