Reisen für Körper und Geist

Martin Busch ist Psychologe und in der Feldenkrais-Methode ausgebildet. Er lebt in Lackendorf nahe Rottweil in einem alten Bauernhof, den er selbst ausgebaut hat. Über zwanzig Jahre hatte er dort ein Heim für Kinder »in schwierigen Situationen« geführt, zusammen mit seiner Frau Irmtraud; und beide taten als Pflegeeltern alles, um diesen Kindern das Gefühl zu vermitteln, geachtete Mitglieder einer Familie zu sein. In dieser Zeit erkannte Martin Busch, dass die Beziehung zwischen zwei Menschen ein entscheidender Faktor der Veränderung ist. Jahrzehnte zuvor hatten Studien in großen Heimen gezeigt, dass Kinder vollständig verkümmern, wenn sie ohne emotionale Zuwendung durch Bezugspersonen aufwachsen, selbst dann, wenn das Pflegepersonal für ausreichende Körperpflege und Ernährung sorgt.[12]

 

In seiner großen Pflegefamilie erlebte Martin Busch, dass es möglich war, auch lange Jahre vernachlässigten Kindern noch das Gefühl eines grundlegenden Vertrauens zu vermitteln – einfach dadurch, dass er sie achtete und ihnen wie auch seine Frau als Bezugsperson gegenübertrat.


Als er begann, mit Menschen zu arbeiten, die schwer erkrankt oder behindert waren, stand diese Erfahrung im Zentrum seiner Arbeit: Beziehung wurde für ihn zu einem mächtigen Vermittler im Heilungsprozess, denn die Veränderung alter Muster ist keine Folge rationaler Entscheidungen, sondern wird erst möglich, wenn die Gefühle
von zwei Menschen in Resonanz treten, und das gilt auch zwischen Therapeut und Patient.[13] Untersuchungen in den letzten Jahren haben gezeigt, dass es in einer Psychotherapie tatsächlich weniger auf die Methode ankommt als auf die Beziehung zwischen den Behandlungspartnern. Der Streit der Schulen, über Jahrzehnte auf
Kongressen und in der Fachliteratur ausgetragen, ist ein Scheingefecht: Wie der Mensch sich seinem Gegenüber öffnet, darauf kommt es vor allem an.


Aber ist diese Erkenntnis von Bedeutung, wenn es um schwere körperliche Schäden geht? Dominik Polonski hatte ein Viertel seines Gehirns verloren, und die Lähmung seiner linken Seite hing ja offenbar damit zusammen, dass Hirnareale fehlten, die für die Wahrnehmung und Bewegung seiner linken Körperseite zuständig waren. Martin Busch ist ein pragmatischer Mann, kein Freund komplizierter Theorien. »Ich will nicht wissen, warum etwas im Detail funktioniert, was genau im Gehirn geschieht, wenn ich arbeite«, sagt er. »Ich sehe, was ich sehe, und ich fühle, was ich fühle. Und ich handle aus Intuition, die aus meiner Erfahrung stammt, meiner Wahrnehmung und meinem Wissen.


Natürlich geschieht irgendetwas im Gehirn, wenn ich arbeite, aber für die Erforschung dessen, was da genau geschieht, sind andere zuständig. Letztlich ist das Gehirn auch nur eine Metapher, ein Bild, das wir im Augenblick nutzen, um Krankheitsverläufe besser zu verstehen. Aber was genau geschieht, wie der Geist sich im Gehirn zeigt, wo das Bewusstsein, das Ich, das Selbst wirklich leben, das wissen wir nicht.« Martin Busch hat die Zusammenhänge von Körper und Seele über viele Jahre erkundet, auch auf Reisen in die tieferen Schichten des Bewusstseins. Die Trance ist eines seiner Instrumente.


Trance, das hat für viele Menschen noch immer einen unheimlichen Klang, so als ob sie in verbotene Räume führte, Räume, die wir besser nicht betreten sollten, weil wir den Bildern, die dort auf uns warten, nicht gewachsen sind. Verliese schrecklicher Erinnerungen oder bedrohlicher Phantasien. In Wirklichkeit öffnet die Trance aber nur einen Bereich unserer Seele, in dem ganz unerwartete Möglichkeiten der Veränderung liegen. Es sind tiefe Bereiche des Bewusstseins, die uns im Alltag nicht zur Verfügung stehen, die ein Eigenleben führen und nicht auf die einfachen Befehle unseres rationalen Ichs reagieren.

 

Auch wenn sie den meisten Menschen die meiste Zeit ihres Lebens vollständig verborgen bleiben, sind sie für den Alltag von großer Bedeutung, denn sie wirken aus dem Unbewussten und manipulieren unser Verhalten mehr, als uns lieb ist. Es sind die Gewölbe, in denen die vergessenen Erinnerungen lagern: in den Räumen unmittelbar unter der sichtbaren Oberfläche die Spuren aller persönlichen Lebenserfahrungen, darunter die Erinnerungen vergangener Epochen, unserer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern, auch der Schatten noch älterer Erfahrungen der persönlichen Familiengeschichte. Ganz tief unten, viele Etagen unter der Oberfläche des Wachbewusstseins, nur über lange und dunkle Treppen zu erreichen, liegen die Räume, zu denen alle Menschen in ihren tiefsten Träumen Zugang haben: Der Schweizer Psychiater C. G. Jung hat sie »das kollektive Unbewusste« genannt, den gemeinsamen Erinnerungsschatz von Jahrtausenden.

 

Hier lebt das Wissen um die Möglichkeit einer Heilung selbst in aussichtslos erscheinenden Momenten, wenn das rationale Bewusstsein mit der Macht seiner Argumente daran zweifelt, hier verbirgt sich das in Bilder gekleidete Gefühl, dass nichts unmöglich ist, dass vielmehr alles wirklich werden kann, was wir uns wünschen. Es ist jenes Zentrum, aus dem kleine Kinder ihre Gewissheit schöpfen, dass die liebevolle Hand der Mutter jeden Schmerz vertreiben, jede Verletzung heilen kann. Es ist der uralte Ort der magischen Gewissheit unserer Ahnen aus grauer Vorzeit, die noch ohne den Schatten eines Zweifels an den Zauber und das Wunder im Alltag glaubten.

 

Auch wir Menschen im rationalen 21. Jahrhundert tragen dieses tiefe Vertrauen in uns, nur haben die meisten, bis sie erwachsen sind, die Wege vergessen, die dorthin führen. Die Hypnose kann helfen, die verlorene Erinnerung zurückzubringen und die Zugänge wiederzufinden, die diese Quelle der Heilung erschließen: eine mächtige Ressource, wie das die moderne Therapieforschung ausdrückt.


Die Kraft der Hypnose wurde in den letzten Jahrzehnten immer präziser mit wissenschaftlichen Methoden untersucht. Dennoch halten sich in der Öffentlichkeit ängstigende Vorstellungen, die der Hypnose geradezu magische Kräfte zuschreiben: Der Klient verliere seinen Willen, sei den Manipulationen des Therapeuten hilflos ausgeliefert.

 

Diese Gerüchte erhalten immer neue Nahrung, wenn selbsternannte Magier auf der Showbühne ihre Kunststücke mit Freiwilligen aus dem Publikum vorführen, wenn sie den Anschein erwecken, in der Trance könne ein geschickter Hypnotiseur den Willen eines Menschen brechen. In allen seriösen Untersuchungen hat sich aber gezeigt, dass der Klient stets selbst entscheidet, wie weit er gehen möchte. Gegen seinen Willen und gegen seine ethischen Vorstellungen, die tief im Unbewussten verankert sind, kann die Suggestion nichts ausrichten.

 

Die meisten Menschen haben auch eine ganz falsche Vorstellung von dem, was Trance bedeutet: Keineswegs sinkt der Geist in eine Tiefe, die den Raum gleichsam auflöst und das Wachbewusstsein vollständig ausschaltet. Stets bleibt ein entscheidender Teil des rationalen Ichs erhalten und sorgt dafür, dass persönliche Grenzen nicht verletzt werden können. Trance ist ja ein Zustand veränderten Wachbewusstseins, wie die Wissenschaftler das ausdrücken,[15] kein Tiefschlaf, aus dem wir häufig ohne greifbare Erinnerung erwachen. Sie gibt Gedanken und Gefühlen einen Fokus, lässt den Klienten manchmal wie mit der Lupe verborgene Details erkennen, führt ihn in eine Bilderwelt, die seiner eigenen Persönlichkeit entspricht.

 

Eine Therapie in Trance ist wie eine Reise in kompetenter Begleitung: mit einem Führer, der sich in den Landschaften der Seele auskennt und deshalb helfen kann, den richtigen Weg zu finden. Ein Hypnotherapeut unterstützt Menschen auf dem Weg zu ihrem eigenen Zentrum, in dem die vergessenen Kräfte der Seele liegen. Und er kann helfen, alte Vorstellungen, die sich in den verborgenen Räumen des Unbewussten verstecken und von dort aus den Alltag beeinflussen, aufzuspüren und direkt zu betrachten, um sie zu verändern oder direkt für die Gestaltung des eigenen Lebens zu nutzen. Eine kreative Begegnung, ein Kontakt mit dem Geheimnis, dessen Existenz die meisten Menschen nicht einmal ahnen, auch wenn sie ihm manchmal in ihren Träumen begegnen.

 

Martin Busch hat in seiner Praxis einen besonderen Zugang in diesen wichtigen Bereich der Seele entwickelt, er begleitet seine Klienten fast beiläufig in die Trance, für einen äußeren Beobachter kaum spürbar: mit einer leichten Veränderung seiner Stimme, mit einer Geschichte, die er plötzlich erzählt, oder mit einer für die rationale Logik ganz unverständlich erscheinenden Folge von Sätzen.

 

Diese Technik wurde von einem der modernen Väter der Hypnotherapie entwickelt, dem Amerikaner Milton Erickson. Sie bringt das rationale Bewusstsein, das den Worten folgen und die Bedeutung der Geschichte zweifelsfrei verstehen möchte, in einen schwerwiegenden Konflikt. Immer wenn es glaubt, den Faden der Logik in Händen zu halten, verliert es im nächsten Satz den Zusammenhang, weil er keinen Sinn zu enthüllen scheint.

 

In dieser zunehmend verwirrenden Situation schaltet die Steuerungsinstanz an der Oberfläche des Bewusstseins nach und nach ab. Der Geist bleibt wach, aber er gibt den Wunsch auf, jeden Schritt seiner Kontrolle zu unterwerfen und alle Bewegungen der Seele steuern zu wollen. So wagt das Bewusstsein, mit Hilfe des Therapeuten in tiefere Schichten zu sinken, in denen Bilder und Gefühle die Macht über das logische Denken haben.

 

Je nachdem, wie weit es das Selbst des Patienten zulässt, öffnen sich jetzt die Räume in der Tiefe. Martin Busch verfügt aber noch über eine andere Ebene der Begleitung, die gleichsam auf der entgegengesetzten Seite ansetzt: dem Körper. In den Bewegungsmustern des Körpers nämlich, in der sichtbaren Form, in dem sich die Erfahrungen eines ganzen Lebens in der äußeren Welt zeigen, in der Haltung, der Art, sich zu bewegen und sich zu zeigen, in den Schmerzen ebenso wie in positiven Gefühlen, in der Fähigkeit oder Unfähigkeit, bestimmte Handlungen auszuführen, spiegeln sich innere Zustände. Sie beeinflussen den Körper ebenso, wie der Körper die Seele beeinflusst, denn sie sind ja Teil desselben Netzes, in dem sich das Leben äußert. Wer die Seele erreichen möchte, kann den Zugang deshalb auch über den Körper suchen, und wer den Körper erreichen möchte, kann dies auch auf dem Weg über die Seele tun.


Martin Busch hat diese Gedanken und ihre therapeutischen Konsequenzen von Moshé Feldenkrais gelernt, einem Mann, der ähnlich wie Erickson völlig neue Wege ging. Erickson entdeckte die Macht der Suggestion als Jugendlicher im Selbstversuch: Durch eine schwere Kinderlähmung behindert, ging er ohne äußere Anleitung auf eine lange Reise in die Landschaften der Seele und gewann so seine Bewegungsfähigkeit wieder. Diese Erfahrung war die Grundlage seiner späteren Arbeit als Hypnotherapeut.


Moshé Feldenkrais hatte keine psychologische Ausbildung, er war Physiker, bevor er sich für die Heilung körperlicher und seelischer Erkrankungen zu interessieren begann. Auch wenn er weiter als Physiker in verschiedenen Ländern arbeitete, interessierte er sich mehr und mehr für das Zusammenspiel von Körper und Geist. Drei Ebenen prägten nach seiner Vorstellung den Menschen: Vererbung, Erziehung und Selbsterziehung. Nur auf die dritte Ebene haben wir unmittelbar Einfluss, und deshalb setzte er hier an.

 

Um sich selbst zu ändern, um sein Leben besser zu meistern und um Gebrechen zu heilen, war es aus seiner Sicht entscheidend, sich selbst in jeder Hinsicht bewusst zu werden. Das bedeutet auch, seinen Körper genau zu verstehen, ihn zu ergründen und ihn gleichsam als Teil des Bewusstseins anzusehen, als äußeren Ausdruck innerer Bewegungen und umgekehrt.

 

Bewusstheit durch Bewegung heißt eines seiner grundlegenden Werke, und schon der Titel zeigt, dass für Feldenkrais das Zusammenspiel beider Ebenen wichtig war, nicht als Mittel zum Zweck, sondern um Körper und Geist gleichermaßen zu stärken, die er wie die Forscher der jüngsten Zeitschon vor Jahrzehnten als untrennbare Einheit empfand.

 

Martin Busch hat von beiden Pionieren gelernt und ihre Erkenntnisse und Erfahrungen in seiner persönlichen Denk- und Arbeitsweise verbunden. Im Kern, sagt er, gehe es weder um den Körper noch um den Geist: »Wenn wir diesen beiden Ebenen des Menschen nicht die volle Aufmerksamkeit zuwenden, sondern dem Raum zwischen ihnen,[16] dann arbeiten wir dort, wo sich beide vollständig verbinden. Und so entsteht die Möglichkeit zu einer Veränderung, die sowohl den Körper wie den Geist erreicht.«


Dieser gleichsam in der Schwebe gehaltene Satz macht deutlich, dass eine solche Arbeit keine Einbahnstraße ist. Die Straße ist vielmehr in beide Richtungen befahrbar, und sie muss auch in beide Richtungen befahren werden, damit eine Verbesserung erreicht werden kann, vielleicht sogar Heilungsprozesse eingeleitet werden können. Es geht, mit anderen Worten, um einen dialektischen Prozess, um eine Entwicklung, die auf Wechselwirkungen beruht: Über die Bewegung des Körpers und über die persönliche Beziehung zu seinem therapeutischen Begleiter erreicht der Patient mehr und mehr Bewusstheit.

 

Seine Körperwahrnehmung geht gleichsam Schritt für Schritt aus den verborgenen Räumen des Unbewussten an die sichtbare Oberfläche, wo sie in das Licht der bewussten Erkenntnis tritt. Was bisher automatisch geschah (und was durch unbewusste Blockaden gestört und an der Entfaltung gehindert wurde), spielt sich plötzlich im Lichtkegel des Wachbewusstseins ab und verändert das in Jahrzehnten erlernte Regelwerk von Körper und Geist.

 

Wenn dies geschehen ist, kann das Bewusstsein auf den Körper und seine vielfältigen Mechanismen Einfluss nehmen, kann Bewegungen bewusst wahrnehmen und sie neu verstehen. Das Zusammenspiel dieser beiden Ebenen, die den Menschen ausmachen, bringt ihn in einen Zustand veränderter Wahrnehmung, in eine höhere Bewusstheit, die nun auch automatische Prozesse neu ordnen kann. Am Ende dieser Umgestaltung können sich die neuen Bewegungsabläufe wieder im Unbewussten verankern, alles, was ein Patient von nun an tut, vollzieht sich auf einer Ebene umfassenderen Verstehens, ohne dass er seine Gedanken ständig dorthin lenken müsste.


Erst die vertrauensvolle Beziehung zwischen Therapeut und Patient aber macht es möglich, den »Raum zwischen Körper und Geist« zu betreten. Und so spricht Martin Busch von einem »Dreiklang«, in dem er die Essenz seiner Arbeitsweise sieht: Bewegung, Bewusstheit und Beziehung.

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