Gwendolyn Sasse: The Crimea Question

Jahrbücher für Geschichte Osteuropas

Herausgegeben im Auftrag des Osteuropa-Instituts Regensburg
von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Band 58 (2010) H. 3, S.  440-442

 

Gwendolyn Sasse The Crimea Question: Identity, Transition, and Conflict. Harvard University Press for the Harvard Ukrainian Research Institute Cambridge, MA 2007. XV, 400 S., 3 Ktn. = Harvard Series in Ukrainian Studies. ISBN: 978-1-932650-01-3.

 

Die historische Zunft wendet viel Energie und einiges an Know-how auf, um die historischen Voraussetzungen, Gemengelagen und Verläufe von Krisen und Konflikten zu untersuchen und zu analysieren. Weitaus weniger intensiv (und vielleicht auch dieser wissenschaftlichen Disziplin eher fremd) wird die Spurensuche betrieben, wenn es darum geht, warum ein Konflikt nicht ausgebrochen ist.

 

Die deutsche, aber längst in der angelsächsischen Welt etablierte Politikwissenschaftlerin Gwendolyn Sasse hat sich in ihrem hier zu besprechenden Buch über die zur Ukraine gehörende Halbinsel Krim dieser spannenden Frage gewidmet.

 

Überhaupt bietet die Ukraine ein interessantes Untersuchungsgebiet für derlei Fragen, spekulierten doch in den 1990er Jahren diverse Fachleute über einen scheinbar unmittelbar bevorstehenden Zerfall dieses Staates in einen West- und Ostteil. Seit dem Ende der Sowjetunion und der Entstehung einer unabhängigen Ukraine gilt die Krim dabei aus mehreren Gründen als ein zumindest regionaler Konfliktherd; viele Experten mein(t)en, dass sich dieser bislang eingefrorene Konflikt ähnlich wie im Kaukasus entladen könnte.

 

Bis in die Gegenwart ist der Streit zwischen Kiev und Moskau um die staatsrechtliche Zugehörigkeit der 1954 aus der RSFSR herausgelösten und der ukrainischen Sowjetrepublik zugeschlagenen Halbinsel und um die recht kümmerlichen Reste der Schwarzmeerflotte einschließlich der Nutzung Sevastopol’s als Militärbasis entgegen allen Prognosen jedoch nicht eskaliert. Freilich kam es zu heftigen verbalen Ausfällen auf beiden Seiten, in denen lautstark die unveräußerliche und moralische Legitimität der eigenen Ansprüche reklamiert wurden.

 

Auch die teilweise handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen den mehr­heitlich russophonen, slavischen Krimbewohnern und den in nicht unerheblicher Zahl aus Zentralasien zurückgekehrten Krimtataren haben dieses von Kiev mit Autonomierechten ausgestattete Gebiet nicht nachhaltig destabilisiert. Auch im Hinblick auf die schon in der Vergangenheit betonte exponierte geopolitische Lage – heutzutage im Spannungsfeld zwischen Ukraine, Russland und Türkei – sind keine ernsthaften Konflikte zu vermelden. Sasse geht ihrerseits davon aus, dass dies in absehbarer Zeit so bleiben wird.

Um diese erstaunliche These zu untermauern, geht sie folgendermaßen vor: In einem ersten Teil legt sie die historische und kulturelle Entwicklung der Halbinsel dar, um vor allem den unbestritten großen, auch  symbolischen Wert dieses schönen Landstrichs für Russen, Ukrainer und Tataren darzulegen.

 

Insbesondere die starke emotionale Bindung ethnisch russischer Bevölkerung an die Krim via Literatur (Puškin, Čechov etc.) und Tourismus ist bekannt; sie wurde aber von anderen Autoren schon systematischer und überzeugender dargelegt (vgl. Andrej Zorin Kormja dvuglavogo orla … Literatura i gosudarstvennaja ideologija v Rossii v po­slednej treti XVIII – pervoj treti XIX veka. Mos­kva 2001; auch Kerstin S. Jobst Die Perle des Imperiums. Der russische Krim-Diskurs im Zarenreich. Konstanz 2007. = Historische Kulturwissenschaft, 11).

 

Dies gilt auch für die Abschnitte über die Entwicklungen auf der Krim im Ersten Weltkrieg und in den Revolutionen. Sehr überzeugend und in dieser Ausführlichkeit und Plausibilität bislang unerreicht sind die Kapitel, in denen die Verfasserin Hintergründe wie Genese der Chruščevschen „Morgengabe“ an die ukrainische Sowjetrepublik anlässlich der Feierlichkeiten zum 300. Jahrestag des Abkommens von Perejaslav untersucht. Obwohl die Quellenlage immer noch als unbefriedigend bezeichnet werden muss, wird nachvollziehbar, dass Chruščev keinesfalls im Alleingang handelte, sondern dieser bis in unsere Zeit umstrittene Transfer im Kontext des Machtkampfes nach Stalins Tod sowie der allgemeinen sowjetischen Nationalitäten- und Wirtschaftspolitik zu interpretieren ist. Rechtlich befand sich Chruščev in jedem Fall auf äußerst dünnem Eis.

 

Diese historisch angelegten Kapitel sind für die Verfasserin die Folie, unter der sie ihren eigentlichen Hauptteil entfaltet. Die regionalen, staatlichen und internationalen Akteure werden samt ihren politischen Strategien in den 1990er Jahren vorgestellt und analysiert. Von besonderem Interesse sind dabei die Ergebnisse zu den regionalen Handlungsträgern: Schnell war über alle ethnischen und sonstigen Lager hinweg das Ziel der Autonomie der Krim innerhalb des ukrainischen Staates Konsens; was auch durchzusetzen gelang, denn die Krim ist immer noch das einzige mit Sonderrechten ausgestattete Gebiet der Ukraine.

Analoge Forderungen etwa aus der Karpathenregion werden dagegen auch nach der „Orangenen Revolution“ von Kiev dilatorisch behandelt. Die alternativ mögliche Eskalation wurde aus mehreren Gründen vermieden: Der multiethnische Charakter der Halbinsel verhinderte eindeutige Lagerbildungen und damit die Polarisierung. Das auf der Halbinsel zahlenmäßige und politisch dominierende russische Element scheiterte bei der Lösung der gravierenden wirtschaftlichen Probleme der Halbinsel und erschien somit manchem eher sowjetisch denn russisch-national geprägten Krim-Bewohner als keine wirkliche Alternative zu Kiev.

Die Zentrale wiederum agierte auf der Krim weitaus sensibler und besonnener als zu erwarten gewesen wäre. Und die auswärtigen Akteure – neben der Russländischen Föderation die Türkei – hielten sich entgegen allen verbalen Kraftmeiereien zur Unterstützung ihrer Landes- und Glaubensbrüder letztlich mit konkreter Hilfe doch weitgehend zurück. Vor allen Dingen aber, so Sasse, half ein Faktor bei der Konfliktprävention, der zudem die Demokratiefähigkeit und die weitgehende Ablösung der Ukraine von sowjetischen Politikmustern unterstreicht, nämlich die Aushandlungsprozesse über den verfassungsmäßigen Status der Krim zwischen den Akteuren. Für die Verfasserin erscheint dies sogar bedeutender als die eigentlichen Ergebnisse. Tatsächlich nehmen sich die autonomen Rechte dieser Region im weltweiten und europäischen Vergleich eher gering aus.

Im Ergebnis liegt vor allem deswegen eine interessante Studie vor, weil die Autorin zu zeigen vermag, dass die unabhängige Ukraine grund­sätzlich trotz aller negativen Schlagzeilen auch nach der „Orangenen Revolution“ („Gaskrieg“, parlamentarische Krisen etc.) ein zur friedlichen inneren Konfliktlösung fähiges Gemeinwesen ist. Ob dies in Zukunft so bleiben wird, wie Sasse meint? Allein hier ist die Rezensentin weniger optimistisch (möchte sich aber gern irren): Wer im Herbst 2008 auf dem Höhepunkt der Georgien-Krise auf der Krim die Anti-Nato- und Anti-Kiev-Demonstrationen nebst den hasserfüllten Tiraden der Teilnehmer erlebt hat, dem wird schon mal Angst und Bange ob der Zukunft der schönen Krim.

Kerstin S. Jobst, Potsdam/Salzburg

 

Zitierweise: Kerstin S. Jobst über: Gwendolyn Sasse The Crimea Question: Identity, Transition, and Conflict’. Harvard University Press for the Harvard Ukrainian Research Institute Cambridge, MA 2007. XV. = Harvard Series in Ukrainian Studies. ISBN: 978-1-932650-01-3, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. Neue Folge, 58 (2010) H. 3, S. 440-442: http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Jobst_Sasse_Crimea_Question.html (Datum des Seitenbesuchs)

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