19 Der Bericht eines Gefolterten

Einige Tage später fuhr mich Yamin aus Teheran heraus, durch einen staubigen und heruntergekommenen Vorort, an einem alten Kamelpfad entlang bis an den Rand der Wüste. Die Sonne ging bereits hinter der Stadt unter, als er bei einer Ansammlung von winzigen Lehmhütten anhielt, die von Palmen umgeben waren. »Eine sehr alte Oase«, erklärte Yamin. »Schon zu Zeiten Marco Polos war sie Jahrhunderte alt.« Er führte mich zu einer Hütte. »Der Mann in der Hütte hat einen Doktortitel von einer unserer renommiertesten Universitäten. Aus Gründen, die Sie bald verstehen werden, muß er anonym bleiben. Sie können ihn Doc nennen.« Er klopfte an die Holztür, und es kam eine gedämpfte Antwort. Yamin drückte die Tür auf und führte mich hinein. Der winzige Raum war fensterlos und wurde nur von einer Öllampe auf einem niedrigen Tisch in der Ecke beleuchtet. Nachdem meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich, daß der Lehmboden mit persischen Teppichen bedeckt war. Dann zeichnete sich der Umriß eines Mannes ab. Er saß so vor der Lampe, daß seine Gesichtszüge nicht zu erkennen waren. Ich konnte nur erkennen, daß er in Decken gewickelt war und etwas um den Kopf trug. Er saß im Rollstuhl, der neben dem Tisch das einzige »Möbelstück« im Raum war. Yamin gab mir ein Zeichen, mich auf den Teppich zu setzen. Er ging zu dem Mann und umarmte ihn sanft. Nachdem er ihm einige Worte ins Ohr geflüstert hatte, setzte er sich neben mich.


»Ich habe Ihnen von Mr. Perkins erzählt«, sagte er. »Es ist uns beiden eine Ehre, daß wir Sie besuchen dürfen, Sir.« »Mr. Perkins, Sie sind willkommen.« Die Stimme, die kaum einen Akzent erkennen ließ, war tief und heiser. Ich merkte, wie ich mich unbewußt vorgebeugt hatte, um den Abstand zu verringern, der zwischen uns lag. »Sie sehen einen gebrochenen Mann vor sich. Ich war nicht immer so. Einst war ich stark wie Sie. Ich war ein enger und getreuer Berater des Schahs.« Dann schwieg er lange. »Der Schah der Schahs, der König der Könige.« Seine Stimme klingt eher traurig als wütend, dachte ich. »Ich kannte viele Staatschefs persönlich. Eisenhower, Nixon, De Gaulle. Sie vertrauten darauf, daß ich dieses Land ins kapitalistische Lager führte. Der Schah vertraute mir und …« Er gab ein Geräusch von sich, das ein Husten sein konnte, das ich aber als Lachen interpretierte. »Ich vertraute dem Schah. Ich glaubte seinen Reden. Ich war überzeugt, daß der Iran die muslimische Welt in eine neue Epoche führen und daß Persien sein Versprechen wahr machen würde. Es schien unser Schicksal zu sein – das Schicksal des Schahs, meines, unser aller Schicksal. Wir hatten eine Mission zu erfüllen, dazu waren wir von Geburt an bestimmt.« Das Deckenbündel bewegte sich, der Rollstuhl quietschte und drehte sich leicht. Ich konnte die Umrisse des Gesichts im Profil sehen, seinen zottigen Bart und – Grausen packte mich – die flachen Konturen. Er hatte keine Nase! Ich schauderte und unterdrückte ein Keuchen.


»Kein schöner Anblick, nicht wahr Mr. Perkins? Zu schade, daß Sie es nicht im vollen Licht sehen können. Es ist wirklich grotesk.« Wieder hörte ich das erstickte Lachen. »Aber wie Sie sicher verstehen werden, muß ich anonym bleiben. Gewiß könnten Sie meine Identität klären, wenn Sie es ernstlich versuchen würden, allerdings würden Sie
feststellen, daß ich tot bin. Offiziell existiere ich nicht mehr. Dennoch vertraue ich darauf, daß Sie es nicht versuchen werden. Für Sie und Ihre Familie ist es besser, wenn Sie nicht wissen, wer ich bin. Der Arm des Schahs und des SAVAK reicht weit.«

 

Der Rollstuhl quietschte erneut und kehrte in seine alte Position zurück. Ich empfand Erleichterung, als ob die Gewalt, die dem Mann angetan worden war, ausgelöscht werden würde, wenn ich sein Profil nicht sah. Damals hatte ich noch nie von diesem Brauch gehört, der in einigen islamischen Kulturen besteht. Wer Schande über eine Gesellschaft oder ihren Anführer gebracht hatte, wurde dadurch bestraft, daß man ihm die Nase abschnitt. Damit war man fürs Leben gezeichnet – wie das Gesicht dieses Mannes. »Sie fragen sich sicher, Mr. Perkins, warum wir Sie hierher eingeladen haben.« Ohne meine Antwort abzuwarten, fuhr der Mann im Rollstuhl fort. »Sehen Sie, dieser Mann, der sich König der Könige nennt, ist in Wirklichkeit ein Teufel. Sein Vater wurde von Ihrer CIA mit – ich hasse es, das einzugestehen – meiner Hilfe abgesetzt, weil er angeblich mit den Nazis zusammenarbeitete. Dann gab es die Probleme mit der Regierung Mossadeq. Heute ist unser Schah auf dem besten Weg, Hitler auf dem Gebiet der Bosheit zu übertreffen. Und das tut er mit dem vollen Wissen und der Unterstützung Ihrer Regierung. »Warum ist das so?«, fragte ich.


»Ganz einfach. Er ist Ihr einziger verläßlicher Verbündeter in der Ölregion. Die industrialisierte Welt ist auf das Öl angewiesen, das aus diesen Staaten kommt. Oh natürlich, Sie haben Israel, aber das ist eher eine Verpflichtung für Sie als ein Trumpf. Und es gibt kein Öl dort. Ihre Politiker müssen sich nach den Stimmen der jüdischen Wähler richten, brauchen deren Geld, um ihre Wahlkampagnen zu finanzieren. Daher sind Ihnen gegenüber Israel die Hände gebunden, fürchte ich. Wie dem auch sei, Iran ist der Schlüssel. Ihre Ölgesellschaften (die sogar noch mehr Macht haben als die Juden) brauchen uns. Sie brauchen unseren Schah – oder Sie glauben zumindest, daß Sie ihn
bräuchten, genauso wie Sie dachten, Sie bräuchten die korrupte Regierung in Südvietnam.« »Wissen Sie etwas Besseres? Ist Iran das Äquivalent zu Vietnam?« »Möglicherweise noch viel schlimmer. Sehen Sie, der Schah wird sich nicht mehr lange halten können. Die muslimische Welt haßt ihn. Nicht nur die Araber, sondern die Mus-
lime auf der ganzen Welt, in Indonesien, den USA, aber vor allem natürlich hier in diesem Land, sein eigenes persisches Volk haßt ihn.« Ich hörte ein Klopfen und erkannte, daß er gegen die Seite seines Rollstuhls geschlagen hatte. »Er ist böse! Wir Perser hassen ihn.« Dann herrschte Schweigen. Nur sein schwerer Atem war zu hören.
»Doc steht den Mullahs sehr nahe«, sagte Yamin zu mir mit leiser, ruhiger Stimme. »Bei den religiösen Gruppen hier gibt es eine mächtige Bewegung gegen das herrschende Regime, und sie hat einen Großteil des Landes erfaßt, mit Ausnahme einer Hand voll Menschen der Oberschicht, die vom Kapitalismus des Schahs profitieren.« »Ich zweifle nicht an Ihren Worten«, sagte ich. »Aber ich muß sagen, daß ich bei meinen Besuchen nichts dergleichen bemerkt habe. Jeder, mit dem ich spreche, scheint den Schah zu lieben, und preist das wirtschaftliche Wachstum.«


»Sie sprechen kein Farsi«, bemerkte Yamin. »Sie hören nur, was Ihnen die Männer sagen, die am meisten profitieren. Wer in den USA oder England ausgebildet wurde, arbeitet am Ende für den Schah. Doc hier ist eine Ausnahme – jetzt.« Er schwieg und schien seine nächsten Worte zu überdenken. »Mit Ihrer Presse ist es ganz ähnlich. Die Journalisten sprechen nur mit den Verwandten und dem engsten Kreis des Schahs. Natürlich werden Ihre Medien größtenteils auch vom Öl kontrolliert. Sie hören, was sie hören wollen, und schreiben, was ihre Werbekunden lesen wollen.« »Warum erzählen wir Ihnen das alles, Mr. Perkins?« Docs Stimme klang noch rauer als zuvor, als ob seine Gefühle und die Anstrengung zu sprechen die Energie aufgebraucht hätten, die der Mann für dieses Treffen mobilisiert hatte. »Weil wir Sie davon überzeugen möchten, abzureisen und Ihr Unternehmen zu überreden, sich aus dem Land zurückzuziehen. Wir möchten Sie warnen. Sie denken vielleicht, Sie werden hier viel Geld verdienen, aber da täuschen Sie sich. Diese Regierung wird sich nicht halten.« Wieder hörte ich, wie seine Hand gegen den Rollstuhl schlug. »Und wenn sie stürzt, wird die Regierung, die ihr nachfolgt, keine Sympathien für Sie und Ihre Firmen haben.« »Sie meinen, wir werden kein Geld bekommen?«


Doc bekam einen Hustenanfall. Yamin ging zu ihm und rieb seinen Rücken. Als der Anfall vorbei war, sprach er mit Doc Farsi und kehrte dann an seinen Platz zurück. »Wir müssen das Gespräch beenden«, sagte Yamin zu mir. »Als Antwort auf Ihre Frage: Sie werden nicht bezahlt. Sie werden die ganze Arbeit machen, und wenn es an der
Zeit ist, Ihren Lohn zu bekommen, wird der Schah nicht mehr im Amt sein.« Auf der Rückfahrt fragte ich Yamin, warum er und Doc MAIN das Finanzdesaster ersparen wollten, das er vorhergesagt hatte. »Wir würden mit Freuden sehen, wenn Ihr Unternehmen Bankrott ginge. Allerdings wäre es uns noch lieber, wenn Sie den Iran verlassen. Wenn sich ein Unternehmen wie Ihres zurückzieht, könnte es damit ein Signal setzen. Darauf hoffen wir. Sehen Sie, wir wollen hier kein Blutbad, aber der Schah muß weg, und wir unterstützen alles, was seinen Sturz rascher herbeiführen kann. Daher beten wir zu Allah, daß Sie Ihren Mr. Zambotti davon überzeugen, sich rechtzeitig zurückzuziehen. »Und warum ich?« »Als wir bei unserem Essen über das Projekt Blühende Wüste sprachen, merkte ich, daß Sie offen für die Wahrheit sind. Ich wußte, daß unsere Informationen über Sie korrekt waren – Sie sind ein Mann zwischen zwei Welten, ein Mann in der Mitte.« Nach diesen Worten fragte ich mich, wie viel er wirklich über mich wußte.

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