Aufmerksamkeit und Anstrengung

In dem unwahrscheinlichen Fall, dass dieses Buch verfilmt werden sollte, wäre System 2 eine Nebenfigur, die sich für den Protagonisten hält.


Die bestimmende Eigenschaft von System 2 in dieser Geschichte besteht darin, dass seine Operationen mit Anstrengung verbunden sind, und eines seiner Hauptmerkmale ist Faulheit, also die Neigung, nur die Mühe aufzuwenden, die absolut notwendig ist. Daher werden die Gedanken und Handlungen, von denen System 2 annimmt, dass es sie frei gewählt hat, oftmals von der Figur bestimmt, die im Mittelpunkt der Geschichte steht, System 1.


Aber es gibt höchst wichtige Aufgaben, die nur System 2 erledigen kann, weil sie Anstrengung und Selbstbeherrschung erfordern, mit denen die Intuitionen und Impulse von System 1 überwunden werden.

Mentale Anstrengung

Wenn Sie erleben möchten, wie es ist, wenn Ihr System  mit voller Kraft arbeitet, sollten Sie die folgende Übung machen; sie wird Sie innerhalb von fünf Sekunden an die Grenzen Ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit bringen. Bilden Sie zunächst mehrere verschiedene vierstellige Ziffernfolgen, und schreiben Sie jede Folge auf eine Karteikarte. Legen Sie eine unbeschriebene Karte oben auf den Packen. Die Aufgabe, die Sie ausführen werden, heißt »Eins addieren«.

Sie geht folgendermaßen:

 

Beginnen Sie, einen regelmäßigen Rhythmus zu schlagen (oder, besser
noch, stellen Sie ein Metrononom auf einen Schlag pro Sekunde ein).
Nehmen Sie die leere Karte weg, und lesen Sie die vier Ziffern laut vor.
Warten Sie zwei Schläge, und lesen Sie dann eine Ziffernfolge vor, in der
die ursprünglichen Ziffern um eins hochgezählt werden. Wenn auf der
Karte die Ziffern 5294 stehen, lautet die richtige Antwort 6305. Es ist
wichtig, den Rhythmus zu halten.


Nur wenige Personen kommen bei der »Eins addieren«-Aufgabe mit mehr als vier Ziffern zurecht, aber wenn Sie eine schwierigere Herausforderung wollen, dann versuchen Sie es doch mal mit »Drei addieren«.


Wenn Sie wissen möchten, was Ihr Körper tut, während Ihr Gehirn schwer arbeitet, sollten Sie zwei Bücherstapel auf einem robusten Tisch aufbauen; auf einem davon platzieren Sie eine Videokamera, und auf den anderen stützen Sie Ihr Kinn auf. Schalten Sie die Videokamera ein, und starren Sie in die Kameralinse, während Sie die »Eins addieren«- oder »Drei addieren«-Übungen machen. Später finden Sie in der sich verändernden Größe Ihrer Pupillen ein getreuliches Protokoll ihrer mentalen Anstrengungen.

 

Ich habe eine lange persönliche Geschichte mit der »Eins addieren«-Übung. Zu Beginn meiner wissenschaftlichen Laufbahn verbrachte ich ein Jahr an der Universität Michigan als Gastwissenschaftler in einem Labor, in dem Hypnose erforscht wurde. Auf der Suche nach einem sinnvollen Forschungsthema stieß ich auf einen Artikel im Scientific American, in dem der Psychologe Eckhard Hess die Pupille des Auges als Fenster zur Seele bezeichnete.

 

Vor Kurzem habe ich diesen Artikel noch einmal gelesen, und ich fand ihn abermals inspirierend. Er beginnt damit, dass Hess berichtet, seine Frau habe bemerkt, wie sich seine Pupillen weiteten, als er schöne Naturaufnahmen betrachtete, und er endet mit zwei bemerkenswerten Bildern von derselben gut aussehenden Frau, die auf dem einen Bild viel attraktiver erscheint als auf dem anderen. Dabei gibt es nur einen Unterschied: Auf dem attraktiven Bild scheinen die Pupillen geweitet, auf dem anderen verengt zu sein. Hess schrieb auch über Belladonna, eine pupillenvergrößernde Substanz, die früher als Kosmetikartikel verwendet wurde, und von Basarkäufern, die dunkle Brillen tragen, um die Stärke ihres Interesses vor den Händlern zu verbergen. Vor allem einer der Befunde von Hess erregte meine Aufmerksamkeit. Ihm war aufgefallen, dass die Pupillen empfindliche Indikatoren der mentalen Anstrengung sind – sie vergrößern sich stärker, wenn die Probleme schwierig sind, als wenn sie leicht sind.


Seine Beobachtungen deuteten darauf hin, dass sich die Reaktion auf mentale Anstrengung von der auf emotionale Erregung unterscheidet. Seine Arbeit hatte nicht viel mit Hypnose zu tun, aber ich gelangte zu dem Schluss, dass die Hypothese, dass es einen sichtbaren Indikator für geistige Anstrengung gibt, ein vielversprechendes Forschungsthema ist. Jackson Beatty, ein Doktorand im Labor, teilte meine Begeisterung, und so machten wir uns an die Arbeit.

 

Beatty und ich entwarfen eine Versuchsanordnung, bei der wir einen Raum so ähnlich gestalteten wie den Untersuchungsraum eines Optikers: Die Versuchspersonen lehnten ihren Kopf auf eine Kinn- und Kopfstütze und starrten in eine Kamera, während sie aufgezeichneten Informationen lauschten und Fragen im Rhythmus der aufgezeichneten Schläge eines Metronoms beantworteten. Die Schläge lösten jede Sekunde einen Infrarotblitz aus, wobei gleichzeitig eine Aufnahme gemacht wurde. Am Ende jedes Versuchsdurchgangs entwickelten wir so schnell wie möglich den Film, projizierten die Bilder der Pupille auf eine Leinwand und vermaßen sie mit einem Lineal. Die Methode eignete sich hervorragend für junge, ungeduldige Forscher: Wir kannten unsere Ergebnisse praktisch sofort, und sie waren immer eindeutig.


Beatty und ich konzentrierten uns auf schnelle Aufgaben, wie etwa »Eins addieren«, bei denen wir genau wussten, was die Versuchsperson zu jedem beliebigen Zeitpunkt dachte.3 Wir zeichneten Ziffernfolgen zu den Schlägen des Metronoms auf und wiesen die Versuchsperson an, die Ziffern nacheinander zu wiederholen oder zu verändern und dabei den gleichen Rhythmus beizubehalten. Wir fanden schon bald heraus, dass die Pupillengröße sekündlich schwankte, worin sich die unterschiedlichen Anforderungen der Aufgabe widerspiegelten.

 

Die Antwortkurve hatte die Form eines auf dem Kopf stehenden V. Wie Sie es selbst erlebt haben, wenn Sie »Eins addieren« und »Drei addieren« ausprobierten, wächst die Anstrengung mit jeder zusätzlichen Ziffer, die man hört, erreicht einen unerträglichen Höhepunkt, wenn man sich beeilt, während und unmittelbar nach der Pause eine umgewandelte Ziffernfolge zu erzeugen, und lässt allmählich nach, wenn man sein Kurzzeitgedächtnis »entlädt«.

 

Die Pupillendaten entsprachen exakt dem subjektiven Erleben: Längere Ziffernfolgen verursachten durchweg eine stärkere Vergrößerung, die Umwandlungsaufgabe erhöhte die Anstrengung, und die Pupillengröße erreichte ihr Maximum bei der stärksten mentalen Anstrengung. »Eins addieren« mit vier Ziffern führte zu einer stärke-
ren Pupillenvergrößerung als die Aufgabe, sich sieben Ziffern zum sofortigen Abruf zu merken. »Drei addieren«, das sehr viel schwerer ist, ist die anspruchsvollste Aufgabe, die ich je gesehen habe. In den ersten fünf Sekunden vergrößert sich die Pupille um etwa 50 Prozent ihrer ursprünglichen Ausdehnung, und der Herzschlag erhöht sich um etwa sieben Schläge pro Minute. Hier stoßen Menschen an ihre Belastungsgrenze – sie geben auf, wenn von ihnen noch mehr verlangt wird. Als wir unseren Probanden mehr Ziffern vorführten, als sie sich merken konnten, vergrößerten sich ihre Pupillen nicht mehr, oder sie schrumpften sogar.

 

Wir arbeiteten einige Monate lang in großzügigen Räumlichkeiten, in denen wir ein Videosystem installiert hatten, das ein Bild von der Pupille der Versuchsperson auf eine Leinwand im Flur projizierte; wir konnten auch hören, was im Labor geschah. Der Durchmesser der projizierten Pupille betrug etwa einen Fuß; zu sehen, wie sie sich erweiterte und zusammenzog, wenn der Proband bei der Arbeit war, war ein faszinierender Anblick, eine ziemliche Attraktion für Besucher in unserem Labor. Wir amüsierten uns und beeindruckten unsere Gäste durch unsere Fähigkeit, zu erahnen, wann der Proband aufgeben würde. Bei einer mentalen Multiplikation erweiterte sich die Pupille normalerweise innerhalb weniger Sekunden sehr stark und blieb vergrößert, solange die Person an dem Problem arbeitete; sobald sie eine Lösung fand oder aufgab, zog sich die Pupille sofort zusammen.

 

Wenn wir vom Flur aus zusahen, überraschten wir manchmal den Besitzer der Pupille und unsere Gäste mit der Frage:
»Weshalb haben Sie gerade jetzt aufgegeben?« Die Antwort aus dem Labor lautete oft: »Woher wissen Sie das?«, worauf wir entgegneten: »Wir haben ein Fenster zu Ihrer Seele.«

 

Die beiläufigen Beobachtungen, die wir vom Flur aus machten, waren manchmal so informativ wie die förmlichen Experimente. Ich machte eine wichtige Entdeckung, als ich, während einer Pause zwischen zwei Aufgaben, die Pupille einer Frau betrachtete. Sie lehnte den Kopf weiterhin gegen die Kinnstütze, sodass ich das Bild ihres Auges sehen konnte, während sie ein Gespräch mit dem Experimentator anknüpfte. Ich war erstaunt, zu sehen, dass die Pupille klein blieb und sich nicht merklich vergrößerte, als sie sprach und zuhörte. Anders als die Aufgaben, die wir erforschten, erforderte das triviale Gespräch offenbar nur wenig oder gar keine Anstrengung – nicht mehr, als man für das Abspeichern von zwei oder drei Ziffern benötigt.

 

Das war ein Aha-Erlebnis:
Mir wurde klar, dass die von uns ausgewählten Aufgaben ungewöhnlich anstrengend waren. Mir kam ein Bild in den Sinn: Denkprozesse – heute würde ich von System-2-Prozessen sprechen – laufen normalerweise im Tempo eines gemütlichen Spaziergangs ab, der hin und wieder durch Jogging-Etappen und selten durch einen rasanten Sprint unterbrochen wird. Die »Eins addieren«- und »Drei addieren«-Übungen sind Sprints, und das beiläufige Plaudern ist ein Spaziergang.


Wir fanden heraus, dass Menschen, die einen mentalen Sprint laufen, faktisch blind werden können. Die Autoren des Buches Der unsichtbare Gorilla hatten den Gorilla »unsichtbar« gemacht, indem sie die Aufmerksamkeit der Betrachter mit der Aufgabe, die Ballwechsel zu zählen, intensiv beanspruchten. Wir berichteten von einem weit weniger spektakulären Beispiel von Blindheit während einer »Eins addieren«-Übung. Wir boten unseren Probanden eine Reihe rasch aufblinkender Buchstaben dar, während sie arbeiteten. Wir sagten ihnen, die Lösung der Aufgabe habe absoluten Vorrang, aber sie wurden auch gebeten, am Ende der Ziffernaufgabe anzugeben, ob irgendwann während des Versuchs der Buchstabe K aufgetaucht sei. Wir fanden vor allem heraus, dass sich die Fähigkeit, den gesuchten Buchstaben wahrzunehmen und zu melden, im Verlauf der zehn Sekunden dauernden Übung veränderte. Den Beobachtern entging fast nie ein K, das am Anfang oder gegen Ende der »Eins addieren«-Aufgabe gezeigt wurde, aber der gesuchte Buchstabe entging ihnen in fast 50 Prozent der Fälle, wenn die mentale Anstrengung ihren Höhepunkt erreichte, obwohl die Bilder verrieten, dass sie mit weit aufgerissenen Augen direkt auf den Buchstaben schauten. Die Nichtwahrnehmung folgte dem gleichen umgekehrten V-Muster wie die Pupillenvergrößerung. Die Ähnlichkeit war beruhigend: Die Pupillenweite war ein gutes Maß des arousal, des körperlichen Aktivierungszustands, der mit mentaler Anstrengung verbunden ist, und so konnten wir weitermachen und sie zur Erforschung kognitiver Prozesse nutzen.

Ganz ähnlich wie der Stromzähler außerhalb Ihres Hauses oder Ihrer Wohnung geben die Pupillen zuverlässig Aufschluss über die laufende Verbrauchsrate mentaler Energie.6 Diese Analogie geht sehr weit. Ihr Stromverbrauch hängt davon ab, was Sie tun – ob Sie ein Zimmer beleuchten oder eine Scheibe Brot toasten. Wenn Sie eine Glühbirne oder einen Toaster anschalten, verbrauchen diese die Energie, die sie benötigen, aber kein bisschen mehr.

 

In ähnlicher Weise entscheiden auch wir, was wir tun, aber wir haben nur beschränkte Kontrolle über die Anstrengung, die dazu erforderlich ist. Angenommen, Ihnen werden vier Ziffern gezeigt, zum Beispiel 9462, und man sagt Ihnen, dass Ihr Leben davon abhängt, dass Sie sich diese Ziffern zehn Sekunden lang merken. Sosehr Sie auch am Leben hängen, können Sie für diese Aufgabe nicht so viel Mühe aufwenden, wie Sie aufbringen müssten, um zu denselben Ziffern jeweils drei hinzuzählen.System 2 und die Stromkreise in Ihrem Haus besitzen eine begrenzte Kapazität, aber sie reagieren unterschiedlich auf eine drohende Überlastung. Ein Stromkreisunterbrecher wird aktiviert, wenn der Strombedarf eine kritische Schwelle überschreitet, was dazu führt, dass die Stromversorgung aller Geräte an diesem Stromkreis gleichzeitig unterbrochen wird. Dagegen ist die Reaktion auf mentale Überlastung selektiv und präzise: System  schützt die wichtigste Aktivität, sodass sie die Aufmerksamkeit erhält, die sie braucht; »freie Kapazität« wird im Sekundenrhythmus anderen Aufgaben zugewiesen. In unserer Version des Gorilla-Experiments wiesen wir die Teilnehmer an, der Ziffernaufgabe Priorität einzuräumen. Wir wissen, dass sie dieser Anweisung Folge leisteten, weil der Zeitpunkt, zu dem der optische Stimulus präsentiert wurde, keinen Einfluss auf die Hauptaufgabe hatte. Wenn der kritische Buchstabe zu einer Zeit hoher Aufmerksamkeitsbeanspruchung dargeboten wurde, sahen ihn die Probanden schlichtweg nicht. Wenn die rechnerische Umformungsaufgabe weniger anspruchsvoll war, war die Erkennungsrate höher.

 

Das System der hochdifferenzierten Aufmerksamkeitszuweisung wurde über lange evolutionäre Zeiträume immer weiter ausgefeilt. Es erhöhte die Überlebenschancen, wenn man die schwerwiegendsten Bedrohungen oder die vielversprechendsten Gelegenheiten schnell erkannte und umgehend darauf reagierte, und diese Fähigkeit ist zweifellos nicht auf Menschen beschränkt. Selbst beim modernen Menschen übernimmt System 1 in Notlagen die Kontrolle und weist Handlungen, die dem Selbstschutz dienen, höchste Priorität zu. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen am Steuer eines Wagens, der unerwartet auf einem großen Ölfleck ins Rutschen gerät. Sie werden feststellen, dass Sie auf die Gefahr reagierten, bevor sie Ihnen voll und ganz bewusst wurde.

 

Beatty und ich arbeiteten nur ein Jahr zusammen, aber unsere Zusammenarbeit hatte weitreichende Folgen für unsere weiteren wissenschaftlichen Laufbahnen. Er wurde schließlich zum führenden Experten auf dem Gebiet der »kognitiven Pupillometrie«, und ich schrieb ein Buch mit dem Titel Attention and Effort, das zu einem großen Teil auf unseren gemeinsamen Erkenntnissen und anschließenden Forschungsarbeiten, die ich im Jahr darauf in Harvard durchführte, basierte. Wir lernten eine Menge über kognitive Funktionsmechanismen – die ich heute unter dem Oberbegriff »System 2« zusammenfassen würde –, indem wir bei unterschiedlichsten Aufgaben die Pupillengrößen unserer Probanden maßen.


Je mehr Geschick man bei der Lösung einer Aufgabe entwickelt, umso weniger Energie muss man für sie aufwenden. Gehirnscans von Versuchspersonen haben gezeigt, dass sich das mit einer Handlung verbundene Aktivitätsmuster mit der Fertigkeit verändert, da weniger Gehirnregionen daran beteiligt sind. Begabung hat ähnliche Wirkungen. Hochintelligente Menschen lösen die gleichen Probleme müheloser, wie sowohl die Pupillengröße als auch die Hirnaktivität anzeigen.8 Ein allgemeingültiges »Gesetz des geringsten Aufwands« gilt sowohl für kognitive als auch für physische Anstrengungen. Das Gesetz besagt, dass Menschen dann, wenn es mehrere Wege gibt, um das gleiche Ziel zu erreichen, schließlich den Weg wählen, der mit dem geringsten Arbeitsaufwand verbunden ist. In der Ökonomie der Handlungen ist die Anstrengung ein Kostenfaktor, und hinter dem Erwerb von Fähigkeiten steht das Streben nach einem ausgewogenen Kosten-Nutzen-Verhältnis.10 Faulheit ist tief in unserer Natur angelegt.


Die von uns untersuchten Aufgaben hatten sehr unterschiedliche Auswirkungen auf die Pupillengröße. Zu Beginn des Versuchs waren unsere Probanden wach, aufmerksam und bereit, sich einer Aufgabe zuzuwenden – vermutlich auf einem höheren Niveau des arousal und der kognitiven Bereitschaft als gewöhnlich. Wenn sich die Probanden ein oder zwei Ziffern merken oder lernen sollten, ein Wort mit einer Ziffer zu assoziieren (3 = Tür), führte dies durchgängig zu einer kurzzeitigen Erhöhung des arousal über das Ausgangsniveau, aber die Effekte waren sehr gering – bei einer »Drei addieren«-Aufgabe nahm der Pupillen-Durchmesser nur um  Prozent zu. Bei einer Aufgabe, bei der es darum ging, zwei Tonhöhen zu unterscheiden, fiel die Pupillenerweiterung deutlich größer aus. Jüngste Forschungen haben gezeigt, dass die Hemmung der Tendenz, ablenkende Wörter zu lesen (wie in Abbildung  des vorangehenden Kapitels), ebenfalls eine gewisse Anstrengung erfordert. Tests des
Kurzzeitgedächtnisses mit sechs oder sieben Ziffern waren anstrengender. Wie Sie selbst erleben können, erfordert auch die Bitte, sich an Ihre Telefonnummer oder den Geburtstag Ihres Ehepartners zu erinnern und diese laut auszusprechen, eine kurze, aber erhebliche Anstrengung, weil die ganze Ziffernfolge im Gedächtnis gehalten werden muss, während eine Antwort organisiert wird. Die mentale Multiplikation zweistelliger Zahlen und die »Drei addieren«-Aufgabe liegen an der kognitiven Leistungsgrenze der meisten Menschen.

 

Was macht manche kognitiven Aktivitäten anspruchsvoller und anstrengender als andere? Welche Ergebnisse müssen wir mit der Währung der Aufmerksamkeit kaufen? Was kann System 2, was System 1 nicht kann? Wir haben jetzt vorläufige Antworten auf diese Fragen.

 

Anstrengung ist erforderlich, um mehrere Vorstellungen, die verschiedene Handlungen erfordern oder die gemäß einer Regel kombiniert werden müssen, gleichzeitig im Gedächtnis zu halten – beim Betreten des Supermarktes die Einkaufsliste in Gedanken durchgehen, in einem Restaurant zwischen Fisch und Kalbfleisch wählen oder ein überraschendes Ergebnis einer Erhebung mit der Information verbinden, dass die Stichprobe zu klein war, zum Beispiel. Nur System 2 kann Regeln befolgen, Objekte in Bezug auf mehrere Merkmale vergleichen und wohlüberlegte Wahlen zwischen Optionen treffen. Das automatische System 1 besitzt diese Fähigkeiten nicht. System 1 erkennt einfache Beziehungen (»Sie sehen sich alle ähnlich«, »Der Sohn ist viel größer als der Vater«) und kann Informationen über einen Gegenstand hervorragend zusammenführen, aber es kann nicht mehrere verschiedene Aufgaben gleichzeitig bewältigen, und auch mit rein statistischen Informationen kann es wenig anfangen. System 1 erkennt, dass eine Person, die als »sanftmütiger und ordentlicher Mensch, der Ordnung und Struktur braucht und Liebe zum Detail besitzt«, beschrieben wird, der Karikatur eines Bibliothekars ähnelt, aber nur System 2 kann die Aufgabe ausführen, diese Intuition mit dem Wissen über die geringe Anzahl von Bibliothekaren zu verknüpfen – sofern System 2 weiß, wie es dies tun muss, was nur für wenige Menschen gilt.

 

Eine zentrale Fähigkeit von System 2 ist die Einführung von task sets (kognitive Zustände der optimalen Aufgabenvorbereitung): Es kann das Gedächtnis so programmieren, dass es einer Anweisung gehorcht, die die üblichen Reaktionen außer Kraft setzt. Nehmen wir folgendes Beispiel: Zählen Sie, wie oft der Buchstabe f auf dieser Seite vorkommt. Diese Aufgabe haben Sie noch nie verrichtet, und sie wird Ihnen nicht leichtfallen, aber Ihr System 2 kann sie übernehmen. Es wird Sie Mühe kosten, sich auf diese Übung vorzubereiten, und es wird mühsam sein, sie auszuführen, auch wenn Sie mit zunehmender Geübtheit zweifellos besser werden. Psychologen sprechen bezüglich der Aktivierung und Beendigung von task sets von »exekutiver Kontrolle«, und Neuro-Wissenschaftler haben die Hauptregionen des Gehirns identifiziert, von denen diese exekutiven Funktionen getragen werden. Eine dieser Regionen ist immer beteiligt, wenn ein Konflikt gelöst werden muss. Eine andere ist der präfrontale Cortex, eine Region, die beim Menschen viel stärker entwickelt ist als bei anderen Primaten, und sie ist an Aktivitäten beteiligt, die wir mit Intelligenz assoziieren.

 

Nehmen wir jetzt an, dass Sie am Ende der Seite eine weitere Anweisung erhalten: Zählen Sie alle Kommata auf der nächsten Seite. Dies wird Ihnen schwererfallen, weil sie die neu erworbene Tendenz überwinden müssen, die Aufmerksamkeit auf den Buchstaben f zu fokussieren. Zu den wichtigsten Entdeckungen, die in den letzten Jahrzehnten in der Kognitionspsychologie gemacht wurden, gehört die Tatsache, dass der Aufgabenwechsel mühsam ist, insbesondere unter Zeitdruck.13 Das Erfordernis einer raschen Umstellung ist einer der Gründe dafür, dass »Drei addieren« und mentale Multiplikation so schwierig sind. Bei der »Drei addieren«-Aufgabe müssen Sie mehrere Ziffern gleichzeitig in Ihrem Arbeitsgedächtnis halten und jede mit einer bestimmten
Operation assoziieren: Einige Ziffern warten darauf, umgeformt zu werden, eine wird gerade umgewandelt, und andere, die bereits umgeformt wurden, werden zum Zweck der Berichterstattung vorgehalten.

 

Bei modernen Tests des Arbeitsgedächtnisses sollen die Probanden wiederholt zwischen zwei anspruchsvollen Aufgaben wechseln und sich die Ergebnisse der einen Operation merken, während sie die andere ausführen. Personen, die bei diesen Tests gut abschneiden, schneiden tendenziell auch bei Tests der allgemeinen Intelligenz gut ab. Doch die Fähigkeit zur Aufmerksamkeitssteuerung ist nicht bloß ein Maß der Intelligenz; Maße für die Effizienz der Aufmerksamkeitssteuerung sagen die Leistungsfähigkeit von Fluglotsen und Piloten der israelischen Luftwaffe mit größerer Zuverlässigkeit vorher als der IQ. Auch Zeitdruck steigert die notwendigen Anstrengungen. Als Sie die »Drei addieren«-Übung ausführten, ergab sich der Zeitdruck teils durch das Metronom und teils durch die Gedächtnisbelastung. Wie jemand, der mit mehreren Bällen in der Luft jongliert, können Sie es sich nicht leisten, langsamer zu werden; die Schnelligkeit, mit der sich Gedächtnisinhalte verflüchtigen, zwingt zur Eile: Sie müssen Informationen auffrischen und wiederholen, ehe sie verloren gehen. Jede Aufgabe, die von Ihnen verlangt, mehrere Gedanken gleichzeitig im Sinn zu behalten, zwingt Sie zu schnellem Handeln. Wenn Sie nicht das Glück haben, über ein großes Arbeitsgedächtnis zu verfügen, sind Sie vielleicht gezwungen, unangenehm hart zu arbeiten. Die anstrengendsten Formen langsamen Denkens sind diejenigen, die von Ihnen verlangen, schnell zu denken.


Bei der »Drei addieren«-Aufgabe ist Ihnen bestimmt aufgefallen, wie ungewohnt es für Sie ist, sich mental derartig anzustrengen. Selbst wenn Sie Ihren Lebensunterhalt mit geistiger Arbeit bestreiten, sind nur wenige der mentalen Aufgaben, die Sie im Lauf eines Arbeitstags erledigen, so anspruchsvoll wie »Drei addieren« oder auch wie das Abspeichern von sechs Ziffern zum sofortigen Abruf. Wir vermeiden mentale Überlastung normalerweise dadurch, dass wir unsere Aufgaben in mehrere leichte Schritte unterteilen, Zwischenergebnisse im Langzeitgedächtnis ablegen oder notieren, statt sie einem allzu leicht überlasteten Arbeitsgedächtnis anzuvertrauen. Wir überbrücken große Entfernungen, indem wir uns Zeit lassen, und wir halten uns beim Denken an das Gesetz der geringsten Anstrengung.

Zum Thema »Aufmerksamkeit und Anstrengung«

»Ich werde nicht versuchen, dies beim Fahren zu lösen. Dies ist eine pupillenvergrößernde Aufgabe. Sie erfordert mentale Anstrengung!«

»Hier gilt das Gesetz vom geringsten Aufwand. Er wird so wenig wie möglich nachdenken.« »Sie hat die Sitzung nicht vergessen. Sie war voll und ganz auf etwas anderes konzentriert, als die Sitzung vereinbart wurde, und sie hat Sie einfach nicht gehört.«

 

»Mir fiel sofort eine Intuition von System 1 ein. Ich muss von Neuem beginnen und mein Gedächtnis gezielt durchsuchen.«

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