Medizinische Wunder

Medizinische Wunder

(Die Kunst der Selbstheilung)

Inzwischen aber gibt es umfangreiche, gut dokumentierte Fallgeschichten, die den Psychoonkologen Herbert Kappauf zu der Ansicht brachten, dass Wunder möglich sind.[22] Dieses Wort ruft den Gedanken an übernatürliche Kräfte hervor, es hat einen religiösen Charakter, und doch sagt es nur, dass sich die Ärzte nicht erklären können, was geschehen ist. Dass Wunder möglich sind, stärkt die Hoffnung, denn selbst in der Ausweglosigkeit könnte sich noch eine Tür öffnen, die einen unerwarteten Weg zeigt, einen Pfad ins Leben und nicht in den Tod.


Aber die Vertreter einer harten Schulmedizin tun sich schwer mit diesem Begriff, weil er anzudeuten scheint, dass für einen Moment die strengen Gesetze der Natur aufgehoben sein könnten. Tatsächlich folgen die Skeptiker in ihrem Zweifel einer alten philosophischen Anschauung, die der Kirchenlehrer Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert so zusammenfasste:

Wunder seien Geschehnisse, die den Gesetzen der Natur widersprechen und die nur Gott als ihr Schöpfer in besonderen Fällen aufheben könne.

In einer Welt, die den Glauben an Gott durch den Glauben an die Wissenschaft ersetzt hat, ist kein Platz mehr für das Wunderbare. Wenn also »Geschehnisse wider die Gesetze der Natur« nicht möglich zu sein scheinen, dann kann es auch keine Heilung von einer unheilbaren Krankheit
geben. So leugnen die Vertreter des Skeptizismus lieber eine Tatsache, als dass sie bereit wären, die Grundlagen ihres Denkens zu verändern. Dabei gehört es zum Grundverständnis jeder Wissenschaft, eine allgemein anerkannte Theorie zu verwerfen, wenn sie neue experimentelle Ergebnisse oder unmittelbare Erfahrungen nicht erklären kann. Und selbst physikalisch bestens abgesicherte Naturgesetze, die fest und unverrückbar erschienen, sind seit den bahnbrechenden Theorien der Quantenphysik ins Wanken geraten, so als ob auch Naturgesetze nur modische Strömungen seien, vom rastlosen Geist der Forscher erdacht.


Schon Ende des vierten, Anfang des fünften Jahrhunderts unserer Zeit hat ein anderer Kirchenlehrer, Augustinus, den Ausweg aus dem Streit gewiesen. Was er vorschlug, ist im ursprünglichen Sinne des Wortes wissenschaftlich, weil es den Begriff des Wunders an den sich ständig wandelnden Einsichten über den Charakter der Wirklichkeit misst:

»Wunder geschehen nicht im Widerspruch zur Natur, sondern im Widerspruch zu dem, was wir von der Natur wissen.«

Vieles, was uns heute selbstverständlich erscheint, mag den Menschen früherer Zeiten als Wunder erschienen sein – heute gibt es eine Erklärung dafür, die sich in das rationale Weltbild einfügt. Aber weil es wohl nie eine Formel geben wird, die alle Fragen von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft in einem umfassenden Bild jenseits aller Zweifel beantwortet, muss
sich die Grenze unseres Weltbildes immer wieder verschieben.


Mediziner sprechen von Spontanheilungen, wenn sie auf Fälle stoßen, die sich wissenschaftlich derzeit nicht erklären lassen, weil kein Zusammenhang mit einer anerkannten Therapiemethode erkennbar ist oder weil der Krankheitsverlauf dem widerspricht, was in der klinischen Praxis zu erwarten wäre. Auch die beste schulmedizinische Behandlung lässt in einer fortgeschrittenen Phase der Erkrankung normalerweise keine realistische Heilungschance mehr zu. Wenn ein Patient dennoch gesund wird, hat das offenkundig nichts mit der ärztlichen Kunst zu tun: Der
Kranke hat sich selbst geheilt.

 

Wenn es gelänge, im Vergleich unterschiedlicher Heilungsgeschichten bestimmte biologische oder psychologische Gemeinsamkeiten zu finden, die allen gemeinsam sind, wäre das ein Quantensprung in der Medizin.


Bisher aber stehen nicht genügend Patientengeschichten zur Verfügung, die dem hohen Standard der Wissenschaft entsprechen. Dafür gibt es zwei Gründe: Selten nur veröffentlichen niedergelassene Ärzte ungewöhnliche Heilungsfälle, auch in den Kliniken gibt es keine Aufzeichnungen, die unabhängigen Forschern zugänglich wären. Bis vor wenigen Jahren galten
ja Spontanheilungen im »Endstadium« einer Krebserkrankung als undenkbar, weshalb die Ärzte eher annahmen, es könnten sich am Ende doch Chemotherapeutika oder andere Mittel durchgesetzt haben, auch wenn deren Gabe schon längere Zeit zurücklag und die Patienten als unheilbar entlassen worden waren.


Tatsächlich gibt es nach Vermutungen von Medizinern erheblich mehr Fälle ungewöhnlicher Heilungen als die meisten Menschen für möglich halten, aber auch wesentlich weniger, als die Betroffenen erhoffen. Die statistischen Chancen lägen durchschnittlich etwa zwischen 1:60000
und 1:100000, sagen die Forscher. Bei einzelnen Krebsarten aber kann die spontanremissionsrate sehr hoch sein, beim kindlichen Neuroblastom zum Beispiel sind plötzliche Rückbildungen fast die Regel, auch Hautkrebszellen reagieren relativ gut (wenn auch erheblich seltener) auf die körpereigene Abwehr. Dafür scheinen sich manche andere Krebsarten weniger häufig spontan zurückzubilden. Grundsätzlich aber, das legen die klinischen Erfahrungen nahe, sind bei jeder Krebsart und in jedem Stadium plötzliche Heilungen möglich.

 

Im Alter von 61 Jahren erkrankte ein Mann an einem Bronchialkarzinom.
[23] Er wurde operiert und zunächst traten keine Komplikationen auf. Doch
fünf Monate später entdeckten die Ärzte einen neuen Tumor im
Leistenbereich, eine Metastase des ursprünglichen Karzinoms. Das
Geschwür wurde entfernt, aber schon kurz darauf war im Unterbauch eine
weitere, extrem ausgedehnte Wucherung zu ertasten; wie sich herausstellte,


eine weitere Metastase. Die Erkrankung schritt schnell voran und schien
nicht mehr behandelbar, denn überall im Körper entwickelten sich neue
Herde, für die weder eine Operation noch Bestrahlungen oder
Chemotherapie erfolgversprechend schienen. Die Onkologen gaben auf und
entließen den Mann mit dem Vorschlag, einzelne Symptome, vor allem
mögliche Schmerzen, vom Hausarzt mit klassischen Mitteln behandeln zu
lassen. Eine Heilung war nach aller Erfahrung ausgeschlossen.
Acht Monate später stellte sich der Patient wieder in der Klinik vor. Sein
Zustand hatte sich zum Erstaunen der Ärzte sichtbar gebessert. Er
berichtete, dass es zunächst Schritt für Schritt bergab gegangen sei, er habe
insgesamt fünfzehn Kilogramm abgenommen und sei nicht mehr in der
Lage gewesen, sich allein zu versorgen, seine Frau habe ihn pflegen
müssen.
Es war dieser Zustand, der ihm offenkundig die Endlichkeit seines
Lebens bewusst machte. Er nahm diese Tatsache an und beschloss, sein
Testament zu machen. Gemeinsam mit seiner Frau formulierte er den Text.
Als er diesen Schritt getan hatte, fühlte er sich besser, und in den nächsten
Tagen spürte er, dass es langsam »bergauf ging«, Schritt für Schritt.
Tatsächlich nahm er wieder an Gewicht zu und fühlte sich immer gesünder.
Innerhalb weniger Monate verschwand der Tumor vollständig, bei einer
Kontrolluntersuchung in der Klinik war im Bauchraum keine Wucherung
mehr nachweisbar, und die Lungenmetastasen waren ebenso verschwunden.
Alle diese Veränderungen waren geschehen, ohne dass der Mann
Medikamente eingenommen hatte. Seine Frau hatte lediglich auf eine
vitaminreiche Ernährung geachtet. Als der Patient zum ersten Mal in der
Klinik war, hatte er einen gedrückt-resignativen Eindruck gemacht, wie der
untersuchende Onkologe feststellte. Aber in den Monaten danach habe er
sich offenbar durch die Unterstützung seiner Familie aufgefangen und stets
umsorgt gefühlt.

Eine 21-jährige Patientin litt unter einem großen Tumor im Bauchraum. Die
Erkrankung hatte den gesamten Unterbauch entzündlich verändert, und
auch die Lymphknoten waren bereits von Metastasen durchsetzt. Die junge
Frau wurde operiert, und dann rieten ihr die Ärzte zu einer
chemotherapeutischen Behandlung, um die Metastasen abzutöten. Die
junge Frau tat in ihrer Verzweiflung alles, was aus Sicht der Ärzte noch
möglich war: zwei Zyklen Chemotherapie und zusätzlich unterstützende
Behandlungen, zunächst in der Klinik, dann ambulant. Aber die Erkrankung
schien unbesiegbar. Acht Monate nach der großen Operation wurde die
junge Frau erneut ins Krankenhaus eingeliefert, sie litt jetzt unter Atemnot
und war nach Einschätzung der Ärzte in einem Zustand, der keine Hoffnung
mehr erlaubte. Dennoch gelang es ihnen, die Schwerkranke noch einmal zu
retten. Sie überlebte und konnte nach vier Monaten unerwartet nach Hause
entlassen werden, wo sie von der Familie versorgt wurde. Die junge Frau
setzte nun ihre Hoffnung auf eine alternativmedizinische Misteltherapie,
doch schien auch dies nicht zu helfen, denn ihr Zustand verschlechterte sich
wieder.
Eineinhalb Jahre später kam sie wieder in einem lebensgefährlichen
Zustand in die Klinik. Erneut gelang es den Ärzten, sie so weit zu
stabilisieren, dass sie nach einiger Zeit entlassen werden konnte. Von
diesem Zeitpunkt an blieb sie zu Hause.
In den kommenden zwei Jahren geschah, was den Medizinern nach der
langen Krankengeschichte unvorstellbar erschien: Von einem Tag auf den
anderen Tag stellten die Krebszellen offenbar ihr Wachstum ein, und die
Patientin fühlte sich immer besser. Sie nahm an Gewicht zu (in den letzten
Monaten hatte sie insgesamt 20 Kilo verloren), und eines Tages fühlte sie
sich wieder völlig gesund.


Die Untersuchung zeigte, dass die Krebsgeschwulste vollständig
verschwunden waren, und sie blieben es auf Dauer: Bei
Kontrolluntersuchungen noch sechs Jahre später waren keine Tumore mehr
nachweisbar.
Im Interview mit den Onkologen schilderte die Patientin, dass sie sich
eines Tages plötzlich angstfrei gefühlt habe. Sie habe begonnen, sich selbst
»wie von außen« zu sehen, so als ob sie all das nichts anginge. Auch habe
sie sich irgendwann im Laufe ihrer Leidensgeschichte überlegt, dass es für
die Eltern sicher schwer sei, den Tod ihrer Tochter hinnehmen zu müssen.
Sie habe ihnen einfach »nicht antun wollen, dass ich sterbe«, erzählte sie
den Forschern. In dieser Zeit habe sie auch viel in ihren alten Fotoalben
geblättert. Es sei sehr hilfreich gewesen, ihre früheren Urlaubsreisen auf
diese Weise noch einmal in der Phantasie zu erleben.
Nach der Genesung war es der jungen Frau besonders wichtig, nicht als
Krebspatientin oder gar als medizinisches Wunder gesehen zu werden. Sie
suchte nicht nach einer Erklärung für ihre unerwartete Heilung, sondern
wollte einfach ganz normal weiterleben. Über die Erklärungsversuche ihrer
Ärzte und ihrer Freunde lächelte sie eher, weil sich die unterschiedlichen
Theorien offenkundig vollständig widersprachen.[24]

 

Bei einem japanischen Medizinprofessor, der gerade 65 Jahre alt geworden
und in Pension gegangen war, entdeckten die Ärzte einen Lungentumor, der
nach dem Stand der Wissenschaft nicht mehr zu behandeln war. In einem
offenen Gespräch über den dramatischen Befund teilten sie dem Professor
mit, es bestünden keine Heilungschancen mehr. Sie räumten ihm, streng den
statistischen Werten folgend, eine Lebenszeit von vielleicht noch sechs
Monaten ein.
Der Professor reagierte auf diese Nachricht mit einem veränderten Blick
auf sein Leben: Er kehrte in seinen Beruf zurück und begann, die wenige


Zeit, die ihm noch verbleiben sollte, für Forschungsarbeiten in seinem
Spezialgebiet zu nutzen. Er war der wichtigste japanische Spezialist für
Aneurismen, Fehlbildungen der Blutgefäße, die das Leben vieler Menschen
bedrohen. Deshalb schien es ihm wichtig, seine Kenntnisse noch einmal für
ein Forschungsprojekt zur Verfügung zu stellen, damit sein Wissen nicht
verloren ging.
Während er an seinem Projekt arbeitete, beschäftigte er sich auch mit
existenziellen Fragen. Schon immer hatte er sich sehr für die buddhistische
Philosophie interessiert, und über diese jahrtausendealte Beschreibung des
Lebens und des Todes, vor allem aber des dahinter stehenden Sinns, dachte
er viele Stunden nach. Aber er blieb auch offen für Kontakte mit anderen
Menschen in seiner Umgebung, zeigte sich freundlich und zugewandt und
drückte eine tiefe Dankbarkeit aus für alles, was er empfangen hatte.
Die Zeit verging, und die gesetzte Frist von sechs Monaten verstrich,
ohne dass sich der Zustand des Professors verschlechterte. Es folgten
weitere Monate, in denen keine wesentliche Veränderung eintrat, weder
zum Guten, noch zum Schlechten. Dann aber begann ganz langsam eine
von allen Ärzten unerwartete Heilung. Ein Jahr und neun Monate nach der
dramatischen Diagnose und der Verkündung des Todesurteils hatten sich die
Wucherungen vollständig zurückgebildet.
Der Professor lebte noch dreizehn Jahre, bevor er an einer anderen
Krankheit verstarb. Der Krebs war nicht mehr wiedergekommen.[25]

hend zur Genesung kommt.