Harry verweigert »Gehorsam«

Die ersten beiden Teile dieses Buches haben sich anhand von wissenschaftlichen Erkenntnissen und therapeutischen Fallbeispielen damit beschäftigt, wie unsere Psyche strukturiert ist. Beide Teile haben deutlich gemacht, dass unsere persönlichen Probleme – wenn man sie auf der Strukturebene analysiert – nicht so individuell und unlösbar sind, wie die Betroffenen es oftmals annehmen. Letztlich sind immer dieselben psychischen Mechanismen aktiv. Das soll die Probleme nicht banalisieren. Es ist eine gute Nachricht, weil es die Lösung erheblich vereinfacht.

Zusammengefasst kann man sagen: Ein Problem entsteht immer da, wo es eine Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit gibt, also mindestens eines der psychischen Grundbedürfnisse frustriert ist. Diese Inkonsistenz löst ungute Gefühle wie Trauer, Wut, Angst oder Scham aus, die jeder und jede von uns gern beseitigen möchte. Alle Problemlösungen zielen darauf ab, Konsistenz und somit wieder gute Gefühle herzustellen. Bei der Beseitigung von Inkonsistenz können wir psychisch gesunde oder psychisch ungesunde Strategien anwenden. Eine gesunde Strategie könnte beispielsweise sein, mit meinem Konfliktpartner das Gespräch zu suchen. Eine ungesunde Strategie wäre, mich in der nächsten Kneipe zu betrinken.

Viele der weniger konstruktiven Lösungsstrategien haben wir bereits in der Kindheit erworben. Im Kindesalter mag es durchaus funktional gewesen sein, die eigene Wut zu unterdrücken, um mit dem harmoniesüchtigen Vater klarzukommen, wie es beispielsweise bei Christoph (siehe »Christoph will Harmonie um jeden Preis«) der Fall gewesen ist. Die Konfliktscheu und Harmoniesucht, mit denen Christoph seine erwachsenen Beziehungen belastet, sind jedoch dysfunktional. Dies gilt in vielen Varianten für etliche Probleme, die aus unserem Schattenkind resultieren: Ehemals funktionale Anpassungsleistungen an die Bedingungen der Kindheit erweisen sich im Erwachsenenleben als kontraproduktiv – ganz einfach, weil sich die äußeren Bedingungen geändert haben und man heute erwachsen und unabhängig ist. Die meisten Versuche, Inkonsistenz mit den veralteten Mechanismen zu reduzieren, führen zu weiterer Inkonsistenz. Deswegen ist bei vielen Menschen die Inkonsistenz  systemimmanent, wie beispielsweise bei den »Perfektionsstrebern«.

Im Grunde geht es immer um Folgendes: Entweder kompensiere ich mein labiles Selbstwertgefühl durch Überanpassung an die Erwartungen anderer Menschen, oder ich tue das durch Überabgrenzung. Will heißen: Indem ich der Anerkennung anderer Menschen hinterherlaufe oder indem ich mir einbilde, auf diese völlig verzichten zu können, etabliere ich Wahrnehmungsverzerrungen und Selbstschutzstrategien, die meinem Wesen und meinen eigentlichen Bedürfnissen entgegenstehen. Verbiege ich mich für die Bindung, opfere ich häufig meine Autonomie – verbiege ich mich für die Autonomie, opfere ich häufig meinen Bindungswunsch. Wenn ich, um mir die Zuwendung anderer Menschen zu sichern (Bindung), meine eigenen Bedürfnisse häufig verleugne, dann führe ich kein selbstbestimmtes Leben (Autonomie). Wenn ich mich hingegen für die Selbstbestimmung ständig von anderen abgrenze, dann kann ich keine nahe und vertrauensvolle Beziehung leben. In beiden Fällen opfere ich also einen Teil meiner Authentizität, um in der Gesellschaft klarzukommen. Dieses Opfer ist jedoch immer ein Resultat subjektiv verzerrter Annahmen über die Wirklichkeit. Diese Aussage gilt zumindest für alle Probleme, die im weitesten Sinne einen eigenen Anteil aufweisen, also die Schwierigkeiten, an deren Entstehung und Aufrechterhaltung mein Schattenkind beteiligt ist. (026)

Ausgenommen sind lediglich völlig unverschuldete Schicksalsschläge. (Allerdings spielt dann wiederum die innere Einstellung eine erhebliche Rolle bei der Bewältigung.) In allen Fällen ist das Ziel einer gelungenen Psychotherapie oder einer gelungenen persönlichen Weiterentwicklung, dass der Mensch sich aus seiner Überanpassung oder seiner Überabgrenzung befreit und zu seinem authentischen Selbst findet.

Die Frage ist, was ein »authentisches Selbst« bedeutet. Im allgemeinen Verständnis verhält sich ein Mensch authentisch, wenn er zu seiner Meinung und zu seinen Eigenarten steht und sich dabei relativ unabhängig davon macht, was andere Menschen von ihm denken. Diese Eigenschaften sind auf jeden Fall Teil eines authentischen Selbst, wobei es hier manchmal zu Überschneidungen mit einer etwas trotzig-autonomen Haltung kommen kann – nach dem Motto »Ich mache stur mein eigenes Ding und pfeife auf die Meinung anderer«. Ein weiteres wichtiges Kriterium für Authentizität ist ein guter Kontakt zu allen Gefühlen. Menschen, die unter einem Mangel an Authentizität leiden, sind zumindest von einem Teil ihres Gefühlslebens abgeschnitten. Sie befinden sich in einem überangepassten Funktionsmodus. Ein weiteres Merkmal von authentischen Menschen ist, dass sie über eine gute Balance zwischen Autonomie und Bindung verfügen, sich also sowohl selbst behaupten als auch anpassen können. Dies impliziert ein weiteres Kennzeichen von Authentizität, nämlich, dass die Gefühle des betreffenden Menschen in den meisten Fällen angemessen sind und entsprechend zu angemessenen Verhaltensweisen führen. Alte Prägungen in Form von Wahrnehmungsverzerrungen und Projektionen beherrschen dann nicht das Fühlen, Denken und Handeln der Person. Ein authentischer Mensch ist nicht zwangsläufig gut gelaunt, denn auch negative Gefühle wie Trauer, Hoffnungslosigkeit oder Verzweiflung können je nach Lebenssituation durchaus angemessen sein. Ein authentischer Mensch steht mit all seinen Gefühlen, auch den belastenden, in guter Verbindung. Dadurch kann er sich auch empathisch in andere Menschen einfühlen. Wenn nötig, kann er sich aber auch abgrenzen und seine eigenen Interessen vertreten.

Ich habe mit sehr vielen Menschen psychologische Gespräche geführt und viel über die Wirkprinzipien einer gelungenen Psychotherapie nachgedacht und nachgelesen. Da wir Menschen eine gemeinsame psychische Grundstruktur aufweisen, sind auch die grundlegenden Lösungswege allgemeingültig, und mit unterschiedlicher Gewichtung spielen dieselben psychologischen Prozesse eine wichtige Rolle in jedem Veränderungsprozess. Diese sind aus meiner Sicht:

1. Die ratsuchende Person lernt, ihre vergangenen Prägungen von ihrer aktuellen Wirklichkeit zu unterscheiden.

2. Sie findet einen guten Zugang zu ihren Gefühlen und vermag diese angemessen zu regulieren. Hierdurch erwirbt sie eine gute Balance zwischen Bindung und Autonomie.

3. Sie findet für sich zu inneren Haltungen und Verhaltensstrategien, die sie alternativ zu den dysfunktionalen Schutzstrategien anwendet. Ich bezeichne beides als Metastrategien.

4. Sie lernt, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und sich aus zwischenmenschlichen Verstrickungen zu lösen. Letzteres bedeutet, dass sie Verantwortung, die nicht in ihren Bereich fällt, bei ihrem Interaktionspartner belässt.

Alle vier Schritte bewirken eine Stabilisierung des Selbstwertgefühls der Klientinnen und Klienten, was umgekehrt einen positiven Einfluss auf die Umsetzung dieser Schritte hat. Es besteht also eine enge  Wechselwirkung zwischen dem Selbstwerterleben des Klienten, der Klientin und den benannten psychologischen Prozessen. Mit den vier Schritten und der Stabilisierung des Selbstwertgefühls geht einher, dass Klient oder Klientin zunehmend Vermeidungsziele durch Annäherungsziele ersetzen.

Bevor ich in den folgenden Abschnitten näher auf die Lösungsansätze eingehe, die in der Fachsprache als Interventionen bezeichnet werden, möchte ich mich kurz noch zu der viel thematisierten therapeutischen Beziehung äußern.