24. Was Freiland nicht kann!

So schwere Folgen auch die Bodenverstaatlichung nach sich ziehen wird, so kann man ihre Wirkung doch übertreiben.


Ein Allheilmittel ist Freiland, wie manche wähnen, nun freilich nicht. Henry George war der Meinung, daß mit Freiland auch

der Zins, die Wirtschaftskrisen, die chronische Arbeitslosigkeit

verschwinden würden. Zwar vertrat er diese Meinung nicht mit der Entschlossenheit mit dem Gedankenreichtum, mit denen er seine Hauptforderung stützte, und in dieser Lauheit müssen wir den Beweis erblicken, daß er selbst noch schwere Zweifel hegte und einen völlig karen Einblick in diese Verhältnisse vermißte. Aber seine Jünger haben diese Zweifel nicht.


Bei Henry George waren es nicht viel mehr als Meinungen oder Glaubenssätze; bei seinen Jüngern, den sogenannten Bodenreformern aber sind es unbezweifelte Grundsätze geworden. Nur Michael Flürscheim macht hier eine Ausnahme, wodurch er aber wieder allen anderen Bodenreformem entfremdet wurde, trotzdem er es gewesen war, der den Gedanken der Bodenreform in Deutschland wieder neu zu beleben wußte. Sicher der beste Beweis, daß die Ansichten Georges über Zins und Krisen bei seinen Jüngern als unantastbare Wahrheit gelten, mit denen man wohl denkt, über die zu denken aber als eine Art Abfall vom Glauben angesehen wird.


Freiland beeinflußt die Verteilung der Erzeugnisse; aber die Arbeitslosigkeit, die Wirtschaftskrisen sind keine Probleme der Verteilung, sondern solche des Tausches (oder Handels), und auch der Zins ist, obschon er viel stärker noch als die Grundrente die Verteilung der Erzeugnisse beeinflußt, doch nur ein Tauschproblem, denn die Handlung, die die Höhe des Zinses bestimmt, nämlich das Angebot von greifbaren vorrätigen Produkten gegen solche künftiger Erzeugung ist ein Tausch, nichts als ein Tausch. Bei der Grundrente dagegen findet kein Tausch statt; der Grundrentner steckt einfach die Rente ein, ohne irgend etwas in Tausch zu geben. Die Rente ist ein Teil der Ernte, kein Tausch, darum kann auch das Studium der Grundrente keinen Anhaltspunkt für die Lösung des Zinsproblems geben.


Die Fragen der Arbeitslosigkeit, der Wirtschaftskrisen und des Zinses lassen sich nur beantworten, wenn man die Bedingungen untersucht, unter denen der Tausch überhaupt stattfinden kann. Diese Untersuchung hat George, haben auch die deutschen Bodenreformer nicht angestellt. Darum ist es ihnen ganz unmöglich,

für den Zins, die Krisen und die Arbeitslosigkeit

reichhaltige Erklärungen zu geben. Die Zinstheorie Georges, die noch heute die Köpfe der deutschen Bodenreformer verwirrt, ist eine unglaublich grobe, sogenannte Fruktifikationstheorie und vermag so wenig wie seine ebenso oberflächliche Krisentheorie (Mißverhältnis zwischen Verbrauch und Einnahmen der Reichen) auch nur eine einzige der Erscheinungen zu erklären, die den Zins, die Arbeitslosigkeit und die Krisen begleiten.


Und das ist bisher der schwache Punkt der Bodenreform gewesen. Auf der einen Seite die Behauptung, die Bodenreform löse für sich allein die ganze „soziale Frage“ auf der anderen Seite die Unfähigkeit, für die schwersten Schäden unserer Volkswirtschaft eine befriedigende, der Kritik standhaltende Erklärung zu bringen. Und nicht allein eine Erklärung hätten die Bodenreformer bringen müssen, sondern auch das Mittel, um die genannten Schäden unserer Volkswirtschaft zu beseitigen. Den Arbeitern aber, denen die Bodenreformer die Erlösung aus ihrer schrecklichen Lage bringen wollen, ist mit der Verstaatlichung der Grundrente allein noch nicht geholfen. Sie wollen den vollen Arbeitsertrag, d. h. die Beseitigung der Grundrente und des Kapitalzinses; dazu eine Volkswirtschaft, die Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit unmöglich macht.


Diese Übertreibung der Wirksamkeit der Bodenverstaatlichung hat der ganzen Bewegung unberechenbaren Schaden verursacht.


Wir werden jetzt die Verhältisse untersuchen, unter denen der Zins, die Krisen und die Arbeitslosigkeit zustande kommen und die Mittel prüfen, die für die Beseitigung dieser Übelstände zu ergreifen sind. Es handelt sich hier um Fragen,  sie in dem üblen Rufe stehen, zu den verwickelisten aller volkswirtschaftlichen Fragen zu gehören. Die Sache ist jedoch nicht so schlimm. Die Fragen sind nur wissenschaftlich verwickelt worden: in Wirklichkeit liegen die Tatsachen schön glatt nebeneinander, und wir brauchen nur beim richtigen Ende anzufangen, um sie an einander zu reihen.

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