2. Kapitel: Die Verschiebung des Wirtschaftszentrums seit dem 16. Jahrhundert 1911: Die Juden und das Wirtschaftsleben von Werner Sombart: Erster Abschnitt - Der Anteil der Juden am Aufbau der modernen Volkswirtschaft.

Eine für den Verlauf der modernen wirtschaftlichen Entwicklung entscheidend wichtige Tatsache ist die Verlegung des Schwergewichts der weltwirtschaftlichen Beziehungen ebenso wie des ökonomischen Energiezentrums aus dem Bannkreise der südeuropäischen Nationen (Italiener, Spanier, Portugiesen, denen sich einige süddeutsche Gebiete angliederten) unter die nordwesteuropäischen Völker: zuerst die (Belgier und) Holländer, dann die Franzosen, die Engländer, die Norddeutschen. Das wesentliche Ereignis war die plötzlich ausbrechende Blüte Hollands, die den Anstoß für die intensive Entfaltung der wirtschaftlichen Kräfte namentlich Frankreichs und Englands bildete: während des ganzen 17. Jahrhunderts gibt es für alle Theoretiker und Praktiker der nordwestlichen Nationen Europas nur ein Ziel Holland nachzueifern in Handel, Industrie, Schiffahrt und Kolonialbesitz.

Für diese bekannte Tatsache sind von den „Historikern, die schnurrigsten Gründe angeführt worden.

So soll beispielsweise die Entdeckung Amerikas und des Seewegs nach Ostindien schuld daran sein, daß die italienischen und süddeutschen Stadtstaaten, daß Spanien und Portugal an wirtschaftlicher Bedeutung verloren: dadurch sei der Levantehandel in seiner Wichtigkeit beeinträchtigt worden und dadurch sei die Stellung namentlich der süddeutschen und italienischen Städte als dessen Träger erschüttert. Das ist eine ganz und gar nicht schlüssige Beweisführung: zum ersten behauptete der Levantehandel das ganze 17. und 18. Jahrhundert hindurch seiner Vorherrschaft vor dem Handel mit fast allen anderen Ländern,
Die Blüte der südfranzösischen Handelsstädte etwa ebenso wie die des Hamburger Handels beruhten während dieser ganzen Zeit vornehmlich auf ihm. Zum anderen haben verschiedene italienische Städte, die dann im 17. Jahrhundert an Macht verloren, das ganze 16. Jahrhundert hindurch trotz der verödeten Handelswege noch stark am Levantehandel teilgenommen (wie z. B. Venedig). Warum aber die bis zum 15. Jahrhundert führenden Völker: Italiener, Spanier und Portugiesen, durch die Entfaltung der neuen Handelsbeziehungen mit Amerika und Ostasien (auf dem Seewege) hatten Schaden leiden sollen, weshalb sie auch nur im geringsten wegen ihrer geographischen Lage gegenüber Franzosen, Engländern, Hollandern, Hamburgern, hätten benachteiligt sein sollen, ist erst recht nicht verständlich. Als ob der Weg von Genua nach Amerika oder Ostindien nicht derselbe wäre wie der von Amsterdam oder London oder Hamburg dorthin? Als ob nicht die portugiesischen und spanischen Häfen die nächsten zu den neuerschlossenen Gebieten, gewesen wären, die von Italienern und Portugiesen entdeckt, von Spaniern und Portugiesen zuerst waren besessen worden.

Ebenso wenig stichhaltig erscheint ein anderer Grund, der angeführt wird, um die Verlegung des Wirtschaftszentrums unter die nordwesteuropäischen Völker plausibel zu machen: die stärkere Staatsgewalt, die ihnen ein Übergewicht über die zersplitterten Deutschen und Italiener verliehen hätte, Wiederum fragt man erstaunt, ob denn die mächtige Königin der Adria eine geringere Staatsmacht dargestellt habe — sage im 16. Jahrhundert — als im 17. Jahrhundert die sieben Provinzen? Und ob denn nicht das Reich Philipps II. an Macht und Ansehen, alle Reiche zu seiner Zeit übertroffen habe: Fragt erstaunt, weshalb einzelne Stadte im politisch zerrissenen deutschen Reiche, wie Frankfurt a. M. oder Hamburg, während des 17. und 18. Jahrhunderts eine Blüte erreichen, die von wenigen französischen oder englischen Städten erreicht wurde?

Es ist hier nicht der Ort, die in Frage stehende Erscheinung, auf die Gesamtheit ihrer Verursachung hin zu untersuchen. Natürlich hat eine ganze Reihe von Umständen zusammengewirkt, um das endliche Ergebnis herbeizuführen. Es soll vielmehr, dem Zusammenhange entsprechend, in dem wir das Problem behandeln, auf eine Möglichkeit hingewiesen werden, das seltsame Phänomen zu erklären, die, wie mir scheint, allerernsteste Berücksichtigung verdient und an die man seltsamerweise, soviel ich sehe, überhaupt noch nicht gedacht hat. Ich meine natürlich die Möglichkeit, die Verschiebung des wirtschaftlichen Schwerpunkts aus dem Süden nach dem Norden Europas (wie wir nicht, ganz genau der Kürze halber sagen wollen) in Zusammenhang zu bringen mit den Wanderungen der Juden. Kaum daß man diesen Gedanken gefaßt hat, breitet sich mit einem Male ein wunderbares Licht über die Vorgänge jener Zeit aus, die uns bisher im Dunkel zu liegen schienen. Und wir erstaunen, daß man bisher nicht wenigstens die Äußere Parallelität zwischen den örtlichen Bewegungen des jüdischen Volkes und den ökonomischen Schicksalen der verschiedenen Völker und Städte, wahrgenommen hat. Wie die Sonne geht Israel über Europa: wo es hinkommt, sprießt neues Leben empor, von wo es wegzieht, da modert alles, was bisher geblüht hatte. Eine kurze, Erinnerung an die bekannten Wechselfälle, denen das jüdische Volk seit Ende des 15. Jahrhunderts ausgesetzt gewesen ist, wird diese Beobachtung ohne weiteres in ihrer Richtigkeit bestätigen.

Das große welthistorische Ereignis, dessen hier zuerst und vor allem andern zu gedenken wäre, ist die Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal (1492 bezw. 1495 und 1497). Es sollte niemals vergessen werden, das am Tage, ehe Columbus, aus Palos absegelte, um Amerika zu entdecken (8. August 1492), wie man sagt, 800 000 Juden aus Spanien nach Navarra, Frankreich, Portugal und nach dem Osten auswanderten. Und daß in den Jahren, in denen Vasco de Gama den Seeweg nach Ostindien fand, andere Teile der Pyrendenhalbinsel ihre Juden vertrieben.

Eine genaue ziffermäßige Erfassung der örtlichen Verschiebungen, die die Juden seit Ende des 15. Jahrhunderts erfahren, ist nicht möglich. Die Versuche, die in dieser Richtung unternommen sind, bleiben doch zum großen Teil in Konjekturalziffern stecken. Die beste mir bekannte Untersuchung ist die von Ja. Loeb, Le nombre des juifs de Castille et d’Espagne, au moyen age in der Revue des studes juives 14 (1887), 161 ff. Obwohl, auch sehr viele der Leschen Zahlen nur berechnet sind (meist aus der Bevölkerungsziffer der heute an den verschiedenen Orten lebenden Juden) will ich die Ergebnisse seiner fleißigen Arbeit doch mitteilen. Danach lebten 1492 in Spanien und Portugal etwa 235000 Juden. Annähernd viel wie 200 Jahre früher; davon 160000 in Kastilien, einschließlich Andalusien, Granada usw., 30000 in Navarra. Der Verbleib dieser spanischportugiesischen Juden soll nun folgender sein: getauft werden 50000; auf der Überfahrt sterben 20000; ausgewandert sind 165000. Davon nehmen auf:

Europhische und asiatische Türkei 90 000
Ägypten und Tripolis 2000
Algier 10 000
Marokko 20000
Frankreich 3000
Italien 9000
Holland, Hamburg, England, Skandinavien 25 000
Amerika 5000
Verschiedene Länder 1000

 

Zur Ergänzung füge ich noch eine Zahlenangabe bei, die ich in dem Berichte eines der meist ja sehr gut unterrichteten venetianischen Gesandten finde: 

„si giudica in Castilia ed in altre province di Spagna il terzo esser Marrani un terzo dico di coloro che sono cittadini e mercanti perché il populo minato s vero cristiano, e cost la maggior parte delli grandi.“ 

Vicenzo Querini (1506) bei Alberi, Rel. degli Amb. Ser. I.t. I p. 29. Also nach der offiziellen Vertreibung ein Drittel der Bourgeoisie Juden! Danach sollte man glauben (was auch aus anderen Gründen manches für sich hat), daß die Entleerung Spaniens (und Portugal), doch vornehmlich erst im Laufe des 16. Jahrhunderts erfolgt sei.

Ein seltsamer Zufall hat diese in ihrer Art gleich denkwürdigen Ereignisse: die Erschliebung neuer Erdteile und die mächtigste Umschichtung des jüdischen Volkes in dieselben Jahre, verlegt. Aber diese öffentliche Vertreibung der Juden aus der Pyrendenhalbinsel schließt deren Geschichte an diesem Orte noch nicht sogleich ab. Es bleiben zunächst zahlreiche Juden als Scheinchristen (Marranos) zurück, die erst durch die insbesondere seit Philipp III. immer schroffer vorgehende Inquisition im Laufe des nächsten Jahrhunderts dem Lande verloren gehen: ein großer Teil der spanischen und portugiesischen Juden siedelt erst während des 16. Jahrhunderts, namentlich gegen dessen Ende in andere Länder über. In dieser Zeit ist aber auch das Schicksal, der spanisch-portugiesischen Volkswirtschaft vollendet.

Das 15. Jahrhundert bringt den Juden die Vertreibung aus den wichtigsten deutschen Handelsstädten: Köln (1424/25), Augsburg (1489/40), Straßburg (1438), Erfurt (1458), Nürnberg, (1498,99), Ulm (1499), Regensburg (1519).

Im 16. Jahrhundert ereilt sie dasselbe Schicksal in einer Anzahl italienischer Städte: sie werden 1492 aus Sizilien, 1540/41 aus Neapel, 1550 aus Genua, in demselben Jahre aus Venedig vertrieben. Auch hier fällt zeitlich wirtschaftlicher Rückgang und Abwanderung der Juden zusammen.

Wie denn nun auf der anderen Seite der wirtschaftliche Aufschwung — zum Teil ein ganz plötzlicher Aufschwung — der Städte und Länder, wohin sich namentlich die Spaniolen wandten, seit der Zeit des Eintreffens der Judenflüchtlinge zu rechnen ist. So war eine der wenigen italienischen Städte, die im 16. Jahrhundert mächtig emporblühten, Livorno das Ziel der meisten nach Italien fliehenden Juden.

In Deutschland sind es vor allem Frankfurt a. M. und Hamburg, die zahlreiche Juden während des 16. und 17. Jahrhunderts aufnahmen.

Nach Frankfurt a. M. zogen vor allem die aus den übrigen süddeutschen Städten während des 15. und 16. Jahrhunderts vertriebenen Juden. Aber auch aus Holland mus während des 17. und 18. Jahrhunderts Zuzug gekommen sein: darauf lassen die engen Handelsbeziehungen schliesen, die zwischen Frankfurt und Amsterdam während des 17. und 18. Jahrhunderts bestanden. Nach den Feststellungen Friedrich Bothes Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Reichsstadt Frankfurt, 1906) 70) steigt die Zahl der Juden während des 16. Jahrhunderts auf das Zwanzigfache; sie beträgt 1612 etwa 2800; 1709 werden (laut einer offiziellen Volkszählung) 3019 Köpfe in der Judenschaft ermittelt (bei einer Einwohnerzahl von etwa 18000). Wir sind über die Herkunft der Frankfurter Juden besonders gut unterrichtet durch das fleißige Werk von A. Dietz, Stammbuch der Frankfurter Juden, Geschichtliche Mitteilungen, über die Frankfurter jüdischen Familien von 1549—1849, 1907. Dietz hat in den meisten Fällen den Ort feststellen können, aus dem eine Familie nach Fr. zugewandert ist. Leider können wir daraus nicht immer mit Sicherheit auf die weitere Herkunft schliesen: Osten Deutschlands, Holland, Spanien usw. Für die frühere Zeit (bis 1500) siehe K. Bücher, Bevölkerung von Frankfurt a. M. (1886), 526—601.

In Hamburg siedeln sich die ersten jüdischen Flüchtlinge — zunächst unter der Maske des Katholizismus — 1577 bew. 1583 an. Sie kamen und ergänzten sich aus Flandern, Italien, Holland und aus Spanien und Portugal direkt. Während des 17. Jahrhundert beginnt dann auch die Zuwanderung der östlichen (deutschen) Juden, 1663 gab es nach der Beschreibung des Grafen Galeazzo Gualdo Priorato in Hamburg 40-50 deutsche jüdische Häuser neben 120 portugiesisch-jüdischen Familien. Zeitschr. für Hamb. Gesch. 8, 140 ff. Über die Ansiedlung und die früheste Geschichte der J. in Hamburg unterrichten A. Feilehenfeld, Die älteste Geschichte der deutschen J. in Hbg. in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums 43 (1899); auch selbständig erschienen; M. Grunwald, Portugiesengräber auf deutscher Erde, 1902. Derselbe, Hamburg, deutsche Juden, 1904.

Vom Ende des 17. Jahrhunderts an wächst dann die Zahl der J. in Hamburg rasch. Mitte des 18. Jahrhunderts wird schon eine „entsetzliche Judenmenge“ konstatiert, die man (natürlich übertreibend) auf 20—30000 schätzt. Chr. Ludw. v. Griesheim, Die Stadt Hamburg (1760), 47 f.

Und seltsam; wenn Einer mit offenem Blicke im 18. Jahrhundert Deutschland bereiste, so fand er alle ehemaligen (Reichs.) Handelsstädte im Verfall: Ulm, Nürnberg, Augsburg, Mainz, Köln, und konnte nur von zwei Reichsstädten sagen, daß sie ihren alten Glanz bewahren und täglich steigern: Frankfurt a. M. und Hamburg (10)

In Frankreich sind während des 17. und 18. Jahrhunderts besonders blühende Stadte Marseille, Bordeaux, Rouen: seltsamerweise wieder die Reservoirs, die die jüdischen Flüchtlinge auffangen (11).

Das Hollands volkswirtschaftliche Entwicklung Ende des 16. Jahrhunderts mit einem plötzlichen Ruck nach aufwärts (im kapitalistischen Sinne) geht, ist bekannt. Die ersten portugiesischen Marranen siedeln sich in Amsterdam im Jahre 1593 an und erhalten bald Zuzug. 1598 wird bereits die erste Synagoge in Amsterdam eröffnet. Mitte des 17. Jahrhunderts gibt, es schon in mehreren holländischen Städten zahlreiche Judengemeinden. Anfang des 18. Jahrhunderts wird die Zahl der „huisgezinnen“ in Amsterdam allein auf 2400 geschätzt (12). Ihr geistiger Einfluß ist schon Mitte des 17. Jahrhunderts ein überragender: die Staatsrechtler und Staatsphilosophen sprechen vom Staate der alten Hebräer als von einem Musterstaate, nach dem die holländische Verfassung sich bilden sollte (13). Die Juden selbst nennen Amsterdam in jener Zeit ihr neues, großes Jerusalem (14).

Nach Holland waren die Spaniolen teils direkt, teils aus den spanisch gebliebenen Teilen der Niederlande, vor allem aus Antwerpen eingewandert, wohin sie sich während der letzten Jahrzehnte des 15. Jahrhunderts und nach ihrer Vertreibung aus Spanien und Portugal begeben hatten. Die Placards von 1532 und 1549 verbieten zwar den Aufenthalt der Scheinchristen in Antwerpen, bleiben aber ohne Erfolg, 1550 wird das Verbot erneuert, betrifft jedoch nur die, die noch nicht sechs Jahre anwesend sind. Auch dieses Verbot bleibt unbeachtet: 

„les israelites clandestins se multipliaient de jours en jours“. 

Sie nehmen regen Anteil an dem Befreiungskampfe der Niederlande, dessen Verlauf sie dann allmählich nach den nördlichen Provinzen, abzuwandern veranlaßt (15). Nun fällt aber ganz wunderbarer Weise, die kurze Blüte Antwerpens als Mittelpunkt des Welthandels und als Weltbörse just wieder in diese Zeit zwischen Ankunft und Abzug der Marranen (16).

Endlich scheint auch in England der sogenannte wirtschaftliche Aufschwung, das heißt also das Auswachsen kapitalistischen Wesens (17) parallel zu gehen mit dem Zustrom jüdischer Elemente, namentlich spanisch-portugiesischer Herkunft (18).

Man nahm früher an, daß es in England seit ihrer Vertreibung unter Eduard I. (1290) bis zu ihrer (mehr oder weniger offiziellen) Wiederzulassung unter Crommell (1654—1656) keine Juden gegeben habe. Diese Auffassung wird heute von den besten Kennern der englisch-jüdischen Geschichte nicht mehr geteilt. Juden gab es in allen Jahrhunderten in England. Aber im 16. Jahrhundert wurden sie zahlreich. Das Zeitalter der Elisabeth sah ihrer schon viele. Elisabeth selbst besaß eine Vorliebe für hebräische Studien und jüdischen Umgang. Ihr Arzt war Rodrigo Lopen: der Jude, nach dem Shakespeare den Shylockprägte (18).

Bekannt ist, wie dann dank der Fürsprache Manasseh ben Israels die Juden Mitte der 1650 er Jahre auch öffentlich in England wieder zugelassen werden und wie sie sich seitdem durch Zuzug (seit dem 18. Jahrhundert auch aus Deutschland) rascher, vermehren. Nach dem Verfasser der Anglia Judaica sollen um das Jahr 1738 in London allein 6000 Juden ansässig gewesen sein (19).

Nun ist natürlich die Feststellung, daß die Judenwanderungen und das wirtschaftliche Schicksal der Völker zeitlich eine Parallelbewegung aufweisen, noch ganz und gar kein Beweis für die Tatsache, daß ihr Wegzug den wirtschaftlichen Niedergang eines Landes, ihre Zuwanderung dessen wirtschaftlichen Aufschwung bewirkt habe. Das anzunehmen, hieße einen schlimmen Trugschluß „post hoc ergo propter hoc“ machen.

Auch sind für den Nachweis jenes Kausalzusammenhanges, nicht beweiskräftig genug die Ansichten späterer Historiker, obwohl ihre Meinung, wenn sie etwa Montesquieu heißen, immerhin ins Gewicht fällt. Ich verzichte deshalb darauf, Zeugnisse dieser Art anzuführen.

Aus Pietat jedoch möchte ich die Worte eines ganz unbekannten Mannes vor dem Vergessenwerden bewahren, der im merkwürdig hellseherischer Weise wohl als einziger bisher die nicht so durchsichtigen Zusammenhänge zwischen der Vertreibung der Juden aus den deutschen Handelsstädten und deren Niedergang erkannt hat. Jos. F. Richter schrieb in den 1840 er Jahren:

„Überhaupt läßt sich beurkunden, daß der Handel Nürnbergs genau zu der Zeit der Judenausweisung seinen Wendepunkt erreichte, da ihm auch von jener Zeit an zum wenigsten, die Hälfte der benötigten Kapitalien fehlte, und der von nun an fühlbare Verfall desselben, den man gewöhnlich der Entdeckung, des Seewegs nach Ostindien durch die Portugiesen zuschreibt, muß weit richtiger auf Rechnung des von nun an mangelnden kühnen Spekulationsgeistes der Juden gesetzt werden“ (20).

Dagegen verdienen eine stete Beachtung, wie mir scheint, die Urteile der Zeitgenossen, von denen ich einige besonders sprechende doch dem Leser mitteilen möchte, weil sie über die Vorgänge ihrer Epoche oft mit einem Wort uns ein Licht verbreiten, das wir auf anderem Wege erst durch mühselige Studien gewinnen müssen.

Als im Jahre 1550 der Senat von Venedig beschloß, die Marranen auszuweisen und den Handel mit ihnen ganz zu verbieten, erklärten die christlichen Kaufleute der Stadt: das würde ihren Ruin bedeuten, dann könnten sie selber gleich mit auswandern, denn sie lebten von dem Handel mit der Juden. Diese hätten in ihren Händen:

  • 1. den spanischen Wollhandel,
  • 2. den Handel in spanischer Seide und Karmesin, Zucker, Pfeffer, indischen Kolonialwaren und Perlen,
  • 3. einen großen Teil des Ausfuhrhandels: die Juden schicken, die Waren den Venetianern in Kommission „accioché gelevendiamo per lor conto guadagnando solamente le nostre solite provisione“ (!).
  • 4. den Wechselhandel (21).

Begünstiger der Juden in England war, wie wir wissen, Cromwell, und die Gründe seiner Sympathie sind, wie wir erfahren, nicht zuletzt Rücksichten auf die Volkswirtschaft des Landes gewesen: er glaubte, der reichen, jüdischen Handelshäuser zu bedürfen, um Waren- und Geldhandel in Blüte zu bringen, ebenso aber auch, um für die Regierung leistungsfähige, Freunde zu gewinnen (22).

Ebenso viel Sympathie brachte den Juden der große französische Staatsmann des 17. Jahrhunderts Colbert entgegen. Und ich glaube, es ist besonders bedeutsam, daß diese beiden größten, Organisatoren des modernen Staates die Eignung der Juden erkannten, die (kapitalistische) Volkswirtschaft des Landes zu fördern. In einer Ordonnanz weist Colbert den Intendanten des Languedoc darauf hin, welchen großen Vorteil die Stadt Marseille von der kaufmännischen Geschicklichkeit der Juden ziehen könne? Die Einwohner der großen französischen Handelsstädte, in denen die Juden eine Rolle spielten, hatten diesen Vorteil längst an ihrem eigenen Leibe wahrgenommen und legten daher auf die Erhaltung der Judenschaft in den Mauern, ihrer Stadt das größte Gewicht. Mehrfach vernehmen wir, insbesondere aus den Kreisen der Einwohner von Bordeaux, günstige, Urteile über die Juden. Als im Jahre 1675 ein Söldnerheer in Bordeaux wütet, rüsten sich zahlreiche wohlhabende Juden zur Abreise. Das erschreckt den Gemeinderat, und die Geschworenen, berichten voll Angst:

„Les Portugais, qui tiennent des rues, entières et font un commerce considérable, ont demandé leurs passeports. Les Portugais et strangers, qui font les plus grandes affaires cherchent à se retirer d’ici: Gaspard Gonzalès et Alvarés ont huitté depuis pen, qui Staient des plus considérables parmieur. Nous nous apereevous que le commerce cesser“ (24)

Ein paar Jahre später faßt der Sous-Intendant sein Urteil über die Bedeutung der Juden für das Languedoc in die Worte zusammen: 

Ohne sie würde der Handel von Bordeaux und der der Provinz unfehlbar zugrunde gehen“ (périrait infailliblement) (25).

Nach der größten Handelsstadt der spanischen Niederlande Antwerpen hatten wir im 16. Jahrhundert mit Vorliebe die spanisch-portugiesischen Flüchtlinge strömen gesehen. Als Mitte, des Jahrhunderts der Kaiser die ihnen zunächst gewährten Freibriefe zurückzog (durch Dekret vom 17. Juli 1549), wandten sich der Bürgermeister, die Schöffen und der Konsul der Stadt mit einer Bittschrift an den Bischof von Arras, worin sie auf die Schwierigkeiten hinwiesen, das Dekret durchzuführen. Die Portugiesen seien große Unternehmer, hätten beträchtliche Reichtümer aus ihrer Heimat mitgebracht und unterhielten einen ausgedehnten Handel. „Wir müssen bedenken“, heißt es weiter, „daß Antwerpen nur sehr langsam groß geworden ist und eine Zeit lang gebraucht hat, bis es den Handel an sich reißen konnte, Und der Ruin dieser Stadt würde zugleich den Ruin des Landes nach sich ziehen. Das alles muß bei der Vertreibung der Portugiesen in Betracht gezogen werden. Der Bürgermeister Nicolas v. d. Meeren unternahm noch weitere Schritte. Als die Königin Marie von Ungarn, die Regentin der Niederlande, sich in Ruppelmonde aufhielt, begab sich der Bürgermeister zu ihr, um die Sache der Neuchristen zu vertreten. Er entschuldigte das Verhalten des Magistrats von Antwerpen, der die kaiserliche Verordnung nicht publizieren könne, weil sie den teuersten Interessen der Stadt zuwiderliefe (26).

Diese Bemühungen hatten aber keinen Erfolg; die Antwerpener Juden und Neuchristen wandten sich, wie wir sahen, nach Amsterdam,

Als Antwerpen dann durch den Fortzug der Juden schon viel von seinem früheren Glanze eingebüßt hatte: im 17. Jahrhundert empfand man erst recht, welche Bedeutung der Judenschaft als Mehrer des Wohlstandes zukam. Die zur Prüfung der Frage, ob die Juden nach Antwerpen zuzulassen seien, im Jahre 1658 eingesetzte Kommission äußerte sich darüber, wie folgt:

„Et uant aux autres inconvénients que l’on pourrait craindre et appréhendre au regard de l’interst publie, i savoir Julils attireront à eux tout le commerce, qu’ils commettront mille fraudes et tromperies, et ue par leur usure ils mangeront les substances des bons sujets et catholiques, il nous semble au contraire guepar le commerce Julils rendront plusgrand Julil nest i Présent, le bénéfice sera commun à tout le pays et gue l’or et l’argent seront en plus grande abondance pour lesbesoins de l’Etats“ (27)

Die Holländer des 17. Jahrhunderts aber sahen deutlich genug ein, was sie an den Juden gewonnen hatten. Als Manasseh ben Israel in seiner bekannten Mission nach England gegangen war schöpfte die holländische Regierung Verdacht: es könne sich darum handeln, die holländischen Juden nach England hinüberzuziehen. Sie beauftragte daber ihren Gesandten in England, Neuport, Manasseh über seine Absichten zu fragen. Neuport berichtet (Dezember 1655) in beruhigendem Sinne an seine Regierung: es sei keine Gefahr vorhanden,

„Manasseh ben Israel, hath been to see me and did assure me, that he doth not desire, any thing for the Jews in Holland, but ouly for these as sit in the inquisition, in Spain and Portugal“ (28).

Dasselbe Bild in Hamburg. Im 17. Jahrhundert wächst, die Bedeutung der Juden dermaßen, daß man sie für unentbehrlich für Hamburgs Gedeihen erachtet. Der Senat tritt einmal für Zulassung der Synagogen ein, mit der Begründung, das sonst die Juden wegziehen würden und daß Hamburg dann zu einem Dorfe herabzusinken Gefahr liefe (29). 1697 richtet umgekehrt die Hamburger Kaufmannschaft an den Rat das dringende Ersuchen, (die Juden sollten vertrieben werden), ihnen entgegenzukommen, um schwere Schädigungen des Hamburger Handels zu verhindern (30). Im Jahre 1738 heißt es in einem Gutachten, das sich bei den Senatsakten befindet: Im Wechselgeschäft, im Handel mit Galanteriewaren und in der Herstellung gewisser Stoffe sind die Juden „fast gantz Meister“, sie haben „die Unseren überflügelt“. Früher brauchte man sich nicht um die Juden zu kümmern. Doch 

„sie nehmen an Zahl merklich zu. Es ist fast kein Teil des großen Commercii, der Fabriquen und der täglichen Nahrung, worin sie nicht stark mit eingeflochten sind. Sie sind uns schon ein malum necessarium geworden“ (31). 

Den Geschäftszweigen, in denen sie eine hervorragende Rolle spielten, könnte man noch das Seeversicherungsgeschäft hinzufügen (32).

Aber auch die Aussprüche und Urteile der Zeitgenossen vermögen uns noch nicht völlig von der Richtigkeit eines Tatbestandes zu überzeugen: wir wollen, wenn es irgend möglich ist, selbst urteilen. Und das können wir natürlich nur, wenn wir die wirklichen Zusammenhänge durch eigenes Nachforschen aufdecken; in diesem Falle: wenn wir versuchen, aus den Quellen die Erkenntnis zu schöpfen, welchen Anteil die Juden wirklich und wahrhaftig an dem Aufbau unserer modernen Volkswirtschaft, also — um immer genau im Ausdruck zu bleiben: an der Entfaltung des modernen kapitalistischen Wirtschaftssystems gehabt haben. Das alles seit dem Ende des 15. Jahrhunderts vornehmlich, das heißt von jenem Zeitpunkte ab, an dem (wie wir schon sahen) der Weg der jüdischen Geschichte, und der der europäischen Wirtschaftsgeschichte scharf umbiegen, in der Richtung der Gegenwartsentwicklung. Denn erst diese Feststellung gestattet uns auch ein endgültiges Urteil in der Frage: in welchem Umfange die Verschiebung des Wirtschaftsgebietes jüdischem Einfluß zuzuschreiben ist.

Ich sehe, wie ich im voraus bemerken will, die Bedeutung der Juden für den Aufbau und Ausbau des modernen Kapitalismus in einer mehr Außerlichen und einer innerlich-geistigen Einwirkung. Äußerlich haben sie wesentlich dazu beigetragen, daß die internationalen Wirtschaftsbeziehungen ihr heutiges Gepräge, erhielten, aber auch daß der moderne Staat — dieses Gehäuse, des Kapitalismus — in der ihm eigenen Weise erstehen konnte. Sie haben sodann der kapitalistischen Organisation selbst dadurch eine besondere Form gegeben, daß sie eine ganze Reihe der das moderne Geschäftsleben beherrschenden Einrichtungen ins Leben, riefen und an der Ausbildung anderer hervorragenden Anteil nahmen.

Innerlich-geistig ist ihre Bedeutung für die Ausbildung kapitalistischen Wesens deshalb so groß, weil sie es recht eigentlich sind, die das Wirtschaftsleben mit modernem Geiste durchtränken; weil sie die innerste Idee des Kapitalismus erst zu ihrer vollen Entwicklung bringen.

Es wird sich nun empfehlen, daß wir die einzelnen Punkte, der Reihe nach durchgehen, damit ich dem Leser wenigstens, zum Bewußtsein bringe: wie das Problem richtig gestellt wird. Mehr als anregend zu fragen, und hie und da tupfenweise, versuchsweise, eine Antwort anzudeuten, liegt, wie ich des öfteren hervorgehoben habe, gar nicht in der Absicht dieser Untersuchung. Zukünftiger Forschung muß es vorbehalten bleiben, durch systematische Materialbeschaffung dann endgültig festzustellen, ob und inwieweit die hier behaupteten Zusammenhänge in Wirklichkeit bestehen.