6. Wie das Freigeld beurteilt wird: Im Versicherungsamt gegen Arbeitslosigkeit

Seit Einführung des Freigeldes hat die Anmeldung von Arbeitslosen auf einmal aufgehört, und ich und meine Beamten sind überflüssig geworden. Das Geld selbst sucht jetzt die Ware auf, und Ware ist Arbeit. Wer Freigeld hat, sucht es jetzt unter allen Umständen unterzubringen, sei es durch Kauf von Waren, durch neue Unternehmungen oder durch das Verleihen an andere, die es persönlich gebrauchen können. Und zwar (und hierin liegt der Unterschied gegen früher) geschieht dies unter allen Umständen, ohne irgendwelche Rücksicht auf persönliche oder politische Verhältnisse; ja selbst der Rückgang im Zinsfuß, der völlige Wegfall des Zinses und des Gewinnes kann das Angebot des Freigeldes nicht verhindern. Selbst den Fall angenommen, daß die kaufnännische Anschaffung von Waren einen Verlust statt Gewinn brächte, könnte dies das Angebot des Freigeldes nicht verhindern. Es verhält sich mit dem Freigeld jetzt genau wie mit den Waren im allgemeinen; auch diese werden angeboten, selbst wenn der Verkauf Verlust bringt.


Wer in den Besitz von Freigeld gelangt ist, muß es wieder in Umlauf setzen, einerlei, was dabei herauskommt, ob Gewinn, ob Verlust. Das Freigeld befiehlt, es duldet kein Gefängnis, es zerbricht die Ketten. Den Spekulanten, den Bankmann, der das Geld zum Zwecke des Angriffs oder auch nur zur eigenen Verteidigung am Umlauf verhindern will, schlägt es nieder. Mit der Kraft des Sprengstoffes zertrümmert es die Geldkasten, die Gewölbe der Banken, wie auch den Koffer des Stallknechts, um die Freiheit zu erlangen und sich auf den Markt zu stürzen. Daher der Name „Freigeld“ Wer Ware verkauft und Freigeld dafür eingelöst hat, muß dieses Geld wieder in Waren umsetzen. Und Warenumsatz heißt Warenabsatz, und wo Waren abgesetzt werden, da ist Arbeit.

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Das Freigeld ist jetzt verkörperte Nachfrage, und Nachfrage ist Absatz, Absatz aber ist Arbeit. Die Geldreform hat uns also eine selbsttätig wirkende Arbeitsversicherung gebracht. keine behördliche, vom Unternehmertum gespeiste Arbeitsversicherung, sondern die Versicherung, die der Arbeitsteilung von Natur aus anhaftet, weil ja die Arbeit Waren erzeugt und die Waren nur danach streben, sich gegenseitig auszutauschen. Durch das dazwischentreten des Goldes war der Tausch zwei fremden Gewalten, dem Zins und der Gewinnsucht, abgabepflichtig geworden, Eindringlingen, die den Tausch der Produkte störten. Zins und Abgabe waren die selbstverständliche Voraussetzung des Tausches der Waren und der Arbeit; konnte beim Tausch kein Zins oder Gewinn herausgeschlagen werden, so stockte der Warenaustausch, weil das Gold die Vermittlung versagte.


Jetzt, mit dem Freigeld, kann von solchen Bedingungen überhaupt keine Rede sein. Wie ein hungriger Löwe umgeht, suchend, wen er verschlinge, so stürzt sich das Freigeld rücksichtslos auf die Ware, und Ware ist Arbeit. Denn ob ich Ware kaufe oder einen Arbeiter unmittelbar beschäftige, bleibt sich gleich. Der Kaufmann, dem ich die Ware abkaufte, wird sein Lager zu ergänzen und sich seines Geldes zu entledigen suchen, indem er dem Unternehmer neue Waren bestellt.


Eine lächerlich einfache Arbeitsversicherung, ein lächerlich einfacher Arbeitsnachweis. Jede Mark, die der Staat in Umlauf seht, ersetzt ein Arbeitsgesuch; je 1000 solcher Zettel ersehen ein Arbeitsamt. Wer Ware verkauft und Geld dafür einlöst, kauft selbst oder durch den, dem er das Geld leiht, sofort wieder Ware, so daß also jeder so viel Ware kauft, wie er verkauft, und jeder so viel Ware verkauft, wie er kauft. Es kann also überhaupt kein Überschuß verbleiben. So viel Waren erzeugt werden, so viel werden auch verkauft. Wie soll da noch Absatzstockung, Übererzeugung und Arbeitslosigkeit möglich sein? Alle diese Erscheinungen können doch nur da beobachtet werden, wo man zeitweise oder allgemein und regelmäßig weniger Ware kauft als man selbst erzeugt.

Es versteht sich wohl von selbst, das Freigeld dem einzelnen Unternehmer den Absatz der Erzeugnisse nicht gewährleisten kann, sondern nur der Allgemeinheit. Erzeugt jemand schlechte Waren, fordert er zu hohe Preise, arbeitet er darauf los, ohne die Marktbedürfnisse zu befragen, so wird ihm auch das Freigeld die Waren nicht absetzen können. Das Wort „unbegrenzter Absatz„, das hier wiederholt gebraucht wird, gilt für die Gesamtheit; weder Zinsforderungen noch wechselnde Aussichten werden nach Einführung des Freigeldes dem Absatz noch im Wege stehen können. Jeder wird sofort und genau so viel kaufen müssen, wie er selbst verkauft hat, und wenn jeder das tun muß, so kann kein Überschuß bleiben. Hat jemand für sich keinen Warenbebarf, so hört er auf zu arbeiten, oder er verleiht den Geldüberschuß an andere, die mehr Waren kaufen müssen, als sie selbst augenblicklich zu verkaufen haben. Ist der Wettbewerb in einer Ware (Zuckerrüben, Eisen. Tanzunterricht usw.) zu groß, so gehen die Preise dafür herunter. Lohnt sich die Erzeugung zu den herabgesetzzten Preisen nicht, so wird jeder wissen, was er zu tun hat.

Wie war es früher? Der Kaufmann mußte für sein Geld Zins zahlen und machte also den Kauf von Waren abhängig von einem Zinsertrag. War es nach Lage der Verhältnisse nicht möglich, den Zins auf den Verkaufspreis der Waren zu schlagen, so ließ er die Erzeugnisse der Arbeiter unberührt, und

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diese feierten dann wegen Mangels an Absatz. Kein Zins — kein Geld; kein Geld — kein Austausch der Waren; kein Tausch — keine Arbeit.


Zins war die selbstverständliche Voraussetzung des Geldumlaufes, von dem wiederum die Arbeit abhängig war. Sogar die Reichsbank hätte ohne Zins kein Geld ausgegeben, selbst dann nicht, wenn allgemein anerkannt worden wäre, daß Geld auf dem Markte fehlte, — obschon sie satzungsgemäß ihre Hauptaufgabe darin zu erblicken hatte, den Geldumlauf den Verkehrsbedürfnissen anzupassen. Auch bei der Reichsbank wurden selbstverständlich die Verkehrsbedärfnisse erst dann berücksichtigt, wenn zuvor die Zinsbedürfnisse des Geldes befriedigt waren. (Ich mache der Reichsbankverwaltung daraus keinen Vorwurf; kein Gott hätte mit ihren stümperhaft zugestutzten Vollmachten Vernünftiges schaffen können.)


Heute stellt der Geldumlauf überhaupt keine Bedingungen mehr. Geld = Absatz, —einerlei, was dabei herauskommt. Geld = Warenabsaß = Arbeit = Geld. Der Kreislauf ist unter allen Umständen ein geschlossener.


Der Kaufmann hatte natürlich den Gewinn im Sinne, d. h. der Verkaufspreis mußte den Einstandspreis übersteigen. Das war die natürliche, selbstverständliche, übrigens vollberechtigte Voraussetzung jeder kaufmännischen Betätigung. Dabei war der bezahlte oder gestundete Einstandspreis in jedem Falle eine bekannte, unabänderliche Größe (ausgenommen bei auftragsweise zu besorgenden Verkäufen), während für den Verkaufspreis nur Aussichten, Möglichkeiten, Hoffnungen, kurz, Wahrscheinlichkeits-Rechnungen vorlagen. Der Verkaufspreis war immer ein Glücksspiel, der ganze Handel eine Spielbank wie Montecarlo. Denn zwischen Kauf und Verkauf liegt Zeit, während deren sich manches auf dem Markte ändern konnte.


Der Kaufmann bedachte vor jedem Kauf die Marktverhältnisse, die Aussichten, die Politik im Innern, die Politik im Ausland. Glaubte er, daß andere dasselbe glaubten, was er glaubte, nämlich, daß höhere Preise in Aussicht ständen, so beeilte er sich, zu kaufen, um mit möglichst großen Lagervorräten an der erwarteten Preissteigerung beteiligt zu sein. Hatte er sich nicht geirrt, hatte er viele Glaubensgenossen, und kauften darum viele, so mußte schon ganz allein darum und ohne jeden anderen Grund das eintreten, was sie von Gott weiß welchen Umständen erwarteten, nämlich eine allgemeine Preissteigerung. Denn das ist doch klar, wenn jeder an kommende höhere Preise glaubt, so kauft jeder, der einen Geldvorrat besitzt, und wenn alle Geldvorrtäte auf Käufen verwendet werden, so müssen die Preise steigen.


In diesem Falle hat man den unmittelbaren Beweis, daß der Glaube an und für sich schon selig macht.


Umgekehrt natürlich verhält es sich beim „Glauben“ an einen Preissturz. Wenn Müller glaubte, daß die Kaufmannschaft allgemein an kommende niedrigere Preise glaube, so suchte er sich seiner Warenbestände zu entledigen, dem er einerseits den Verkauf zu erzwingen suchte, nötigenfalls durch Preisermäßigung (!), anderseits, indem er nichts bestellte und seine Aufträge auf günstigere Zeiten verlegte. Aber so wie er handelten auch wieder seine, Glaubensgenossen, und darum, darum ganz allein traf das ein, was sie befürchteten. Ihr Glaube hatte sie betört. Denn unter der Goldwährung geschah immer alles, was man glaubte. Der Glaube regierte unbeschränkt. Der Glaube an kom-

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mende hohe oder niedrige Preise genügte vollständig zu seiner sächlichen Begründung!


Vom Glauben, von der Stimmung, vom Wetter hing es ab, ob Geld angeboten wurde oder nicht, ob die Arbeiter feiern mußten oder ob sie mit Nachtarbeit und Überstunden arbeiten durften. Vom Glauben! Das Angebot der gesamten Geldrücklagen hing vom Glauben ab!


Jetzt, mit dem Freigeld, ist das ganz anders geworden. Das Geld fragt den Besitzer nicht nach seinem Glaubensbekenntnis, nicht nach seiner Stimmung. Das Geld befiehlt einfach, es erteilt die Bestellung selbstherrlich.


Aber gerade darum, weil der Glaube aus dem Handel ausgemerzt wurde, weil Glaube, Hoffnung und Liebe zum Gewinn ganz ohne Einfluß auf den Geldumlauf bleiben, bleibt auch die Nachfrage auf dem Markte stets sich selber gleich und erweisen sich alle kaufmännischen Hoffnungen und Befürchtungen als persönliche Vergnügungen ohne irgendwelcher Einfluß.


Die Nachfrage nach Ware und die Arbeit gehen nicht mehr neben dem Gelde als Willenssache einher, sie sind der Botmäßigkeit der Geldbesitzer nicht mehr unterstellt, sondern das Geld ist die Nachfrage selbst.


Es war früher selbstverständlich und natürlich, daß jeder Arbeiter auf „die Suche nach Geld“ d. h. nach Arbeit ging. Nur ausnahmeweise ging das Geld auf die Suche nach Arbeit. Das Geld ließ die Ware, die Arbeit an sich herankommen. Niemand stieß sich daran, niemand verwahrte sich gegen diese Verletzung der Gesetze der Gleichberechtigung. Jeder gab sich mit diesem Vorrecht des Geldes zufrieden, — wahrscheinlich weil man glaubte, daß dieses Vorrecht mit dem Geldwesen untrennbar verbunden sei. Während der Arbeiter und der Besitzer von Waren durch jeden Aufschub des Verkaufes schweren Schaden erlitten, der mit jedem Tage wuchs, heckte das Geld dem Käufer Zinsen. Also war es natürlich, ganz richtig und selbstverständlich, daß, wenn die Käufer säumten, die Verkäufer sich aufmachten, um die Käufer persönlich zum Kauf zu veranlassen!


Heute ist auch diese Anschauung nicht mehr selbswerständlich. Denn dem Geldbesitzer brennt das Geld in der Tasche ebenso sehr, wie den Arbeiter die Vergänglichkeit seiner Arbeitskraft (die sich nicht aufstapeln läßt) daran mahnt, diese möglichst bald an den Mann zu bringen. Der Geldbesitzer wartet also nicht mehr so ruhig ab, daß ihn der Warenbesitzer (Arbeiter) aussucht. Er sieht sich um, steht früher auf, geht der Ware auf halbem Wege entgegen.


Und wenn sich zwei gegenseitig suchen, so treffen sie sich eher und sicherer, als wenn nur der eine sucht. Es stände schlecht um die ganze Tierwell, wenn sich die Weibchen vor den Männchen zu verbergen suchten; wie würde der Unke im Teiche die Unke finden, wenn diese nicht auf seinen Ruf aus dem Schlamme
ervorkröche?


Dabei hatte aber früher der Besitzer des Geldes Vorteil davon, sich vor dem Besitzer der Ware zu verbergen, denn durch langes Suchen wurde dieser noch mürber. Mit dem Schlafrock und in Hausschuhen, um sich den Anschein zu geben, daß ihn der Arbeiter oder Warenverkäufer im Schlafe gestört, daß er selbst gar keine Eile habe, so trat der Käufer dem Verkäufer entgegen.


Also das Geld sucht jetzt die Ware unter allen Umständen. Das Geld ist plötzlich hungrig geworden. Die Entfettungskur hat das Geld flink gemacht, seinen

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Spürsinn geschärft. Es läuft zwar den Waren nicht nach, denn die Ware verkriecht sich nicht, sie kann sich nicht verbergen; beide treffen sich aber auf halbem Wege.


Sucht die Ware das Geld, so sucht jetzt auch das Geld die Ware. Und findet das Geld keine Ware, so wartet es nicht gemächlich ab, bis der Zufall ihm das Gewünschte in den Weg wirft, sondern es geht den Spuren der Ware nach bis zur Quelle, und das ist die Arbeit.


Und so hat das Freigeld an Stelle der behördlichen eine selbsttätig wirkende Arbeitslosenversicherung gesetzt. Das Freigeld wurde zum sebsttätigen Arbeitsnachweis; ich und meine 76000 Beamten wurden arbeitslos aufs Pflaster geworfen. Welche Tücke des Schicksals: die Beamten des  Arbeitslosenbersicherungsamtes sind nunmehr die einzigen Arbeitslosen im Reiche!

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