Praxis Dr. med. Hans Flury: Die neue Leichtigkeit des Körpers
Praxis
Am besten üben Sie barfuß auf einem festen warmen Boden, zum Beispiel Parkett. Sie spüren dann am deutlichsten, wie Ihr Körper auf dem Boden steht und von unten her gestützt wird. Wenn Sie Strümpfe tragen, wählen Sie eine rutschfeste Unterlage. Sie können sich aber auch in Schuhen, ja sogar in Skistiefeln normal bewegen! Tragen Sie leichte und lockere Kleidung. Bei Jeans müssen Sie vielleicht den Bund öffnen, weil sonst oft die Beugung im Hüftgelenk eingeschränkt ist.
Beobachten Sie sich zwischendurch in einem Spiegel. Sie werden bemerken, daß sich der »objektive« Bewegungsablauf häufig nicht mit Ihrem inneren Bild der Bewegung deckt. Meist ist Ihr Körper deutlich nach vorn durchgebogen, wenn Sie gerade zu stehen glauben. Legen Sie Ihre Hände während des Übens überall auf Ihren Körper, um so auch feine Bewegungen genau zu spüren.
Ideal ist es, wenn Sie mit einem Partner lernen. Der Vergleich Ihrer Bewegungen läßt Sie Fehler viel leichter erkennen.
Die ersten drei Kapitel – Falten, Sitzen, Stehen – sollten Sie der Reihe nach durchnehmen. Sie enthalten alle wichtigen Prinzipien und Grundbegriffe der normalen Bewegung. Sie vermitteln die nötigen physikalischen Konzepte wie »Gewicht« und »aktive und passive Spannung«, die Sie kennen sollten, um Ihre Bewegungen selbst richtig wahrnehmen zu können. Sie werden dabei lernen, den Unterschied zwischen normaler und herkömmlicher Bewegung zu spüren.
Zwischen den folgenden Kapiteln können Sie dann ohne weiteres hin- und herspringen. Das letzte Kapitel – Atmen – ist zur Entspannung und Erholung gedacht. Es eignet sich aber auch gut, um Ihre Körperwahrnehmung zu entwickeln oder zu verbessern.
Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn Sie am Anfang häufig dieselben Fehler begehen. Das ist kaum zu vermeiden. Es schadet auch überhaupt nicht, denn es geht ja nicht darum, Ihre bisherigen Bewegungsmuster mit einem Schlag durch die normalen zu ersetzen. Eine Veränderung auf Dauer ist nur möglich, indem Sie Ihre eingefleischten Bewegungsabläufe nach und nach ersetzen. Dafür müssen Sie sich der Unterschiede zwischen Ihrer eigenen und der normalen Form einer Bewegung möglichst deutlich bewußt werden. Fehler sind in dieser Hinsicht also geradezu hilfreich!
Wenn Sie zu extremer Genauigkeit neigen und immer alles hundertprozentig verstehen wollen, hüten Sie sich davor, an einer Stelle kleben zu bleiben. Fixieren Sie sich nicht auf eine bestimmte Bewegung, die Sie unbedingt richtig machen wollen. Dann geht wahrscheinlich gar nichts mehr, weil normale Bewegung ja nur durch Loslassen möglich ist. Dafür müssen Sie sich in einen Zustand entspannter Konzentration versetzen. Versuchen Sie, die Bewegungen spielerisch zu variieren, und gehen Sie vorläufig zu etwas ganz anderem über.
Falls Sie eher leicht mit sich zufrieden sind und Zusammenhänge sehr schnell zu verstehen glauben, dürfen Sie sich nicht täuschen lassen. Normale Bewegung ist auch schwierig, weil sie äußerst exakt, genau unterscheidbar und definierbar ist. Sie »ungefähr« nachzuahmen heißt, daß sie eben nicht normal ist! Sie kommen also um die intensive Beschäftigung mit den Details und Feinheiten nicht herum, wenn Sie die selbstverständliche Einfachheit erreichen wollen, die der normalen Bewegung eigen ist.
Dieser Prozeß verläuft über mehrere Stufen, bei denen die Natur der normalen Bewegung immer tiefer ins Bewußtsein und in den Körper sinkt.
Das maßgebliche Kriterium der normalen Bewegung ist der eindeutige und klare Eindruck, daß nicht Sie sich bewegen, sondern daß Bewegung geschieht, als hätten Sie damit gar nichts zu tun. Sie spüren dauernd Gewicht, Schwere und wie Sie vom Boden her gestützt werden.
Dieses Gefühl von »Grounding« sollte so deutlich werden, daß es Ihnen unvorstellbar scheint, überhaupt zusammensinken oder umfallen zu können! Sie stehen wie ein Haus oder ein Turm, die einfach stehen, weil sie schwer sind. Der Schwerpunkt des Körpers, seine Mitte, sollte völlig ruhig bleiben, selbst wenn Sie sich weit ausschweifend bewegen.
Weil Lernen eine Frage des Bewußtseins ist, sollte Ihr Geist während der Übungen aufmerksam und flexibel sein. Variieren Sie die Beispiele, führen Sie sie »blitzschnell« und in »Superzeitlupe« aus, erfinden Sie eigene. Lassen Sie die ausgestreckten Arme waagrecht nach vorn oder zur Seite hängen oder legen Sie sie auf den Rücken. Stehen Sie mit den Füßen weit auseinander oder ganz nah zusammen.
Wenden Sie die entsprechende Übung auf eine Bewegung an, die Sie im Alltag oder im Beruf oft ausführen. Vergleichen Sie die normale und die gewohnte Form hinsichtlich Ökonomie, Länge des Körpers und Gleichgewicht.
Machen Sie Bewegungen zwischendurch bewußt grob »falsch«, um den Unterschied zur normalen Form zu spüren. Ziehen Sie die Muskeln zusammen, um dann zu spüren, wie sie sich entspannen, wenn Sie loslassen.
Verringern Sie mit der Zeit den Unterschied zwischen üblicher und normaler Bewegung so weit, daß er kaum noch existiert. Versuchen Sie schließlich sogar, sich selbst zu betrügen, indem Sie minimale und scheinbar unauffällige Fehler bewußt begehen. Sie werden feststellen, daß Sie sogar die allergeringsten Unterschiede leicht, wenn nicht sogar überdeutlich erkennen können.
Gehen Sie gelegentlich auch wieder zurück zum Falten und Gehen, und beachten Sie dabei konsequent und exakt alle wichtigen Punkte. Sie werden herausfinden, daß es immer noch eine höhere Stufe des Verstehens und Bewußtwerdens gibt.
Impressum