2011/11: Otpor – oder wie wird man Revolutionär?

In Serbien geschah es im Jahr 2000, in Georgien 2003, in der Ukraine ein Jahr später: Die Abläufe zum Sturz der Diktatoren waren ähnlich, augenscheinlich spontan, in Wirklichkeit aber gut geplant und vorbereitet. Mitgeholfen hat Otpor, die einstige serbische Studentenbewegung, die jetzt Beratung zur gewaltfreien Revolution exportiert. Auch Oppositionelle in Weißrussland, wo am Sonntag Diktator Alexander Lukaschenko zur Wiederwahl antritt, wollen von Otpor lernen.

 

Von Marina Schmidt, tagesschau.de

Georgische Oppositionelle auf den Straßen der Hauptstadt Tiflis Demonstrationen in der georgischen Hauptstadt Tiflis (November 2003) Wie stürzt man einen Diktator, macht korrupten Regimen den Garaus oder vertreibt militärische Besatzer – und das alles ohne Gewehre und körperliche Gewalt? Man braucht vor allem Logos, Kennfarben und Slogans, die man auf vielfältige Weise unter die Leute bringt. Grob umrissen ist das die sichtbare Strategie zahlreicher „Revolutionsbewegungen“, die daran mitgewirkt haben, postsozialistische Tyrannen aus dem Amt zu treiben.


Bekannt sind vor allem die „Rosenrevolution“ in Georgien mit ihrem Schlagwort „Kmara“ (Genug) und die „Orangene“ in der Ukraine mit dem Slogan „Pora“ („Es ist genug“ oder „Es ist an der Zeit“). In Tiflis musste 2003 Präsident Eduard Schewardnadse seine Macht abgeben, in Kiew wurde 2004 Wiktor Janukowitsch vertrieben.


Aber es gibt ähnliche Bewegungen – mit mehr oder weniger Erfolg – in Usbekistan, in Aserbaidschan, in Kirgistan oder in Weißrussland, um nur einige zu nennen. Alle haben eins gemeinsam: Es sind lose Netzwerke junger Menschen. Die meisten sprechen englisch, viele haben im Westen studiert und sie sind geschult im Umgang mit Medien und Internet.

Otpor: Die Revolutionsmacher aus Serbien

Das Logo von Otpor Die geballte Faust: Das Logo von Otpor Gelernt haben viele von und mit dem großen Vorbild: Otpor, die serbische Bewegung, die im Jahre 2000 mit zum Sturz von Slobodan Milosevic beitrug. Otpor heißt Widerstand, das Logo ist die geballte Faust und die Slogans waren damals „Gotov Je“ (Er ist fertig) und „Vreme Je“ (Es ist Zeit).


Die einstige Studentenorganisation aus den späten 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelte sich später in zwei Richtungen: Die Anhänger der einen Strömung gründeten recht erfolglos eine Partei, die anderen ein Zentrum für gewaltlosen Widerstand. Sie bieten eine ganz spezielle Dienstleistung an: „professionelle“ Beratung und Unterstützung für eine samtene Revolution. Otpor hat eine Handvoll Trainer, die auch ins Ausland geschickt werden. Dort organisieren sie Widerstandscamps, helfen beim Entwurf von PR-Strategien, Fernsehspots und Kampagnen, geben Handbücher weiter.

Vielfältige Angebote für den internationalen Markt

Demonstranten in Georgien Demonstranten in Georgien (November 2003) Viele Gruppen haben sich bereits von Otpor beraten lassen, darunter welche aus Georgien und der Ukraine, aber auch Chavez-Gegner in Venezuela und Oppositionelle in Simbabwe sollen zu der Kundschaft gehören. An Anfragen mangelt es Otpor nach eigenen Angaben nicht, der Markt ist offenbar groß. Über die Kosten einer eingehenden Revolutionsberatung und ihrer anschließenden Umsetzung schweigen sich die Trainer aus.


Das Organisieren und Bereitstellen von Plakaten, Fahnen, Suppenküchen, Zeltlagern mit Woodstock-Atmosphäre und ähnlichem dürfte nicht ganz billig sein. Als finanzielle Unterstützer sind sowohl die George-Soros-Stiftung als auch die Stiftung Freedom House bekannt. Zahlreiche weitere Geldgeber werden in der Presse genannt, alleine Institutionen aus Amerika sollen Millionen Dollar locker gemacht haben. Aber auch europäische Stiftungen und Organisationen sind offenbar nicht zurückhaltend.

Die großen Sponsoren: Soros und Freedom House

Der aus Ungarn stammende George Soros, der mit Devisenspekulationen und Finanzinvestitionen Milliarden machte, gilt heute als ein mächtiger Kritiker des globalen Kapitalismus. Mit seinem Open Society Institute fördert er hauptsächlich Bürgerbewegungen in ehemals antikapitalistischen Ländern.


Häufig geht Soros‘ Hilfe Hand in Hand mit Freedom House. Die amerikanische Nichtregierungsorganistion unter der Leitung des ehemaligen CIA-Direktors James Woolsey bildet Otpor-Trainer aus und fort, finanziert Trainingscamps und auch internationale „Aktivistencamps“.


Protestierende Anhänger Juschtschenkos auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew (Foto: dpa/dpaweb)
 
Anhänger Juschtschenkos demonstrieren auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew (November 2004)
 
 
 
 
Zeltstadt der Opposition in der Innenstadt von Kiew (Foto: AP)
 
Die Zeltstadt der Oppositionellen in der Innenstadt von Kiew (November 2004)  
 


Zur Fortbildung über den großen Teich

Geschult werden die „Revolutionstrainer“ auch in den USA. Dort lernen sie von Freedom- House-Spezialisten, wie man gute PR-Arbeit macht und das Umsturzpaket zusammenstellt. Gene Sharps Buch „From Dictatorship to Democracy“ wurde tausendfach verteilt. Der amerikanische Professor und Cheftheoretiker der gewaltfreien Revolution beschreibt darin seine 198 Methoden des gewaltfreien Aktionismus. Seine wichtigsten Erkenntnisse haben die Otpor-Trainer in einem eigenen Handbuch zusammengefasst und an ihre Schüler weitergereicht.


Das jüngste von Freedom House gesponserte Lehrmaterial kann man jetzt im Internet bestellen. Im gemeinsam von Otpor und einer US-Softwarefirma entwickelten interaktiven Computerspiel „A Force More Powerful“ kann geübt werden, Widerstand zu üben, einen Diktator zu stürzen oder Besatzungsarmeen zu vertreiben – alles natürlich gewaltlos. Ein Regelverstoß wird sofort mit Strafpunkten belegt.

Minsk ist nicht Kiew

Oppimistische Oppositionsanhänger auf der Straße in Kiew (Foto: AP)Gute Laune bei der Opposition in Kiew, nachdem ein Gericht die Veröffentlichung der amtlichen Wahlergebnisse untersagt. (November 2004) Hinter den Kulissen spielen aber noch ganz andere Faktoren eine maßgebliche Rolle beim Sturz eines Regimes: Eine geeinte Opposition mit einem starken Führer, eine lange Vorbereitungszeit, Zugang zu den Medien, Absprachen mit Sicherheits- und Geheimdiensten, Unterstützung aus dem Westen oder gar aus Moskau. In Belgrad war die Stürmung des Parlaments eine politische Entscheidung aller Anti-Milosevic-Parteien. Nach Georgien flog damals der russische Außenminister Igor Iwanow, um Präsident Schewardnadse den Rücktritt nahezulegen. In der Ukraine hatte die Opposition mit Wiktor Juschtschenko und Julia Timoschenko starke Führungspersönlichkeiten.


Das alles fehlt unter anderem in Weißrussland. Dort herrscht der letzte Diktator Europas, Alexander Lukaschenko, noch mit eiserner Hand. Die Opposition hat keine großen Führungsfiguren, die Gruppen sind untereinander zerstritten, sie haben keinen Zugriff auf die Medien und werden gnadenlos unterdrückt. Patentrezepte für eine gewaltlose Revolution gibt es also nicht, bestenfalls die Möglichkeit, systematisch ein Klima und günstige Voraussetzungen dafür zu schaffen.

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