10 Panamas Präsident und Volksheld

Ich landete auf dem Tocumen International Airport in Panama an einem späten Abend im April 1972, als gerade ein tropischer Wolkenbruch niederging. Wie es damals üblich war, teilte ich mir ein Taxi mit anderen Passagieren, und weil ich Spanisch sprach, durfte ich mich vorn neben den Fahrer setzen. Ich blickte durch die Windschutzscheibe des Taxis nach draußen. Das Scheinwerferlicht erfaßte eine Plakatwand, auf der ein gutaussehender Mann mit buschigen Augenbrauen und blitzenden Augen abgebildet war. Eine Seite seines breitkrempigen Hutes war keck nach oben gebogen. Es war Omar Torrijos, der Held des modernen Panama.

 

Ich hatte mich sorgfältig auf diese Reise vorbereitet und in der Boston Public Library die Abteilung mit den Nachschlagewerken aufgesucht. Ich wußte, daß Torrijos bei der Bevölkerung nicht zuletzt deshalb so beliebt war, weil er sich entschieden für das Recht Panamas auf Eigenständigkeit einsetzte und die Rückgabe der Hoheitsrechte über die Kanalzone verlangte. Unter seiner Führung, das hatte er versprochen, werde das Land die Fehler seiner schmachvollen Vergangenheit nicht wiederholen.


Panama gehörte zu Großkolumbien, als der französische Ingenieur Ferdinand Lesseps, der den Suezkanal konzipiert hatte, den Plan entwickelte, durch die zentralamerikanische Landbrücke einen Kanal zu bauen. Im Jahr 1881 nahmen die Franzosen das Projekt in Angriff, das den Atlantischen mit dem Pazifischen Ozean verbinden sollte. Doch sie erlitten trotz gewaltiger Anstrengungen einen Rückschlag nach dem anderen. Schließlich endete das Unternehmen 1889 in einem finanziellen Desaster – aber es hatte Theodore Roosevelt zu einem großen Traum inspiriert. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts drängten die USA Großkolumbien zur Unterzeichnung eines Vertrags, durch den die zentralamerikanische Landbrücke an ein nordamerikanisches Konsortium abgetreten werden sollte. Doch Kolumbien weigerte sich.


Im Jahr 1903 schickte Präsident Roosevelt das Kriegsschiff Nashville in die Region. US-Soldaten gingen an Land, nahmen einen populären einheimischen Milizenführer gefangen, töteten ihn und erklärten Panama zu einem unabhängigen Staat. Es wurde eine Marionettenregierung eingesetzt, die den ersten Kanalvertrag abschloß. Zu beiden Seiten der geplanten Wasserstraße wurde eine US-amerikanische Hoheitszone eingerichtet, außerdem legalisierte der Vertrag militärische Interventionen der USA und verschaffte den Vereinigten Staaten die Kontrolle über den neugebildeten »unabhängigen« Staat. Interessanterweise wurde dieser Vertrag von US-Außenminister Hay und einem französischen Ingenieur namens Philippe Buneau-Varilla unterzeichnet, der bereits am ursprünglichen Kanalprojekt mitgearbeitet hatte, doch kein einziger Panamaer setzte seine Unterschrift unter das Dokument. Panama wurde gezwungen, sich von Kolumbien abzuspalten, was nur den Interessen der USA diente, und zwar durch ein Abkommen, das ein Amerikaner und ein Franzose besiegelt hatten – rückblickend betrachtet ein schicksalsträchtiger Anfang.

 

Mehr als ein halbes Jahrhundert lang wurde Panama von einer Oligarchie reicher Familien beherrscht, die enge Verbindungen zu Washington unterhielten. Die Regierenden waren rechtsgerichtete Diktatoren, die skrupellos alles taten, was den US-Interessen diente. Wie die meisten lateinamerikanischen Diktatoren, die von Washington an der Macht gehalten wurden, interpretierten auch die panamaischen Herrscher die US-Interessen dahingehend, daß jede Volksbewegung unterdrückt werden mußte, die auch nur sozialistisch anmutete. Sie unterstützten die CIA und die NSA bei ihren Aktivitäten zur Bekämpfung des Kommunismus in der Hemisphäre und begünstigten große amerikanische Konzerne wie Rockefellers Standard Oil Company und die United Fruit Company (die später von George H. W. Bush gekauft wurde). Nach Ansicht dieser Regierungen war es für die US-Interessen nicht förderlich, wenn die Lebensbedingungen jener Menschen verbessert wurden, die in bitterer Armut lebten oder auf den großen Plantagen und in den Fabriken der ausländischen Konzerne Sklavenarbeit verrichteten.


Die herrschenden Familien Panamas wurden für ihre Hilfsdienste sorgsam gehätschelt; zwischen der Abspaltung von Großkolumbien und 1968 griffen amerikanische Truppen mehr als ein Dutzend Mal zum Schutz dieser Cliquen ein. Doch in jenem Jahr, in dem ich noch als Freiwilliger für das Peace Corps in Ecuador tätig war, wurde in Panama Arnulfo Arias durch einen Militärputsch gestürzt, der letzte US-hörige Diktator, und Omar Torrijos gelangte an die Staatsspitze. Torrijos genoß großes Ansehen in der Mittel- und Unterschicht des Landes. Er war in der ländlichen Kleinstadt Santiago aufgewachsen, in der seine Eltern Lehrer gewesen waren. Er hatte in der Nationalgarde Panamas rasch Karriere gemacht. Die Nationalgarde entwickelte sich in den sechziger Jahren zunehmend zum Hoffnungsträger der Armen. Torrijos war berühmt dafür, daß er ein offenes Ohr für die Armen hatte. Er ging durch die Straßen der Elendsviertel, hielt Versammlungen in Slums ab, in die sich die anderen Politiker nicht hineinwagten, half Arbeitslosen, eine neue Beschäftigung zu finden, und unterstützte mit seinen eigenen, freilich begrenzten finanziellen Mitteln Familien, die durch Krankheit oder andere Tragödien in Not gekommen waren. Seine Liebe zum Leben und sein Mitgefühl für die Menschen machten ihn auch außerhalb der Grenzen Panamas bekannt. Torrijos war entschlossen, sein Land zu einer Zuflucht für Verfolgte zu machen, zu einem Ort, der Flüchtlingen von beiden Extremen des politischen Spektrums Asyl bieten sollte, linken Gegnern des Pinochet-Regimes in Chile ebenso wie rechtsgerichteten kubanischen Guerilleros, die gegen Castro kämpften. Viele Menschen hielten ihn für einen Vorkämpfer des Friedens, was ihm in ganz Nord- und Südamerika Lob und Anerkennung eintrug. Außerdem bemühte er sich, in den politischen Konflikten zu vermitteln, die so viele lateinamerikanische Länder zerrissen, wie vor allem Honduras, Guatemala, El Salvador, Nicaragua, Kuba, Kolumbien, Peru, Argentinien, Chile und Paraguay.

 

Sein kleines Land mit nur zwei Millionen Einwohnern entwickelte sich zu einem Modell für soziale Reformen und inspirierte unterschiedlichste politische Kräfte, wie zum Beispiel die Gewerkschaften, die in der Sowjetunion auf einen Regimewechsel hinarbeiteten, oder militante islamische Führer wie Muammar al-Gaddafi in Libyen.
Als ich an meinem ersten Abend in Panama nun an dieser roten Ampel stand und durch die quietschenden Scheibenwischer nach draußen schaute, da berührte mich dieser Mann, der von der Plakatwand herablächelte – ein attraktiver, charismatischer und mutiger politischer Führer. Durch meine Recherchen in der Bibliothek wußte ich, daß Torrijos voll hinter seinen Überzeugungen stand. Zum ersten Mal in seiner Geschichte war Panama nicht mehr eine Marionette Washingtons oder einer anderen Macht. Torrijos erlag nie den Verlockungen, die von Moskau oder Peking ausgingen; er glaubte an Sozialreformen und daran, daß den Armen geholfen werden mußte, aber er war kein Anhänger des Kommunismus. Anders als Castro war Torrijos entschlossen, die Freiheit von den Vereinigten Staaten zu erkämpfen, ohne sich mit den Feinden der USA zu verbünden.


In der Bibliothek war ich in irgendeinem obskuren Blatt auf einen Artikel gestoßen, in dem Torrijos als ein Mann gefeiert wurde, der die Geschichte Amerikas verändern und der im Laufe vieler Jahrzehnte entstandenen Vorherrschaft der USA ein Ende bereiten würde. Am Anfang des Artikels erwähnte der Autor die Doktrin der »Manifest Destiny« (Offenkundige Bestimmung), eine vor allem in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts von vielen weißen Amerikanern geteilte Auffassung, daß sie von der Vorsehung dazu bestimmt wären, den ganzen amerikanischen Kontinent zu beherrschen; daß die Vernichtung der Indianer, der Wälder und der Büffel dem Willen Gottes entspräche, ebenso wie die Trockenlegung der Sümpfe, die Kanalisierung der Flüsse und die Ent-
wicklung einer Wirtschaftsweise, die auf der fortgesetzten Ausbeutung der Arbeit und der natürlichen Rohstoffe beruhte.

 

Dieser Artikel regte mich dazu an, über die Haltung meines Landes gegenüber dem Rest der Welt nachzudenken. Durch die Monroe-Doktrin, die Präsident James Monroe 1823 verkündete, wurde das Konzept der Manifest Destiny weiterentwickelt. Zwischen 1850 und 1870 vertrat man die Auffassung, daß die Vereinigten Staaten besondere Befugnisse in der gesamten Hemisphäre hätten, einschließlich des Rechts, in allen Staaten in Mittel- und Südamerika einzumarschieren, die sich der US-Politik widersetzten. Teddy Roosevelt berief sich auf die Monroe-Doktrin, um die US-Interventionen in der Dominikanischen Republik, in Venezuela und während der »Befreiung« Panamas von Kolumbien zu rechtfertigen. Auch spätere US-Präsidenten – insbesondere Taft, Wilson und Franklin Roosevelt – begründeten damit bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Washingtons panamerikanische Bestrebungen.

 

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts diente den USA schließlich die kommunistische Bedrohung als Rechtfertigung für die Ausdehnung dieses Konzepts auf andere Regionen der Erde wie beispielsweise Vietnam und Indonesien.  Und jetzt stand, wie es schien, ein einzelner Mann Washington im Weg. Ich wußte, daß er nicht der erste war – politische Führer wie Castro und Allende waren ihm vorausgegangen –, aber Torrijos verfolgte seine Politik ohne Hinwendung zur kommunistischen Ideologie und ohne seine Bewegung als revolutionär zu bezeichnen. Er sagte einfach nur, daß Panama eigene Rechte besitze, daß es Anspruch habe auf Souveränität über
sein Volk, sein Staatsgebiet und eine Wasserstraße, die sein Territorium in der Mitte durchschnitt – und daß diese Rechte genauso unveräußerlich und gottgegeben seien wie jene Rechte, welche die Vereinigten Staaten für sich reklamierten.

 

Torrijos kämpfte auch gegen gegen die School of the Americas und das Zentrum für Dschungelkampfausbildung des US-Southern Command, die beide in der Kanalzone angesiedelt waren. Seit vielen Jahren ermöglichten es die US-Streitkräfte Diktatoren und Staatspräsidenten aus Lateinamerika, ihre Söhne und ihre Offiziere in diese Trainingscamps zu schicken – die größten und am besten ausgestatteten militärischen Ausbildungscamps außerhalb der USA. Dort lernten sie Verhörmethoden, wurden in der Durchführung verdeckter Operationen unterwiesen und mit militärischer Taktik vertraut gemacht, die sie im Kampf gegen den Kommunismus anwendeten und zum Schutz ihres eigenen Besitzes und des Vermögens der Ölkonzerne und anderer privater Firmen. Außerdem bekamen sie dort die Möglichkeit, die hohen Tiere aus den USA persönlich kennenzulernen.


Diese Einrichtungen waren bei den Lateinamerikanern verhaßt – mit Ausnahme der wenigen Reichen, denen sie nützten. Sie galten als Ausbildungsstätten für rechtsgerichtete Todesschwadronen und Folterknechte, die so viele Staaten in totalitäre Regime verwandelt hatten. Torrijos machte deutlich, daß er keine derartigen Trainingscamps auf dem Boden Panamas dulden werde und daß er die Kanalzone als Bestandteil des panamaischen Staatsgebietes betrachte. Als ich den imposanten General auf der Plakatwand betrachtete und den Text unterhalb des Bildes las – »Omars Ideal ist die Freiheit; das Geschoß ist noch nicht erfunden, das ein Ideal töten kann!« – lief es mir kalt den Rücken hinab. Ich ahnte, daß die Geschichte Panamas im 20. Jahrhundert turbulent verlaufen würde und daß Torrijos ein schwieriges und vielleicht auch tragisches Schicksal beschieden sein könnte.

 

Der Tropensturm rüttelte an der Windschutzscheibe, die Ampel schaltete auf Grün und der Fahrer hupte das Auto vor uns an. Ich dachte über meine Position nach. Ich war nach Panama geschickt worden, um ein Geschäft unter Dach und Fach zu bringen, das der erste große Master-Entwicklungsplan von MAIN werden sollte. Dieser Plan würde der Weltbank, der Interamerikanischen Entwicklungsbank und USAID eine Begründung liefern, um Milliarden in den Energiesektor, das Transportwesen und die Landwirtschaft dieses winzigen, aber strategisch sehr wichtigen Landes zu investieren. Doch das war natürlich nur ein Täuschungsmanöver. Panama sollte in gewaltige, nicht rückzahlbare Schulden gestürzt werden, damit man es wieder zur Marionette degradieren konnte. Als sich das Taxi in Bewegung setzte, packten mich Schuldgefühle, aber ich verdrängte sie. Warum machte ich mir Sorgen? Ich war in Java über meinen Schatten gesprungen und hatte meine Seele verkauft, und jetzt bot sich mir die Chance meines Lebens. Ich konnte mit einem Schlag reich, berühmt und mächtig werden.

 

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