Einführung Dr. med. Hans Flury: Die neue Leichtigkeit des Körpers
Arm-Heben und Arm-Steigen-Lassen.
Beachten Sie den Unterschied von Ökonomie, Länge und Gleichgewicht.
Tiere bewegen sich weitaus leichter und lockerer als Menschen. Ein Hund läuft geschmeidiger und beweglicher als sein Herr. Ein Rennpferd bewegt sich unvergleichlich viel eleganter als der Jockey oder der Besitzer. Am attraktivsten bewegen sich wahrscheinlich Katzen. Sie besitzen alle, von der Hauskatze bis zu Tiger und Löwe, eine Qualität der Bewegung, die für den Menschen unerreichbar scheint.
Die Frage liegt nahe, was den Unterschied in der Bewegung von Mensch und Tier ausmacht. Die Antwort ist nicht einfach, weil es schon äußerst schwer ist, eine bestimmte Art, sich zu bewegen, genau und objektiv zu beschreiben. Etwas fällt aber sofort auf, wenn man die Bewegungen vergleicht: Tiere bewegen sich viel einheitlicher als Menschen. Die individuellen Unterschiede in der Art, wie sich zwei Katzen bewegen, sind gering. Dagegen bewegen sich zwei Menschen niemals gleich, und meist sind ihre Bewegungen sogar so verschieden, daß man kaum Gemeinsames findet. Der Grund dafür liegt darin, daß Tiere sehr stark von Instinkten geprägt sind. Sie haben keine Wahl. Katzen können sich gar nicht anders als katzenhaft bewegen. Beim Menschen sind diese Instinkte verblaßt, die Bewegungsmuster werden relativ frei erlernt. Die Art eines Menschen, sich zu bewegen, ist deshalb das Resultat von vielerlei Einflüssen. Normen und Werte der Gesellschaft, familiäre Vorbilder, persönliche Vorlieben und Abneigungen bestimmen die individuellen Bewegungsmuster neben den
genetischen und körperlichen Gegebenheiten. Menschliche Bewegung ist nie »natürlich« wie die eines Tiers, sondern immer »kulturell«.
Im Vergleich schneiden die von Menschen »entwickelten« Bewegungsformen gegenüber den von der Natur vorgegebenen der Tiere jedoch eher schlecht ab. Tiere bewegen sich meist leichter, lockerer, flüssiger, harmonischer, geschmeidiger, sinnlicher, vitaler und in einem besseren Gleichgewicht als Menschen. Es scheint erstrebenswert, sich etwas von dieser »tierischen« Bewegungsqualität anzueignen. Dazu können wir uns allerdings nicht auf unsere Instinkte zurückbesinnen; sie sind in dem Maße gar nicht mehr vorhanden. Es gibt auch hier kein simples »Zurück zur Natur«. Wir müssen uns mit den Prinzipien und Gesetzen vertraut machen, denen die natürlichen Bewegungsformen der Tiere unterliegen. Zu diesem Zweck brauchen wir ein System, um die Unterschiede zwischen menschlicher und tierischer Bewegung möglichst exakt zu erfassen. Schöne Adjektive allein reichen dafür nicht aus, sie bleiben zu vage und unbestimmt. Zum Glück gibt es jedoch eine bisher nicht erwähnte Eigenschaft der tierischen Bewegung: Tiere bewegen sich vollkommen ökonomisch.
Die Ökonomie der Bewegung ist Grundlage des strukturellen Bewegungssystems. Verschiedene Formen einer gegebenen Bewegung, zum Beispiel Gehen, werden daraufhin untersucht, wieviel Energie sie verbrauchen und wieviel Anstrengung sie erfordern. Gesucht wird die absolut ökonomischste Form.
Diese Sicht der Bewegung benützt Konzepte und Modelle, die aus der Strukturellen Integration stammen. Bei dieser von Ida P. Rolf entwickelten Methode – dem Rolfing – wird der Körper mit den Händen in Richtung auf ein Ideal hin umgeformt. Ida Rolf nannte dieses Ideal die »normale Struktur« des Körpers. Der Begriff normal bezeichnet eine gesetzte Norm und darf nicht mit »üblich«, »durchschnittlich« oder »natürlich« verwechselt werden. Die normale Struktur ist ideal, weil sie dem Körper erlaubt, sich mit maximaler Ökonomie zu bewegen.
Ein Mensch mit einer solchen normalen Struktur könnte sich aber immer noch auf ganz verschiedene Arten und mit unterschiedlichem Aufwand bewegen. Deshalb stellt sich die Frage, welche der vielen möglichen Bewegungsformen das ökonomische Potential am besten nutzt. Es hat sich gezeigt, daß die Antwort – die normale Bewegung – nicht nur für die normale Struktur gilt, sondern für jede Struktur und jeden Körper.
Dieses Buch ist als Selbstlehrgang konzipiert. Sie können damit lernen, sich normal zu bewegen. Natürlich ist die Frage berechtigt, weshalb Sie diese Mühe auf sich nehmen sollten. Vielleicht bedeutet es Ihnen ja nicht viel, sich wie eine Katze bewegen zu können.
Und ob Ihre Bewegungen etwas mehr oder etwas weniger Energie benötigen, interessiert Sie vielleicht auch nicht. Nun, die normale Bewegung besitzt noch andere Eigenschaften. Am besten lernen Sie diese zuerst einmal an einem Beispiel kennen.

Arm-Heben und Arm-Steigen-Lassen.
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