Zurück im Hinterhof: Wie die USA gerade die Monroe-Doktrin neu entdecken
Donald Trump hat mit dem Coup von Caracas Erstaunen und Empörung ausgelöst. Doch nüchtern betrachtet schreibt er damit nur die lange Geschichte der gewaltsamen Einmischung in Lateinamerika fort.

Der «verrückte Cowboy» als Vorreiter: Donald Trump vor einem Gemälde von Theodore Roosevelt.
Wäre es nicht so ernst, könnte man darüber lachen. Aus einem Scherz eines rechten Revolverblatts ist innert eines Jahres die Strategie des mächtigsten Mannes der Welt geworden. Am 8. Januar 2025 zeigte die «New York Post» auf ihrer Frontseite eine Bildmontage von Donald Trump, grinsend und mit Zeigestock vor einer Landkarte der beiden Amerika. Grönland heisst «Our Land», der Panamakanal «Pana-Maga-Kanal», Kanada schlicht «51. Staat». Der Titel lautete: «Die Donroe-Doktrin – Trumps Vision für die Hemisphäre». Es ist eine Wortkreation aus Donald und der legendären Monroe-Doktrin, ein Kalauer, der nun spätestens vergangenes Wochenende in die Geschichte eingegangen ist.
Nachdem amerikanische Spezialkräfte in einer Kommandoaktion den venezolanischen Diktator Maduro gekidnappt hatten, trat Präsident Trump in seinem Privatanwesen Mar-a-Lago in Palm Beach vor die Medien. Er erzählte davon, wie er den Coup live im «War Room» mitverfolgt hatte. Schliesslich sagte er: «Die Monroe-Doktrin ist eine grosse Sache, aber wir haben sie um ein Vielfaches übertroffen, um ein echtes Vielfaches.» Um dann ganz selbstverständlich von der «Donroe-Doktrin» zu sprechen.
Damit stellt sich Trump in die Tradition von James Monroe, dem fünften Präsidenten der USA, der die wirkmächtigste aussenpolitische Rede in der Geschichte des Landes hielt. Die Monroe-Doktrin sei «wie das Wort Gottes», schreibt der Historiker Gaddis Smith: Sie «bedeutete für verschiedene Leute zu verschiedenen Zeiten ganz Unterschiedliches».
Instrument der Hegemonialpolitik
Am Anfang dieser Rede stand ein Epochenbruch in der Neuen Welt. Anfang des 19. Jahrhunderts erlangen fast alle spanischen Kolonien zwischen Mexiko und dem Rio de la Plata ihre Eigenständigkeit und erklären sich zu Republiken. Die USA beobachten diese Entwicklung mit viel Sympathie, schliesslich haben sie 1776 diesen Weg vorgezeichnet.
Gleichzeitig fürchten sie eine erneute Einmischung der Europäer in Lateinamerika. Und so kommt es, dass Präsident Monroe am 2. Dezember 1823 zur Lage der Nation spricht. Seine Botschaft ist unmissverständlich: Die westliche Hemisphäre soll fortan tabu sein für fremde Grossmächte. Bestehende Kolonien werde man nicht antasten, aber jeden Versuch einer Rückeroberung als Gefahr für die nationale Sicherheit ansehen, als «unfreundliche Haltung gegenüber den Vereinigten Staaten». Im Gegenzug werde man sich nicht in die europäischen Angelegenheiten einmischen.

Aussenpolitische Grundsatzerklärung: Präsident James Monroe.
Die Monroe-Doktrin – die erst Jahrzehnte später so genannt wird – ist ein selbst verliehenes Privileg, das vom damaligen Selbstbewusstsein der USA zeugt. Innenpolitisch ist das Land stabil, wirtschaftlich prosperiert es, von der «Era of Good Feelings» ist die Rede. Aber noch mangelt es den Amerikanern an militärischen Mitteln, um überhaupt durchzusetzen, was sie angekündigt haben. So besetzen etwa die Briten 1833 die Falklandinseln, und Napoleon III. errichtet 1861 ein Marionettenregime in Mexiko. Erst gegen Ende des Jahrhunderts wird der Slogan «Amerika den Amerikanern!» Wirklichkeit – und bald noch mehr.
Mit zunehmender Stärke arrondieren die Vereinigten Staaten in ihrer Hemisphäre Gebiete: durch die Einverleibung der nördlichen Hälfte Mexikos, durch die Vertreibung und Vernichtung von Indigenen, durch den Kauf von Louisiana oder Alaska. Und nach einem Krieg mit Spanien besitzt die antikoloniale Macht USA plötzlich selbst Kolonien, Puerto Rico, Hawaii, Samoa, Guam, die Philippinen – offiziell nur, um die unterdrückten Völker zu befreien. Es zeigt sich damals, was bis heute gültig ist: Die Monroe-Doktrin ist kein panamerikanisches Solidaritätsversprechen, sondern ein Instrument US-amerikanischer Hegemonialpolitik.

Inbesitznahme der spanischen Kolonie: Amerikanische Soldaten auf dem Vormarsch in Puerto Rico 1898.
Die Präsidentschaft von Theodore Roosevelt festigt Anfang des 20. Jahrhunderts den Wandel hin zu einer aggressiveren Aussenpolitik, nicht zuletzt weil das Deutsche Reich und Grossbritannien venezolanische Häfen blockiert haben, um Schulden einzutreiben. Er reklamiert mit Rückgriff auf die Monroe-Doktrin ein Recht und eine Pflicht, sich in Angelegenheiten anderer Nationen in Nord- und Südamerika einzumischen, wenn eigene Interessen gefährdet sind.
«Sprich sanft und trage einen grossen Knüppel; so wirst du weit kommen», lautet eine Losung von Roosevelt, der von seinen Gegnern «verrückter Cowboy» genannt wird. So erzwingt er etwa die Unabhängigkeit Panamas von Kolumbien, dessen geostrategische Bedeutung er früh erkennt. Mit einem Zusatz zur Monroe-Doktrin, dem «Roosevelt-Korollar», sieht er «wenn auch widerstrebend» einen «internationalen Polizeidienst» vor, wenn sich Staaten nicht den Wünschen aus Washington fügen. Auf dieser Grundlage besetzen amerikanische Truppen in den kommenden Jahrzehnten wiederholt Kuba, Haiti, Nicaragua und die Dominikanische Republik.
Diese Interventionen im eigenen Hinterhof sind der Grund, weshalb die USA nach dem Ende des Ersten Weltkriegs dem von ihnen selbst initiierten Völkerbund nicht beitreten: Sie wollen in ihrer Hemisphäre weiter allein für Ordnung sorgen. Erst Präsident Franklin Delano Roosevelt widerruft in den 1930er Jahren den Zusatz seines Namensvetters wieder, um fortan eine «gutnachbarliche Politik» zu befolgen. Während des Zweiten Weltkriegs ist für die Staaten in Mittel- und Südamerika die Monroe-Doktrin wieder das, was sie ursprünglich war: ein Schutz vor fremden Grossmächten, nun vor der neuen Bedrohung durch den Faschismus. Von «hemispheric defense» ist die Rede.

Recht und Pflicht, sich einzumischen: Präsident Theodore Roosevelt.
Demokratie nur zweitrangig
Das ändert sich im Kalten Krieg. Immer wieder ziehen die Amerikaner Theodore Roosevelts Interpretation der Monroe-Doktrin heran, um politische und militärische Interventionen in Lateinamerika zu legitimieren, mal explizit, mal implizit. Der neue Feind ist die Sowjetunion, deren Einfluss auf der ganzen Welt eingedämmt werden soll, ganz besonders aber in der eigenen Hemisphäre.
Um hehre Motive wie Demokratie oder Freiheit geht es bei diesen Interventionen im eigenen Hinterhof nur zweitrangig. Hauptsache, der Kommunismus setzt sich nicht durch – oder das, was als seine Vorboten betrachtet wird. US-freundliche, oft rechte Militärdiktaturen werden als Verbündete aufgebaut und gestützt, linke Machthaber nach Möglichkeit gestürzt wie 1954 in Guatemala oder 1973 in Chile, selbst wenn sie demokratisch gewählt wurden. Wie gravierend und langwierig die Folgen sind, wenn sich der Sozialismus trotz allem in einem Land festsetzt, zeigt das Beispiel von Kuba. Es ist ein Mahnmal für die amerikanische Aussenpolitik, ein «zweites Kuba» darf es nicht geben.
Berüchtigt sind die Geheimaktionen zur Destabilisierung von unliebsamen Regimen, etwa die Aufrüstung der Contra-Rebellen in Nicaragua. Die USA intervenieren aber auch offen militärisch. Ronald Reagan lässt 1983 kurzerhand die sozialistisch regierte Karibikinsel Grenada besetzen. Sein Nachfolger im Weissen Haus, George H. W. Bush, stürzt 1989 mit einer Streitmacht von 27 000 Soldaten Panamas Herrscher Manuel Noriega – im Zeichen des «Kriegs gegen die Drogen», aber auch weil der ehemalige Verbündete der USA sich den Sowjets angenähert hat. Die Intervention in Panama erinnert am ehesten an Donald Trumps Angriff auf das sozialistische Narco-Regime in Venezuela. Die allfällige Verletzung von internationalem Recht kümmert die USA im Kalten Krieg so wenig wie heute, wenn es um ihre nationalen Interessen geht.
So schreibt der amtierende Präsident nur die lange Geschichte der gewaltvollen amerikanischen Einmischung in Lateinamerika fort, so verwerflich man das finden mag. Aussergewöhnlich sind vielmehr die Jahrzehnte nach der Implosion des Sowjetreichs, als sich die USA als einzige Supermacht wiederfinden und sich weniger um die Entwicklungen in Mittel- und Südamerika sorgen. John Kerry, Aussenminister unter Barack Obama, verkündet 2013 sogar: «Die Ära der Monroe-Doktrin ist vorbei.»

Krieg gegen die Drogen: Amerikanische Truppen landen 1989 in Panama, um das Regime von General Noriega zu stürzen.
Die Angst vor China
Wie falsch diese Aussage ist, zeigt sich bereits in der ersten Amtszeit von Donald Trump. In einer Rede vor den Vereinten Nationen stellt er 2018 klar: «Seit Präsident Monroe ist es die offizielle Politik unseres Landes, dass wir die Einmischung ausländischer Nationen in dieser Hemisphäre und in unsere eigenen Angelegenheiten ablehnen.» Bereits 2017 ist in der Strategie für nationale Sicherheit der USA zu lesen: «China versucht, die Region mittels staatlich gelenkter Investitionen und Kredite in seinen Einflussbereich zu ziehen.»
Diese Entwicklung beschleunigt sich in den folgenden Jahren. Peking investiert in Lateinamerika massiv in den Ausbau der Infrastruktur und sichert sich so den Zugang zu Rohstoffen und Gütern. Prominentestes Beispiel ist der Tiefseehafen von Chancay in Peru, der von der chinesischen Staatsreederei Cosco kontrolliert wird.
So erstaunt es wenig, dass in der aktuellen, im Dezember veröffentlichten Sicherheitsstrategie der USA steht: «Nach Jahren der Vernachlässigung werden die Vereinigten Staaten die Monroe-Doktrin bekräftigen und durchsetzen, um die amerikanische Vorrangstellung in der westlichen Welt wiederherzustellen sowie unser Heimatland und unseren Zugang zu wichtigen geografischen Räumen in der gesamten Region zu schützen.» Eine zentrale Neuerung ist das sogenannte «Trump-Korollar» zur Monroe-Doktrin. Gemäss dieser soll Konkurrenten – insbesondere China und Russland – verwehrt werden, strategisch bedeutsame Vermögenswerte in der westlichen Hemisphäre zu besitzen oder zu kontrollieren.
Damit zeigt sich auch, dass sich Donald Trump mit seiner «Donroe-Doktrin» mehr auf Theodore Roosevelts Kanonenbootpolitik beruft als auf die ursprüngliche Monroe-Doktrin: Amerika den Amerikanern – und wer nicht spurt, wird militärisch bedrängt. Oder wie es Verteidigungsminister Pete Hegseth jüngst vor Rekruten formuliert hat: «Hier sind wir jetzt, im Jahr 2026, und Präsident Trump stellt Dominanz und Abschreckung in unserer Hemisphäre wieder her. Sie werden Teil dieses Erbes sein. Das ist ziemlich cool.»

Die Militäroperation live mitverfolgt: Donald Trump mit Aussenminister Marco Rubio und CIA-Direktor John Ratcliffe im «War Room» in Mar-a-Lago.
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