6. Wie das Freigeld beurteilt wird: Der Wucherspieler (Spekulant)

Mit der Einführung von Freiland ist uns schon der Handel mit Baustellen, Bergwerken und Ackerland unmöglich gemacht worden, und jetzt mit dem Freigeld wird mir das Geschäft mit Börsenpapieren und Waren auch noch entrissen. Wo immer ich auch hier den Fuß hinsetze, sinke ich ein. Und das nennt man Fortschritt, ausgleichende Gerechtigkeit? Biederen, harmlosen Büügern den Erwerb zu untergraben, und noch dazu unter Mitwirkung des Staates, desselben Staates, dem ich so treu gedient habe, wie meine ordengeschmückte Brust, meine Ehrenämter und Ehrentitel es beweisen! Ein Raubstaat, kein Rechtsstaat ist das!


Neulich ließ ich den Zeitungen auf meine Kosten die Drahtmeldung zugehen, daß zwischen zwei südamerikanischen Freistaaten (ich entsinne mich der Namen nicht mehr) ernste Reibereien ausgebrochen seien, und dass man Verwicklungen mit fremden Mächten für möglich halte. Glauben Sie vielleicht, dass die Nachricht Eindruck auf die Börse gemacht hat? keine Spur! Ich sage Ihnen, die Börse ist unglaublich dickfellig geworden. Hat doch selbst die Nachricht von der Eroberung Karthagos durch die Japaner die Börse nicht aufzuregen vermocht! Oh, ich sage Ihnen, diese Gleichgültigkeit ist schrecklich anzusehen! Eigentlich ist ja nichts Wunderbares daran, aber es sticht so sehr gegen das frühere Benehmen der Börse ab, dass es schwer ist, sich damit abzufinden.


Mit dem Freigeld hat das Geld aufgehört, die Hoch- und Zwingburg der Geldmänner zu sein, wohin sie sich beim geringsten Alarm zu flüchten pfleg-

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ten. Bei der geringsten Gefahr, „realisierte“ (*) man die Papiere, d. h., man verkaufte sie gegen Geld und glaubte, sich so vor jedem Verluste gesichert zu haben.

 

(*) Durch nichts wird der ungeheure Wahn, in dem die Menschheit lebt, besser offenbart, als durch diesen in der ganzen Welt gebräuchlichen Ausdruck. Real ist allen nur das Geld.)

 

Diese Verkäufe waren natürlich mit einem Kursverlust verbunden, der um so größer war, je größeren Umfang die Verkäufe annahmen.


Nach einiger Zeit, wenn ich glaubte, daß nichts mehr zu holen sei, verbreitete ich beruhigende Nachrichten. Die eingeschüchterten Spießbürger wagten sich wieder aus der Burg hervor, und bald trieben sie mit ihrem eigenen Geld die Kurse der Papiere hoch, die sie in überstürzter Eile zu billigen Preisen an meine Helfershelfer verkauft hatten. Das war dann ein Geschäft!


Und jetzt mit diesem unglückeligen Freigeld: Bevor der Spießbürger eine Papierchen verkauft, muß er sich fragen, was er dann mit dem Erlös, mit dem Gelde anfängt. Denn dieses Geld bietet doch keinen Ruhepunkt mehr, man kann es doch nicht mit nach Hause nehmen und einfach warten. Zum reinen Durchgangslager ist das Geld geworden. Also was wird, sagen die Leute, mit dem erlös der Papiere, die wir gefährdet glauben, die wir verkaufen wollen? Gewiß, wir glauben Ihnen, die Aussichten sind schlecht für unsere Papiere, aber sind denn die Aussichten für das Geld, das Sie uns in Tausch geben, etwa besser? Sagen Sie uns, was sollen wir mit dem Gelde kaufen? Zuerst müssen wir das wissen, dann wollen wir verkaufen. Staatspapiere wollen wir nicht kaufen, denn andere haben sich schon darauf geworfen und den Kurs hochgetrieben. Sollen wir mit Verlust unsere Papiere verkaufen, um dafür andere zu übertriebenen Kursen, also auch mit Verlust, zu kaufen? Verlieren wir schon beim Einkauf der Reichsanleihen, so können wir ebenso gut an unseren Papieren verlieren. Besser also, wir warten mit dem Verkauf ein Weilchen.


So spricht jetzt der Spießbürger, und das ist es, was uns das Geschäft verdiebt. Dies verwünschte Warten! Denn erstens geht durch das Warten der Eindruck unserer Nachrichten verloren, die Beläubung läßt nach, und zweitens treffen in der Regel von anderer Seite beruhigende Nachrichten ein, durch die unsere Alarmmeldungen als arge Übertreibung entlarvt werden, und dann ist es überhaupt vorbei. Denn den ersten Eindruck muß man ausbeuten. Die Bauernfängerei ist recht schwierig geworden.


Und dann stecken ja unsere Betriebsmittel auch in diesem Ludergeld. Das Geld verfault uns ja in der Kasse. Ich muß natürlich mein Geld immer verfügbar halten, um im passenden Augenblick meinen Schlag zu tun. Wenn ich es dann nach einiger Zeit nachzähle, ist schon ein erheblicher Teil angefault. Ei regelmäßiger, sicherer Verlust gegenüber einem unsicheren Gewinn.


Ich hatte zu Anfang des Jahres in barem Gelde 10 Millionen. In der Meinung, es wie früher jeden Tag gebrauchen zu können, ließ ich das Kapital in barem Gelde da liegen. Jetzt sind wir schon Ende Juni angelangt, und es war mir nicht möglich, die Börse zu Verläufen in größerem Maßstabe zu bewegen. Und so liegt das Geld noch da, unberührt. Was sage ich unberührt? 250000 Mark fehlen schon daran. Ich habe da unwiederbringlich eine große

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Summe verloren, und die Aussichten für die Zukunft sind nicht besser geworden. Im Gegenteil, je länger der Zustand anhält, um so dickfelliger wird die Börse. Schließlich lehrt ja auch die Erfahrung die Spießbürger, daß, wenn niemand verkauft, auch die Kurse nicht weichen, trotz der trüben Aussichten, und dass Nachrichten und Aussichten allein nicht genügen, um einen Kursrückgang zu begründen. Tatsachen sind dazu nötig.


Wie prächtig war es dagegen früher! Da liegt, als musterhafte Probe für meine Stimmungsberichte, ein Bericht vom Lokal-Unzeiger vom 9. Februar vor mir:

„Ein schwarzer Dienstag! Panischer Schreden durchzuckte heute unsere Börse auf die Nachricht, daß der Sultan sich eine Magenstörung zugezogen habe. Große Verkaufsaufträge aus den Reihen der Provinzkundschaft trafen mit einem bedeutenden Verkaufsandrang unserer Platzspekulation zusammen, und unter der Wucht dieses Druckes eröffnete der Markt in teilweise demoralisierter und deroutierter Haltung. Sauve qui peut‘ war heute in der Eröffnungsstunde die weit verbreitete Losung.“

Und jetzt? Immer diese ewige langweilige Frage: „Was mache ich mit dem Gelde; was soll ich kaufen, wenn ich jetzt meine Papiere verkaufe?“ Dieses Ludergeld. Wie schön war es mit der Goldwährung. Da fragte niemand: Was fange ich aber mit dem Erlös an? Man verkaufte, auf Geheiß der Börsianer, die schönen Papiere ja gegen Gold, das doch noch viel schöner war; man freute sich, das ausgelegte Geld einmal wieder zu sehen, um es nachzuzählen, um mit den Händen darin zu wühlen. Hatte man Gold, dann war man sicher; im Gold konnte man unmöglich verlieren, weder beim Kauf noch beim Verlauf, das halte ja, wie die Gelehrten sich ausdrücken, seinen, „festen inneren Wert!“ Dieses famose Gold mit bestem, inneren Wert, dem gegenüber alle übrigen Waren und Papiere auf- und niedergingen, wie das Queckhilber des Barometers. Famoser, innerer Wert des Goldes! Wie gut ließ sich damit spekulieren!


Jetzt sitzen die vermögenden Leute auf ihren Papieren, als ob sie darauf angenagelt wären, und ehe sie verkaufen, immer die gleiche Frage: „Bitte sagen Sie mir zuerst, was ich mit dem Ludergeld, dem Erlos meiner Papiere, anfangen soll„. Die alte Börsenherrlichkeit hat jetzt ein Ende, mit dem Gold ist die Sonne am Himmel der Spekulation untergegangen.


Ein Trost bleibt mir jedoch, ich bin im Unglück nicht allein. Auch meinen in Waren arbeitenden Berufsgenossen ist es ähnlich ergangen; auch ihnen hat das Freigeld das Geschäft verdorben. Früher waren die gesamten Warenbestände des Landes bis zum Augenblick des unmittelbaren Verbrauche immer verkäuflich; sie waren in den Händen der Kaufleute. Kein Mensch dachte daran, über den unmittelbar fühlbaren Hunger hinaus sich Vorräte anzulegen. Man hatte  ja Gold mit, festem inneren Wert, das alle Vorräte ersetzte, an dem man niemals etwas verlieren konnte. Wer Gold vorrätig halte, der hatte alles, was er brauchte, zu seiner Verfügung. Also wozu Vorräte anlegen, die die Motten fressen?


Aber gerade weil alles, alles immer feilgehalten wurde, konnte man so vortrefflich spekulieren; denn auf der einen Seite, beim Verbraucher, waren nicht für 24 Stunden Vorräte, auf der anderen Seite lagen alle Vorräte

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bei den Kaufleuten zum Verkauf ausgebreitet. Die Sache war also einfach, man kaufte, was da war, und ließ dann die Nachfrage an sich herantreten. Der Gewinn war meistens sicher.


Und jetzt? Die Waren, die früher in den Läden feilgehalten wurden, sie sind auf Millionen von Vorratskammern verteilt, und wie könnte man diese wieder in den Handel zurückbringen? Und womit diese Vorräte bezahlen? Mit Freigeld? Aber, um sich des Geldes zu entledigen, haben ja die Verbraucher die Voträte gekauft. Diese Vorräte sind keine Waren mehr, es sind unvertäufliche Güter. Und gelänge es auch dem Spekulanten etwa, die neuerzeugten Waren an sich zu reißen, so würden darum doch die Preise nicht gleich anziehen, denn die Vorräte sind ja da; man lebt nicht mehr wie früher von der Hand in den Mund. Bevor diese Vorräte aufgezehrt sind, hat sich die Nachricht verbreitet, daß die Wucherspieler sich gewisser Bestände bemächtigt haben. So ist dann jeder auf der Hut, und ehe noch die Wucherspieler ihre Waren absetzen konnten, haben die Erzeuger den Ausfall anderweilig gedeckt. Dabei ist noch zu bedenken, dass auch die Betriebsmittel der Warenspekulanten immer in der Geldform flüssig gehalten werden müssen und durch den Kursverlust des Freigeldes zusammenschrumpfen. Zinsverlust, Kursverlust, Lagergelder und kein Profit — wer soll das aushalten?


Wie konnte man doch eine Neuerung einführen, die den Staat unmittelbar schädigt? Denn ich Rockefeller, bin doch der Staat, und mit meinem Freund Morgan vereinigt, bilden wir die Vereinigten Staaten. Wer mich schädigt, schädigt den Staat.


Woher nur der Staat das Geld für die Wohlfahrtseinrichtungen holen wird, ist mir ganz rätselhaft. Der Staat hat da den Ast abgesägt, der die besten Früchte trug. Das Gold hatte nach Aussage unserer Fachmänner und Gelehrten einen, festen inneren Wert. Das Publikum, das mit Gold Waren eintauschte, konnte niemals etwas verlieren. Denn, nach Aussage der Gelehrlen, heißt tauschen soviel wie messen (*) und wie ein Stück Leinwand immer das gleiche Maß ergibt, ob man an dem einen Ende anfängt, oder an dem anderen, so muß beim Kauf und Verkauf der Waren immer die gleiche Goldmenge herauskommen. Denn das Gold hat ja, das kann nie scharf genug betont werden, einen, festen inneren Wert?!? Solange wir also Gold hatten, war das Publikum durch den inneren festen Wert des Goldes vor jedem Betrug geschützt. Wir Spekulanten, die wir uns bereicherten, konnten das also niemals auf Kosten des Publikums tun: Woher unsere Vermögen kamen, weiß ich nicht, aber kommt nicht alles vom Himmel!

 

(*) Wertmaß!!? Werttransportmittel, Wertspeicher, Werrtstoff, Wertbrei und Wertschwindel)

 

Und solche himmlischen Gaben hat man mit Freigeld zunichte gemacht!

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