Interview mit einem Gerüchteforscher
Monströs: „Das Gerücht“ – eine Lithographie in Schwarz-Weiß, die A. Paul Weber im Jahr 1943 angefertigt hat. Foto: Webermuseum Ratzeburg
 

Herr Prof. Neubauer, sie haben sich mit der Geschichte des Gerüchts wissenschaftlich auseinandergesetzt und auch ein Buch darüber geschrieben. Seit wann gibt es Gerüchte?

 

Gerüchte hat es immer gegeben. Schon in Homers Ilias wird von Gerüchten berichtet, auch bei den griechischen Tragikern. Und die Römer hatten Angst vor Fama, der schrecklichen Göttin des Gerüchts.

Prof. Neubauer erklärt, wie ein Gerücht entsteht
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Wie würden Sie ein Gerücht definieren?

Das Gerücht ist eine Form des Sprechens. In ihm zitieren wir einen ungenannten, unbekannten Sprecher: „Ich habe gehört, dass xy“ oder „Die Leute sagen, dass xy“ sind Formeln dieses indirekten Sprechens. Im Nebensatz steht die eigentliche Nachricht. Wichtig: Gerüchte sind nicht notwendig falsch – und nicht notwendig wahr. Bis zu ihrer Bestätigung oder Widerlegung kommen viele Informationen als Gerüchte daher.

Wie entstehen Gerüchte und woran erkennt man ein Gerücht?

Fama hat viele Freunde. Geheimnisse lassen Gerüchte wachsen. Oft bilden Gerüchte einen Nebentext zu einem offiziellen Diskurs – als alternative Wahrheit wie beispielsweise US-Präsident Trumps „alternative facts“. In autoritären Staaten erzählt man sich per Gerücht, was man denkt über „die da oben“. Außerdem streuen natürlich wirtschaftliche und politische Akteure Gerüchte, Geheimdienste sowieso. Wie man Gerüchte erkennt? Nachrichten ohne klare Absender sind oft Gerüchte. Weswegen das Internet eben so gefährlich ist; es ist das Hörensagen im digitalen Zustand.

Wie gefährlich sind Gerüchte?

Sehr. Kein Pogrom ohne Gerücht.

Warum werden Gerüchte in die Welt gesetzt?

 Gegenfrage: Warum sind Menschen gemein? Es bereitet Lust, reden zu können, ohne verantwortlich gemacht zu werden. Und oft will man jemandem schaden.

Wer setzt Gerüchte in die Welt? Sind es eher Frauen oder Männer?

 

Weder noch. Alle machen gleichermaßen mit.

Wie setzt man sich gegen Gerüchte zur Wehr?

Vorsicht mit Dementis, sie wiederholen die fatale Nachricht, indem sie sie negieren. Empfehlung: nachfragen, Quelle suchen, Zeugen finden. Hoffen. Abwarten. Gegengerücht streuen. Hoffen.

Warum haben Gerüchte vor allem in unsicheren Zeiten Hochkonjunktur?

 Gerüchte nähren sich von kollektiven Gefühlen, von Angst und von Hass. Manchmal, ganz selten, auch von Hoffnung. Wenig Sicherheit = viel Sorge = viele Gerüchte.

Warum halten sich Gerüchte so hartnäckig und warum werden sie überhaupt für bare Münze genommen?

Solange der Grund besteht, also die Unsicherheit über eine wichtige Frage, kann das Gerücht weiterwachsen. Und jedes Gerücht ist eben auch plausibel – sonst wäre es nicht in der Welt.

Kann man Gerüchte mit Viren vergleichen, die eine verheerende Wirkung entfalten?

Vergleichen muss man, um zu erkennen: Gerüchte sind, anders als Viren, menschliche Kommunikation. Menschen haben einen Kopf und meist auch ein Gehirn. Den könnten sie einsetzen. Wenn sie denn wollten.

Die Lust am Klatsch und Tratsch besteht zweifellos. Wann wird aus harmlosem Klatsch gefährlicher Ernst?

Wenn die Beklatschten nicht mehr mitklatschen dürfen.

Werden Gerüchte gezielt zur Kriegsführung eingesetzt?

Ja, immer wieder. Weshalb sie in Kriegen gezielt verboten und bekämpft werden. Geht nicht immer gut.

Sind Gerüchte besser als die Wahrheit?

Nein, wieso? Und, wie gesagt, manchmal stimmen sie sogar.

Fama. Eine Geschichte des Gerüchts Neubauers lange vergriffenes Standardwerk zum Thema Gerücht wurde in fünf Sprachen übersetzt und für diese Neuausgabe 2009 durchgesehen, erweitert und aktualisiert. Es ist im Verlag Matthes & Seitz (Berlin) erschienen, umfasst 320 Seiten (gebunden) und kostet 24,90 Euro. ISBN: 978-3-88221-727-8

Infobox

Prof. Hans-Joachim Neubauer, geb. 1960, ist Buchautor, Herausgeber, Journalist, Literaturwissenschaftler und Gerüchteforscher. Nach dem Studium der Literaturwissenschaften, Theaterwissenschaft und Germanistik promovierte Neubauer 1993 bei Eberhard Lämmert an der FU Berlin. 

Von 1990 bis 1995 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der FU Berlin, 1995 bis 2002 freier Autor und Journalist für „Die Zeit“, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und diverse Rundfunkanstalten. Zudem war er von 1997 bis 1999 Autor und Dramaturg des Gefangenentheaters „AufBruch“ in der Justizvollzugsanstalt Tegel. 

2000 habilitierte er und wurde mit der doppelten Venia Legendi (Lehrberechtigung) für Neuere deutsche Literatur sowie für Allgemeine Literaturwissenschaft Privatdozent an der FU Berlin. 

Weitere Stationen: 2002-2010 Berliner Kulturredakteur für den „Rheinischen Merkur“, 2010-2015 Redakteur der „Zeit“-Beilage Christ & Welt sowie 2013-2015 Gastprofessor im Studiengang Kulturjournalismus an der Universität der Künste in Berlin, dessen Ko-Leitung Neubauer von 2014-2015 innehatte. 

Seit April 2015 ist Neubauer Professor für Gattungsübergreifendes Erzählen an der Filmuniversität Babelsberg. Weitere Betätigungen: 2002-2016 Leitung des von ihm entwickelten „authors-in-residence“-Programms „Literarisches Tandem“ der Stiftung Brandenburger Tor, Berlin. Seit 2015 Mitglied des Vorstands des Instituts für künstlerische Forschung der Filmuniversität. 2016 Mitglied der Internationalen Ökumenischen Jury der Berlinale. Neben „Fama. Eine Geschichte des Gerüchts“ hat Neubauer zahlreiche weitere Bücher geschrieben.