Der organisierte Mangel Hören wir Jacques Roux : "Die Freiheit ist ein eitles Hirngespinst, wenn eine Klasse von Menschen die andere ungestraft aushungern kann. Die Gleichheit ist ein eitles Hirngespinst, wenn der Reiche mittels seines Monopols das Recht über Leben und Tod seiner Mitmenschen ausübt."
Der organisierte Mangel
Heute haben sich neue Feudalsysteme herausgebildet, die unvergleichlich mächtiger, zynischer, brutaler und gerissener sind als die früheren, nämlich die transkontinentalen Privatgesellschaften der Industrie, des Bankwesens, des Dienstleistungssektors und des Handels. Diese neuen Despoten haben nichts mit den Börsenwucherern, den Getreidespekulanten und den Assignatenhändlern gemein, gegen die Jacques Roux, Saint-Just und Babeuf kämpften. Die transkontinentalen kapitalistischen Privatgesellschaften üben eine planetarische Macht aus.
Diese neuen Feudalherren nenne ich Kosmokraten. Sie sind die Herrscher des Imperiums der Schande. Betrachten wir die Welt, die sie geschaffen haben. Gewiss sind weder die Verschuldung noch der Hunger neue Phänomene in der Geschichte. Seit unvordenklichen Zeiten haben die Starken die Schwachen mithilfe der Schuld geknechtet. In der Welt des Feudalismus, die durch die Abwesenheit von Lohnarbeit definiert wird, unterjochte der Herr seine Leibeigenen durch die Schuld.
Das System der »Gutscheine«, das in Ecuador, in Paraguay oder in Guatemala vom Latifundium praktiziert wird, ist eine archaische Form der landwirtschaftlichen Produktion, die bis heute überlebt hat und die Landarbeiter auf die gleiche Weise knechtet.(17) Auch der Hunger begleitet die Menschheit, seit sie auf der Erde aufgetaucht ist. Die afrikanischen Gesellschaften des Neolithikums, die ältesten exogamen Gesellschaften, die uns bekannt sind, lebten vom Sammeln. Ihre Mitglieder sammelten von einer Regenzeit zur nächsten Wurzeln, Gräser und wilde Früchte. Sie kannten weder den Ackerbau noch die Zähmung der Tiere und praktizierten nur in geringem Ausmaß die Jagd auf Kleinwild.
Ihre erste soziale Einrichtung war der Kindermord. Zu Beginn jeder Trockenzeit (einer langen, ungefähr siebenmonatigen Periode, in der das Sammeln unmöglich und das Wild selten war) zählten die Stammesältesten die Münder, die es zu ernähren galt, und die Vorräte. Je nach Einschätzung ließen sie eine jeweils unterschiedliche Zahl von Neugeborenen von ihren Eltern töten.(18) Die neolithischen afrikanischen Gesellschaften praktizierten diese Form des Kindermords in einer Situation des Mangels aus Notwendigkeit.
Während der vergangenen 150 Jahre haben jedoch eine ganze Reihe von industriellen, technologischen, elektronischen Revolutionen die Produktivkräfte der Menschen unglaublich gesteigert. Heute bricht der Planet fast zusammen unter den Reichtümern. Mit anderen Worten : Der vieltausendfache Kindermord, wie er heute auf unserem Planeten tagtäglich begangen wird, gehorcht keiner Notwendigkeit mehr. Die Herrscher des Imperiums der Schande organisieren ganz bewusst den Mangel. Und dieser Mangel gehorcht der Logik der Profitmaximierung.
Der Preis einer Ware hängt von ihrer Knappheit ab. Je knapper ein Gut ist, desto höher ist sein Preis. Die Fülle und die Kostenlosigkeit sind der Albtraum der Kosmokraten, die übermenschliche Anstrengungen unternehmen, um diese Aussicht zu zerstören. Nur die Knappheit garantiert den Profit. Also muss man sie organisieren ! Die Kosmokraten verabscheuen insbesondere die Kostenlosigkeit, die die Natur ermöglicht. Sie sehen darin eine unlautere und unerträgliche Konkurrenz. Die Patentierung des Lebendigen, der genetisch modifizierten Pflanzen und Tiere sowie die Privatisierung der Wasserquellen sollen dieser unzulässigen Kostenlosigkeit ein Ende bereiten. Ich werde noch darauf zurückkommen.
Die Knappheit der Dienstleistungen, des Kapitals und der Güter zu organisieren ist unter diesen Bedingungen die vorrangige Tätigkeit der Herrscher des Imperiums der Schande. Doch diese organisierte Knappheit vernichtet alljährlich das Leben von Millionen Männern, Frauen und Kindern auf der Erde.
Das Elend hat heute ein schrecklicheres Ausmaß angenommen hat als in jeder anderen Epoche der Geschichte. Mehr als 10 Millionen Kinder unter fünf Jahren sterben pro Jahr an Unterernährung, Seuchen und Wasserverschmutzung. 50 % dieser Todesfälle ereignen sich in den sechs ärmsten Ländern des Planeten. 90 % der Opfer befinden sich in 42 % der südlichen Länder.(19) Diese Kinder werden nicht von einem objektiven Mangel an Gütern vernichtet, sondern von der ungleichen Verteilung dieser Güter. Also von einem künstlichen Mangel.
Vom 14. bis zum 18. Juni 2004 hat in São Paulo die Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung stattgefunden. Sie feierte den vierzigsten Jahrestag der Gründung der UNCTAD.20 Gleichzeitig ging es für sie darum, von ihrem Generalsekretär Rubens Ricupero Abschied zu nehmen. In der oft mediokren und schwer durchschaubaren Welt der Vereinten Nationen ist Ricupero eine Ausnahmeerscheinung. Er hat einen asketisch schlanker Körper, eine sanfte Stimme, blaue Augen mit einem durchdringenden Blick. Er war in seiner Jugend Widerstandskämpfer gegen die brasilianische Militärdiktatur, ist ein unbeugsamer Widersacher der heutigen Kosmokraten, ein aufsässiger und entschiedener Christ und eine Art zeitgenössischer Jacques Roux.
Für 86 der 191 Mitgliedsländer der Vereinten Nationen stellen landwirtschaftliche Produkte den Kern ihres Exporteinkommens dar. Doch die Kaufkraft dieser Produkte ist heute nur mehr ein Drittel oder noch weniger als vor vierzig Jahren bei der Gründung der UNCTAD. In 122 Ländern der Dritten Welt leben 85 % der Weltbevölkerung, aber ihr Anteil am internationalen Handel belauft sich nur auf 25 %.
Auf unserem Planeten leben heute 1,8 Milliarden Menschen in äußerstem Elend, mit weniger als einem Dollar pro Tag, während 1 % der reichsten Bewohner so viel Geld verdient wie 57 % der Ärmsten dieser Erde. 850 Millionen Erwachsene sind Analphabeten, und 325 Millionen Kinder im Schulalter haben keinerlei Aussicht, eine Schule zu besuchen.
Heilbare Krankheiten haben im vergangenen Jahr 12 Millionen Personen getötet, und zwar hauptsächlich in den Ländern der südlichen Hemisphäre. Als die UNCTAD gegründet wurde, belief sich die kumulierte Auslandsschuld der 122 Länder der Dritten Welt auf 54 Milliarden Dollar. Heute beträgt sie mehr als 2000 Milliarden Dollar.
Im Jahr 2004 hatten 152 Millionen Säuglinge nicht das für die Geburt erforderliche Gewicht, die Hälfte von ihnen wird an einer unzureichenden psychomotorischen Entwicklung zu leiden haben. Der Anteil der 42 ärmsten Länder der Welt am Welthandel belief sich im Jahr 1970 auf 1,7 %. Im Jahr 2004 beträgt er 0,6 %.
Vor vierzig Jahren litten 400 Millionen Personen an permanenter und chronischer Unterernährung. Heute sind es 842 Millionen.
Seit dem Beginn des neuen Jahrtausends wird der Plaphen erschüttert. Von New York bis Bagdad, vom Kaukasus bis Bali, von Gaza bis Madrid werden tausende Menschen zerfetzt und verbrannt, zehntausende verletzt. In den Ländern der südlichen Erdhälfte füllen sich die Massengräber aufgrund von Epidemien und Hungersnöten mit immer zahlreicheren Opfern. Ausgrenzung und Arbeitslosigkeit herrschen in der westlichen Welt. Aber die neuen kapitalistischen Feudalsysteme gedeihen prächtig. Die Kapitalrendite (ROE) der 500 mächtigsten transkontinentalen Gesellschaften der Welt belief sich seit 2001 auf jährlich 15 % in den Vereinigten Staaten und auf 12 % in Frankreich.
Die finanziellen Mittel dieser Gesellschaften übersteigen bei Weitem deren Investitionsbedürfnisse : Die Rate der Selbstfinanzierung beläuft sich heute in Japan auf 130 %, in den Vereinigten Staaten auf 115 % und in Deutschland auf 110 %. Was machen unter diesen Bedingungen die neuen Feudalherren ? Sie kaufen an der Börse in großen Mengen ihre eigenen Aktien auf. Sie schütten den Aktionären enorme Dividenden aus und den Managern astronomische Gratifikationen.(21) Und dennoch wachsen die überflüssigen Gewinne ständig weiter an.
Die Monopolisierung und die Multinationalisierung sind die grundlegenden Vektoren der kapitalistischen Produktionsweise. Zahlreiche Historiker meinen sogar, dass der Prozess der Refeudalisierung, die Autonomisierung des Kapitals und die Entstehung von Finanzgesellschaften, die ihre Macht weltweit ausüben und imstande sind, das allgemeine Interesse und die normative Autorität der Staaten herauszufordern, bereits mitten in der Französischen Revolution ihren Ursprung genommen haben.
Maximilien Robespierre wollte angesichts der Bedrohung aus dem Ausland die nationale Einheit aufrecht erhalten, also erschien es ihm politisch vorteilhaft, die Bewegungen des Privatkapitals von der zivilisierenden und normativen Aktion der Revolution auszunehmen. Aus diesem Grund wurde er von Jacques Roux, Gracchus Babeuf und Jean-Paul Marat – aber niemals von Saint-Just – heftig angegriffen. Die Nationalversammlung gab ihm Recht. Roux, Marat und Babeuf bezahlten ihre unnachgiebige Opposition gegen die Geldmächte mit ihrem Leben.
Maximilien Robespierre erklärte im April 1793 vor der Nationalversammlung : »Die Gleichheit der Vermögensverteilung ist eine Schimäre …« Die Spekulanten, die Neureichen, die raffinierten Profiteure am Elend des Volkes, die dank der revolutionären Umwälzung beträchtliche Gewinne gemacht hatten, atmeten auf. Robespierre sagte zu ihnen : »Ich will eure Schätze nicht antasten.« (22)
Mit dieser Erklärung bahnte Robespierre, welches auch immer seine Absichten gewesen sein mochten, dem profitmaximierenden, gemeinschaftszerstörenden Privatkapital den Weg zur Weltherrschaft.
Die 374 größten transkontinentalen Gesellschaften, die vom Standard and Poor’s Index aufgelistet werden, besitzen heute insgesamt Reserven in Höhe von 555 Milliarden Dollar. Diese Summe hat sich seit 1999 verdoppelt. Sie ist seit 2003 um 11 % angewachsen. Die größte Gesellschaft der Welt, Microsoft, hortet in ihren Safes einen Schatz von 60 Milliarden Dollar. Seit Anfang des Jahres 2004 wächst er monatlich um eine Milliarde Dollar.
Der französische Ökonom Eric Le Boucher stellt nüchtern fest : »Die internationalen Konzerne sitzen auf einem beträchtlichen Berg von Gold […], mit dem sie nichts mehr anzufangen wissen.« (23)
Natürlich gäbe es vernünftige Lösungen für dieses Problem : Warum senken die Kosmokraten nicht die Preise ihrer Produkte ? Das wäre für sie eine Möglichkeit unter anderen, einen Teil der angehäuften Gewinne zurückzugeben. Könnten sie nicht auch die Löhne erhöhen, neue Arbeitsplätze schaffen und soziale Investitionen tätigen, insbesondere in den Ländern der südlichen Hemisphäre?
Doch die Kosmokraten verabscheuen jede Vorstellung einer voluntaristischen Intervention in das freie Spiel des Marktes. Und weit davon entfernt, ihre überflüssigen Gewinne wenigstens ein bisschen umzuverteilen, bauen sie weiterhin hunderttausende Arbeitsplätze ab, senken die Löhne, schränken die Sozialausgaben ein und führen auf dem Rücken der Lohnabhängigen Fusionen durch.
Der globalisierte Kapitalismus hat ein Stadium erreicht, das weder Jacques Roux noch Saint-Just, noch Babeuf sich je hätten ausmalen können : das des schnellen und kontinuierlichen Wachstums ohne Schaffung von Arbeitsplätzen, ohne sozialen Aufstieg der Arbeitnehmer und ohne Erhöhung der Kaufkraft der Konsumenten.
Im Jahr 2003 belief sich die Zahl der Dollarmillionäre in allen Ländern zusammen auf 7,7 Millionen Personen. Im Vergleich zu 2002 ist diese Zahl um 8 % gestiegen. Mit anderen Worten : 500 000 neue Dollarmillionäre sind innerhalb eines Jahres dazugekommen.
Alljährlich ermittelt die amerikanische Geschäftsbank Merrill Lynch zusammen mit der Beratungsagentur Capgemini die Zahl der »Reichen«, das heißt der Personen, die mehr als eine Million Dollar Eigenkapital besitzen. Aus diesem Bericht geht hervor, dass die Reichen vor allem in Nordamerika und in Europa leben, ihre Zahl in Indien und China jedoch rasch zunimmt. In Indien ist ihre Zahl innerhalb eines Jahres (von 2002 bis 2003) um 12 % gestiegen, in China um 22 %.(24) Und in Afrika ? In den meisten Ländern dieses Kontinents ist bekanntlich die Anhäufung von Kapital gering, ein Steueraufkommen praktisch nicht vorhanden, und die öffentlichen Investitionen sind sehr schwach. Dennoch ist innerhalb eines Jahres (von 2002 bis 2003) die Zahl der Dollarmillionäre in den insgesamt 52 Ländern des Kontinents um 15 % gestiegen. Heute sind es mehr als 100 000.
Die reichen Afrikaner besitzen heute zusammengerechnet Privatvermögen, die sich auf 600 Milliarden Dollar belaufen, während es im Jahr 2002 weniger als 500 waren. In den meisten Ländern des Kontinents werden die Bewohner vom Hunger und von Seuchen heimgesucht : Die Kinder haben keine Schulen, die einen solchen Namen verdienten. Die permanente und massive Arbeitslosigkeit zerstört die Familien. Doch die sehr reichen Afrikaner investieren nur ausnahmsweise in die Wirtschaft ihres Herkunftslandes. Sie legen ihr Geld dort an, wo es die höchsten Erträge bringt. Ein Reicher aus Marokko, aus Benin oder Simbabwe wird an der New Yorker Börse spekulieren oder mit Immobilien in Genf und sich nicht im Geringsten um den Bedarf an sozialen Investitionen seiner Mitbürger scheren.
Unter den Beutejägern der afrikanischen Wirtschaften befindet sich eine Mehrheit von hohen Beamten, Ministern und Präsidenten aus diesen Ländern. Denn der spektakuläre Anstieg der Zahl der afrikanischen (Dollar-) Millionäre auf der Liste von Merrill Lynch/Capgemini erklärt sich weitgehend aus der Korruption.
Ich habe in Genf einen Freund, der als Vermögensverwalter tätig ist. Er arbeitet vor allem mit Marokko. Unter seinen Stammkunden ist eine in der Weltpresse oft genannte Persönlichkeit, die ihm – seit mehr als zwanzig Jahren – jedes Jahr ungefähr eine Million Dollar in bar bringt, um sie in der westlichen Welt zu investieren. Mein Freund ist empört darüber, übt aber dennoch weiter seinen Beruf aus. Er ist Familienvater und sagt mir zu Recht :
»Wenn ich mit meinem Kunden breche, wird er trotzdem nicht aufhören, sein Land zu plündern … er wird ganz einfach zu einem anderen Verwalter gehen.«
Das Privatvermögen der 7,7 Millionen Dollarmillionäre belief sich 2003 zusammengerechnet auf 28 800 Milliarden Dollar. Was für ein Unterschied im Vergleich zu den Privatvermögen der Spekulanten und Getreidewucherer, die Jacques Roux am Ende des 18. Jahrhunderts anprangerte ! In etwas mehr als zweihundert Jahren hat sich die Ungleichheit der Lebensbedingungen in astronomischen Ausmaßen erhöht. Aber wie in der Zeit der Enragés tötet die Anhäufung des Besitzes der Reichen die Kinder der Armen. Für sie sind Freiheit und Glück immer noch Wunschbilder, denen sie vergeblich nachjagen.
In allen Megalopolen der südlichen Erdhälfte, von Manila bis Karatschi, von Nuakshott (Mauretanien) bis São Paulo und Quito, irren hunderttausende Kinder ohne Familie und Obdach auf den Straßen umher. Sie versuchen zu überleben, so gut es nur geht : indem sie von den Marktständen der Händler klauen, ihren Körper verkaufen oder im Auftrag von Polizisten einbrechen gehen. Manche sind »Flugzeuge«, wie man sie in den favelas von Rio de Janeiro nennt : Sie transportieren Kokain für örtliche Mafiabosse.
Ihr Leben ist keinen Pfifferling wert. Manche Händler bezahlen korrupte Polizisten, um sie zu töten. Verbrechernetze zwingen junge Mädchen zur Prostitution. Sadistische Polizisten lassen sie manchmal aus reiner Lust leiden. Nur wenige dieser »verlassenen Minderjährigen« erreichen die Volljährigkeit.
Helio Bocaïuvo, ein kleiner, schmächtiger Mann mit eindringlichen Augen hinter seiner dünnrandigen Brille, ist seit Anfang der 90er Jahre in Brasilien ein Nationalheld. Als Staatsanwalt des Staates Rio de Janeiro ist es ihm gelungen, den Prozess des so genannten »Massakers der Candelaria« abzuhalten. Militärpolizisten hatten dreizehn Straßenkindern, die unter dem Portal der Kathedrale La Candelaria im Stadtzentrum schliefen, die Kehle durchgeschnitten und mit Maschinenpistolen auf sie geschossen. Vier der Opfer waren unter sechs Jahren, fünf von ihnen waren kleine Mädchen. Ein kleiner Junge war davongekommen. Bocaïuvo hatte ihn in Europa (in Zürich) in Sicherheit gebracht, um ihn am Leben zu erhalten und beim Prozess aussagen zu lassen.
So etwas hatte man in Brasilien noch nie gesehen : Der Prozess hat tatsächlich stattgefunden. Fünf Polizisten, darunter ein Hauptmann, wurden zu Zuchthausstrafen verurteilt.
Ein weiteres Wunder : Trotz zahlreicher Drohungen und zweier Attentate ist der unerschrockene Staatsanwalt noch immer am Leben. Ich habe ihn im März 2003 in Genf auf einer Versammlung des Rates der Weltorganisation gegen die Folter (in dem er eines der wichtigsten Mitglieder ist) wiedergesehen. Bocaïuvo sagte zu mir :
»Im vergangenen Jahr sind mehr als 4000 Straßenkinder ermordet worden. Die meisten von ihnen von Polizisten […] Das sind die Zahlen, die von den Jugendrichtern angegeben werden […], in Wirklichkeit ist die Zahl der Opfer mindestens doppelt so hoch.«
Die wirtschaftliche Unterentwicklung wirkt auf die Menschen wie ein Gefängnis. Sie sperrt sie ein in Dasein ohne Hoffnung.
Die Haft ist von Dauer, die Flucht praktisch unmöglich, das Leiden endlos. Nur ganz wenigen gelingt es, die Gitterstäbe zu durchsägen. In den Slums von Fortaleza, Dacca, Tegucigalpa oder Karatschi nimmt der Traum von einem besseren Leben die Züge eines unwirklichen Trugbilds an. Die menschliche Würde ist eine Schimäre. Das Leiden der Gegenwart ist ein Leiden für die Ewigkeit. Es scheint keine Hoffnung zuzulassen.
Für diese Menschen läuft die Wirklichkeit einer Gesellschaft mit unterentwickelten Produktivkräften, die wehrlos den Kosmokraten ausgeliefert ist, auf einige augenscheinliche Fakten hinaus : keine Schulen (und damit keine soziale Mobilität), keine Spitäler, keine medizinische Versorgung (und somit keine Gesundheit), keine regelmäßige Ernährung, keine bezahlte Arbeit, keine Sicherheit, keine persönliche Autonomie.
»It’s hell to be poor«, heißt es bei Charles Dickens.(25)
Impressum