Die Barbarei und ihr Spiegel Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, dass die blinden Massaker von Kindern, Frauen und Männern, die Zwangsvorstellung der Theokratie und der antijüdische und antichristliche Rassismus vollständig im Widerspruch zur muslimischen Religion und zu den Lehren des Korans stehen.
- Siehe auch FT: Die Vielfalt des Homo Sapiens
Die Barbarei und ihr Spiegel
Dem Imperium der Kosmokraten und ihrer politischen Helfershelfer stehen heute der Terrorismus des islamischen Dschihad, von al-Qaida, der algerischen bewaffneten islamischen Gruppen (GIA), des ägyptischen Gama’a al-Islamyya, der salafistischen Bewegung für die Predigt oder andere, ähnlich geartete Organisationen gegenüber. Diese Bewegungen sind heutzutage die einzigen wirklich ernst zu nehmenden Gegner – zumindest auf militärischer Ebene – der strukturellen Gewalt, die von den Kosmokraten und ihren Söldnern in den amerikanischen Streitkräften praktiziert wird.
Régis Debray fasst die Situation folgendermaßen zusammen :
»Wir haben die Wahl zwischen einem unseren Abscheu erregenden Imperium und einem unerträglichen Mittelalter.«(46)
Hier muss zunächst etwas geklärt werden : Ich verwende den Begriff »islamistisch«, weil er sowohl in der arabischen Welt als auch im Westen in die Umgangssprache Eingang gefunden hat. Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, dass die blinden Massaker von Kindern, Frauen und Männern, die Zwangsvorstellung der Theokratie und der antijüdische und antichristliche Rassismus vollständig im Widerspruch zur muslimischen Religion und zu den Lehren des Korans stehen.
Seit unvordenklichen Zeiten lehnen sich die Völker auf. Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung floh ein früherer thrakischer Hirte, der nach seiner Festnahme durch die Römer zum Gladiator geworden war, mit siebzig seiner Gefährten aus einer bewachten Kaserne in Capua. Spartacus rief die Sklaven des Römischen Imperiums zur Revolte auf. An der Spitze Zehntausender Aufständischer schlug er nacheinander mehrere römische Heere.
Er steckte die Latifundien in Brand, befreite unterwegs die Sklaven und versuchte, nach Sizilien zu gelangen. Doch im Jahr 71 wurde sein Siegeszug durch die von Licinius Crassus befehligten Legionen unweit der Ortschaft Silare in Lukanien zum Stillstand gebracht. Spartacus und Tausende seiner Mitkämpfer wurden gefangen genommen und entlang der Via Appia gekreuzigt.
In einer einzigen Nacht im September 1831 wurden die Mauern von Warschau mit Plakaten beklebt, bis hinauf zu den Fenstern von Feldmarschall Paskiewitsch, des russischen Peinigers Polens. In lateinischen und kyrillischen Buchstaben stand zu lesen : »Für unsere Freiheit und für eure !« Nur wenige Soldaten der russischen Besatzungsarmee verstanden die Botschaft. Der Aufstand wurde blutig niedetgeschlagen. (Erst mit dem friedlichen Sieg von Solidarność im Jahr 1989 lockerte sich der Griff der russischen Kolonialmacht in Polen.)
Auch heute ist die Liste der bewaffneten Befreiungsbewegungen beeindruckend ; sie reicht von der algerischen FNL zur Fronte Farabundo Marti in Salvador und zur südafrikanischen ANC, von der kamerunesischen UPC zur sandinistischen Befreiungsfront in Nicaragua.
Viele von ihnen sind von ihren Feinden aufgerieben worden. Andere haben gesiegt und haben sich, kaum waren sie an der Macht, von Korruption und Bürokratie unterwandern lassen. Andere wieder – etwa die EPFL (Eritrean People’s Liberation Front – Volksfront für die Befreiung Eritreas) – haben sich zu entsetzlichen bonapartistischen Verirrungen hinreißen lassen. Aber alle waren sie, sei es auf eklatante oder eher diskrete Weise, einmal Hoffnungsträger gewesen.
Alle Bewegungen, die ich genannt habe, und in erster Linie jene der Aufständischen von 1789 in Frankreich haben gespürt, dass sie eine universelle Mission zu erfüllen hatten. Sie alle waren überzeugt, dass sie nicht nur für die Befreiung ihres Territoriums und ihres Volkes kämpften, sondern auch für das Glück und die Würde aller Menschen. Die Werte, für die sie sich aufzuopfern bereit waren, galten für die gesamte Menschheit.
Hören wir noch einmal Robespierre:
»Franzosen, unsterblicher Ruhm erwartet euch ! Aber ihr werdet gezwungen sein, ihn mit großen Mühen zu erringen. Wir haben nur mehr die Wahl zwischen der widerlichsten Sklaverei und einer vollkommenen Freiheit […]. An unserem Los hängt dasjenige aller Nationen. Das französische Volk muss das Gewicht der Welt tragen und sich gleichzeitig gegen die Tyrannen verteidigen, die es verwüsten […]. Möge alles erwachen, alles zu den Waffen greifen ! Mögen die Feinde der Freiheit in die Finsternis zurückkehren ! Möge die Sturmglocke, die in Paris erklingt, überall vernommen werden !«(47)
Im August 1942 übernahm Missak Manouchian von Boris Holban die Führung der Gruppe der Francstireurs der MOI (Mouvement des ouvriers immigrés, Bewegung der immigrierten Arbeiter). Die Nazi-Besatzer hatten in Paris ein rotes Plakat angeschlagen, auf denen die Gesichter mancher Mitglieder der Gruppe und deren Namen zu sehen waren. Da sie alle ausländischer und vor allem armenischer und polnischer Herkunft waren, wollten die Nazis damit den Anschein wecken, dass der bewaffnete Widerstand gegen die Besatzer nur von Ausländern ausging.
Im November lieferte ein Verräter die Gruppe der Gestapo aus. Manouchian und mehr als sechzig seiner Kameraden, Männer und Frauen – darunter die dreiundzwanzig des berühmten Plakats – wurden verhaftet. Sie wurden von den Deutschen entsetzlich gefoltert und schließlich am 21. Februar 1943 am Mont Valérien erschossen. In der Nacht vor seiner Hinrichtung schrieb Manouchian an seine Frau : »Ich empfinde keinen Hass auf das deutsche Volk.«
Vor der Schlacht von Matanzas, die ihn das Leben kosten sollte, schrieb José Marti in sein Tagebuch : Patria es humanidad (»Unser Vaterland ist die Menschheit«(48). Augusto César Sandino hatte den ersten Volkskrieg für die nationale Befreiung von Nicaragua angeführt. Im Januar 1934 hatte der letzte amerikanische Marinesoldat die Stadt Managua verlassen. Am Abend des 22. Februar 1934 trat Sandino aus dem Regierungspalast und ging in Richtung der Kathedrale. Pedro Altamirano begleitete ihn. Die von Anastasio Somoza Garcia gedungenen Mörder erwarteten ihn an der Vitoria-Kreuzung. Sandino brach tödlich verletzt zusammen. Altamirano beugte sich über ihn. Sandino flüsterte : »Wir wollten der Welt das Licht bringen.«(49)
Ich erinnere mich an einen weit zurückliegenden Tag im März 1972. Ich befand mich in Santiago de Chile. Es war die Zeit der Offensive der vietnamesischen Patrioten auf Höhe des 17. Breitengrads. Als ich eines Morgens in die Hotelhalle hinunterkam, stieß ich auf ein Plakat, das die Angestellten des Hotels Crillon während der Nacht angefertigt hatten. In großen roten Lettern hatten sie darauf die Frage geschrieben :
»Gibt es einen schöneren Beweis für die Macht des menschlichen Geistes als diese Offensive ?«
Die vietnamesischen Kämpfer waren massakriert, von Napalm verbrannt, bombardiert worden, man hatte ihre Dörfer in Brand gesteckt, ihre Spitäler zerstört, ihre Kinder verstümmelt, und dennoch hatten sie den Mut gefunden, zur Offensive überzugehen. Die Schockwelle ihrer Aktion hatte die Meere überquert. Sie erreichte nun das Bewusstsein zehntausender Arbeiter an der westlichen Küste des Pazifiks. Sie nährte ihre Hoffnung und gab ihnen wieder Kraft nach der vorübergehenden Entmutigung, die sie nach der ersten Sabotagekampagne der chilenischen Transportunternehmer (Januar 1972) gegen die demokratisch gewählte Regierung von Salvador Allende verspürt hatten.
Bringen die islamistischen Bewegungen die Völker zum Träumen ? Natürlich nicht. Was haben sie anzubieten ? Die Scharia, die abgehackten Hände der Diebe, die Steinigung der des Ehebruchs verdächtigten Frauen, die Herabsetzung der Frau auf den Status eines Untermenschen, die Ablehnung der Demokratie, die fürchterlichste intellektuelle, soziale und geistige Regression.
Seit über dreißig Jahren leidet das Märtyrervolk Palästinas unter einer besonders grausamen und zynischen militärischen Besatzung. Welche Palästinenser leisten heute den wirksamsten Widerstand gegen das auf Staatsterrorismus beruhende Kolonialregime von Scharon ? Die Kämpfer des Hamas und des islamischen Dschihad, diese Männer und Frauen, die, sollten sie triumphieren, die multireligiöse und multiethnische palästinensische Gesellschaft in den schrecklichsten Fundamentalismus stürzen würden.
Seit dem Beginn der russischen Aggression im Jahr 1995 sind, wie ich bereits sagte, 17 % der Bevölkerung Tschetscheniens von den Killern Wladimir Putins hingemetzelt worden. Die russischen Truppen begehen völlig ungestraft die abscheulichsten Verbrechen : Gefangene werden zu Tode gefoltert, willkürliche Verhaftungen und nächtliche Exekutionen finden statt, junge Männer »verschwinden« ; Familien, die die verstümmelte Leiche ihres Kindes zurückhaben wollen, werden erpresst. Welches sind die wirksamsten Gegner von Putins Schergen ? Das sind die (jordanischen, saudiarabischen, türkischen und tschetschenischen) Wahhabiten von Schamil Basajew, der die Stellungen der Boiviki kommandiert, die sich in den Bergen im Süden eingenistet haben.
Sind die Wahhabiten Befreier ? Sollte es geschehen, dass sie in Grosny an die Macht kommen, würde das tschetschenische Volk unter das Joch einer fürchterlichen Theokratie geraten.
Und wie wurde das kollektive Gedächtnis im Maghreb und in Afrika von Nabil Sahrawi alias Mustapha
Abu Ibrahim geprägt, von Amara Saïf, genannt »Abderrezak el-Para« und von Abdelaziz Abbi, genannt »Okada el-Para«, also von den drei verstorbenen Anführern der salafistischen Bewegung für die Predigt ? Der Erste, 1966 in Constantine geboren, war ein gebildeter Theologe und Informatiker, die beiden waren anderen blutrünstige Rohlinge und Deserteure der algerischen Armee. Die Namen dieser drei Männer sind für immer mit den Massakern, den Folterungen und den Plünderungen verknüpft, die an den Hirten und Bauern beiderseits der Sahara begangen wurden.
Abdelaziz Al-Mukrin war der Chef von al-Qaida auf der arabischen Halbinsel. Ein merkwürdiger Zufall fügte es, dass er am selben Tag getötet wurde wie Nabil Sahrawi, nämlich am 18. Juni 2004. Al-Mukrin starb in einem vornehmen Viertel in Riad, Sahrawi in einem Wald in Kabylien.
Wird Al-Mukrin als ein arabischer Che Guevara oder ein Patrice Lumumba in den Köpfen der Menschen bleiben ? Bestimmt nicht ! Sein einziges Erbe sind Kassetten voll mit wirren und hasserfüllten Predigten und alle diese zerfetzten Leichen, die auf dem Pflaster der saudiarabischen Städte herumlagen nach der Explosion von Lastwagenbomben und mit Nägeln gefüllten, selbstgebastelten Sprengsätzen.
Der islamistische Terror nährt die strukturelle Gewalt und den permanenten Krieg, die das Fundament des Imperiums der Schande bilden. Er bestärkt die Logik des organisierten Mangels. Er legitimiert sie gewissermaßen. Das Imperium wiederum nützt den islamistischen Terror mit bewundernswerter Geschicklichkeit aus. Seine Waffenhändler, seine Ideologen des Präventivkriegs ziehen eindeutig Gewinn daraus.
Zwischen den Dschihadisten und den Kämpfern für die weltweite soziale Gerechtigkeit liegen Lichtjahre. Der Traum des Dschihad ist ein Traum der Vernichtung, der Rache, der Demenz und des Todes. Der Traum der Söhne und Töchter von Jacques Roux (von Saint-Just, von Babeuf) eine Utopie der Freiheit und des gemeinschaftlichen Glücks.
Die irrationale Gewalt der Dschihadisten ist ein Spiegel der Barbarei der Kosmokraten. Einzig und allein die demokratische Bewegung ist imstande, diesen zweifachen Wahnsinn zu besiegen.
Die Autonomie des Bewusstseins ist die schönste Errungenschaft der Aufklärung. Wenn sich die in ihrem Bewusstsein befreiten Menschen zusammenfinden und sich verbünden, sind sie imstande, eine Flutwelle zu bilden, die das Imperium der Schande aushöhlen und hinwegfegen kann.
Die Waffen der Befreiung sind jene, die wir von den amerikanischen und französischen Revolutionären vom Ende des 18. Jahrhunderts geerbt haben : die Rechte und die Freiheiten von Mann und Frau, das allgemeine Wahlrecht, die Ausübung der Macht durch eine absetzbare Vertretung. Diese Waffen sind verfügbar, in Reichweite. Jeder, der die Welt in Begriffen der Umkehrbarkeit und der Solidarität denkt, sollte nach ihnen greifen. »Voran zu den Wurzeln«, sagte Ernst Bloch.(50)
Ein moralischer Imperativ lebt in uns. Immanuel Kant definiert ihn folgendermaßen : »Handle so, dass die Maxime deines Handelns jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.« 51 Denn Kant träumte von »einer Welt ganz anderer Art.« (52) Und diese Welt kann aus dem Aufstand der verbündeten autonomen Kräfte hervorgehen.
Die Souveränität des Volkes wiederherzustellen und erneut den Weg zur Suche nach dem gemeinsamen Glück zu beschreiten, ist der dringenste Imperativ unserer Zeit.
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