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  • Erstellungsdatum 13. Juni 2026
  • Zuletzt aktualisiert 13. Juni 2026

Das Imperium der Schande. Der Kampf gegen Armut und Unterdruckung

Jean Ziegler
DAS IMPERIUM
DER SCHANDE
Der Kampf gegen
Armut und Unterdrückung

Aus dem Französischen
übertragen von
Dieter Hornig

VORWORT

Aufklärung

Im Jahr 1776 wurde Benjamin Franklin zum ersten Bot­schafter der jungen amerikanischen Republik in Frank­reich ernannt. Er war siebzig. Franklin traf am 21. De­zember in Paris ein, er kam aus Nantes und hatte eine lange und gefährliche Atlantiküberquerung auf der Re­prisal hinter sich.

Der große Gelehrte bezog ein bescheidenes Haus in Passy. Die Klatschjournalisten begannen rasch, sein Tun und Treiben genauestens zu verfolgen. Einer von La Ga­zette schreibt : »Niemand nennt ihn Monsieur … alle re­den ihn ganz einfach mit Doktor Franklin an … wie man
es mit Platon oder Sokrates getan hätte.« Bei einem ande­ren heißt es : »Prometheus war letztlich nur ein Mensch. Benjamin Franklin ebenfalls … aber was für Menschen !« Voltaire, der mit seinen 84 Jahren praktisch nicht mehr außer Haus ging, begab sich in die königliche Akademie, um ihn dort feierlich zu empfangen.

Franklin, mit Thomas Jefferson Verfasser der Unabhän­gigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, die am 4. Juli 1776 in Philadelphia unterzeichnet worden war, genoss in den revolutionären Zirkeln und in den literarischen Sa­lons von Paris einen immensen Ruf. Was stand in dieser Erklärung ? Lesen wir die Präambel noch einmal :

»Wir halten folgende Wahrheiten für unumstößlich (im Original : self evident) : Alle Menschen wurden in Gleich­heit erschaffen ; der Schöpfer hat ihnen unveräußerliche Rechte gegeben, deren erste da sind : das Recht auf Leben, das Recht auf Freiheit, das Recht auf das Streben nach
Glück (im Original : pursuit of happiness) […] Um den Ge­nuss dieser Rechte zu sichern, haben sich die Menschen Regierungen gegeben. Deren Legitimität beruht auf der Zustimmung der Bürger […] Wenn eine Regierung, was immer auch ihre Form sein mag, sich von diesen Zielen
entfernt, hat das Volk das Recht, sie zu stürzen und eine neue Regierung einzusetzen und sie so zu organisieren, dass sie den Bürgern die Sicherheit und das Streben nach Glück gewährleistet.«

Das mitten im Viertel Saint-Germain-des-Prés gelegene Café Procope war der bevorzugte Treffpunkt der jungen Revolutionäre. Dort hielten sie ihre Sitzungen ab und fei­erten ihre Feste. Benjamin Franklin speiste dort häufig in Gesellschaft der schönen und geistreichen Madame Bril­lon. Eines Abends trat ein zwanzigjähriger Anwalt namens Georges Danton an Franklins Tisch. Lautstark beschimpfte er den Speisenden : »Die Welt ist nichts als Ungerechtig­keit und Elend. Wo bleibt die Sanktion ? Hinter Eurer Er­klärung, Herr Franklin, steht keinerlei Justiz oder Militär­
gewalt, die ihr Respekt verschaffen könnte …« Franklin ntwortete ihm : »Irrtum ! Hinter dieser Erklärung steht eine beträchtliche, unvergängliche Macht : die Macht der Schande (the power of shame).«

Im französischen Wörterbuch Petit Robert kann man zu dem Worte »Schande« Folgendes lesen : »Demütigende Unehre. Peinliches Gefühl der Minderwertigkeit, der Un­würdigkeit oder der Erniedrigung gegenüber einem ande­ren, der Herabsetzung in der Meinung der anderen (Ge­fühl der Entehrung). […] Gefühl des Unbehagens auf­grund von Gewissensskrupeln.«

Im Deutschen unterscheidet man zwischen Scham und Schande. Ich empfinde Scham über die Schmach, die dem andern angetan wird, und Schande über meine davon be­fleckte Ehre, ein Mensch zu sein …

Diese Gefühle und die von ihnen ausgelösten Emoti­onen sind den Hungernden im bairo von Pela Porco in Salvador de Bahia bestens bekannt : »Precio tirar la ver­gonha de catar no lixo …« (»Ich muss meine Scham über­winden, um in den Mülltonnen zu wühlen …«) Wenn es dem Hungernden nicht gelingt, seine Scham zu überwinden, dann stirbt er. Es kommt vor, dass bra­silianische Kinder sich in der Schule aufgrund von Blut­armut nicht auf den Beinen halten können. Auf den Bau­stellen erleiden Arbeiter Schwächeanfälle infolge von Un­terernährung. In den Elendsvierteln Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, die von den Vereinten Nationen scham­haft als »ungesunde Behausungen« bezeichnet werden,
dort, wo 40 % der Weltbevölkerung leben, machen Rat­ten den Hausfrauen die magere Kost der Familie strei­tig. Ein quälendes Gefühl der Minderwertigkeit peinigt die Bewohner.

Die Hungergestalten, die auf den Straßen der Riesen­städte Südasiens und Schwarzafrikas umherirren, verspü­ren ebenfalls die Pein der Schande.
Das Gefühl der Ehrlosigkeit verbietet es dem Arbeits­losen in Lumpen, die Viertel der Reichen zu betreten, wo er vielleicht doch eine Arbeit finden könnte, um sich und seine Familie zu ernähren. Die Scham hält ihn davon ab, sich den Blicken der Passanten auszusetzen.

In den favelas im Norden Brasiliens kommt es häufig vor, dass die Mütter abends in einem Topf Wasser zum Ko­chen aufsetzen und Steine hineinlegen. Ihren vor Hunger weinenden Kindern sagen sie : »Das Essen ist gleich fer­tig …«, in der Hoffnung, dass die Kinder bald einschlafen
werden. Kann man die Scham ermessen, die eine Mutter gegenüber ihren vom Hunger geplagten Kindern empfin­det, die sie nicht ernähren kann 

Als Halbwüchsiger ist Edmond Kaiser den Schergen des Vichy-Regimes und der Deportation entkommen. Als mi­litärischer Untersuchungsrichter in der Armee von Gene­ral Leclerc erfuhr er im Elsass und dann in Deutschland das Grauen der Konzentrationslager. Er emigrierte nach Lausanne und gründete dort die internationale Kinder­hilfsorganisation Terre des hommes. Er starb mit 82, an der Schwelle zum neuen Jahrtausend, in einem Waisenheim in Südindien.

Edmond Kaiser schreibt: »Würde man den Deckel vom Kessel der Welt heben, so würden Himmel und Erde zu­rückweichen vor diesem Wehgeschrei. Denn weder die Erde noch der Himmel, noch irgendeiner von uns ver­mag wirklich das entsetzliche Ausmaß des Leidens der
Kinder zu ermessen, noch die Wucht der Gewalten, von denen sie zermalmt werden.«

Viele Westeuropäer, die genau Bescheid wissen über das Leiden hungernder Afrikaner oder arbeitsloser Paki­stani, ertragen in ihrem tiefsten Inneren nur schwer die tagtägliche Komplizenschaft mit der kannibalischen Welt­ordnung. Sie empfinden ein Gefühl der Schande, das so­gleich von einem Gefühl der Ohnmacht überdeckt wird. Aber nur wenige finden den Mut – wie Edmond Kaiser – sich gegen diesen Stand der Dinge aufzulehnen. Sie erlie­gen der Versuchung, sich an rechtfertigende Erklärungen zu klammern, um ihr Gewissen zu besänftigen.

Die stark verschuldeten Völker Afrikas seien »faul«, heißt es immer wieder, »korrumpiert«, »unverantwort­lich«, unfähig, eine autonome Wirtschaft auf die Beine zu bringen, »geborene Schuldner« und naturgemäß zah­lungsunfähig. Was den Hunger betrifft, so wird die Schuld
oft dem Klima gegeben, wo doch die klimatischen Bedin­gungen in der nördlichen Hemisphäre – wo die Menschen zu essen haben – oft weitaus härter sind als in der süd­lichen, wo sie an Unterernährung und Hunger zugrunde gehen.

Doch die Schande verschont auch die Herrscher nicht. Sie sind sich der Konsequenzen ihres Handelns vollkom­men bewusst : Sie wissen genau um die Zerstörung der Fa­milien, das Martyrium der unterbezahlten Arbeiter und die Verzweiflung der »unrentablen« Völker. Es gibt sogar Indizien, die ihr Unbehagen belegen. Da­niel Vasella, der Fürst von Novartis, dem Schweizer Phar­mariesen, lässt gerade in Singapur das Novartis Institute
for Tropical Deseases (NITD) bauen, das in begrenzter Menge Pillen gegen Malaria herstellen soll, ein Medika­ment, das in den mittellosen Ländern zum Selbstkosten­preis verkauft werden soll. Der Herrscher über Nestlé, Pe­ter Brabeck-Lemathe, übergibt jedem seiner 275 000 An­
gestellten, die in 86 Ländern tätig sind, eine eigenhändig redigierte »Bibel«, in der sie aufgefordert werden, sich ge­genüber den Völkern, die sie ausbeuten, menschlich und »wohltätig« zu verhalten.

Für Immanuel Kant entspringt das Gefühl der Schande der Entehrung. Es bringt die Empörung über ein Ver­halten zum Ausdruck, über eine Situation, über ernied­rigende, herabwürdigende und niederträchtige Taten und Absichten, die im Widerspruch stehen zu einem ur­sprünglichen, »jedem Menschen, kraft seiner Menschheit, zustehende[n] Recht«.

Das Imperium der Schande eröffnet nur eine Perspek­tive : die Unehre, die jedem Menschen aufgebürdet wird aufgrund des Leids seiner Mitmenschen.

In der Nacht des 4. August 1789 haben die Abgeordneten der Nationalversammlung das Feudalsystem in Frankreich abgeschafft. Heute müssen wir mit ansehen, wie die Welt von neuem feudalisiert wird. Die despotischen Herrscher sind wieder da. Die neuen kapitalistischen Feudalsysteme
besitzen nunmehr eine Macht, die kein Kaiser, kein Kö­nig, kein Papst vor ihnen je besessen hat. 

Die 500 mächtigsten transkontinentalen kapitalistischen Privatgesellschaften der Welt – in der Industrie, im Handel, in den Dienstleistungen, im Bankwesen – kontrollierten im Jahr 2004 52 % des Weltsozialprodukts, mit anderen Worten : mehr als die Hälfte aller Güter, die auf unserem
Planeten innerhalb eines Jahres erwirtschaftet werden.

Ja, der Hunger, das Elend, die Unterdrückung der Ar­men sind entsetzlicher als je zuvor. Die Attentate vom 11. September 2001 in New York,
Washington und Pennsylvania haben eine dramatische Beschleunigung dieses Prozesses der Refeudalisierung be­wirkt. Sie waren für die neuen Despoten der Anlass, die Welt in Besitz zu nehmen. Sich der Ressourcen zu bemäch­tigen, die für die Glückseligkeit der Menschheit notwen­
dig sind. Die Demokratie zu vernichten.

Die letzten Dämme der Zivilisation drohen zu bre­chen. Das internationale Recht liegt in den letzten Zü­gen. Die Organisation der Vereinten Nationen und ihr Generalsekretär werden rüde behandelt und diffamiert. Die kosmokratische Barbarei kommt mit Riesenschrit­ten voran. Aus dieser neuen Realität ist dieses Buch her­vorgegangen.

 

Das Gefühl der Schande ist eines der konstitutiven Ele­mente der Moral. Es ist untrennbar verbunden mit dem Bewusstsein der Identität, das selbst wieder konstitutiv ist für das menschliche Wesen. Wenn ein Mensch verletzt ist, wenn er Hunger hat, wenn er – an Körper und Geist – die
Demütigung des Elends erleidet, empfindet er Schmerz.

 

Als Zeuge des Leids, das einem anderen Menschen zuge­fügt wird, empfinde ich in meinem Bewusstsein seinen Schmerz, und dieser Schmerz erweckt mein Mitgefühl, löst einen Impuls der Fürsorglichkeit aus und überhäuft mich mit Schande. Und drängt mich zur Tat. Meine Intuition, meine Vernunft und mein moralischer Imperativ sagen mir, dass jeder Mensch ein Anrecht hat auf Arbeit, Nahrung, Gesundheit, Bildung, Freiheit und Glück.

Wenn nun das Bewusstsein der Identität in jedem Men­schen vorhanden ist, also auch bei den Kosmokraten, wie kommt es dann, dass Letztere auf so verheerende Weise agieren ? Wie lässt sich erklären, dass sie mit solchem Zy­nismus, solcher Verbissenheit und mit so viel Gerissenheit die elementarsten Bestrebungen nach Glück bekämpfen ? Sie sind in diesem grundlegenden Widerspruch gefangen : ein Mensch zu sein, nichts als ein Mensch, oder sich zu be­reichern, die Märkte zu beherrschen, Allmacht auszuüben, zum Herrscher zu werden. Im Namen des wirtschaftlichen
Krieges, den sie selbst permanent ihren möglichen Kon­kurrenten erklären, verkünden sie den Notstand. Sie füh­ren ein Ausnahmeregime ein, das sich über die allgemeine Moral hinwegsetzt. Und sie setzen, manchmal vielleicht ungern, die (doch von allen Nationen der Erde gutgehei­
ßenen) grundlegenden Menschenrechte außer Kraft, die (doch in der Demokratie garantierten) moralischen Regeln und die ganz normalen Gefühle (denen sie nur mehr im Familien- oder Freundeskreis Ausdruck geben). 

Wenn ich Mitgefühl empfinde, wenn ich Solidarität einem andern gegenüber an den Tag lege, dann wird mein Konkurrent sofort von meiner Schwäche profitieren. Er wird mich vernichten. Folglich bin ich gegen meinen Wil­len und zu meiner großen (verdrängten) Schande Tag und
Nacht in jedem Augenblick gezwungen, gleichgültig, wie hoch der menschliche Preis dafür ist, die Maximierung von Profit und Akkumulation zu praktizieren und für den höchsten Mehrwert in der kürzesten Zeitspanne und zum niedrigstmöglichen Selbstkostenpreis zu sorgen. Der permanente wirtschaftliche Krieg fordert Opfer wie jeder Krieg. Doch dieser Krieg scheint so program­miert zu sein, dass er niemals endet.

Allerlei Theorien und fadenscheinige Ideologien verdun­keln das Bewusstsein der Männer und Frauen guten Wil­lens in der westlichen Welt. Deshalb halten viele unter ih­nen die derzeitige kannibalische Weltordnung für unab­änderlich. Dieser Glaube hindert sie daran, die Schande,
die sie tief in ihrem Inneren verspüren, in Aktionen der Solidarität und der Revolte umzuwandeln. Also gilt es zunächst einmal, diese Theorien zu be­kämpfen.

Die historische Mission der Revolutionäre, wie sie von den Enragés  1793 formuliert wurde, besteht darin, für eine erdumspannende soziale Gerechtigkeit zu kämpfen. Für sie geht es darum, die verhaltene Wut zu wecken und den Sinn für kollektiven demokratischen Widerstand zu näh­
ren. Man muss die Welt wieder auf die Beine stellen, den Kopf oben, die Füße unten. Man muss die unsichtbare Hand des Marktes zermalmen. Die Wirtschaft ist kein na­türliches Phänomen. Sie ist ein Instrument, das es in den Dienst eines einzigen Zwecks zu stellen gilt : dem Streben
nach dem gemeinsamen Glück.

Wenn der von Scham erfüllte und vom Gefühl seiner Unterlegenheit und Unwürdigkeit gelähmte Mensch der Dritten Welt entdeckt, dass weder der Hunger noch die Verschuldung unvermeidlich sind, kann auch er sein Be­wusstsein ändern und sich erheben. Der Hungernde, der Arbeitslose, der gedemütigte Mensch, der an seiner Ent­ehrung leidet, schluckt seine Scham so lange hinunter, wie er glaubt, seine Lage sei unabänderlich. Er verwandelt sich in einen Kämpfer, in einen Aufständischen, sobald er ei­nen Hoffnungsschimmer sieht und die vermeintliche Fa­talität die ersten Risse zeigt. Dann wird das Opfer zum Akteur seines Schicksals. Dieses Buch möchte dazu bei­tragen, diesen Prozess in Gang zu setzen.

Benjamin Franklin und Thomas Jefferson haben als Er­ste das Recht des Menschen auf das Streben nach Glück formuliert. Ihre Forderung, die von Jacques Roux und seinen Anhängern aufgegriffen wurde, ist zum wesent­lichen Antrieb der Französischen Revolution geworden. Für sie bedeutete die Suche nach dem individuellen und gemeinsamen Glück ein konkretes politisches, unmittel­bar umsetzbares Projekt.

 

Welche Hindernisse stellen sich heute der Verwirklichung des Menschenrechts auf das Streben nach Glück entgegen ? Wie kann man diese Hindernisse zerschlagen ? Wie kann man dafür sorgen, dass sich das Streben nach gemein­schaftlichem Glück frei entfalten kann ? Dieses Buch ver­sucht, diese Fragen zu beantworten.

Hier nun sein Aufbau.
Die Französische Revolution stellt in der Universalge­schichte der Ideen einen radikalen Bruch dar. Sie hat die philosophischen Lehren der Aufklärung und des alle Fes­seln sprengenden Rationalismus politisch umgesetzt. Ei­nige ihrer wichtigsten Akteure, insbesondere die Enragés,
haben den Horizont aller gegenwärtigen und künftigen Kämpfe für die weltweite soziale Gerechtigkeit abgesteckt.

Der erste Teil des Buches erteilt ihnen das Wort unter dem Titel »Das Recht auf Glück«. Aber er beschreibt auch die derzeit vor sich gehende Refeudalisierung der Welt, die von den transkontinentalen kapitalistischen Privatgesell­schaften betrieben wird, sowie die von ihnen eingerich­
tete Herrschaft der strukturellen Gewalt und die erst sche­menhaft sichtbaren Kräfte, die sich gegen sie erheben. Ein längerer Abschnitt befasst sich mit der Agonie des inter­nationalen Rechts.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit den generellen Be­ziehungen von Ursache und Wirkung zwischen Verschul­dung und Hunger, diesen Massenvernichtungswaffen, die gegen die Schwächsten eingesetzt werden. Der Hunger ? Er könnte in absehbarer Zeit besiegt werden, indem man
denjenigen, die diese Waffen einsetzen, bestimmte Maß­nahmen aufzwingt. Das äthiopische Volk leidet unter einer chronischen Hungersnot und dem Preisverfall des einzigen Export­guts, für welches es Devisen erzielen kann – der Kaffee­bohnen –, aber es organisiert sich. In Brasilien, am an­
deren Ende der Welt, ist eine stille Revolution im Gange:

Dieses Land, ebenfalls Opfer der Unterernährung eines großen Teils seiner Bevölkerung und einer erdrückenden Verschuldung, steht im Begriff, völlig neue Instrumente der Befreiung zu entwickeln. Im dritten und vierten Teil gehe ich auf diese neuen Methoden des Kampfes ein. Die transkontinentalen Privatgesellschaften, die das mächtigste Kapital und die leistungsstärksten Technolo­gien und Laboratorien besitzen, die die Menschheit je ge­sehen hat, sind das Rückgrat dieser ungerechten und tod­bringenden Ordnung. Im fünften Teil meines Buches be­leuchte ich ihre jüngsten Praktiken.

Aus der Erkenntnis entspringt der Kampf, aus dem Kampf entspringen die Freiheit und die materiellen Vo­raussetzungen für das Streben nach Glück. Die Zerstö­rung der kannibalischen Weltordnung ist die Sache der Völker. Der französische Philosoph Régis Debray schreibt :

»Die Aufgabe des Intellektuellen besteht darin zu sagen, was ist. Seine Aufgabe ist es nicht zu verführen, sondern zu bewaffnen.«

Hören wir Gracchus Babeuf, der in sei­ner berühmten Rede nach dem Massaker auf dem Mars­feld in Paris ausrief :

»Ihr Niederträchtigen, ihr schreit, man müsse den Bür­gerkrieg verhindern, man dürfe die Fackel der Zwietracht nicht unter das Volk werfen. Und welcher Bürgerkrieg ist empörender als derjenige, der alle Mörder auf einer Seite und alle wehrlosen Opfer auf der andern präsentiert ! Möge der Kampf beginnen um das berühmte Kapitel der Gleichheit und des Eigentums ! Möge das Volk alle alten barbarischen Institutionen stürzen ! Möge der Krieg des Reichen gegen den Armen endlich diesen Anschein großer Kühnheit auf der einen und großer Feigheit auf der andern Seite einbüßen. Ja, ich wiederhole, alle Missstände sind auf ihrem Gipfel, sie kön­nen sich nicht verschlimmern. Sie können nur durch ei­nen totalen Umsturz beseitigt werden.«

Ich möchte dazu beitragen, das Bewusstsein für die Notwendigkeit dieses Umsturzes zu schärfen.