Abnormaler Stoffwechsel einiger lebender Organismen

a) Leben im Lehm: ein Krebs, der im Dunkeln lebt

Leben in einem Medium, das vollständig aus feuchtem Lehm besteht, ist möglich. Der feuchte Lehm ist von enormer Dichte, so daß keine Luft eintreten kann. Trotzdem kann Sauerstoff gebildet werden, und zwar durch die Spaltung von Wassermolekülen. Wie Pflanzen im Wasser den Sauerstoff nutzen, wissen wir. Der Sauerstoff, den die Pflanzen an die Luft abgeben, stammt nicht aus der von ihnen aufgenommenen Luft, von der sie den Kohlenstoff aus dem Kohlendioxid behalten hätten. Könnten dann die Organismen im Lehm ihren Sauerstoff ähnlich gewinnen? Diese Frage ist bisher unbeantwortet, doch nehmen wir das einmal als Möglichkeit an.


Und ein weiteres Problem muß gelöst werden: Jedes organische Leben braucht Kohlenstoff. Tierische und pflanzliche Zellen enthalten zahlreiche Kohlenstoffverbindungen. In ihrem Wachstum bilden sie neue Zellen, nehmen also Kohlenstoff auf. Außerdem atmen sie und geben Kohlendioxid ab. Der Kohlenstoffvorrat muß also erneuert werden, denn die Tiere nehmen das von ihnen ausgeschiedene Kohlendioxid nicht wieder auf; für sie ist es ein Gift. Im Lehm weichen die Tiere diesen ausgeschiedenen Gasen durch ständigen Ortswechsel aus. Da das ausgeschiedene Kohlendioxid einen höheren Druck aufweist als die anderen Gase seiner Umgebung, diffundiert es allmählich in die Nachbarschaft. Durch den hohen Druck dieses Gases im Innern des Lehms kann kein Kohlen-
dioxid von außen eindringen.


Man weiß seit langem, daß im Lehm Organismen leben, ohne daß sie von außen mit Kohlenstoff versorgt werden. Diese Tatsache hat die Forscher fasziniert, und in einem Labor in der Höhle von Moulis in Frankreich wurde eine umfassende Untersuchung durchgeführt, deren Ergebnisse in mehreren französischen wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht wurden.

Betrachten wir den kleinen Höhlenkrebs (Niphargus), etwa ein Zentimeter lang, der im Lehm von Höhlen lebt. Gibt man ihm organische Materie wie Fleisch zu essen, verkümmert er und geht ein. Er sterben auch, wenn man ihn nicht in feuchtem Lehm hält. Die Experimente ergaben, daß er sich in reinem Lehm, dem nichts zugesetzt wurde, normal entwickelt. Die Forscher meinten daher, die Höhlenkrebse lebten vom Lehm und sonst nichts, was nach den Gesetzen der Biochemie ein Ding der Unmöglichkeit ist. Und sie können wirklich nicht von Lehm allein leben, sondern der Lehm enthält Mikroorganismen, die für die Krebse tätig sind und ihnen aus Stickstoff, Phosphor, Calcium usw. Vitamine und Mineralien produzieren.

b) Regenwürmer

Lange hat man die Rolle der Regenwürmer nicht beachtet. Man dachte, sie seien nur dafür gut, den Boden mechanisch aufzulockern. Forscher wiesen aber nach, daß Ringelwürmer die chemische Zusammensetzung des Bodens verändern.


Pochon* vom Institut Pasteur beschreibt in seiner Abhandlung über die Mikrobiologie des Bodens einige Forschungsergebnisse. Die Regenwürmer erhöhen den Kalkgehalt des Bodens. Ihre Drüsen sondern Calciumcarbonat (CaCO3) ab, wodurch der pH-Wert des Bodens, in dem sie sich aufhalten, heraufgesetzt wird. Die meisten Regenwürmer findet man in neutralem bis leicht saurem Boden; in günstigen Fällen können es einige Hundert pro Quadratmeter sein. Nach manchen Autoren verleibt sich jeder Regenwurm pro Sekunde ein Zehntel Gramm Boden ein, was pro Jahr drei Tonnen ergibt. Bei Darwin finden sich noch höhere Angaben, doch muß man derartige Berechnungen mit Vorsicht genießen, denn Regenwürmer ruhen im Winter und in Trockenperioden. Nach anderen glaubwürdigen Zahlen, die sich auf Beobachtungen in England stützen, scheiden die Regenwürmer in einem Feld pro Hektar und Jahr 57 Tonnen Boden aus, was viermaligem Ausbringen von Stallmist im Jahr entspricht. Damit ist aber nur die Menge erfaßt, die an der Oberfläche abgelagert wird. Daraus läßt sich nicht die genaue Masse Erde berechnen, die den Verdauungstrakt jedes Wurms durchlaufen hat. Im Vergleich zum umgebenden Boden enthalten diese Exkremente fünfmal soviel Stickstoff, zweimal soviel Calcium, zweieinhalbmal soviel Magnesium, siebenmal soviel Phosphor und elfmal soviel Kalium.

c) Leben auf einem Eisendraht

In einem meiner Bücher erwähne ich den merkwürdigen Fall einer Pflanzenart namens Tillandsia (Spanish Moss), einer grünen Flechte, die sich üblicherweise massenhaft ansiedelt, am häufigsten auf Kupferdrähten. Gewöhnlich ist sie in feuchtwarmen Regionen auf Telegraphendrähten zu Hause. Sie haftet auf dem Draht mittels viskoser Scheibchen und kann sich auch an Zweigen, auf toten Baumstümpfen und Felsen niederlassen.


Eine Analyse der Asche dieser Pflanzen ergibt nach Pfeiffer* etwa 17 % Fe2O3 (Eisenoxid), aber praktisch keine meßbare Menge Kupfer, obgleich die analysierten Exemplare auf Kupferdrähten gewachsen waren. Diese merkwürdigen Pflanzen wachsen ohne Wurzeln. Sie stehen mit dem Boden nicht in Kontakt. Die Forscher fragten sich darum, woher die Pflanze die Mineralien bekommen hatte, die sich aus der Analyse ergaben. Man kann annehmen, daß sie Wasser, Kohlenstoff und Stickstoff aus der Luft aufnimmt, doch wie steht es mit den anderen Mineralien? Was auch immer über die Herkunft dieser Mineralien geschrieben wurde, ist nichts als unbegründete Behauptung. Man hat vermutet, daß sie mit dem Regen herangetragen werden, natürlich in kleinsten Mengen, und sich im Laufe der Zeit anreichern. Nach anderen Quellen sollen sie aus dem Staub stammen. All das wird gesagt, um das Dogma der Nichterschaffung neuer Materie aufrechtzuerhalten. Doch sind diese Hypothesen unbefriedigend.

* Jacques Pochon: Abhandlung über die Mikrobiologie des Bodens (franz.). Paris: Dunod 1954
* Ehrenfried E. Pfeiffer: Die Fruchtbarkeit der Erde. 6. Auflage Dornach 1977 (1. Auflage Basel 1938), S.
176-179

Auch H. Friedel# schreibt über diese Pflanzen: „Ich muß gestehen, daß alle meine Auffassungen über Pflanzen im Hennessyschen Garten in Antibes über den Haufen geworfen wurden, wo ich sah, wie Bromeliaceen [wie die Tillandsie] auf einem Eisendraht in der Luft wuchsen. Y Um sich auf ein derartiges Gelände einzulassen, muß man schon eine Pflanze sein.“ Wir können die genannten Hypothesen zurückweisen, da man herausgefunden hat, daß diese Pflanze sich an das Leben im Gewächshaus akklimatisieren kann.

 

Im Elsaß wurden erfolgreich Versuche auf Kupferdrähten in Gewächshäusern durchgeführt. Nach ihren Resultaten erweist sich die Hypothese über den Regen und den Staub als gegenstandslos. In dem Glashaus gab es nur Luft, Sonne, Wasserdampf und die Symbiose mit dem Kupfer. In der Pflanze war kein Kupfer zu finden, dafür aber Eisen. Es gab auch kein Chlor in der Luft, aber in der Pflanze fand sich etwas.

 

Es gibt viele weitere Beispiele, die man hier gar nicht alle aufzählen kann. Eines sei noch genannt, das sich bei Pfeiffer findet: „Der Besenstrauch (Sarothamnus vulgaris) ist eine besondere Wunderpflanze. Er ist auffallend reich an Kalk in den Stengeln und Blättern. (25,03 % CaO bei nur 0,35 % CaO im Boden.Y) Darüber hinaus scheidet er an den Wurzeln Kalk aus, der sich in Ringen um die Wurzeln legt und so den Boden mit Kalk versorgt. Dies an einer Pflanze, die ausgesprochene Sandpflanze ist. Sie eignet sich daher zur Vorbereitung trockenen Ödlandes und der Sandsteppe, um sie zu verbessern und wieder dem Kulturzustand zurückzugewinnen*.“


# H. Friedel: Les Conquêtes de la Vie. Paris: Larousse 1967, S. 128
* op. cit., S. 180