Normale Bewegung spüren lernen Dr. med. Hans Flury: Die neue Leichtigkeit des Körpers
Normale Bewegung spüren lernen
Orientieren Sie sich beim Üben immer an den drei Qualitäten – Gewicht, Dehnung, Gestütztwerden – und versuchen Sie, sie möglichst deutlich zu spüren. Sie sind die subjektiv erfahrbaren Seiten der drei Prinzipien: Muskelentspannung, Verlängerung der Mittellinie, Gleichgewicht. Wenn Sie diese Unterschiede beim Arm-Heben und Arm-Steigen-Lassen genau gespürt haben, werden Sie keine Schwierigkeiten haben, normale Bewegung zu erlernen.
Bei allen Bewegungselementen, die Sie kennenlernen werden, besteht immer eine ganz eindeutige, scharfe Grenze zwischen normaler und üblicher Bewegungsform. Der Unterschied ist immer qualitativ, das heißt, daß es nur ein Entweder-Oder, kein quantitatives Mehr oder Weniger gibt.
Falls Sie Mühe haben, diese Unterschiede zu spüren, sollten Sie möglichst oft das 13. Kapitel (Atmen) aufschlagen. Dort können Sie in aller Ruhe die Fähigkeit entwickeln, Gewicht und Dehnungsspannung in Ihrem Körper wahrzunehmen. Es ist nämlich nicht so einfach, Muskeln zu »ignorieren« und sich ganz auf die Dehnungsspannung zu konzentrieren, die von der elastischen Kraft der Faszien stammt. Anatomiekenntnisse sind dabei häufig eher ein Hindernis. Am besten vergessen Sie alles, was Sie über Anatomie wissen! Denken Sie vor allem nicht an Knochen oder Muskeln, denn bei der normalen Bewegung steht ausschließlich das strukturelle Modell des Körpers im Blickpunkt. Es betrachtet den Körper als ein Fasziennetz, als hochkompliziertes System von ineinander verschlungenen Faszienhüllen.
Als Faszien werden dabei alle »zähen Häute« bezeichnet, also die Körperscheide, die den gesamten Körper einfaßt, Muskelscheiden, Gelenkkapseln, Sehnen, Bänder usw. Der »Inhalt« der Faszienhüllen ist bei diesem Modell unwichtig, wichtig sind die Faszien, die »Membranen« des Körpers, da sie die Dehnungsspannung tragen.
Sie spüren die Faszien bei der normalen Bewegung oft sehr nachhaltig, nämlich dann, wenn es reißt und brennt, beim Faszienschmerz: Dann findet eine strukturelle Veränderung statt, eine Dehnung, die Ihren Körper auf Dauer streckt und besser ausrichtet.
Es ist fast unvermeidlich, daß die Praxis der normalen Bewegung Sie irgendwann in Konflikt mit tief verwurzelten Vorurteilen und der traditionellen Lehrmeinung verschiedenster »Autoritäten« bringt. Diese stützen sich nämlich auf die quasi unbewußte, aber falsche Annahme, daß ausschließlich Muskeln Bewegung bewirken, indem sie arbeiten. Das führt zu der nur scheinbar logischen Folgerung, daß ohne Kraftanstrengung nichts geht und der Körper in sich zusammenfällt. Sie wissen aber bereits, daß Muskeln an normaler Bewegung nur minimal beteiligt sind und daß sie nie Bewegung auslösen. Das Kräfteungleichgewicht, das Bewegung auslöst, wird von Ihnen durch Loslassen hergestellt. Und die Stützkraft der Erde im Verbund mit der elastischen Kraft der
Faszien, in denen Ihr Körper wie in gedehnten Gummibändern ruht, hält Sie aufrecht.
Beobachten Sie zum Beispiel eine Katze, der niemand gesagt hat, daß sie sich aufrecht halten soll. Sie werden feststellen, daß sie keine »Haltung« hat, allenfalls nimmt ihr Körper eine »Stellung« ein. Wenn sie läuft oder springt, sehen Sie keine arbeitenden Muskeln, keine »geballte Kraft«, sondern einen gedehnten Körper, der sich wie von selbst bewegt, statt von Muskeln bewegt zu werden.
Wenn Sie noch Zweifel haben, verlassen Sie sich am besten allein auf Ihre Wahrnehmung. Vergleichen Sie die verschiedenen Arten einer Bewegung, schätzen Sie den Energieaufwand ab und
spüren Sie das jeweilige Gleichgewicht. Sie werden fühlen, ob Ihr Körper gedehnt oder gestaucht wird. Dann werden Sie sich auch nicht davon beirren lassen, wenn scheinbar eherne Grundsätze wie das geächtete Hohlkreuz oder das Verbot, die Schultern nach vorn fallen zu lassen, in Frage gestellt werden.
Vielleicht stört Sie auch ein Mißverständnis, das von einer Verwechslung von »ökonomisch« mit »bequem« herrührt. Diese Eigenschaften bilden einen Widerspruch, denn je ökonomischer Sie sich im physikalischen Sinne bewegen, um so größer ist die geistige Aufmerksamkeit, die Sie dafür benötigen. Muskeln loslassen ist viel schwieriger als Muskeln kontrahieren. Normale Bewegung ist also nicht nur physisch betrachtet die differenzierteste Bewegungsform, sie erfordert auch die komplexesten »Program-
Wie sich normale Bewegung auf Ihren Körper auswirkt
me«, über die das Gehirn verfügt. Sie können deshalb nicht einfach beschließen, sich ab sofort normal zu bewegen. Sie können aber darauf vertrauen, daß sich Ihre Bewegungsmuster langsam
ändern. Um das zu erreichen, müssen Sie eine bestimmte Bewegung immer wieder normal ausführen und sie möglichst bewußt wahrnehmen. Versuchen Sie aber nicht, diese Bewegungsform irgendwie festzuhalten. Das führt unvermeidlich dazu, daß Sie Ihre Muskeln einsetzen, und das ist dann keine normale Bewegung mehr.
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