Kampf mit dem Drachen

Kampf mit dem Drachen

(Die Kunst der Selbstheilung)

Als ich von der Krebserkrankung eines Freundes erfuhr, vor mehr als 25 Jahren, hielt ich diese Nachricht für die Ankündigung eines unausweichlichen Todes. In jener Zeit hatte die Diagnose Krebs tatsächlich eine endgültige Bedeutung. Aus der Angst, sich einem vermeintlichen Todesurteil zu stellen, scheuen sich noch heute viele Menschen, solange es sich vermeiden lässt, über diese Erkrankung zu sprechen, ja es gibt sogar Fälle, in denen Betroffene ihren eigenen Familienangehörigen nicht mitteilen, was ihnen der Arzt offen gelegt hat.


Damals, als ich von der traurigen Diagnose hörte, waren unter Medizinern noch zwei gegensätzliche Strategien üblich, mit dieser Information umzugehen: Ein Teil der Ärzte versuchte, die Wahrheit vor ihren Patienten so lange wie möglich zu verheimlichen, um sie nicht zu beunruhigen, vor allem dann, wenn sie glaubten, für eine Behandlung sei es bereits zu spät. Dahinter steckte ein intuitives Wissen um die Folgen der Diagnose für das Gleichgewicht der Seele, die Angst also, den Betroffenen mit der Wahrheit zu schaden, aber auch die eigene Angst, drängende Fragen beantworten und sich der eigenen Unsicherheit und der unerträglichen Wucht der Hoffnungslosigkeit stellen zu müssen. Vielleicht hat auch, in der Tiefe der Seele, die magische Vorstellung aus der Kinderzeit eine Rolle gespielt, die Realität werde sich verändern, wenn wir nur fest die Augen vor ihr verschließen.


Diese Strategie, aus welchen bewussten oder unbewussten Gründen sie auch entstanden sein mochte, entmündigte die Patienten, denn schon bald wurde die Dramatik der Erkrankung offenkundig, und spätestens dann gaben die Ärzte den Angehörigen einen Wink oder konfrontierten sie schonungslos mit der Wahrheit. Die Angehörigen hatten nun die ganze Last
zu tragen und begannen ihrerseits ein Doppelspiel, das die Patienten mehr und mehr verunsicherte, bis die Wahrheit auch ihnen nicht mehr zu verheimlichen war. Das Gebäude aus Angst, Ratlosigkeit, Verleugnung und Lüge brach zusammen, und die Menschen, um deren Leben und Sterben es eigentlich ging, hatte kostbare Zeit verloren, sich mit ihrer Erkrankung
auseinander zu setzen und sich der Endlichkeit des Lebens zu stellen.


Die meisten Ärzte hatten aber in der Zeit, als ich von der Diagnose meines Freundes erfuhr, schon ihre Haltung geändert und setzten auf schonungslose Offenheit. In wissenschaftlicher Sachlichkeit beriefen sie sich auf statistische Erfahrungen und teilten ihren Patienten die
verbleibende Lebenszeit zu: wenige Jahre, manchmal nur noch wenige Monate oder Wochen.


Eine Diagnose mit dieser genauen Eingrenzung der Zeit kam der Verkündung eines Todesurteils gleich, denn sie erlaubte den Betroffenen keine Hoffnung. Die neue Offenheit der Ärzte hatte auch eine aggressive Komponente: Hinter der Maske sachlicher Aufklärung verbargen sich gleichermaßen Angst und Wut über die Grenzen medizinischer Hilfe, und wenn das Gespräch auch ruhig und ohne spürbare Emotion geführt wurde, standen doch nicht selten starke Affekte im Hintergrund.

 

Wenn Menschen von heute auf morgen mit ihrem nahen Ende in Berührung kommen, stürzt sie diese für die Seele unfassbare Tatsache in völlige Verzweiflung. Die Gewissheit, sterben zu müssen, lähmt den Körper und nimmt ihm alle Kraft. Die stets gegenwärtige Angst vor Krankheit, die den Alltag durchzieht wie ein leises, doch unangenehmes Rauschen im Hintergrund, drängt machtvoll und gewalttätig in die Gegenwart und bestimmt jetzt das ganze Denken.


Wenn der Arzt dem Patienten jede Hoffnung verbietet, verschließt er ihm, ohne es zu wollen, die Quelle, die den Strom des Lebens speist. Mit dem Versiegen dieser Quelle sinkt die Überlebenschance dramatisch, denn jetzt arbeitet der verborgene Teil des Bewusstseins, der noch immer in kindlicher Ehrfurcht den Worten der Erwachsenen glaubt, an der Erfüllung dieser Prophezeiung. Das Todesdatum scheint festzustehen, Widerstand ist zwecklos. Abertausende von Krebspatienten sind so ihres Lebenswillens beraubt worden und haben ihre letzte Zeit in der Verzweiflung von Verurteilten verbracht, die auf ihre Hinrichtung warten. Aber weil die Mediziner auch in aussichtslos erscheinenden Fällen nicht aufgeben dürfen, griffen sie zu den Waffen, die dem Stand der Wissenschaft entsprachen: Totaloperationen, Bestrahlungen und Chemotherapeutika in hohen Dosierungen, mit Nebenwirkungen, die den Menschen oft alle verbliebene Lebensfreude nahmen.

 

Der junge Mann aus meinem Freundeskreis sah sich mit dem ganzen Waffenarsenal der Schulmedizin konfrontiert, wurde mehrfach operiert und begann eine Serie von Bestrahlungen. Aber der Krebs wucherte weiter, und die körperlichen Folgen der Therapie zermürbten ihn.

 

In dieser Zeit wurde eine neue Technik bekannt, die Seele zur Heilung der Erkrankung einzusetzen, eine Methode, die von Carl und Stephanie Simonton entwickelt worden war, einem Strahlentherapeuten und einer Psychotherapeutin aus den USA. Diese Pioniere der Psychoonkologie empfahlen ihren Patienten, der Psyche im Kampf gegen die Erkrankung besonderes Gewicht zu geben. Ein Element der Methode besteht darin, den wuchernden Zellen mit Visualisierungsübungen zu begegnen, mit klaren und farbigen inneren Bildern, die das Bewusstsein einsetzen, um über die Seele auf den Körper zu wirken. Diese inneren Bilder, wie sie Simonton empfiehlt, können symbolischer Natur sein – ein weißer Ritter bekämpft einen Drachen – oder konkret-medizinisch: Helferzellen des Immunsystems gehen auf die Jagd nach entarteten Zellen und fressen sie auf. Am Ende sollen die Patienten stets wahrnehmen, wie der Krebs mehr und mehr schwindet.


Mein Freund setzte alle schulmedizinischen Behandlungen aus (was Psychoonkologen keinesfalls empfehlen) und folgte nur noch dieser neuen Methode, die ihm wie ein Licht in der zunehmenden Dunkelheit seines Weges erschien. Einige Monate lang praktizierte er diese Übungen und forschte gleichzeitig in einer Psychotherapie nach vielleicht verborgenen Auslösern seiner Erkrankung. Langsam kehrte die Hoffnung zurück, die er am Tag der Urteilsverkündung verloren hatte, und zum Erstaunen seiner Ärzte stoppten die Wucherungen. Nach einigen Monaten entwickelte sich der Krebs zurück, bis die letzten Metastasen verschwunden waren. Am
Ende stand eine dauerhafte Heilung – aus Sicht seiner Ärzte ein  unbegreiflicher Vorgang.

 

Dieser erstaunliche Fall hat meine Vorstellung von dem, was möglich ist, grundlegend verwandelt. Denn hier hatte sich gezeigt, dass es auch in der Medizin keine endgültigen Aussagen gibt, dass sich Patienten im Einzelfall pessimistischen Prognosen widersetzen und die Kräfte der Selbstheilung entwickeln können.


Im Laufe der Jahre musste ich aber auch lernen, dass die Methoden der Psychoonkologie genauso wenig einen Erfolg garantieren können wie die harten Waffen der Schulmedizin. Jede Heilung ist ein besonderer, individueller Fall, eine Geschichte mit Höhen und Tiefen, ein dramatischer Kampf auf Leben und Tod.


In mehreren Kliniken und Forschungseinrichtungen in Deutschland haben Ärzte und Wissenschaftler begonnen, ähnliche Fälle zu sammeln, die dem schulmedizinischen Weltbild zu widersprechen scheinen, Fälle wunderbarer Heilungen. Wenn Mediziner im Alltag der Praxen und
Krankenhäuser Zeugen ungewöhnlicher Heilungen werden, zweifeln sie auch heute noch meist an der Richtigkeit der ursprünglichen Diagnose. Weil die Erkrankung per Definition als unheilbar gilt, kann nur die Diagnose falsch gewesen sein, wenn es doch überraschend zur Genesung kommt.