7 Die Zivilisation am Pranger

»Ich bringe Sie zu einem Dalang«, rief Rasy strahlend. »Sie wissen schon, zu einem der berühmten indonesischen Puppenspieler.« Er freute sich, daß ich wieder zurück in Bandung war. »Heute Abend kommt ein sehr berühmter Mann in die Stadt.« Er fuhr mich mit seinem Motorroller durch Teile seiner Stadt, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, durch Viertel mit traditionellen javanischen Kampong-Häusern, die aussahen wie eine ärmliche Version kleiner Ziegeldach-Tempel. Die stattlichen Villen im holländischen Kolonialstil und die Bürogebäude, in denen ich sonst zu tun hatte, lagen weit hinter uns. Die Menschen waren offensichtlich arm, strahlten aber Würde und Stolz aus. Sie trugen abgenutzte, aber saubere Batik-Sarongs, bunte Blusen und breitkrempige Strohhüte. Überall, wo wir hinkamen, wurden wir mit einem freundlichen Lächeln oder fröhlichem Lachen empfangen. Wenn wir stehenblieben, liefen die Kinder auf mich zu und betasteten den Stoff meiner Jeans. Ein kleines Mädchen steckte mir die Blüte einer Frangipani-Blume ins Haar.


Wir stellten den Motorroller in der Nähe einer kleinen Straßenbühne ab, vor der sich bereits mehrere hundert Menschen versammelt hatten; einige standen, andere saßen auf Klappstühlen. Es war ein heiterer, schöner Abend. Obwohl wir uns im Herzen des ältesten Stadtteils von Bandung befanden, gab es keine Straßenbeleuchtung, so daß wir die funkelnden Sterne am Himmel sehen konnten. In der Luft lag der Geruch von Holzfeuern, Erdnüssen und Nelken. Rasy verschwand in der Menge und kehrte kurz darauf mit mehreren jungen Leuten zurück, die ich bereits im Café kennengelernt hatte. Sie boten mir heißen Tee an, kleine Kuchenstücke und Sate, Fleischkügelchen, die in Erdnussöl gebraten waren. Ich zögerte anscheinend ein wenig, bevor ich letztere annahm, denn eine der jungen Frauen deutete zu einem kleinen Feuer. »Das Fleisch ist wirklich frisch«, sagte sie und lachte. »Gerade erst gebraten.« Dann hob die Musik an – die zauberhaften Klänge eines Gamalong, eines Instruments, das an Tempelglocken erinnert. »Der Dalang spielt ganz allein«, flüsterte mir Rasy zu. »Er bedient auch selbst alle Puppen und spricht ihre Stimmen, in mehreren Sprachen. Wir werden für Sie übersetzen.« Es war eine bemerkenswerte Vorstellung, in der traditionelle Legenden mit aktuellen Ereignissen verbunden wurden. Später sollte ich erfahren, daß ein Dalang ein Schamane ist, der seine Arbeit in Trance verrichtet. Er hatte mehr als hundert Puppen und gab allen unterschiedliche Stimmen. Dies war ein weiterer unvergeßlicher Abend, der mein Leben nachhaltig beeinflussen sollte.


Nachdem der Dalang einen Text aus dem alten Ramayana-Epos vorgetragen hatte, präsentierte er eine Puppe von Richard Nixon mit der charakteristischen langen Nase und den Hängebacken. Der US-Präsident war angezogen wie Uncle Sam mit einem Stars-and-Stripes-Zylinder und entsprechendem Frack. An seiner Seite stand eine weitere Puppe, die einen dreiteiligen Nadelstreifenanzug trug. Diese zweite Figur hielt in der einen Hand einen Eimer, der mit Dollarzeichen versehen war. In der anderen Hand hatte sie eine amerikanische Flagge, die sie über Nixons Kopf schwenkte, so wie ein Sklave seinem Herrn mit einem Fächer Luft zuwedelt. Hinter den beiden Puppen tauchte eine Karte des Mittleren und des Fernen Ostens auf, auf der die verschiedenen Länder an Haken an ihrer jeweiligen Position hingen. Nixon trat an die Karte heran, nahm Vietnam vom Haken und schob es sich in den Mund. Dann rief er etwas, das übersetzt wurde als: »Ah, schmeckt das bitter! Grauenhaft! Davon wollen wir keine zweite Portion!« Er warf Vietnam in den Eimer und wandte sich einem anderen Land zu.

 

Überrascht verfolgte ich, daß es sich bei den nächsten Ländern, die er sich vornahm, nicht um die Domino-Staaten des Fernen Ostens handelte. Vielmehr lagen diese Länder alle im Nahen und Mittleren Osten – Palästina, Kuwait, Saudi-Arabien, Irak, Syrien und der Iran. Danach befaßte er sich mit Pakistan und Afghanistan. Jedes Mal rief die
Nixon-Puppe irgendeinen Schimpfnamen, bevor sie das Land in den Eimer warf, und immer hatten diese abwertenden Bezeichnungen eine antiislamische Färbung: »Moslemische Hunde«, »Mohammeds Ungeheuer« und »islamische Teufel«.


Die Menge wurde immer aufgeregter, und die Spannung wuchs mit jedem Neuzugang im Eimer. Die Zuschauer waren offensichtlich hin- und hergerissen zwischen Lachen, Entsetzen und Wut. Manchmal nahmen sie auch Anstoß an der Ausdrucksweise der Puppe, wie ich bemerkte. Mir wurde allmählich mulmig; ich stand hier mitten in der Menge, überragte die Zuschauer und fürchtete, sie könnten ihren Zorn an mir auslassen. Dann übersetzte mir Rasy eine Äußerung Nixons, die mir die Nackenhaare aufstellte. »Gib das der Weltbank. Schau zu, was sie machen kann, damit wir in Indonesien ein bißchen Geld verdienen können.« Er nahm Indonesien von der Landkarte und ließ es in den Eimer fallen, aber genau in diesem Augenblick sprang eine andere Puppe aus dem
Schatten. Diese Puppe stellte einen Indonesier dar, trug ein Batikhemd und eine Khakihose und hatte ein Namensschild am Revers. »Das ist ein bekannter Politiker aus Bandung«, erklärte mir Rasy.


Diese Puppe schoß zwischen Nixon und dem Mann mit dem Eimer hin und her und stieß eine Hand in die Höhe. »Halt!«, rief der Mann. »Indonesien ist ein souveränes Land.« Die Menge begann zu applaudieren. Da hob der Mann mit dem Eimer seine Flagge und schleuderte sie wie einen Speer gegen den Indonesier, der zu Boden stürzte und auf höchst dramatische Weise starb. Die Zuschauer buhten, pfiffen, kreischten und schüttelten die erhobenen Fäuste. Nixon und der Mann mit dem Eimer standen auf der Bühne und schauten uns an. Dann verbeugten sie sich und traten ab. »Ich glaube, wir sollten jetzt lieber gehen«, sagte ich zu Rasy. Er legte mir schützend eine Hand um die Schultern. »Alles in Ordnung«, sagte er. »Die Leute haben nichts gegen Sie persönlich.« Ich war mir da nicht so sicher. Später kehrten wir alle ins Café zurück. Rasy und seine Freunde versicherten mir, sie hätten nicht gewußt, daß dieser Sketch über Nixon und die Weltbank aufgeführt werden sollte. »Man weiß nie, was ein solcher Puppenspieler bringt«, bemerkte einer der jungen Männer.


Ich stellte die Frage, ob dieses Stück mir zu Ehren aufgeführt worden sei. Da lachte einer der jungen Männer und meinte, ich sei wohl sehr von mir eingenommen. »Typisch Amerikaner«, fügte er hinzu und klopfte mir freundschaftlich auf den Rücken. »Die Indonesier interessieren sich sehr für Politik«, bemerkte der Mann auf dem Stuhl neben mir. »Besucht ihr Amerikaner keine solchen Shows?« Eine junge Frau, die an der Universität Englisch als Hauptfach studierte, saß am Tisch mir gegenüber. »Aber Sie arbeiten doch für die Weltbank, nicht wahr?«, fragte sie. Ich erklärte ihr, daß meine gegenwärtigen Auftraggeber die Asiatische Entwicklungsbank und die US-Agency for International Development seien. »Ist das nicht das Gleiche?« Sie wartete meine Antwort nicht ab. »Ist das nicht so wie in dem Puppenspiel heute Abend? Betrachtet Ihre Regierung Indonesien und die anderen Länder nicht wie …« Sie suchte nach einem passenden Wort. »Wie eine Traube«, half ihr einer ihrer Freunde aus. »Genau. Wie eine Traube. Sie pflücken die Trauben und suchen sich dann die beste aus. Behalten wir England. Verspeisen wir China. Und werfen wir Indonesien weg.« »Nachdem ihr uns unser Öl genommen habt«, ergänzte eine andere junge Frau. Ich versuchte mich zu verteidigen, war der Situation jedoch nicht gewachsen. Ich wollte eigentlich stolz sein darauf, daß ich in diesen Teil der Stadt gekommen war und mir dieses antiamerikanische Puppenspiel angesehen hatte, das ich eigentlich als persönlichen Affront hätte auffassen müssen.


Ich wollte, daß sie begriffen, wie mutig ich war, daß ich das einzige Mitglied unseres Teams war, das sich die Mühe machte, Bahasa zu lernen oder sich mit ihrer Kultur zu beschäftigen, und ich wollte sie auch darauf hinweisen, daß ich der einzige Ausländer bei dieser Aufführung gewesen war. Aber dann überlegte ich mir, daß es klüger wäre,
nichts dergleichen zu sagen. Stattdessen versuchte ich das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken. Ich fragte sie, warum der Dalang ihrer Ansicht nach mit Ausnahme von Vietnam lauter moslemische Länder ausgewählt habe. Die hübsche Englischstudentin lachte über meine Frage. »Weil das der Plan ist.« »Vietnam ist nur eine Zwischenstation«, warf einer der Männer ein, »so wie Holland für die Nazis. Ein Sprungbrett.«


»Das eigentliche Ziel«, fuhr die Frau fort, »ist die islamische Welt.« Das konnte ich nicht unwidersprochen stehen lassen. »Aber ihr könnt doch nicht behaupten, daß die Vereinigten Staaten gegen den Islam sind«, protestierte ich. »Nein?«, fragte sie. »Seit wann denn? Da muß man doch nur einen eurer Historiker lesen – einen Briten namens Toynbee. Schon in den fünfziger Jahren hat er behauptet, daß der entscheidende Krieg im nächsten Jahrhundert nicht zwischen Kommunisten und Kapitalisten ausgefochten werden wird, sondern zwischen Christen und Muslimen.« »Arnold Toynbee hat das geschrieben?« Ich war verblüfft.


»Ja, lesen Sie CIVILIZATION ON TRIAL und THE WORLD AND THE WEST.« »Aber weshalb sollte eine solche Feindschaft zwischen den Muslimen und den Christen entstehen?«, fragte ich. Die jungen Leute am Tisch warfen sich vielsagende Blicke zu. Sie konnten es anscheinend kaum glauben, daß ich eine so törichte Frage stellte.
»Weil der Westen, und insbesondere seine Führungsmacht, die Vereinigten Staaten von Amerika …«, antwortete die junge Frau langsam, als spreche sie zu jemandem, der ein wenig schwer von Begriff ist, »entschlossen sind, die ganze Welt zu beherrschen und das größte Weltreich der Geschichte aufzubauen. Damit seid ihr auch schon sehr weit vorangekommen. Die Sowjetunion steht euch noch im Weg, aber die Sowjets werden sich nicht auf Dauer halten können. Toynbee hat das erkannt. Sie haben keine Religion und keinen Glauben, ihre Ideologie hat keine Substanz. Die Geschichte lehrt, daß der Glaube – die Seele, das Vertrauen auf höhere Mächte – etwas ganz Entscheidendes ist.


Wir Muslime haben diesen Glauben. Bei uns ist er stärker ausgeprägt als bei allen anderen Menschen auf der Welt, selbst stärker als bei den Christen. Also müssen wir nur warten. Wir werden immer stärker werden.« »Wir werden warten, bis unsere Zeit gekommen ist«, mischte sich einer der anderen Männer ein, »und dann zubeißen wie eine Schlange.« »Was für ein schrecklicher Gedanke!« Ich konnte mich kaum mehr beherrschen. »Was können wir tun, um das zu verhindern?« Die Englischstudentin schaute mich offen an. »Hört auf, so gierig zu sein«, sagte sie, »und so selbstsüchtig. Begreift endlich, daß es auf der Welt mehr gibt als eure großen Häuser und schicken Einkaufszentren. Die Menschen verhungern, und ihr macht euch Sorgen um das Öl für eure Autos. Babys verdursten, und ihr sucht euch in Modekatalogen die neuesten Klamotten aus. Länder wie unseres gehen an ihrer Armut zugrunde, aber ihr hört unsere Hilferufe nicht. Ihr verschließt eure Ohren vor den Stimmen derer, die euch all diese Dinge sagen wollen. Ihr bezeichnet sie als Radikale oder als Kommunisten. Ihr müsst eure Herzen öffnen für die Armen und Getretenen, anstatt sie noch tiefer in die Armut und die Knechtschaft zu treiben. Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Wenn ihr euch nicht ändert, seid ihr verloren.«


Einige Tage später wurde der populäre Politiker aus Bandung, dessen Puppe sich Nixon entgegengestellt hatte und die von dem Mann mit dem Eimer aufgespießt worden war, von einem Auto überfahren. Der Mann erlag seinen Verletzungen.

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