Die drei Grundprinzipien der normalen Bewegung Dr. med. Hans Flury: Die neue Leichtigkeit des Körpers
Die drei Grundprinzipien der normalen Bewegung
Vergleichen Sie Arm-Heben mit Arm-Steigen-Lassen. Die unterschiedlichen Bezeichnungen deuten an, daß es sich um ganz verschiedene Bewegungen handelt. Diesen Unterschied sollen Sie möglichst deutlich spüren. Setzen Sie sich aufrecht auf einen Stuhl; der Körper soll gerade bleiben und nicht zusammensinken. Sie können sich etwas vorneigen und den rechten Unterarm auf einen Tisch aufstützen. Der linke Arm hängt seitlich frei herab.
Arm-Heben und Arm-Steigen-Lassen unterscheiden sich in dreierlei Hinsicht entsprechend den drei Prinzipien, die die normale Bewegung charakterisieren.
1. Prinzip: Bewegung wird durch Muskelentspannung ausgelöst statt durch Muskelkontraktion.
Muskeln üben immer eine aktive Spannung aus, auch dann noch, wenn Sie sich ganz entspannt fühlen. Sie können Muskeln immer noch zusätzlich entspannen. Sie erreichen das, indem Sie Gewicht spüren.
Berücksichtigen Sie außerdem, daß sich physikalisch gesehen alle Kräfte in Ihrem Körper genau aufheben, wenn Sie ruhig dasitzen. Jede Veränderung des aktiven Spannungsmusters durch Muskelentspannung oder -kontraktion bewirkt ein Ungleichgewicht der Kräfte. Es entsteht notwendigerweise Bewegung.
Stellen Sie sich zwei bayerische Fingerhakler in voller Aktion vor. Beide versuchen mit aller Kraft, den andern über den Tisch zu ziehen. In der Regel passiert am Anfang fürs Auge gar nichts; die Kräfte heben sich genau auf. Wenn aber einer der beiden stärker zieht, entsteht ein Ungleichgewicht der Kräfte, es kommt Bewegung auf. Der Energieverbrauch steigt. Meist entsteht jedoch ein Ungleichgewicht und damit Bewegung dadurch, daß einer der Wettkämpfer ermüdet und in seiner Kraft nachläßt. Bei dieser Art der Bewegungsauslösung sinkt der Gesamtenergieverbrauch!
Wenn Sie Muskeln entspannen, sparen Sie Energie ein. Das ist ökonomischer, als durch Muskelkraft mehr Energie zu verbrauchen!
Heben Sie zuerst den linken Arm »unökonomisch«. Sie kontrahieren dabei die Muskelgruppen, die die Schultern hochziehen. Anschließend ziehen Sie den leicht gebeugten Arm seitlich hoch, bis er senkrecht über Ihnen steht. Registrieren Sie, wie Sie sich dabei fühlen, und schätzen Sie den Kraftaufwand ab.
Sie kehren in die Ausgangsstellung zurück, indem Sie den Arm »herunterholen«. Sie bemerken sicher, daß das durch reine Muskelentspannung geschehen kann.
Lassen Sie jetzt als Kontrast den Arm steigen. Sie vermindern zuerst die aktive Spannung der Schultermuskeln, die Sie vorher angespannt haben. Das geschieht einfach, indem Sie das Gewicht von Schulter und Arm möglichst deutlich spüren. Diese sinken seitlich etwas tiefer, sie hängen schwer an Ihrem Körper. Der Rumpf sollte sich dabei nicht zur Seite beugen.
Achten Sie auf den linken Ellbogen; er führt die Bewegung. Er sinkt zuerst etwas nach unten und beginnt dann wie von selbst nach außen zu schwingen. Spüren Sie sein Gewicht. Die Bewegung ist ziemlich subtil, so daß Sie sie genau beobachten müssen.
Falls es Ihnen schwerfällt, sie zu spüren, beginnen Sie mit etwas hochgezogenen Schultern. Sie spüren die Bewegung dann deutlicher, wenn Sie Schulter und Arm fallen lassen. Lassen Sie den Ellbogen immer weiter nach außen laufen. Irgendwann wird er zu steigen beginnen, weil er sich sonst nicht mehr weiter nach außen entfernen kann. In diesem Moment spüren Sie deutlich, wie als Reaktion die linke Schulter nochmals kräftig nach unten gedrückt wird, ohne daß Sie etwas dazu tun.
Lassen Sie den Arm steigen, bis er senkrecht über Ihnen steht. Die Schulter hängt immer noch tief. Natürlich brauchen Sie irgendwann etwas Muskelkraft, doch spüren Sie keine isolierbaren Muskeln, die arbeiten. Sie spüren nur Gewicht, das »steigt«.
Vergleichen Sie den Kraftaufwand in dieser Stellung mit dem beim Arm-Heben. Er ist deutlich geringer, und Sie sitzen viel freier und bequemer da.
Vielleicht ist Ihnen der Unterschied zwischen Arm-Heben und Arm-Steigen-Lassen völlig klar geworden. Falls nicht, sollten Sie noch etwas üben. Übertreiben Sie zum Beispiel die beiden Arten der Bewegung. Ziehen Sie die Schulter bis zum Ohr hoch und drücken Sie den Arm nahe am Kopf vorbei nach oben. Lassen Sie als Kontrast den Ellbogen so weit und tief nach außen schwingen, daß der Rumpf vom Gewicht etwas nach links hinübergebeugt wird. Oder reißen Sie den Arm blitzschnell hoch; im Gegensatz dazu lassen Sie normal den Arm plötzlich wie von selbst hochschnellen.
2. Prinzip: Zu Beginn einer Bewegung wird die Mittellinie länger statt kürzer.
Muskeln können immer nur verkürzen und stauchen, wenn sie arbeiten. Wenn Muskeln sich entspannen, geht der Körper im Gegensatz dazu etwas in die Länge. Er verhält sich wie ein in der Hand zusammengedrückter Gummiball, den man losläßt.
Die Mittellinie des linken Schultergürtels ist ein abstraktes Konzept. Sie beginnt an der Mittellinie des Körpers ungefähr in der Mitte zwischen dem ersten Brustwirbel hinten und dem oberen Rand des Brustbeins vorne. Von dort zieht sie durch das Zentrum des Schultergelenks und durch Ellbogen und Unterarm zur Hand.
Beim Arm-Heben kommt der Ellbogen direkt hoch; die Distanz zwischen dem Ansatz der Mittellinie oben im Rumpf und dem Ellbogen verkleinert sich etwas, die Mittellinie wird kürzer.
Beim Arm-Steigen-Lassen sinkt der Ellbogen zuerst ein bißchen, die Distanz vergrößert sich; die Mittellinie des Armes wird länger.
Muskelkontraktion bewirkt immer, daß sich der Körper verkürzt und zusammenballt. Er kann nur von Gewicht in die Länge gezogen werden, und dieses kommt erst zum Zuge, wenn Mus-
keln sich entspannen.
Vielleicht haben Sie bemerkt, daß die Mittellinie beim ArmSteigen-Lassen länger wird, als würde man an einer gekräuselten Schnur ziehen. Sie wird gestreckt, die Kräuselungen werden geglättet. Beim Arm-Heben verstärken diese sich dagegen, und in der Schulter scheint die Mittellinie sogar unterbrochen.
3. Prinzip: Das Gleichgewicht wird in der Bewegung besser statt schlechter.
Sitzen Sie wieder aufrecht und spüren Sie, wie beide Hüften etwa gleich viel Ihres Körpergewichts tragen. Beim Arm-Heben, vor allem wenn Sie den Arm hochreißen, wird der Rumpf zur andern Seite geworfen. Das Gleichgewicht ist gestört und Sie müssen es unter Energieaufwand wiederherstellen. Falls Sie das nicht spüren, haben Sie wahrscheinlich automatisch die Muskeln der rechten Körperseite angespannt, um diese Störung der Balance zu vermeiden.
Beim Arm-Steigen-Lassen bleibt das Gleichgewicht dagegen ungestört. Wenn Sie den Arm hochschnellen lassen, können Sie sogar spüren, wie Ihr Rumpf momentan etwas stärker und breiter gegen die Stuhlfläche gedrückt wird.
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