Von Rezeptschatzkästlein und Gottes Apotheke

Forschungsgegenstand, Ziel und Forschungsfragen

„Frauen in der Heilkunde“ sind ein Thema, das sich in der populär-wissenschaftlichen Literatur großer Beliebtheit erfreut (vgl. Kerckhoff 2011), dessen wissenschaftliche Erforschung jedoch erst in den letzten Jahrzehnten begonnen hat.

 

Gegenstand der medizinhistorischen Forschung sind dabei vorrangig Medizinerinnen, Wissenschaftlerinnen und Wegbereiterinnen der professionellen Krankenpflege und Geburtshilfe. So verfasste Prof. Dr. Dr. Paul Unschuld, ehemals Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität München, eine umfangreiche Doppelbiographie von Hedwig Danielewicz, einer der ersten promovierten Ärztin aus Deutschland, und ihrem Mann (Unschuld 1994). Viel Literatur findet sich zudem zu heilenden Frauen der früheren Geschichte, so z.B. zu Hildegard von Bingen.


Das Interesse an „heilenden Frauen“ im Raum Frankfurt/Oder, wo diese Dissertation eingereicht wurde, wird von Prof. Dr. Paul Vogler (1899-1996) berichtet. Auch der Philosophieprofessor H.-G. Gadamer, dessen Arzt Vogler war, bringt ein geradezu ganzheitliches Verständnis des Arztberufes zum Ausdruck und erwähnt die „weise Frau“.

 

Laienheilerinnen wurden in der Forschung bislang kaum beachtet, systematische oder vergleichende Arbeiten zu ihnen gibt es nicht, auch keine vergleichende Arbeit ihrer Werke.

 

Bedacht werden muss: Frauen waren erst ab 1867 in der Schweiz,3 ab 1901 in Deutschland zum Medizinstudium zugelassen.4 Die Möglichkeit zur Ausübung der Heilkunde ohne Bestallung durch das Heilpraktikergesetz existiert seit 1939. Waren also vor 1867 alle Frauen, die heilend tätig waren, zwangsläufig Laienheilerinnen, so existierten im späten 19. Jahrhundert parallel Ärztinnen und Laienheilerinnen, im 20. Jahrhundert dann Ärztinnen, Laienheilerinnen und Heilpraktikerinnen.


Mit prominenten Laienheilerinnen zwischen 1867 und 1980 befasst sich diese Arbeit, hier mit den Laienheilerinnen, die selbst schrieben oder unter deren Namen posthum publiziert wurde. Der sehr lange Forschungszeitraum ergibt sich dabei aus der Zulassung zum Medizinstudium einerseits, dem Publikationsjahr von Maria Trebens Hauptwerk Gesundheit aus der Apotheke Gottes andererseits.

 

Gemeint mit dem Begriff „Laienheilerin“ sind Frauen, die – ohne über eine berufliche medizinische Ausbildung, ein Medizinstudium oder eine Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde als Heilpraktikerin zu verfügen -, Kranke behandelten oder berieten. Diese Personengruppe ist biographisch, aber auch im Hinblick auf ihr Wirken und ihren therapeutischen Ansatz, bislang nur wenig erforscht worden. Dies liegt zum einen daran, dass viele Laienheilerinnen Repräsentantinnen einer mündlichen Tradition sind, ihre Spuren sind häufig verwischt. Nur in wenig Fällen schrieben sie ihr Wissen nieder, hielten Vorträge, gründeten Kurheime, Lehrinstitute, oder Badeanstalten, entwickelten Arzneimittel, gründeten Therapieverfahren etc.

 

Diese Frauen, die mit ihrem Werk in die Öffentlichkeit traten, bieten einen ersten Einstieg in die Thematik. Besonders interessant sind hier vor allem diejenigen, die Primärliteratur hinterließen, ist die Datenlage sonst doch eher bescheiden. Dass die meisten von ihnen keinen Eingang in die Geschichtsschreibung hat jedoch sicherlich auch etwas damit zu tun, dass die allermeisten Medizinhistoriker Schulmediziner sind und der Laienheilkunde traditionell distanziert gegenüberstehen. Eingeräumt werden muss allerdings auch, dass die Laienheilerinnen selbst nicht unschuldig an der Ablehnung durch den Ärztestand waren. Ihre Aktivitäten waren staatlich nicht legitimiert, sie rieten bisweilen zu naturheilkundlichen Maßnahmen als alleiniger Therapie bei schweren Erkrankungen und äußerten sich z. T. äußerst medizinkritisch. Geschäftlich lagen ihre Aktivitäten nicht selten im Graubereich.

 

Bis heute befinden sich viele Laienheilerinnen, ihre Schriften und die dort gegebenen Empfehlungen in einem Spannungsfeld zwischen oft kritikloser Akzeptanz der breiten Bevölkerung auf der einen Seite, Ignoranz und Ablehnung in Wissenschaft und Forschung auf der anderen Seite. Dieser emotionsgeladene und ideologisch gefärbte Grabenkrieg verhindert eine konstruktive Auseinandersetzung. Mit meiner Arbeit möchte ich einen ersten Beitrag zu einer solchen kritischen Auseinandersetzung leisten.

 

Die Forschungsfragen sind entsprechend:

  • Welche prominenten Laienheilerinnen gab es im beschriebenen Forschungszeitraum?
  • Wer waren diese Frauen?
  • Welche Schriften hinterließen sie?
  • Welche Diagnose- und Therapieverfahren wandten sie an bzw. werden in ihren Schriften beschrieben?
  • Über welche Kernkompetenzen verfügten sie? W
  • elche Gemeinsamkeiten und UnterWschiede finden sich? Welche Typen an Laienheilerinnen gibt es?
  • Lassen sich die typischen Merkmale und spezifischen Ressourcen der Frauen in ihrenSchriften belegen?
  • Welche Merkmale weisen die Schriften selbst auf?
  • Welche berechtigten kritischen Aspekte gab es in ihrem Wirken und ihren Schriften?
  • Welche Impulse für die Medizin von heute lassen sich aus Schriften und Werk ableiten?

Ziel der Arbeit sind damit zunächst die Dokumentation und der Vergleich des biographischen Datenmaterials ausgewählter Frauen wie die Erarbeitung von typischen Merkmalen und Kernaussagen der Schriften. Diskutiert wird, in welchem Rahmen einzelne Aspekte als Baustein einer integrativen Medizin auch heute sinnvoll erscheinen.

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