2010/03: Wisnewski: Die ersten Globalisten

Man schrieb das Jahr 1521, da wälzte sich auf dem Schloss derer von Loyola im Baskenland ein Ritter in Fieberträumen.

 

Nach der Schlacht um Pamplona fanden die französischen Soldaten Iñigo de Loyola (deutsch: Ignatius oder Ignaz von Loyola) »blutüberströmt mit zerschmettertem Bein auf der Bastion« der Zitadelle liegen: »Wie zum Hohn war er, der wagemutige Ritter, von dem unpersönlichen Kriegswerkzeug der neuen Zeit gefällt worden, von einer Kanonenkugel, die blind von irgendwoher gekommen war …« Während der folgenden Monate voll quälender Torturen und Operationen wurde Loyola immer wieder von Fieberphantasien und träumerischen Visionen verfolgt.

 

Später, »da die Schmerzen ihn freigaben, wälzten sich bald mit bleierner Schwere die Stunden der Langeweile auf ihn« In seiner Not suchte er nach seinem Lieblingsbuch, das er schon in seiner Pagenzeit gelesen hatte, dem spanischen Ritterroman Amadís de Gaula (dt. Amadis von Gallien) über die Abenteuer des sagenhaften Sohns des Königs von Gallien und der britischen Prinzessin Elisena, der als Säugling ausgesetzt und nach Schottland verschlagen wurde, wo er sich in die bezaubernde Prinzessin Oriana verliebte. Allein, das Buch war nicht vorhanden.

 

Auf dem Schlosse Loyola gab es exakt zwei Werke, und die handelten von einem ganz anderen Helden, nämlich von Jesus Christus. Vier Folianten der »Vita Christi« (des Lebens Jesu) gab es hier und noch eine Sammlung von Heiligenlegenden. So transformierte der wackere Iñigo de Loyola sein ritterliches Heldendasein in ein Dasein als religiöser Held. Er warf die Ritterrüstung weg und tauschte sie gegen Bettlerkleidung ein. Loyola beschloss, den Ritterberuf an den Nagel zu hängen und ein Ritter Christi zu werden: »Eines Nachts erhob er sich von seinem Lager, kniete vor dem Muttergottesbild in der Zimmerecke nieder und gelobte, fortan als treuer Soldat unter der königlichen Fahne Christi dienen zu wollen


Da kann man mal sehen, wohin beschränkte Bildungsangebote führen können. Doch so machte der junge Loyola Ernst und gründete am 15. August 1534 für seinen neuen Helden einen Fanclub, der sich wenige Jahre später »Gesellschaft Jesu« nannte (besser bekannt als die »Jesuiten«) und im kirchlichen Bereich »Orden« hieß. An jenem Tag gelobte Loyola zusammen mit sechs anderen Männern in der Kapelle St. Denis am Montmartre Armut, Keuschheit und Mission in Palästina.

Wäre die Schlossbibliothek derer von Loyola bloß etwas abwechslungsreicher bestückt gewesen, wäre der Welt aus der Sicht von Kritikern der Jesuiten so einiges erspart geblieben – unter anderem die Gesellschaft der Bilderberger. Diese Vereinigung können wir wesentlich besser verstehen, wenn wir uns einen Moment mit den Jesuiten befassen.

Die Feuerwehr des Papstes

Zunächst einmal waren die Missionare jener Tage die ersten Globalisten, und die ersten unter den Missionaren waren die Jesuiten: In fremde Kulturen eindringen, sie unterwandern, aushöhlen und im eigenen Sinne umdrehen und umfunktionieren, das war die Spezialität der Jesuiten. Wenn es mal besonders harte Nüsse zu knacken gab und es beim Missionieren gar nicht weiterging, rief der Papst nach seiner Missionsfeuerwehr – den Jesuiten. Zum Beispiel in den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts. Da hatte die christliche Kirche ein Problem: Mit der Christianisierung Indiens ging es nicht so recht voran. Die kulturellen und religiösen Hürden zwischen dem christlichen Glauben und den indischen Religionen erschienen einfach zu hoch.

 

Besonders die oberste hinduistische Kaste der Brahmanen erwies sich als schwer zu schleifende Festung. Das Brahmanentum war geprägt von einer ganz speziellen, über viele Jahrhunderte geprägten elitären Identität. Einer Identität, die sich im hinduistischen Kastenwesen behauptet hatte und gegenüber völlig fremden Einflüssen noch widerstandsfähiger war. Wie sollte man hier eindringen, und wie sollte man hier die »frohe Botschaft« Jesu verbreiten?

An Indien hatte sich schon eine Reihe von katholischen Orden die Zähne ausgebissen: Dominikaner, Franziskaner und Weltpriester hatten in den neuen Kolonialgebieten das Evangelium verkündet, doch ohne wirklich durchschlagenden Erfolg. Um die Wahrheit zu sagen, stießen die Geschichten über den Gottessohn, der am Kreuz elend dahinsiechte, besonders bei den Brahmanen auf ein gewisses Befremden. Also beschloss König Johann III. von Portugal, den Papst um den Einsatz seiner neuen Geheimwaffe zu bitten – der Gesellschaft Jesu:

»Der König hatte die Tätigkeit dieser Priester schon vielfach loben gehört und hoffte, sie würden mit noch größerem Eifer als die übrigen Geistlichen an der Verbreitung des Christentums unter den Heiden arbeiten. In der Tat sollte dieser Entschluss des Königs eine ganz neue Epoche für die katholische Missionstätigkeit, aber auch für die Gesellschaft Jesu einleiten; was die Jesuiten als apostolische Prediger geleistet haben, stellte alle Erfolge der anderen Missionsorden weit in den Schatten, und erst durch ihre Wirksamkeit in den Missionen hat die Gesellschaft Jesu ihren eigentlichen Weltruhm erlangt.«

Die Jesuiten revolutionierten den missionarischen Stil und die Missionserfolge gleich mit. Statt aggressiv traten sie leise auf, statt zu fordern, boten sie an, statt zu unterdrücken, standen sie mit Rat und Tat zur Seite, statt aufzutrumpfen, gaben sie sich unterwürfig, statt Konflikt suchten sie den Konsens – und zwar heimlich, still und leise und prägten so den typischen »jesuitischen Stil«.

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