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- Erstellungsdatum 29. Juni 2026
- Zuletzt aktualisiert 29. Juni 2026
Der Krieg im Dunkeln
Die wahre Macht der Geheimdienste
Udo Ulfkotte
Einführung
Jeden Tag gibt es kleine Meldungen aus der Welt der Geheimdienste, die es nicht in die großen Nachrichtensendungen schaffen. Fügt man sie
zusammen, dann ergibt sich ein spannendes Bild.
Schöne Frauen, schnelle Autos, Luxusherbergen, eine Pistole unter dem gut sitzenden Designeranzug und ständig im Privatjet unterwegs - so zeigen uns Hollywoodfilme das Leben von Geheimagenten. Wer James Bond oder Mission Impossible gesehen hat, der weiß, was die smarten Helden tagtäglich tun: Frauen verführen, in wilden Verfolgungsjagden einen Aston Martin, eine Motoryacht oder auch mal einen Panzer verbeulen, Bösewichte verprügeln und abends entspannt einen Wodka Martini trinken - geschüttelt, nicht gerührt, versteht sich. Die in diesem Buch geschilderten Aktivitäten der Geheimdienste zeigen allerdings ein deutlich anderes Bild. Schauen wir uns zunächst einige typische Geheimdienstnachrichten an.
In der Wüste von Utah bauen die Vereinigten Staaten nahe der Stadt Oak Ridge seit 2013 ein gigantisches Spionagezentrum. Dort trifft man
Vorbereitungen dafür, dass fast jeder Mensch der Erde gläsern wird. Auf 275.000 Quadratmetern stehen Rechner des technischen Geheimdienstes NSA, die weltweit alle jemals verschickten E-Mails sammeln, zudem alle Telefonverbindungen, alle Google-Suchanfragen, alle Reiserouten und online-Käufe, alle Lebensläufe und persönlichen Daten von Menschen. Alle Strafen und Ordnungswidrigkeiten, alle Schulnoten und Berufsabschlüsse, alle Überweisungen und politischen Aktivitäten aller Menschen der Welt werden dort in Echtzeit erfasst - sofern sie nur irgendwo auf der Welt in einen Rechner eingegeben wurden. Das Ziel ist der gläserne Mensch. Und zwar ohne dessen Wissen. Erstaunlicherweise gibt es nirgendwo Proteste gegen das Spionagezentrum der Superlative, ja nicht einmal Berichte über den Stand der Datenerfassungen.
Erinnern Sie sich noch an den für viele völlig überraschenden Rücktritt von Papst Benedikt im Februar 2013? Das Pontifikat endet nach dem
Kirchenrecht mit dem Tod des Amtsinhabers. Warum also gab Papst Benedikt Ende Februar 2013 sein Amt wirklich auf? Geheimdienste haben
dazu einen interessanten Bericht erstellt. Als der Papst 2013 überraschend seinen Rücktritt verkündete, da berichteten Medien, so etwas sei im
Kirchenrecht nicht vorgesehen. Nur einmal sei vor 700 Jahren mit Coelestin V. im Jahr 1294 ein Papst zurückgetreten. Bei Coelestin V. machte der Rücktritt nach kurzer Amtszeit auch Sinn, denn der Mann galt als extrem einfältig und konnte in einer Zeit, in der die Messen auf Latein gelesen werden mussten, nicht einmal Latein. Ganz anders verhält es sich bei Benedikt. Ein solcher Rücktritt hat in zweitausend Jahren
Kirchengeschichte also extreme Seltenheit. Und es gibt unendlich viele Dinge, die jetzt nicht geregelt sind. Wie spricht man den Kirchenführer
nach dessen Rücktritt an? Wird aus Papst Benedikt nun wieder Kardinal Ratzinger? Darauf gab es zunächst ebenso keine Antwort, wie auf die
Frage, ob der Zurückgetretene sich dann noch zur Kirche äußern darf.
Schließlich droht der katholischen Kirche eine Spaltung, wenn der zurückgetretene Papst zu einem Thema künftig eine andere Auffassung vertritt als der neue Papst. Ungeklärt war auch die Frage, ob ein lebender Ex-Papst eine Rente bekommt. Und ungeklärt war sein diplomatischer Status. Für die Medien gab es also im Frühjahr 2013 viele Fragen, welche zum Papst-Rücktritt beantwortet werden mussten. Nur eine Frage haben sie
sofort klar beantwortet: Benedikt, so die offizielle Version, trat aus Altersgründen zurück. Die angegriffene Gesundheit habe den 85 Jahre alten
Papst zum Rücktritt getrieben. Der Pontifex teilte mit, er wünsche sich „im Alter mehr Ruhe“. Das ist die Wahrheit. Allerdings geht es dabei
keineswegs vorrangig um die Gesundheit des Papstes. Geheimdienste haben dazu einen interessanten Bericht über die wahren Hintergründe verfasst.
Den wohl interessantesten Hintergrundbericht über Papst Benedikt hat der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA im Januar 2013 in Rom
verfasst. Immerhin weist der Bericht beim Gesundheitszustand Benedikts darauf hin, dass dieser „derzeit erheblich gesünder als viele seiner
Amtsvorgänger in seinem Alter“ sei. Bei dieser Aussage ist schon berücksichtigt, dass Benedikt ebenso wie sein Vorgänger Papst Johannes
Paul II. einen Herzschrittmacher trägt, der regelmäßig ausgetauscht wird. Benedikt ist demnach derzeit nicht nur gesünder als Karol Wojtyla. Er ist auch gesünder als Papst Leo III., der 1903 im Alter von 93 Jahren starb. Und er ist körperlich noch weitaus fitter, als Papst Hadrian II., der je nach historischer Quellenlage zwischen 100 und 106 Jahre alt wurde. Und auch den Päpsten Johannes XXII. und Gregor XII., die beide mehr als 90 Jahre alt wurden, waren gesundheitlich erheblich schlechter dran als Benedikt heute. Warum also lenkt der Pontifex das Interesse der Menschen auf seine Gesundheit, die in vergleichbaren Fällen noch nie Rücktrittsgrund für einen Papst waren?
Man kann das aus dem CIA-Bericht schließen, der allerdings schon zwei Wochen vor der Rücktrittsankündigung abgefasst wurde. In dem Bericht
gibt es ein ausführliches Kapitel über den gewaltigen psychischen Druck, unter dem Bendikt seit vielen Monaten stand. Und dabei geht es keineswegs um die vielen Fälle von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche, sondern um drohende Enthüllungen im Finanzbereich in Milliardenhöhe:
Seit Januar 2013 waren dem Vatikan von der italienischen Regierung die Konten gesperrt. Ermittelt wurde wegen des Verdachts der Geldwäsche in Milliardenhöhe. Betroffen ist die Vatikanbank IOR (Instituto per le Opere di Religione). Nicht nur der Ex-Chef der Vatikanbank, Gotti Tedeschi, steht vor Gericht. Es war Benedikt, der mit allen Mitteln dafür eintrat, die den Vatikan erschütternden Finanzskandale aufzuklären - so, wie er das auch bei den Fällen von Kindesmissbrauch getan hatte. Nach Angaben der CIA machte Benedikt sich Tag für Tag neue Feinde, weil er sich in die
Verwaltung der kirchlichen Finanzen einmischte, die vor ihm (etwa unter Johannes Paul II.) ausschließlich den Finanzprofis überlassen worden war.
Die bereicherten sich in der Regel maßlos selbst, weil Päpste keine Ahnung von Finanzen hatten. Die CIA deutet in ihrem Bericht jedenfalls an, dass die päpstlichen Finanzjongleure weite Teile des einstigen Kirchenvermögens im Zuge der internationalen Finanzkrise verspekuliert haben könnten. Es ist unklar, ob Benedikt über das wahre Ausmaß der Finanzkatastrophe im Vatikan unterrichtet war. Klar war ihm jedoch, dass es um die kirchlichen Finanzen nicht mehr zum Besten stand. Seit dem Jahr 2010 wollte Benedikt wissen, über welche Vermögenswerte der Vatikan noch verfügt. Nach Angaben der CIA ernannte er den Schweizer Korruptionsbekämpfer René Brülhart zum Leiter einer neuen Vatikan-Behörde, welche Behauptungen des Europarates nachgehen sollte, dass der Vatikan auch in Geldwäsche verwickelt ist.
Ende März 2012 kündigte die amerikanische Investmentbank J.P.Morgan Papst Benedikt und dem Vatikan alle Konten. Zeitgleich tauchte der Heilige Stuhl erstmals im Strategiebericht des US-Außenministeriums zum Kampf gegen Rauschgiftkriminalität auf. Und zwar auf einer Liste von Staaten, welche unter dem Verdacht der Geldwäsche für Drogenbosse stehen. Ein weiterer Schock war es für Benedikt, dass die italienische Zentralbank ausgerechnet zu Weihnachten 2012 verkündete, dass Touristen im Vatikan nicht mehr mit Kreditkarten zahlen dürfen. Alle Kreditkartenzahlungen an den Vatikan wurden wegen der undurchsichtigen Geldströme verboten.
Benedikt wollte seitdem wissen, wo eine Tonne Gold, Bargeldreserven in Höhe von 340 Millionen Euro und 520 Millionen Euro in Wertpapieren und Aktien geblieben sind, die es bei der letzten Aufstellung der Vatikan-Finanzen im Jahre 2008 noch gegeben hatte. Offenkundig, so die CIA,
hatten jene Finanzkreise, die mit dem Vermögen des Vatikan spekulieren, kein Interesse daran, dass ihre Geschäfte auffliegen. Man darf deshalb
gespannt sein, ob und welche Ermittlungsergebnisse die italienischen Sicherheitsbehörden über die Finanzskandale im Vatikan veröffentlichen
werden. Schon einmal drohten dem Vatikan ähnliche Enthüllungen: 1982 wurde Roberto Calvi, der damalige Generalmanager der vatikanischen
Banco Ambrosiano (Spitzname „Der Banker Gottes“) wegen Geldwäsche und Finanz-Verbrechen angeklagt. Doch noch bevor ihm der Prozess
gemacht werden konnte, wurde er erhängt unter einer Londoner Brücke aufgefunden. Seine Taschen waren mit Ziegelsteinen gefüllt. Das
Verbrechen wurde bis heute nicht aufgeklärt. Die Finanzjongleure des Vatikan haben kein Interesse an Aufklärung. Denn sonst könnte die
Spendenbereitschaft der Gläubigen schnell erlahmen. Seit dem Ende der sechziger Jahre ist der Vatikan innerhalb Italiens keine steuerfreie Zone
mehr.
Das aus Zeiten Mussolinis stammende Privileg fiel unter Papst Paul VI., der am römischen Fiskus vorbei möglichst viel Geld ins Ausland hatte
schleusen wollen. Beauftragt damit wurde Casimir Marcinkus, der 1971 Präsident der Vatikanbank wurde. 1987 sollte Marcinkus verhaftet werden,
doch der damalige Papst Johannes Paul II. verweigerte dessen Auslieferung. Marcinkus starb 2006. Papst Benedikt war angetreten, um alle finanziellen Verstrickungen des Vatikans ein für allemal in Ruhe aufarbeiten zu lassen. Doch er kämpfte hinter den dicken Mauern gegen starke Gegner. Die CIA weist in ihrem Bericht darauf hin, dass der letzte Papst, der sich mit dem geheimen Finanzapparat des Vatikan anlegte, diesen Versuch nicht lange überlebte. Johannes Paul I. starb am 29. September 1978 nach nur 33 Tagen im Amt - keine 24 Stunden nach seiner Entscheidung, wichtige Geldmanager der Kurie zu entmachten. Sein persönlicher Berater, Malachi Martin, wurde mit einem in die Brust gerammten Holzblock in einem See versenkt gefunden. Die Behörden befanden, der erzkatholische Mann habe Selbstmord verübt. Die CIA schildert das alles beiläufig in ihrem Bericht in Zusammenhang mit dem ungeheuren psychischen Druck, der sich in den letzten Monaten auf Benedikt legte, weil er Klarheit über die Finanzen des Vatikan wünschte. Seine Aussage bei der Rücktrittsankündigung, er wolle „im Alter mehr Ruhe“, bekommt da eine ganz neue Bedeutung. Der Corriere della Sera berichtet am Tag nach der Rücktrittsankündigung des Papstes, dass dieser mehrfach angedeutet habe, wie sehr er sich durch die Machenschaften im Vatikan überfordert fühle. Vor allem die wirtschaftliche Lage des Kirchenstaats soll ihm große Sorgen bereitet haben. Denn der Vatikan ist demnach zu einem Hort von Korruption und Geldwäsche
geworden.
Im Jahr 2012 wurden den Geheimdiensten Putschpläne griechischer Militärs bekannt. Das sorgte später für großes mediales Aufsehen. In
Frankreich gab es 2013 ähnliche Pläne. Der Bundesnachrichtendienst hat für das Kanzleramt dazu einen ausführlichen Bericht mit erstaunlichen
Details erstellt. Im turbulenten Herbst 2011, als die Protestwelle in der griechischen Hauptstadt Athen gegen die Sparauflagen immer höher
aufbrandete, stand das Land am Rand eines Militärputsches. Und keiner bekam es mit. Jedenfalls berichteten die Medien zum Zeitpunkt der
drohenden Gefahr nicht darüber. Erst ein Jahr später enthüllte die renommierte Athener Sonntagszeitung „To Vima“ die Vorbereitungen der
Militärs für den Staatsstreich. Der griechische Verteidigungsminister dementierte alles sofort und behauptete, der Zeitungsbericht sei „außerhalb
jeder Realität“. Inzwischen ist bekannt, dass es sich keineswegs nur um absurde Gerüchte handelte. Und nun Frankreich. Und wieder einmal
schauen die deutschsprachigen Medien erst einmal weg.
Alle Details enthüllt ein BND-Bericht, der Anfang Februar 2013 für das Kanzleramt erstellt wurde. Am 9. Januar 2013 ließ der französische Staatspräsident François Hollande nach Angaben des BND den zu seinen Ehren aufgestellten Soldaten vor dem Élysée-Palast die Munition aus den Waffen einsammeln. Nicht nur das. Er ließ auch die Schlagbolzen aus den Schusswaffen der Soldaten im Umfeld seines Palastes entfernen. Nicht eine deutschsprachige Zeitung bekam das mit. Seit sechzig Jahren, seit dem Algerien-Krieg, hatte es das nicht gegeben. Der französische Staatspräsident hat jetzt Angst vor seiner eigenen Armee. Der Hintergrund ist nach Angaben des BND leicht zu erklären: In Frankreich wurde die Wehrpflicht vor vielen Jahren abgeschafft. Und es gibt nun viele Berufssoldaten. Die meisten einfachen Soldaten stammen aus armen muslimischen Familien. Es sind vorwiegend Nordafrikaner. Nach Angaben des BND sehen sie ihre französischen Einsätze in der Elfenbeinküste, in Libyen, Syrien und jetzt auch in Mali (zudem auch im islamischen Afghanistan) als schleichende Wiederkolonialisierung der Heimat ihrer
Eltern.
Die französischen Geheimdienste hatten vor diesem Hintergrund schon Hollandes Amtsvorgänger Sarkozy vor einem Anschlag auf den
Präsidenten aus den Reihen der Armee gewarnt. General Bruno Cuche warnte Hollandes Amtsvorgänger Sarkozy erstmals 2008 davor, in
Afghanistan schwere französische Panzer des Typs Leclerq einzusetzen, um damit den Widerstand der Afghanen zu brechen. Sarkozy ließ Stabschef Cuche nach Angaben des BND daraufhin absetzen. Sarkozy duldete keinen Widerspruch aus den Reihen der Militärs. Im Jahr 2011 warnte Admiral Pierre-François Forissier, der Stabschef der Marine, Sarkozy vor Unruhe in den Reihen der Marine, weil viele Soldaten innere Zweifel an der Operation in Libyen hätten. Und zuletzt hat General Jean Fleury, ehemaliger Stabschef der Luftwaffe, dem Präsidenten gesagt, dass Frankreich sich aus dem Syrien-Krieg heraushalten müsse, weil es sonst innerhalb der französischen Streitkräfte zu unkalkulierbaren Reaktionen kommen werde.
Der BND hebt in seinem Bericht hervor, dass fast alle höheren Offiziere der französischen Armee gläubige Katholiken sind, die einfachen Soldaten oft strengreligiöse Muslime. General Benoît Puga, ein Fallschirmjäger und Spezialist für Sonderkommandos der Geheimdienste, ist aus Sicht der muslimischen Soldaten der Inbegriff für die Wiederbelebung des französischen Kolonialismus. Er hat in Ägypten im israelischen und französischen Auftrag den Bau jener Mauern und Stacheldrahtsperren überwacht, die Gaza in ein riesiges Ghetto verwandelten. Auf der einen Seite wächst so die Zerrissenheit zwischen französischen Offizieren und ihren Soldaten. Der BND berichtet, die Armeeführung traue den eigenen Soldaten nicht mehr.
Auf der anderen Seite verärgert Hollande alle Ränge der Soldaten. Denn er straft sie mit tiefster Missachtung. Als Hollande am 4. November 2012 den Libanon besuchte, um den Präsidenten Michel Sleiman aufzufordern, den geheimen Krieg in Syrien zu unterstützen, hielt er es nicht für angebracht, das französische Kontingent der UNIFIL zu grüßen. Diese Beleidigung hat die Armee ihm nicht verziehen. Der Sicherheitsdienst des Élysées fürchtet seither, Soldaten könnten den Präsidenten töten. Und deshalb werden sie entwaffnet. Das ist die tiefste Demütigung, welche die französische Armee seit langem erlebt hat.
Der BND prognostiziert den Franzosen eine extrem belastete Amtszeit unter Präsident Hollande, weil dieser sich jetzt auf seine Soldaten nicht mehr verlassen kann. Und der BND sagt voraus, dass französische Soldaten putschen könnten. Für einen Normalbürger klingt das abstrus und realitätsfern. Wenn man die Hintergründe kennt, sieht es ganz anders aus.
Zeitgleich sorgt ein französischer Geheimdienstbericht bei der deutschen Bundesregierung 2013 für Ärger. In wenigen Monaten ist Bundestagswahl. Alle großen deutschen Parteien präsentieren sich deshalb derzeit mal wieder nur von ihrer besten Seite. Ein französischer Geheimdienstbericht kommt da höchst unpassend. Die im Bundestag vertretenen Parteien wollen es sich mit den Wählern nicht verderben. Und deshalb versprachen sie ihnen mal wieder das, was die einzelnen Bevölkerungsgruppen gern hören wollten. Es ist wie Weihnachten: Die Energiepreise sollen nicht weiter steigen, die Mieterhöhungen werden angeblich begrenzt und Familien sollen mehr entlastet werden. Kurz: Das ganze Leben soll noch bunter und noch viel schöner werden. Man muss dafür nur die Partei A, B oder C wählen. Es gibt keine Partei, welche uns auf harte Zeiten, auf sinkenden Lebensstandard und auf steigende Preise vorbereitet. Und ausgerechnet da wird in Frankreich ein Geheimdienstbericht bekannt, welcher einige Lügen der deutschen Bundesregierung enthüllt. Und zwar zu einem höchst unpassenden Zeitpunkt.
Der französische Auslandsgeheimdienst Direction Générale de la Sécurité Extérieure (DGSE, übersetzt „Generaldirektion für Äußere Sicherheit“) hatte einen Bericht über die Energiesicherheit in Europa erstellt. In diesem finden sich viele Prognosen für den Energieverbrauch einzelner europäischer Staaten. Das ist der - aus deutscher Sicht - langweilige Teil. Wirklich spannend sind vielmehr die Aussagen zu den deutschen Stromnetzen. Denn auf diesem Gebiet scheint die Bundesregierung die Bürger nach Kräften zu belügen; wenn man den Franzosen Glauben schenken darf. Auf den Punkt gebracht berichtet die DGSE, die Bundesregierung lasse unter dem Vorwand der Einspeisung von Windstrom tausende Kilometer neuer Trassen gegen den Willen der Bevölkerung durchs Land bauen, um dann tatsächlich russischen Atomstrom einspeisen zu können. Sie haben richtig gelesen, doch der Reihe nach.
Es ist bekannt, dass die Bundesregierung den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen hat. Und ebenso will sie den Ausbau von Stromtrassen („Stromautobahnen“) vorantreiben, mit denen der im Norden erzeugte Windstrom zu den Verbrauchern im Westen und Süden geleitet werden kann. Es geht, je nach Modell, um 2.800 bis 3.800 Kilometer neue Stromleitungen, die meist gegen den Willen der Anwohner quer durch
Deutschland gebaut werden sollen. Nach Angaben des Berichts „énergie 2020“ des französischen Auslandsgeheimdienstes DGSE täuscht die
Bundesregierung die Bürger vorsätzlich, weil über die neu zu bauenden Trassen vor allem russischer Atomstrom in die deutschen Netze eingespeist werden soll. Das Geheimprojekt trägt demnach den Namen „Interconnection Kaliningrad Region Power System - German Power
System“. Bis zum Jahr 2018 werden demnach von der russischen Enklave Kaliningrad 560 Kilometer Unterseekabel und zwanzig Kilometer
Landkabel durch die Ostsee gebaut, welche dann an die der Öffentlichkeit schon bekannten neu geplanten Stromautobahnen angeschlossen werden sollen. In Kaliningrad wird 2016 der erste Reaktorblock des neu gebauten Kernkraftwerks AKW Baltijskaja ans Netz gehen, 2018 der zweite Block (die Baukosten werden auf etwa 12 Milliarden Euro geschätzt, die Gesamtleistung beträgt 2.300 Megawatt). Deutschland bekommt dann durch die Leitungen etwa 1.300 Megawatt Atomstrom. Die insgeheim gebauten Leitungen für den russischen Atomstrom enden im mecklenburg-vorpommerschen Lubmin, wo es noch die Netzinfrastruktur des 1995 stillgelegten Atomkraftwerks „Bruno Leuschner“ gibt. Die
Stromautobahnen von Mecklenburg-Vorpommern in Richtung Westen und Süden Deutschlands werden derzeit unter dem Hinweis auf die teuren
Erneuerbaren Energien ausgebaut. Dafür zahlen die deutschen Stromverbraucher die höchsten Strompreise in Europa. Und wenn sie gebaut sind, dann wird am Ende russischer Atomstrom in sie eingespeist.
Der französische Geheimdienstbericht kam der deutschen Bundesregierung höchst ungelegen. Denn er enthüllte, dass noch viele weitere östliche
Atomkraftwerke an die neuen deutschen Stromautobahnen angeschlossen werden sollen, etwa das im Bau befindliche AKW Astravjeca in
Weißrussland und das litauische AKW Visagina. Die Blöcke von Visagina werden ab etwa 2018 jährlich 3.400 Megawatt Strom produzieren. Die
Baukosten in Höhe von fünf Milliarden Euro werden vom deutschen Steuerzahler bezuschusst, weil die Technik von Siemens mitentwickelt wurde. Der französische Auslandsgeheimdienst weiß auch zu berichten, warum das deutsch-russische Atomstrom-Geheimprojekt bislang in
Deutschland nicht die geringste Aufmerksamkeit gefunden hat: die Stromleitungen werden parallel zur Trasse der Nord-Stream-Gas-Pipeline
gebaut, die russisches Gas durch die Ostsee nach Deutschland liefert. So braucht man kein neues Raumordnungsverfahren und kann die schon
existierende Pipeline-Baugenehmigung gleich noch für die Stromtrassen mitnutzen. Die Deutschen zahlen also die hohen finanziellen
Sonderabgaben für die Erneuerbaren Energien völlig umsonst, weil parallel dazu der Import von Atomstrom vorangetrieben wird - und zwar abermals mit deutschen Geldern.
Der französische Geheimdienstbericht hebt dann auch noch hervor, dass die Bundesregierung die Deutschen beim Thema Energie wie eine Diktatur in der Dritten Welt betrügt. Da heißt es, dass die großen Energiekonzerne in Deutschland kostenlos Braunkohle abbauen und den daraus gewonnenen Strom teuer an die Bürger verkaufen dürfen, obwohl gesetzlich vorgeschrieben sei, dass die Konzerne eine „Förderabgabe“ in die Kasse des jeweiligen Bundeslandes in Höhe von zehn Prozent des Marktwertes zahlen müssen. Allen Bundesländern, in denen Braunkohle gefördert wird, steht das Wasser finanziell bis zum Hals. Doch sie alle verzichten auf viele Millionen Euro „Förderabgabe“: Allein Nordrhein-Westfalen könnte durch eine gesetzlich mögliche „Förderabgabe“ mindestens 149 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich einnehmen. Brandenburg brächte die Abgabe mindestens 78 Millionen Euro. Und auch Sachsen und Sachsen-Anhalt verzichten demnach auf viele Millionen Euro. Der Grund? Die so vom Steuerzahler geförderten Konzerne bieten den politischen Parteien regelmäßig gut dotierte Versorgungsjobs (etwa Beratungs- oder Aufsichtsratsposten) für jene Politiker an, die aus der Politik ausscheiden oder abgewählt werden. Man versteht jetzt, warum der auf den ersten Blick völlig unverfängliche Bericht des französischen Auslandsgeheimdienstes zum Thema „Energie der Zukunft“ der deutschen Bundesregierung höchst ungelegen kommt.
Geheimdienstberichte kommen immer irgendwem irgendwie ungelegen. In Ungarn sorgten die Geheimdienste 2013 mit anderen Schlagzeilen für
gewaltiges Aufsehen. Sie haben bislang geheime Abhörprotokolle aus dem Jahr 2008 veröffentlicht. Damals regierten in Ungarn die Sozialisten. Und nun gibt es auf einmal einen Telefonmitschnitt des damaligen Inlandsgeheimdienstchefs, Sándor Laborc, mit dem Schwerstkriminellen
Tamás Portik. Herr Portik ist nach ungarischen Angaben auf vielen Gebieten der Organisierten Kriminalität aktiv, sitzt derzeit wegen
Mordverdachts in Untersuchungshaft. In dem aufgezeichneten Telefonat bot Portik dem damaligen Geheimdienstchef diskreditierende Informationen über Politiker rechter Parteien (gemeint damit ist die inzwischen regierende Fidesz-Partei) an, welche den Sozialisten dabei helfen sollten, politisch an der Macht zu bleiben. Portik sagte in dem Gespräch, dass er seine Verhaftung fürchte, wenn die Rechten einmal an die Macht kommen. Unter den Sozialisten gab es für den Schwerstkriminellen offenbar Freiheit von Strafverfolgung. Inzwischen ist der damalige Geheimdienstchef ausgewechselt. Und die Abhörprotokolle belegen die enge Kooperation der Sozialisten mit der Mafia. Die deutschsprachigen Medien blenden das alles aus.
Unterdessen wird den Spionen in den Niederlanden das Geld gestrichen. Dem niederländischen Geheimdienst AIVD wurde 2013 der Jahresetat von bislang 195 auf künftig 125 Millionen Euro zusammengekürzt. Die Begründung lautet, dass man in Zeiten leerer Kassen die schlechten
Aufklärungsergebnisse nicht länger finanzieren könne. Der Geheimdienst kündigte an, sofort die Beobachtung von Links- und Rechtsextremisten
sowie von islamistischen Gruppen weitgehend einzustellen. Er hat in den letzten Jahren viele Pannen erleben müssen. Und Landesverräter hat er
nicht enttarnt. So arbeitete seit vielen Jahren der afrikanischstämmige Raymond Poeteray als Diplomat im niederländischen Außenministerium.
Er hatte Zugang zu geheimsten Informationen. Jetzt wurde er am Amsterdamer Flughafen verhaftet, weil er offenkundig seit Jahren
Staatsgeheimnisse der Niederlande sowie geheime Informationen aus EU-Kreisen an einen russischen Führungsoffizier verkauft hatte. Die
entscheidenden Hinweise auf seine Agententätigkeit stammten vom deutschen Bundesnachrichtendienst.
Die deutschen Agenten wollen demnächst Fahrzeuge bei Verfolgungsfahrten ferngesteuert anhalten können. Funktionieren soll das mit Mikrowellen. Das Landeskriminalamt (LKA) Sachsen-Anhalt und der BND beteiligen sich an einem neuen Forschungsprojekt der Europäischen Union, um „nicht-kooperative Fahrzeuge“ mit elektromagnetischen Impulsen zu stoppen. Unter dem Namen SAVELEC ("Safe control of non
cooperative vehicles through electromagnetic means") wird untersucht, inwiefern die bislang nur militärisch angewandte Mikrowellentechnologie
auch für polizeiliche und geheimdienstliche Zwecke nutzbar gemacht werden kann, wenn Fahrzeuge etwa bei Verfolgungsfahrten nicht auf
polizeiliche Anweisungen reagieren.
Interessant ist auch ein aktueller BND-Bericht über eine mögliche Atomkatastrophe in den Nachbarländern Deutschlands. Die belgischen
Kernkraftwerke Huy und Doel sind 70 und 160 Kilometer von Aachen entfernt. Sie haben nach Angaben des BND jeweils mehr als 1.000
Haarrisse und gelten als „extrem unsicher“. Weil man die Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen bei einem atomaren Unglück nicht evakuieren kann, werden nun nach einer neuen Sicherheitsstudie ausreichend Jodtabletten vom Zentrallager der Bundesregierung nahe Berlin nach Nordrhein-Westfalen gebracht. Jod mindert die Aufnahme von Radioaktivität im menschlichen Körper. Auch die Düsseldorfer Landesregierung hält eine Nuklearkatastrophe an der belgischen Grenze jetzt für jederzeit möglich. Der Bevölkerung in NRW sagt man nichts davon. Man will sie ja nicht beunruhigen.
Unterdessen hat der israelische Generalstaatsanwalt dem Inlandsgeheimdienst Schin Beth gestattet, die E-Mails von Touristen zu lesen. Wer beispielsweise in Tel Aviv am Flughafen Ben Gurion landet, der muss sich nun darauf einstellen, dass bei der Einreise erst einmal seine Mails oder SMS gelesen werden. Der Inlandsgeheimdienst hat das schon in der Vergangenheit stichprobenartig gemacht. Jetzt darf er es generell bei jeder Person und zwar verdachtsunabhängig. Stößt der Inlandsgeheimdienst auf Mails oder SMS, die ihm nicht gefallen oder verweigert der Einreisende
die Einsicht in diese, dann kann ihm ohne Angabe von Gründen die Einreise verweigert werden. SMS und E-Mails sind nach Angaben des
israelischen Inlandsgeheimdienstes so etwas wie der Spiegel einer Person. Man kann in wenigen Minuten feststellen, welchen Typ Mensch man vor sich hat.
Die meisten Spionagefälle erblicken nie das Licht der Öffentlichkeit. Und wenn, dann wird reißerisch darüber berichtet. Dabei ist Spionage eine
Wachstumsbranche. Während in vielen Berufssparten Arbeitsplätze abgebaut werden, boomt die Spionageindustrie. Einer, der es wissen muss,
ist Hannes Katzschmann. Der bärtige Mann war darauf spezialisiert, solche Gauner auffliegen zu lassen. Katzschmann leitete ein Abhörschutzteam der Deutschen Telekom. Mit seinen Mitarbeitern spürte er in Bürogebäuden Wanzen und heimlich eingebaute Kameras auf. „Die meisten Beteiligten haben kaum eine Vorstellung davon, was auf diesem Gebiet heute möglich ist und tatsächlich auch gemacht wird“, sagt Katzschmann. Die meisten Mittelständler wissen nicht einmal, dass die Deutsche Telekom mehrere Abhörschutzteams unterhält, um illegale fremde Lauscher aufzuspüren und Spionen das Leben schwer zu machen. Katzschmann und seine Mitarbeiter haben in den vergangenen Jahren in deutschen Büroräumen vieles gefunden: in Bewegungsmelder eingebaute Kameras, mit Wanzen präparierte Kugelschreiber, und immer wieder in Steckdosenleisten verborgene Abhöreinrichtungen. „Da ist halt die Stromversorgung gleich dabei“, sagt Katzschmann, „da braucht man keine Batterie mehr.“ Die Deutsche Telekom unternimmt viel, um Unternehmen vor Spionen zu schützen. Für diese Leistungen wirbt sie aber nicht in der Öffentlichkeit. Offenkundig hat man Angst dass „Abhörschutz“ mit Abhören verwechselt wird.
Angesichts der Vielzahl von Geheimdiensten in aller Welt musste für dieses Buch notgedrungen eine Auswahl getroffen werden, denn es will und kann kein umfassendes Nachschlagewerk zu sämtlichen existierenden Geheimdiensten sein. Es beschränkt sich daher auf die Dienste Frankreichs,
Großbritanniens, Deutschlands, Israels, Russlands und der Vereinigten Staaten. Für den deutschsprachigen Leser haben die genannten Dienste und ihr Zusammenwirken eine besondere Bedeutung, weil es jene Geheimdienste sind, mit denen wir es am meisten zu tun haben. Zugleich ist
ihr Bild in der Öffentlichkeit eher diffus. Deshalb sollen ihre Geschichte, ihre Bedeutung und ihre wechselseitigen „Kämpfe“ besonders beleuchtet
werden. Im Falle Deutschlands wurde die Staatssicherheit der DDR bewusst ausgeklammert, weil es dazu inzwischen in Bibliotheken reichlich
Literatur gibt. Gleiches gilt für den Verfassungsschutz.
Aus zwei Gründen werden die Geheimdienste der Vereinigten Staaten ausführlicher als alle anderen dargestellt: Zum einen ist ihr Einfluss in der
Weltpolitik ungebrochen, und auch ihr gegenwärtiges Handeln wird nur verständlich, wenn man die wichtigsten Fälle der amerikanischen
Geheimdienstgeschichte kennt. Zum anderen verdanken wir dem 1967 in den Vereinigten Staaten in Kraft getretenen „Freedom of Information Act“, dass zahlreiche Einzelheiten über Geheimdienstoperationen ans Licht der Öffentlichkeit gekommen sind, wie es in anderen Ländern (noch) nicht der Fall ist. Mit diesem Gesetz verfügen US-amerikanische Bürger schon seit Jahrzehnten über eine rechtliche Handhabe, ihrem Informationsbedarf über Behördenerkenntnisse und Regierungshandeln - zeitversetzt - Genüge zu tun.
Geheimdienste arbeiten im Verborgenen, und ihre geheimen Erkenntnisse vor dem Zugriff anderer zu schützen ist Teil ihrer Aufgabe. Die Quellen
über den „Krieg im Dunkeln“ sind spärlich und verschwiegen wie jene, die dem Spionagemetier nachgehen. Wie also erfährt man Einzelheiten über das „Geheimwissen“ dieser Behörden? Und wie kann man sicherstellen, dass die erlangten Informationen nicht Teil einer (geheimen)
Desinformationsstrategie sind? Gewiss, selbst der Bundesnachrichtendienst (BND) logiert heute nicht mehr unter der altbackenen Tarnung einer
„Behördenunterkunft“ und verfügt wie viele andere große Geheimdienste neben einer Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit auch über einen Auftritt im Internet. Dort aber sucht man Geheimnisse bislang vergeblich.
Zumindest begrenzte Erkenntnisse über Geheimdienste zusammenzutragen ist heutzutage, in Zeiten der globalen Massenkommunikation, auch für den Normalbürger erheblich einfacher geworden. Man kann heute per E-Mail Anfragen an Parlamente, Botschaften und Öffentlichkeitsreferate richten. Und es ist erstaunlich, wie viel man bei einer gründlichen Recherche in Literatur, Internet und in Gesprächen mit „Ehemaligen“ über Geheimdienste erfährt. Zwar darf niemand glauben, so auch an die letzten Geheimnisse zu kommen. Doch man erfährt genug, um sich eine Vorstellung von Wesen, Wirken und Selbstverständnis der Geheimdienste zu machen.
Ich habe über viele Jahre hinweg Mitarbeiter von Geheimdiensten getroffen: im Nahen Osten, in Afrika, in Europa, in Asien und in den
Vereinigten Staaten. Diese Kontakte haben mir erlaubt, Leben und Handeln von Geheimdienstmitarbeitern intensiv kennenzulernen. Solche Kontakte sind wichtig, wenn es darum geht, Geheimdienstberichte und Informationen einzuordnen und ihren Wahrheitsgehalt zu beurteilen. In einigen wenigen Fällen haben Mitarbeiter ausländischer Dienste mir auch gefälschte Geheimdienstunterlagen zukommen lassen. Doch nicht etwa, um mich in die Irre zuführen. Sie sollten vielmehr als Beleg dafür dienen, dass Geheimdienste regelrechte Fälscherwerkstätten unterhalten und etwa Journalisten gezielt mit dort produziertem Material „anfüttern“, um in der Öffentlichkeit eine bestimmte Berichterstattung zu lancieren. Doch selbst wenn man Mitarbeiter von Geheimdiensten über Jahre hinweg kennt, kann man nie ausschließen, von diesen in Einzelfällen hinters Licht geführt zu werden.
Um an Informationen über die Arbeit der Geheimdienste zu kommen, greift man auch auf sogenannte „offene Quellen“ zurück. In den Vereinigten
Staaten ist das erwähnte Gesetz - der „Freedom of Information Act“ - ein wesentlicher Bestandteil investigativer journalistischer Arbeit, ohne den
viele Enthüllungen nicht möglich gewesen wären. In Großbritannien trat ein sehr ähnliches Gesetz am 1. Januar 2005 in Kraft. In Deutschland dagegen galt bis zum Ende des Jahres 2005 weiterhin das Prinzip des „Amtsgeheimnisses“, das heißt, bis dahin wurden sämtliche Informationen,
die in Deutschland bei öffentlichen Stellen vorliegen, noch immer unabhängig von ihrer tatsächlichen Schutzbedürftigkeit grundsätzlich als
„Verschlusssache“ oder gar als „geheim“ behandelt. Erst am 1. Januar 2006 trat endlich auch in Deutschland das Informationsfreiheitsgesetz in Kraft. Damit bekommt der Bürger auch hierzulande grundsätzlich ein Einsichtsrecht in Behördenunterlagen. Staatsgeheimnisse sind davon
natürlich weiterhin ausgenommen.
Zu den oftmals unterschätzten weiteren Informationsquellen zählen im Übrigen unzufriedene Mitarbeiter aus den Reihen der Geheimdienste selbst. Obwohl zur Geheimhaltung verpflichtet, bringen Ärger mit Vorgesetzten, stockende Beförderungsaussichten oder einfach der schiere Frust sie häufig zum Reden. Und auch ehemalige Geheimagenten liefern oft wichtige Informationen, Aussteiger wie Richard Tomlinson vom britischen
Auslandsgeheimdienst Secret Intelligence Service (SIS), David Shyler vom britischen Inlandsgeheimdienst Security Service, der BND-Mann Norbert Juretzko, die CIA-Mitarbeiter Robert Baer und Michael Scheuer. Sie alle haben „ihren“ jeweiligen Dienst nach Jahren teils aufopferungsvoller Tätigkeit enttäuscht verlassen. Die Vorstellung, dem eigenen Land in Organisationen nach rechtsstaatlichen, kontrollierten Abläufen dienen zu können, mussten sie vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen aufgeben.
Spricht man mit solchen „Ehemaligen“, so sind die meisten von ihnen zutiefst enttäuscht - enttäuscht, weil Kompetenzstreitigkeiten, bürokratische Abläufe und Intrigen ihr Leben bestimmten. Enttäuscht, weil sie Aufträge erledigen mussten, die sie mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren konnten. Und enttäuscht, weil sie ihren Idealismus rückblickend von den jeweiligen Regierungen oder Führungen oftmals missbraucht sahen.
Auch die Memoiren ehemaliger Geheimagenten, die seit der Mitte der Neunzigerjahre in Mode gekommen sind, verraten uns etwas über die
Arbeitsweise der Dienste. In Frankreich griff Pierre Martinet zur Feder, in den Niederlanden Frits Hoekstra, in Deutschland Norbert Juretzko, in
Großbritannien Richard Tomlinson, in Russland Oleg Gordievski und in den Vereinigten Staaten Autoren wie Robert Baer und James Bamford. Wer sich für die Schattenwelt der Geheimdienste interessiert, findet heute ein reichhaltiges Angebot. Und die Kommunikationsmöglichkeiten der
zunehmend vernetzten Welt sorgen dafür, dass ständig neue Begebenheiten aus der Spionagewelt bekannt werden.
Dennoch bleibt die Frage, wie man die gewonnenen Informationen auf ihre Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit hin überprüfen kann. Denn es ist
unglaublich, was Geheimdienste angeblich so alles wissen. So rauchte der frühere ägyptische Präsident Sadat gern Haschisch. Der indonesische
Präsident Sukarno liebte es, beim Sex im Bett gefilmt zu werden. Und der am 1. August 2005 verstorbene saudische König Fahd sprach bisweilen
kräftig dem Alkohol zu. Zwar entstammen vorgenannte Details tatsächlich offiziellen (geheimen) Dokumenten der Dienste, doch solange die
Betroffenen die geschilderten Vorlieben nicht selbst bestätigten, könnte es sich in der Tat natürlich auch um gezielte Desinformation handeln. Über Jahrzehnte hin gelangten aus den großen Geheimdiensten der Welt allenfalls Bruchstücke ihrer Tätigkeit an das Licht der Öffentlichkeit. Im
globalen Dorf, im Zeitalter der Massenkommunikation, hat sich das geändert. Nur sind viele Nachrichten aus der Geheimdienstwelt schlicht
peinlich.
Mit den meisten Journalisten allerdings stehen die Geheimdienste auf Kriegsfuß. So gibt es etwa innerhalb der US-amerikanischen National
Security Agency (NSA) die Abteilung Signals Intelligence Directorate (SID), die eine Datei mit dem Codenamen „First Fruits“ führt. In dieser Datei sind die Namen kritischer Publizisten sowie ihre Artikel und Äußerungen gespeichert. Die investigativen amerikanischen Journalisten
Seymour Hersh (New Yorker), Wayne Madsen (Online Journal), James Bamford (Publizist), James Risen (New York Times), Vernon Loeb
(Washington Post), Bill Gertz (Washington Times) und John Daly (UPI) gehören zu den bekanntesten amerikanischen Namen auf dieser Liste. Doch tauchen dort auch mehr als tausend nichtamerikanische Publizisten auf, unter ihnen etwa der Autor und Journalist Hans Leyendecker (Süddeutsche Zeitung) und der französische Autor Guillaume Dasquier. Um amerikanische Bürgerrechte und Datenschutzbestimmungen zu umgehen, werden die Namen in der „First Fruits“-Datei geschwärzt, sind aber von Personen der höchsten Sicherheitsstufe über einen Filter wieder im Klartext abrufbar. Befreundete Dienste, so die Briten und Israelis, haben beschränkten Zugriff auf diese Datei, nicht jedoch die Deutschen.
Und auch in Deutschland steht es mit dem Verhältnis von Geheimdienst und Journalisten nicht zum Besten. Das zeigt der Skandal um die illegale
Bespitzelung des Publizisten Erich Schmidt-Eenboom und anderer Journalisten durch den Bundesnachrichtendienst, worüber an späterer Stelle
in diesem Buch noch zu berichten sein wird.
Wie aber arbeiten Geheimdienste, und welche Aufgaben haben sie? In den meisten Staaten der Welt wird geheimdienstliche Tätigkeit in drei Bereiche gegliedert: Innenpolitik, Außenpolitik und Militär. Der innenpolitische Geheimdienst ist zuständig für die innere Sicherheit und arbeitet stets eng mit dem Polizei- und Justizapparat zusammen. Grundsätzlich soll der Inlandsgeheimdienst die jeweilige Staatsform des Landes schützen und es vor verdeckten Angriffen in den Bereichen Spionage, Terrorismus, Extremismus, Waffenhandel und Schwerstkriminalität bewahren.
Demgegenüber beschafft der Auslandsgeheimdienst Informationen über die äußere Sicherheit und unterstützt die Interessen des eigenen Landes durch Operationen im Ausland. Dazu gehört das Sammeln von Informationen über Wirtschaft, Wissenschaft, Technologie und Politik. Mit diesen
Diensten - aber nicht nur - werden wir uns in diesem Buch besonders befassen. Als Drittes kommen dann noch die Militärgeheimdienste. Sie
unterstehen zumeist den jeweiligen Verteidigungsministerien und liefern Informationen über Rüstungsbestrebungen fremder Staaten sowie
verfassungsfeindliche Bestrebungen innerhalb des eigenen Militärs.
Die Methoden der Geheimdienste, ihr Personal zu rekrutieren, unterscheiden sich allenfalls in Varianten voneinander. So ahnte ich selbst
nichts Böses, als ich - wie etwa zwei Dutzend weitere Studenten - Anfang der Achtzigerjahre zu einem „Konfliktforschungsseminar“ der
Studiengesellschaft für Zeitprobleme e.V. nach Bonn-Bad Godesberg in die Ubierstraße 88 eingeladen wurde. Eine kostenlose Bahnfahrt vom
Studienort nach Bad Godesberg, die Unterbringung in einem Hotel, ein Tagesgeld von 20 Deutschen Mark (heute wären das 10 Euro) und das in
Aussicht gestellte Büchergeld waren für die angesprochenen Studenten genug Anreiz, sich für eine Woche unbefangen der Einführung in die
„Problematik des Ost-West-Konfliktes“ zu stellen. Die vermeintliche Großzügigkeit hatte allerdings einen knallharten und berechnenden
Hintergrund: Jene Studenten, die in Rollenspielen die westliche Militärdoktrin besonders gut verteidigten, wurden zu einem (üppig bezahlten) „Folgeseminar“ eingeladen. Und wer auch dieses „erfolgreich“ absolvierte, erhielt im ersten Stockwerk des Hauses Ubierstraße 88 das Angebot, künftig für den Bundesnachrichtendienst zu arbeiten. Wie viele andere Studenten lehnte ich erst einmal ab. Mehrere hundert deutsche
Studenten haben in den Achtzigerjahren Erfahrungen mit dieser Anwerbepraxis des Bundesnachrichtendienstes gemacht. Alle großen
Geheimdienste der Welt engagieren sich auch an Hochschulen.
Stellvertretend für viele Dienste werde ich in diesem Buch besonders auf die Aktivitäten amerikanischer Dienste an Hochschulen eingehen. Vom Irak über Iran, Afghanistan, Mosambik, Angola, Zaire (heute Kongo), Äthiopien, Eritrea, Uganda, Syrien und Jordanien traf ich seither auf
meinen Reisen immer wieder jene Schattenmänner westlicher Dienste, die das Licht der Öffentlichkeit wie der Teufel das Weihwasser scheuen. Für dieses Buch habe ich sowohl eigene Erfahrungen als auch geheime Unterlagen ausgewertet, vor allem aber trug ich viele Einzelinformationen
zusammen, die sich wie ein Puzzle zu einem Gesamtbild fügen.
Wenn sich in Dänemark mehr als hundert Menschen um eine Festanstellung beim militärischen Geheimdienst bewerben, dann wird dieses heutzutage ebenso bekannt wie die Ausweisung des 45 Jahre alten russischen Konsuls Alexander Kuzmin aus Hamburg, der zur gleichen Zeit Deutsche für den russischen Militärgeheimdienst anwerben wollte. Wer sich für die Welt der Geheimdienste interessierte, stieß auf ein von Belgien aus koordiniertes Netzwerk chinesischer Spione, die angeleitet von der Chinesin Li-Li Whuang in den Niederlanden, Großbritannien und Deutschland Wirtschaftsunternehmen ausspähten, darunter etwa in Frankreich den Autozulieferer Valeo. Im gleichen Zeitraum entdeckte auch der schwedische Auslandsgeheimdienst SAEPO (Säkerhetspolisen) chinesische Spione in den Reihen von Austauschstudenten. Und die Florida International University kündigte an, die erste private Spionageschule der Vereinigten Staaten zu eröffnen, an der künftige Auswerter und Analysten für die amerikanischen Dienste ausgebildet werden sollen. Sammelt man die Vielzahl solcher Nachrichten, so gewinnt man einen immer umfassenderen Einblick in die früher abgeschottete Welt der Geheimdienste.
Während Spionage so alt ist wie die Geschichte selbst, sind die Geheim- und Nachrichtendienste in ihrer heutigen Form erst vor wenigen
Jahrzehnten entstanden. In London wurde der erste amtliche Geheimdienst vor kaum hundert Jahren - im Jahre 1909 - unter Premierminister Asquith als „Secret Service Bureau“ zur Abwehr deutscher Spionage gegründet. Es sollte nur wenige Jahre dauern, bis weitere Länder dem britischen Vorbild folgten: Deutschland schuf 1913 den ersten Geheimdienst, Russland 1917, Frankreich 1935 und die Vereinigten Staaten 1942. Heute wähnt sich selbst das ärmste Entwicklungsland erst wirklich souverän, wenn es mindestens einen großen Geheimdienstapparat unterhält.
Grundsätzlich erledigen Geheimdienste auch die „Drecksarbeit“ der sie beauftragenden Regierungen. Das gilt unabhängig davon, ob sie für
Demokraten, autokratische Herrscher oder einen Diktator arbeiten. Sie können zwar Informationen beschaffen, die von der Bevölkerung
überwiegend als wünschenswert angesehen werden, etwa über jeweilige „Feinde“, über Waffenhandel, Spionage, Organisierte Kriminalität und
Terrorismus. Sie können aber auch umstrittene Aufgaben erledigen, wie beispielsweise die Verfolgung und Beobachtung von Personen, Erpressung, verdeckten Waffenhandel, Schüren von Aufständen und Hilfestellung für nicht demokratische Nachrichtendienste. Geheimdienste kommen eben auch überall dort zum Einsatz, wo rechtsstaatliche Grenzen überschritten werden oder offenes Vorgehen nicht erwünscht ist. Zwar werden das alle Regierungen dieser Welt und die Leiter geheimdienstlicher Operationen für sich selbst entrüstet zurückweisen, doch belegen die in diesem Buch beschriebenen Operationen, wie scheinheilig die Behauptungen einzelner Regierungen sind, dass sich „ihre“ Dienste ganz bestimmt nur in anerkanntem rechtsstaatlichen Rahmen bewegen und sie stets die Resolutionen der Vereinten Nationen wie die Genfer Konventionen, die Konvention gegen die Folter oder die Menschenrechte einhalten.
Geheimdienste haben für ihre Arbeit auch ein spezielles Vokabular entwickelt, das für Außenstehende zunächst unverständlich oder
befremdlich erscheinen mag. Daher werden die geläufigsten Begriffe am Ende des Buches in einem „Geheimdienstvokabular“ aufgelistet und
erläutert. Bei der ersten Nennung im Buch ist der Begriff mit einem Sternchen* gekennzeichnet.
Mit der Darstellung der verschiedenen Nachrichtendienste und ihrer Aktivitäten verfolge ich in der Hauptsache das Ziel, Licht zu werfen auf die
Schattenwelt der Geheimdienste und ihrer subtilen Arbeitsweisen, ihr Produzieren von „Wahrheiten“ und ihre „schmutzigen Tricks“. Machen wir
uns nichts vor: Auch der beste Kritiker wird am Zustand der Geheimdienste dieser Welt rein gar nichts verändern können. Vielleicht hilft das
vorliegende Buch dem Leser jedoch dabei, sich ein realitätsnahes Bild von Apparaten zu verschaffen, die Jahr für Jahr weltweit viele Milliarden
verschlingen - und im Ernstfall immer wieder versagen. So haben die Dienste weder den irakischen Einmarsch in Kuwait 1990 noch die
Anschläge auf das World Trade Center von 1993 und 2001 vorausgesehen und auch nicht die Terroranschläge auf die amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania - obwohl alle diese Anschläge über Monate, wenn nicht Jahre voraus geplant wurden. Dies blieb den Geheimdiensten offenkundig verborgen.
Frankfurt im Juli 2013, Udo Ulfkotte
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