2022/05: Wohin fließt das russische Öl?

 

Nachdem in den vergangenen Wochen bereits in einigen EU-Ländern über einen Importstop für russisches Gas bis Ende 2022 diskutiert wurde und Russland als Warnung Ende April die Versorgung von Polen und Bulgarien mit dem fossilen Energieträger eingestellt hatte, wurde jetzt seitens der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union ein Teil-Embargo für den Import von russischem Öl beschlossen.

 

Nach Berichten der Tagesschau handelt es sich dabei um ein Einfuhrverbot über den Seeweg, Transportwege wie die Druschba-Pipeline, die beispielsweise Ungarn, Tschechien, die Slowakei und Deutschland versorgt, bleiben davon ausgenommen. Wie unsere Grafik zeigt, könnte Russland diese Sanktion mit verstärktem Fokus auf seine südlichen Nachbarn ausgleichen.

 

Schon 2020 belief sich der Warenwert russischer Ölexporte nach China laut UN Comtrade auf rund 24 Milliarden US-Dollar, ein Wert, der den gesammelten Ölimporten aus den Niederlanden, Deutschland, Polen und Italien im selben Jahr entsprach und in Zukunft deutlich steigen könnte.

 

Alleine in den Top 10 der größten Exportzielländer für russisches Öl befanden sich 2020 sechs EU-Staaten, die sich voraussichtlich unter dem neuen Embargo umorientieren müssen: Laut Wirtschaftswoche werden 70 bis 85 Prozent des Öls in Tankern nach Europa verschifft. EU-seitig will man den Wegfall unter anderem durch eine Kapazitätserhöhung der südosteuropäischen Adria-Pipeline kompensieren.

 

Russland scheint, neben der schon seit einigen Wochen gängigen Praxis des Charterns griechischer Öltanker, allerdings schon andere Abnehmer für den Energieträger gefunden zu haben. Die Türkei und besonders Indien fahren die Importe von russischem Rohöl seit einigen Wochen deutlich nach oben und profitieren dabei von einem sanktionsbedingten Preisabschlag.

 

Je nach Fortschritt dieser Entwicklung könnte ein Öl-Embargo der EU also weniger Einfluss auf den russischen Staatshaushalt haben als erhofft.

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