Die Verschuldung Das Imperium der Schande - Teil II - Massenvernichtungswaffen
TEIL II – Massenvernichtungswaffen
Die Verschuldung
Die Völker der armen Länder arbeiten sich zu Tode, um die Entwicklung der reichen Länder zu finanzieren. Der Süden finanziert den Norden und insbesondere die herrschenden Klassen der nördlichen Länder. Das wirksamste Mittel des Nordens zur Herrschaft über den Süden ist heute der Schuldendienst.
Der Kapitalstrom von Süden nach Norden ist überschüssig im Vergleich zum Kapitalfluss von Norden nach Süden. Die armen Länder zahlen den herrschenden Klassen der reichen Länder jährlich viel mehr Geld, als sie von ihnen in Gestalt von Investitionen, Kooperationskrediten, humanitärer Hilfe oder so genannter Entwicklungshilfe erhalten.
Im Jahr 2003 belief sich die öffentliche Entwicklungshilfe der Industrieländer des Nordens für die 122 Länder der Dritten Welt auf 54 Milliarden Dollar. Im selben Jahr haben diese Länder der Dritten Welt den Kosmokraten der Banken des Nordens 436 Milliarden Dollar als Schuldendienst überwiesen. Diese Verschuldung ist die anschaulichste Illustration der strukturellen Gewalt, die in der heutigen Weltordnung am Werk ist.
Man braucht keine Maschinengewehre, kein Napalm, keine Panzer, um die Völker zu unterwerfen und ins Joch zu zwingen. Dafür sorgt heute ganz allein die Verschuldung. Jubilé 2000 ist eine weit verzweigte Organisation von Christen aus den verschiedensten europäischen Ländern. Anlässlich des Beginns des neuen Jahrtausends haben diese Frauen und Männer eine äußerst wirksame Werbekampagne gestartet, die den Menschen in der westlichen Welt ins Bewusstsein rufen soll, welche Verbrechen im Namen der Verschuldung begangen werden.
Der Druck, der von den Gläubigern (des IWF, der Privatbanken) auf die Hunger leidenden Frauen, auf die Männer und auf die Kinder in Afrika, in Südasien, in der Karibik und in Lateinamerika ausgeübt wird, kommt in den Augen dieser Organisation einer Verweigerung der Souveränität gleich.
Die Zeit der Herrschaft durch Verschuldung hat bruchlos an die Kolonialherrschaft angeschlossen. Die subtile Gewalt der Verschuldung ist an die Stelle der sichtbaren Brutalität der Kolonialherren getreten. Ein Beispiel. Anfang der achtziger Jahre hat der IWF Brasilien einen besonders strengen Strukturanpassungsplan aufgenötigt. Die Regierung musste ihre Ausgaben massiv einschränken. Sie
hat unter anderem eine nationale Impfungskampagne gegen Masern eingestellt. Im Jahr 1984 ist in Brasilien eine schreckliche Masernepidemie ausgebrochen. Zehntausende ungeimpfte Kinder sind gestorben. Die Verschuldung hat sie getötet.
Jubilé 2000 hat berechnet, dass im Jahr 2004 alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren wegen der Verschuldung stirbt.(1) Zwei Kategorien von Personen profitieren von der Schuld:
- die Kosmokraten (die ausländischen Gläubiger) und die Mitglieder der einheimischen herrschenden Klassen. Werfen wir zunächst einen Blick auf die Gläubiger. Sie stellen den verschuldeten Ländern drakonische Be
dingungen. Die Regierungen der Dritten Welt müssen nämlich für ihre Anleihen Zinsen bezahlen, die fünf bis siebenmal höher sind als diejenigen, die auf den Finanzmärkten üblich sind. Diese Wucherzinsen tragen den schönen Namen : »Risikoprämien«. Die Kosmokraten diktieren noch weitere Bedingungen :-
- Privatisierung und Verkauf der wenigen rentablen Unternehmen (an ebenjene Gläubiger), Bergwerke und öffentlichen Dienste (Telekommunikation etc.), horrende Steuerprivilegien für die transkontinentalen Konzerne, aufgezwungene Waffenankäufe für die einheimische Armee, usw.
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- Doch auch die herrschenden Klassen der Schuldnerländer profitieren massiv von der Verschuldung. Zahlreiche Regierungen der südlichen Erdhälfte vertreten auch nur die Interessen einer dünnen Schicht ihres Volkes, nämlich der Klassen, die als Compradores bezeichnet werden.
Was ist darunter zu verstehen ? Zwei Arten von sozialen Formationen.- Der erste Typus : Zur Zeit der Kolonisierung war der ausländische Patron auf einheimische Handlanger angewiesen. Er hat ihnen Privilegien gewährt, manche Ämter anvertraut und ihnen ein (entfremdetes) Klassenbewusstsein gegeben. In den meisten Fällen hat diese Klasse den Abgang der Kolonialherren überlebt und ist zur neuen Führungsschicht des postkolonialen Staates aufgestiegen.
- Der zweite Typus : Die meisten Staaten der südlichen Erdhälfte werden heute ökonomisch vom ausländischen Finanzkapital und von den transkontinentalen Privatgesellschaften beherrscht. Die ausländischen Mächte beschäftigen vor Ort lokale Direktoren und Führungskräfte, die wiederum örtliche Wirtschaftsanwälte, Journalisten usw. finanzieren und die (wenn auch diskret) die wichtigsten Generäle und die Polizeichefs in ihren Diensten haben.
- Sie bilden eine zweite Comprador-Schicht. Comprador ist ein spanisches Wort und bedeutet »Käufer«. Die Comprador-Bourgeoisie ist die von den neuen Feudalherren »gekaufte« Bourgeoisie. Sie verteidigt die Interessen dieser neuen Feudalherren und nicht die des Volkes, aus dem sie stammt.
- Hosni Mubarak, der Rais von Ägypten, steht einem käuflichen und korrupten Regime vor. Seine Innenpolitik wie auch seine Regionalpolitik werden voll und ganz von den Erlässen und Interessen seiner amerikanischen Beschützer diktiert.
- Pervez Mucharraf regiert in Pakistan. Die amerikanischen Geheimdienste schützen und halten ihn. Er nimmt seine Befehle tagtäglich von Washington entgegen.
- Und was soll man zu den Großgrundbesitzern in Honduras und Guatemala sagen, zu den Führungsschichten in Indonesien und Bangladesch ? Ihre Interessen sind eng verknüpft mit denen der transkontinentalen Gesellschaften, die in ihren Ländern tätig sind. Sie scheren sich nicht um die elementaren Interessen und die lebenswichtigen Bedürfnisse ihrer Völker
- Im Sudan werden verschiedene Teile der herrschenden Comprador-Klasse finanziell von diversen Erdölkonzernen ausgehalten. Omar Bongo in Gabun und Sassu N’Guesso in Brazzaville würden nicht lange an der Macht bleiben ohne den Schutz, den ihnen ELF gewährt, die transkontinentale Erdölgesellschaft französischer Herkunft.
- Die kulturelle Entfremdung der Eliten mancher Länder der Dritten Welt ist so tief, dass man oft aus dem Staunen nicht herauskommt.
Ich erinnere mich an einen Abend in einer prachtvollen Villa am Kwame N’krumah Crescent im Viertel Asokoro in
Abuja. Ich war dort zum Abendessen der Gast des Generaldirektors eines der wichtigsten Ministerien der Föderation Nigeria. Der Mann stammte aus der Ethnie Haussa, er war gebildet, sympathisch und redegewandt. Er gehörte zum engeren Kreis um den Präsidenten Olusegon Obasanjo. Der Generaldirektor beklagte sich – wahrscheinlich zu Recht – darüber, wie sehr er mit Arbeit überlastet sei. Plötzlich unterbrach ihn seine Gattin, die ebenfalls aus der Region Kano kam : »… Ja, es stimmt, du arbeitest zu viel ! Aber zum Glück werden wir bald auf home leave sein.« Im Klartext : In einigen Tagen werden wir »bei uns zu Hause« sein, in aller Ruhe auf Urlaub, in unserer Wohnung am Montagu Place im Herzen von London. Die Dame konnte nicht aufhören zu schwärmen davon, wie schön der Ausblick von ihrem Balkon in London auf den kleinen Park und die Bäume sei, von der Vielfalt der Kinoprogramme in Soho und von der Aufregung, die sie bei den Pferderennen in Derby verspüre …
Home leave ist ein typischer Kolonialausdruck, der in den Kreisen der britischen Beamten des Colonial Office mehr als ein Jahrhundert lang sehr in Mode war. Bei manchen Führungskräften in Nigeria ist der Ausdruck heute noch durchaus üblich.(2) Marbella, Algeciras, Cannes oder Cap Saint-Jacques sind die bevorzugten Aufenthaltsorte der Comprador-Klassen von Marokko, einem der ärmsten und korruptesten Länder in Nordafrika. Manche der luxuriösesten Viertel von Miami werden fast ausschließlich von den Familien reicher Wirtschaftsanwälte oder Direktoren von multinationalen ausländischen Konzernen aus Kolumbien oder Ecuador bewohnt. Am Brickell Bay Drive haben die Comprador-Klassen der Karibik ihre Restaurants, ihre Clubs und ihre Bars, in denen sie unter sich sind.
Man muss manche Konversationen der Damen aus den großen gualtemaltekischen oder salvadorianischen Familien gehört haben, die sich über ihre indianischen Domestiken oder über die Peones ihre fincas an der Küste unterhalten ! Aus jedem ihrer Sätze schlägt einem abgrundtiefe Verachtung für das eigene Volk entgegen.
Die Comprador-Klassen, die rein formal in ihrem Land an der Macht sind, sind geistig und ökonomisch völlig von den transkontinentalen Gesellschaften und den ausländischen Regierungen abhängig. Was sie nicht daran hindert, glühende patriotische Reden zu schwingen, die ausschließlich für die Ohren des eigenen Volkes bestimmt sind.
Die Welthandelsorganisation (WTO) hat ihren Sitz in der Rue de Lausanne Nr. 157 in Genf. Aus beruflichen Gründen muss ich an manchen ihrer Sitzungen teilnehmen. Der Repräsentant von Honduras spricht dort gern vom »heiligen Recht« der Nation Honduras auf die Exportquoten hondurianischer Bananen. Georges Danton würde keine ergreifenderen Töne finden. Die Wirklichkeit sieht so aus, dass praktisch die gesamte Bananenindustrie von Honduras in den Händen der nordamerikanischen Firma Chiquita (früher United Fruit Company) ist und der Botschafter vermutlich einen Text liest – ich gebe zu, mit Talent –, den ihm die PR-Abteilung im New Yorker Hauptquartier vorbereitet hat …
Honduras ist eines der bedürftigsten Länder der Welt : 77,3 % seiner Einwohner leben in absoluter Armut.3 Zwischen Februar 2003 und August 2004 wurden mehr als 700 Straßenkinder von den Todesschwadronen in der Hauptstadt Tegucigalpa und in San Pedro Sula getötet. (4)
Innerhalb der Comprador-Klassen spielt die Kaste der einheimischen Offiziere gewöhnlich eine wichtige Rolle. Honduras ist auch dafür ein gutes Beispiel. General Gustavo Alvarez, in den achtziger Jahren Chef des Generalstabs, ein Rohling mit Schnauzbart, war nach den Quellen der demokratischen Opposition in dieser Zeit auch der geheime Chef des Bataillons (316). Dieses Bataillon gilt als verantwortlich für die gezielte Ermordung von etwa 200 Hondurianern, die nicht wollten, dass ihr Land als »Flugzeugträger« der Vereinigten Staaten gegen das sandinistische Nicaragua verwendet wurde. In dieser Zeit stand Alvarez in engem Kontakt mit John D. Negroponte – genannt »der Prokonsul« –, der zwischen 1981 und 1985 amerikanischer Botschafter in Tegucigalpa war. Die Verwaltung Reagan hat Alvarez 1983 das Verdienstkreuz verliehen, weil er »die Demokratie gefördert hat«. John D. Negroponte hingegen wurde im Juni 2004 zum Botschafter in Bagdad ernannt und ist heute oberster Geheimdienstchef der USA.
Die Comprador-Klassen sind schon so lange an der Macht, ihr patriotischer Diskurs ist so aggressiv, dass manche Völker sie als »natürliche« Herrscher akzeptieren. Sie durchschauen nur schwer die Rolle, die sie bei den kosmokratischen Herren spielen.
Für die herrschenden Klassen der beherrschten Länder bringt die Verschuldung zahlreiche Vorteile. Die Regierungen von Mexiko, Indonesien, Guatemala, der Demokratischen Republik Kongo oder von Bangladesch müssen den Bau von Infrastrukturen, von Staudämmen, Straßen, Hafenanlagen und Flughäfen in Angriff nehmen ? Sie müssen ein Minimum an Schulen und Krankenhäusern öffnen ? Zwei Lösungen bieten sich ihnen an. Entweder werden sie Steuern erheben mittels eines progressiven Steuersystems, oder sie werden bei einem Konsortium ausländischer Banken einen Kredit aufnehmen.
Steuern zahlen ! Wie schrecklich ! Sich verschulden ? Nichts ist einfacher ! Da die überwiegende Mehrheit der Regierungen der Dritten Welt von den Interessen der Comprador-Klassen beherrscht wird, entscheiden sie sich mit der Präzision eines Metronoms für die zweite Lösung. Und die ausländischen Bankiers sind auf das geringste Zeichen hin zur Stelle.
Doch die Verschuldung bringt noch zahlreiche andere Vorteile für die einheimischen herrschenden Klassen. Sie sind es, die in erster Linie von den aufwändigen, per Anleihe finanzierten Infrastrukturen profitieren. Mit den ausländischen Krediten baut der Staat nämlich vorrangig Straßen, die zu ihren Latifundien führen, er baut Häfen aus, um den Export von Baumwolle, Kaffee und Zucker zu erleichtern, investiert aber auch in die Eröffnung von Binnenluftlinien, in den Bau von Kasernen und … Gefängnissen.
Der Schuldendienst (Bezahlung der Zinsen und der Tilgungsraten) verschlingt den größten Teil der Ressourcen des verschuldeten Landes. Es bleibt nichts mehr übrig, um soziale Investitionen zu finanzieren : öffentliche Schulen, öffentliche Spitäler, Sozialversicherungen usw. Wenn die Zahlungsunfähigkeit droht, werden die Daumenschrauben angezogen. Die Gläubiger machen Druck. Die Schergen des IWF kommen aus Washington. Sie prüfen die wirtschaftliche Lage des Landes und verfassen einen letter of intent (den so genannten Absichtsbrief«).
Die Regierung des geknebelten Landes muss »aus freien Stücken« akzeptieren, dass der Gürtel enger geschnallt wird. Neue Haushaltskürzungen müssen vorgenommen werden. Wo wird man kürzen ? Niemals im Budget der Armee, der Geheimdienste oder der Polizei. Diese Institutionen sind deshalb äußerst wichtig, weil sie die Sicherheit der ausländischen Investitionen garantieren. Die Armee, die Geheimpolizisten und die Polizisten schützen auch die räuberischen Kosmokraten und deren Einrichtungen vor den Bedrohungen, woher diese auch kommen mögen. Der IWF wird auch nie das Steuersystem antasten. Indirekte Steuern und in erster Linie Verbrauchssteuern, schön und gut : Sie belasten ja vor allem die Armen. Aber eine progressive Einkommensteuer (oder gar eine Vermögenssteuer), was für ein Unsinn ! Der IWF ist nicht da, um bei der Umverteilung des Nationaleinkommens zu helfen. Er wurde geschaffen, um die Schraube anzuziehen und dafür zu sorgen, dass die Zinsen der Verschuldung regelmäßig bezahlt werden.
Eine große Anzahl der südlichen Länder ist von der Korruption verseucht. Und aus den Krediten, die von den ausländischen Banken in die Staatskasse eingezahlt werden, bedienen sich die Minister, Generäle und hohen Beamten in Marokko, Honduras, Bangladesch oder Kamerun und entnehmen ihnen die Summen, die dann auf ihre Privatkonten bei Genfer Privatbanken oder bei den großen Geschäftsbanken in London und New York überwiesen werden.
Kehren wir zu diesem berühmten »Absichtsbrief« zurück. Wenn die Zahlungsunfähigkeit droht, wird das Schuldnerland also (vom IWF) gezwungen, die im Staatshaushalt vorgesehenen Ausgaben zu kürzen. Wer leidet darunter ? In erster Linie natürlich die, die nicht viel haben. Der Großgrundbesitzer in Brasilien oder der indonesische General scheren sich nicht um die Schließung der Schulen : Ihre Kinder studieren in den Schulen Frankreichs, der Schweiz oder der Vereinigten Staaten. Die Schließung der öffentlichen Krankenhäuser ? Ist ihnen ganz egal : Ihre Familien lassen sich im Genfer Kantonspital behandeln, im amerikanischen Spital in Neuilly oder in den Kliniken in London oder Miami.
Die Verschuldung lastet auf den Armen, und auf ihnen allein.
Um die Verschuldung in den Ländern des Südens zu veranschaulichen, gebe ich hier eine bestimmte Anzahl von Tafeln wieder. Sie stammen vom »Komitee für die Annullierung der Verschuldung der Dritten Welt« (CADTM), einer regierungsunabhängigen Organisation belgischer Herkunft, die von Eric Toussaint gegründet wurde und bis zum heutigen Tag geleitet wird. Er ist Professor, Mathematiker und Gewerkschaftler und studiert die Entwicklung der Verschuldung der südlichen Länder mit unbeirrbarer Präzision und Geduld. Ihm und seinen jungen Mitarbeitern ist es zu verdanken, dass das CADTM heute als Gegenmacht zu den Institutionen gilt, die aus den Abkommen von Bretton Woods und aus dem »Club von Paris« hervorgegangen sind. (5) Toussaint und sein Forscherteam legen auch ein beträchtliches pädagogisches Talent an den Tag. (6)
Untersucht man das herrschende System näher, so zeigt sich, dass es völlig falsch wäre zu glauben, nur die sehr armen Länder mit gering entwickelter Wirtschaft würden mit der Verschuldung ringen. Mit einer Auslandsschuld von über 240 Milliarden Dollar, die 52 % seines Bruttoinlandsprodukts entsprechen, steht Brasilien auf der Liste der verschuldeten Länder der südlichen Erdhälfte an zweiter Stelle. Brasilien ist jedoch die elftgrößte Wirtschaftsmacht der Erde. Seine Flugzeuge, seine Autos, seine Medikamente sind an der Spitze des technologischen und wissenschaftlichen Fortschritts. Viele seiner staatlichen oder privaten Universitäten zählen zu den besten der Welt. Dennoch leben 44 Millionen der 180 Millionen Brasilianer in einem Zustand chronischer Unterernährung. Mangelernährung und Hunger töten jährlich direkt oder indirekt zehntausende brasilianische Kinder.

Wer sind die Gläubiger dieser Verschuldung?

Obwohl die überwiegende Mehrheit der betroffenen Länder gewissenhaft die Fälligkeitstermine einhält, steigt ihre Auslandsschuld unaufhörlich weiter. Werfen wir einen Blick auf die Zahlen der letzten zwei Jahrzehnte : 
Wie lässt sich dieses Phänomen erklären ? Die Ursachen sind zahlreich.
- Der erste Grund: Die Schuldnerländer sind häufig Produzenten von Rohstoffen, insbesondere von landwirtschaftlichen Rohstoffen. Sie müssen den Großteil der Industriegüter, die sie benötigen, importieren (Maschinen, Lastwagen, Medikamente, Zement usw.). Nun haben sich im Lauf der letzten zwanzig Jahre die Preise für Industriegüter auf dem Weltmarkt mehr als versechsfacht. (8) Die Preise für landwirtschaftliche Rohstoffe hingegen (Baumwolle, Rohrzucker, Erdnuss, Kakao usw.) sind ständig gesunken. Manche Preise, etwa die für Kaffee und Rohrzucker, sind geradezu zusammengebrochen. Um die Zinsenrückzahlung zu finanzieren und somit den Konkurs zu vermeiden, und wegen der daraus resultierenden Unmöglichkeit, die wichtigen Industriegüter zu importieren, nehmen die Schuldnerländer immer neue Kredite auf.
- Eine weitere Ursache: Die Plünderung der Staatskassen der Länder der Dritten Welt (und zahlreicher ehemaliger Ostblockländer), die schleichende Korruption und die Hand in Hand mit Schweizer, amerikanischen undfranzösischen Privatbanken organisierte Veruntreuung hat verheerende Ausmaße angenommen.
- Das Privatvermögen des verstorbenen Diktators von Zaire, heute Demokratische Republik Kongo, Marschall Joseph Désiré Mobutu, beläuft sich auf ungefähr 8 Milliarden Dollar. Diese Beute ist in diversen westlichen Banken versteckt.
- Im Jahr 2004 belief sich die Auslandsschuld der Demokratischen Republik Kongo auf 13 Milliarden Dollar …
- Haiti ist das ärmste Land Lateinamerikas und das drittärmste Land der Welt. (9) Während seiner mehr als 24-jährigen Herrschaft hat der Duvalier-Clan 920 Millionen Dollar aus den Staatskassen gestohlen und in westliche Banken transferieren lassen. Die Auslandsschuld von Haiti beläuft sich heute ungefähr auf diese Summe.
- Die dritte Ursache: Die transkontinentalen Gesellschaften der Lebensmittelindustrie, die internationalen Banken, die transkontinentalen Gesellschaften im Dienstleistungssektor, in der Industrie und im Handel kontrollieren heute weite Sektoren der Wirtschaften der Länder der südlichen Erdhälfte. In den meisten Fällen erzielen sie astronomische Gewinne, die zum Großteil alljährlich an die Firmensitze in Europa, Nordamerika oder Japan zurückgeschafft werden. Nur ein Bruchteil dieser Gewinne wird in örtlicher Währung vor Ort reinvestiert.
- Die Abkommen, die zwischen der transkontinentalen Gesellschaft und dem Gastland geschlossen werden, sehen meistens den »Rücktransfer« der Profite in Devisen vor. Ein Beispiel : Eine ausländische Firma in Peru macht ihre Profite in peruanischen Sol, weigert sich aber selbstverständlich, Sol zu transferieren. Der Direktor wird also an die Zentralbank in Lima herantreten, die ihm frei transferierbare Dollar bereitstellen wird.
- Eine vierte Ursache: Die meisten transkontinentalen Gesellschaften, die in der Dritten Welt arbeiten, verwenden Patente, die im Besitz der Holding der Gesellschaft sind. Perulac und Chiprodal zum Beispiel, die Gesellschaften von Nestlé in Peru und Chile, hängen von der Nestlé Holding ab, die im Handelsregister der kleinen Ortschaft Cham im Kanton Zug in der Schweiz eingetragenist. Für die Verwendung dieser Patente werden Lizenzgebühren bezahlt, so genannte Royalties. Diese Lizenzgebühren der Unternehmen werden genauso wie die Profite nach Europa, nach Japan, nach Nordamerika und in die Steuerparadiese der Karibik transferiert, und zwar nicht in der Landeswährung, sondern in Devisen.
- Und schließlich die letzte Ursache: Für den Weltkapitalmarkt sind die Staaten (Unternehmen usw.) der Dritten Welt Schuldner mit hohem Risiko. Logischerweise verlangen die großen westlichen Banken von den Schuldnern im Süden unvergleichlich höhere Zinsen als von denen im Norden. Diese horrenden Zinsen tragen natürlich zur rapiden Ausblutung der südlichen Ländern bei.
- Wie ein menschlicher Körper nach einer Aggression und einer schweren Verletzung sein Blut verliert, genauso müssen die Länder der südlichen Erdhälfte mit ansehen, wie ihre lebenswichtige Substanz zerstört wird aufgrund der Plünderung durch die Gläubiger und deren Komplizen, die Comprador-Klassen.
- Hier nun ein, wie mir scheint, besonders erhellendes Beispiel. In den siebziger Jahren belief sich die Auslandsschuld der lateinamerikanischen Staaten zusammengerechnet auf ungefähr 60 Milliarden Dollar. Im Jahr 1980 betrug sie 240 Milliarden. Zehn Jahre später hatte sich dieser Betrag mehr als verdoppelt : 483 Milliarden Dollar. Im Jahr 2001 schwankte die Auslandsschuld Lateinamerikas um die 750 Milliarden Dollar. (10) Aufgrund dieser Verschuldung werden seit dreißig Jahren jährlich im Durchschnitt 24 Milliarden Dollar an die Gläubiger überwiesen. Drei Jahrzehnte lang musste der Kontinent 30 bis 35 % seiner Einkommen aus dem Export seiner Güter und Dienstleistungen für die Begleichung der Schuld aufwenden. (11)
- Der Erhalt eines Kredits soll dem Land, das ihn beantragt, im Prinzip erlauben zu investieren und die Entwicklung seiner eigenen Infrastrukturen und ganz allgemein seiner Produktivkräfte zu finanzieren. Dank dieser Entwicklung wird es seine Schuld zurückzahlen. Diese Logik verzerrt sich jedoch mehr und mehr. Und heute zahlen die Länder der Dritten Welt immer höhere Zinsen, tragen ihre Schuld teilweise ab … und verarmen mehr und mehr.
- Die Auslandsschuld agiert wie Krebs, der nicht behandelt wird. Sie wächst unaufhörlich und unaufhaltsam. Dieser Krebs hindert die Völker der Dritten Welt daran, aus dem Elend herauszukommen. Er führt sie in die Agonie.
- Was würde passieren, wenn ein Land sich weigerte, die Schuld zu bedienen und die Zinsen an die Bankiers im Norden oder an den IWF abzuführen ? Es gibt keine Konkursverfahren (für die Zahlungseinstellung usw.) für die zahlungsunfähigen Staaten. Diesbezüglich bleibt das internationale Recht stumm. Aber in der Praxis wird ein zahlungsunfähiges Land genauso behandelt wie ein Privatunternehmen oder eine Privatperson, die vollständig oder teilweise in die Zahlungsunfähigkeit geraten ist.
- Nehmen wir ein Beispiel. Vor knapp zwei Jahrzehnten war die peruanische Regierung unter Alan Garcia zu dem Schluss gekommen, die katastrophale Finanzlage des Landes erlaube es ihm nicht mehr, die bei den Institutionen von Bretton Woods sowie bei ausländischen Privatbankiers aufgenommene Auslandsschuld in vollem Umfang zu tilgen, und hatte daraufhin beschlossen, nur mehr 30 % der Gesamtverschuldung zu berücksichtigen.
- Zu welchen Folgen hat das geführt ? Das erste Schiff unter peruanischer Flagge (es transportierte Fischmehl), das im Hamburger Hafen anlegte, wurde auf Antrag eines Konsortiums deutscher Gläubigerbanken von der deutschen Justiz beschlagnahmt. Damals besaß die Republik Peru eine gut bestückte internationale Luftflotte. Die ersten Flugzeuge, die in den Tagen unmittelbar nach der Ankündigung der unilateralen Verringerung der Tilgungs- und Zinsenzahlungen der peruanischen Schuld in New York, Madrid und London landeten, wurden auf Antrag der Gläubiger beschlagnahmt.
- Kurz : Kein einziges verschuldetes Land der Dritten Welt kann heute den Weg der absichtlichen Zahlungsunfähigkeit einschlagen, es sei denn, es ist in der Lage, sich in eine vollständige Autarkie zu flüchten, und zugleich bereit, auf jeglichen internationalen Austausch zu verzichten.
- In den meisten der 122 Staaten der südlichen Erdhälfte zeigt sich eine große Diskrepanz zwischen den Haushaltsausgaben für Sozialleistungen und denen für den Schuldendienst. Hier einige Beispiele:
Haushaltsanteil für grundlegende Sozialleistungen und für den Schuldendienst (12)
Länder Sozialleistungen Schuldendienst
- Kamerun 4,0 % 36,0 %
- Elfenbeinküste 11,4 % 35,0 %
- Kenia 12,6 % 40,0 %
- Sambia 6,7 % 40,0 %
- Niger 20,4 % 33,0 %
- Tansania 15,0 % 46,0 %
- Nicaragua 9,2 % 14,1 %
Das Fehlen von Sozialleistungen (und Arbeitsplätzen) bedeutet Not und Demütigung für die Familien. Die Angst vor dem nächsten Tag wird manchmal gemildert durch die Geldüberweisungen eines Sohnes, einer Tochter oder eines ausgewanderten Verwandten. Doch diese Hilfereicht keinesfalls aus, um das Problem zu lösen. In der heutigen Welt ist jeder 35. Arbeitnehmer Emigrant. Im Jahr 1970 überwiesen die Emigranten 2 Milliarden Dollar nach Hause. 1993 belief sich diese Summe auf 93 Milliarden Dollar. (13) Das ist bei Weitem nicht genug, um das
Problem wirklich zu lösen.
Die Verschlechterung der sozialen Infrastrukturen ist besonders empörend, wenn man bedenkt, was es bedeutet, wenn Dutzende Millionen Kinder auf Dauer von jeder Schulbildung ausgeschlossen sind. In den 191 Mitgliedsstaaten der UNO haben 113 Millionen Kinder unter 15 Jahren keinen Zugang zur Schule. 62 % von ihnen sind Mädchen.
Die Europäer verbringen ihren Urlaub gern in Marrakesch, Agadir, Tanger oder Fes. Im Königreich Marokko können 42 % der Erwachsenen weder lesen noch schreiben. 32 % der Kinder zwischen 6 und 15 Jahren sind von jeder Form der schulischen Ausbildung ausgeschlossen.
Die UNICEF hat folgende Berechnung angestellt: (14) allen Kindern zwischen 6 und 15 Jahren auf der Welt Zugang zur Schule zu ermöglichen, würde die betroffenen Staaten zusammen ungefähr 7 Milliarden Dollar zusätzlich pro Jahr und auf zehn Jahre kosten. Dieser Betrag ist geringer als das, was die Einwohner der Vereinigten Staaten jährlich für Kosmetikprodukte ausgeben. Oder: Er ist geringer als das, was die Europäer (Einwohner der fünfzehn Mitgliedsstaaten der Europäischen Union vor dem 1. Mai 2004) jährlich für Eiscreme ausgeben.
Die Republik (und der Kanton) von Genf ist ein wunderschönes Gebiet an beiden Ufern eines Sees gelegen, der von der Rhône und von den Gletschern der Walliser Alpen gespeist wird. Die Republik wurde 1536 gegründet.
1814 wurde sie ein Kanton der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Heute hat sie ungefähr 400 000 Einwohner, die 184 verschiedene Staatsbürgerschaften besitzen. Ihr Territorium erstreckt sich über knapp 247 Quadratkilometer. Ich lebe hier und mache hier oft angenehme Bekanntschaften. Vor kurzem aber hatte ich eine Begegnung, die ziemlich beunruhigend war.
Es ist Freitag, der 7. Mai 2004, am späten Nachmittag. Georges Malempré, der Direktor des Verbindungsbüros zwischen UNO und UNESCO, feiert im Erdgeschoss der Villa Moynier seine Pensionierung. Blumen, Reden, eine herzliche Atmosphäre … Hinter den hohen Glastüren jagt der Wind schwarze Wellen über den Genfer See. Malempré ist ein zutiefst sympathischer und mutiger Mensch : Vierzig Jahre lang hat er sich mit Leib und Seele für die Förderung der Schulausbildung der Kinder in den ärmsten Ländern eingesetzt. Freunde in großer Zahl sind aus fast allen Teilen der Erde gekommen. Federico Mayor, der ehemalige Generaldirektor der UNESCO, ist quicklebendig wie eh und je und hält eine kluge Rede. Der belgische Botschafter Michel Adam und seine Frau sind ebenfalls anwesend.
Ein wenig abseits der Menge erblicke ich einen eleganten, schlanken jungen Mann mit vage amüsiertem Blick. Offenkundig sind ihm die Bräuche und Gewohnheiten der Genfer Kreise nicht vertraut. Ich trete auf ihn zu. Der Mann ist Europäer, um die vierzig. Er ist vor einigen Tagen aus Washington hier eingetroffen. An seiner Art zu sprechen, sich zu kleiden und in Gesellschaft zu bewegen, erkennt man sofort den hohen Technokraten. Sein Mandat : die Vertretung der Interessen des IWF bei den internationalen Organisationen in Genf. Er warnt mich von vornherein : »Eigentlich interessiere ich mich nur für die WTO.« (15) Der Kampf gegen die Epidemien, der von der WHO 16 geführt wird ? Gegen den Hunger vom WPF17? Der Kampf der ILO 18 und ihres Direktors Juan Sommavia, um anständige Arbeitsbedingungen durchzusetzen ? Die IMO19, die für das Wohlbefinden der Migranten kämpft? Das Hochkommissariat für Menschenrechte gegen die Folter ? Das Schicksal der Flüchtlinge, die vom Hohen Flüchtlingskommissariat verteidigt werden ?
Offenkundig kaum von Belang. Worauf es in den Augen des eleganten Söldners in erster Linie ankommt, das ist die Privatisierung der öffentlichen Güter, das heißt die Liberalisierung der Märkte, die freie Zirkulation des Kapitals, der Waren und der von den transkontinentalen Konzernen entwickelten Patente im Rahmen der WTO. C. ist intelligent, kompetent und brillant in seinen Analysen. Allmählich verliert er – der Genfer Weißwein tut das Seine dazu – die in Washington eingeübte Zurückhaltung. Er hat von mir gehört, vielleicht hat er sogar das eine oder das andere meiner Bücher überflogen. Es stellt sich heraus, dass wir einen gemeinsamen Freund haben im Betonbunker in Washington, 1818 H Street, Northwest.
Plötzlich hält er inne und blickt mich ohne Sympathie an. Er hebt die Hände gegen die Decke. Seine braunen Augen schauen vorwurfsvoll. Er sagt zu mir : »Sehen Sie …. was Sie machen, ist nicht in Ordnung … Alle diese jungen Burschen und Mädchen, die Ihnen zuhören, sind voller Begeisterung. Sie wollen die Welt verändern … Ich kann das verstehen … Aber das ist gefährlich … vor allem wenn sie Leuten in die Hände fallen, die keine Ahnung haben von der Weltwirtschaft und ihren Zwängen … Sie glauben Ihnen … Und dann ?« Ich mache einige freundliche Einwände.
Daraufhin dreht er sich zu den offenen Glastüren und zum See. Der Tag neigt sich, es riecht nach nassem Laub, und er sagt :
»Die Gesetze des Marktes sind unumgehbar, unwandelbar. Träumen nutzt nichts.«
Der Mann war völlig ehrlich. Ich war entsetzt über seine Arroganz. Und vor allem über die blinde und taube Macht, die er, wenn auch in einem Team, über das Leben hunderter Millionen Menschen, Kinder und Frauen in Asien, Afrika und Südamerika ausübt.
Der IWF verwaltet nicht nur die Verschuldung mithilfe von Absichtsbriefen, Strukturanpassungsplänen, Refinanzierungen, Moratorien und Finanzumstrukturierungen. Er ist auch der Garant der Profite der ausländischen Spekulanten. Wie geht er vor ?
Nehmen wir Thailand als Beispiel. Im Juli 1997 attackierten die internationalen Spekulanten die nationale Währung, den Bath, und hofften, mit dieser schwachen Währung schnelle und hohe Gewinne zu erzielen. Die Zentralbank in Bangkok machte hunderte Millionen Dollar aus ihren Reserven locker und kaufte Bath auf dem Markt. Sie versuchte, die Währung zu retten. Vergebliche Mühe. Nach dreiwöchigem Ringen wirft die Zentralbank erschöpft das Handtuch und wendet sich an den IWF, der der Regierung neue Anleihen aufzwingt.
Doch mit diesen neuen Krediten musste Bangkok vorrangig die ausländischen Spekulanten vergüten. Auf diese Weise hat kein einziger der ausländischen Spekulanten (Immobilienhaie und Börsenjobber) auch nur einen Cent in Thailand verloren. Gleichzeitig zwang der IWF die Regierung, hunderte Spitäler und Schulen zu schließen, seine öffentlichen Ausgaben zu senken, die Ausbesserung der Straßen einzustellen und die Kredite rückgängig zu machen, die öffentlichen Banken den thailändischen Unternehmern gewährt hatten.
Das Resultat ? Innerhalb von zwei Monaten verloren hunderttausende Thailänder und Fremdarbeiter ihre Arbeit. Tausende Fabriken mussten schließen. Es wird Nacht über dem Mon-Repos-Park. Die letzten Schwäne schwimmen majestätisch auf das Ufer zu. Mein Söldner bleibt unerschütterlich :
„Fahren Sie doch heute nach Thailand … die Wirtschaft dort floriert !«
Und die Leiden und die Ängste, die hunderttausende Menschen neun Jahre lang auszustehen hatten ? C. antwortet nicht. Ich kann jedoch an seiner Stelle die Antwort formulieren, die ihm sicherlich auf der Zunge lag: Die menschliche Angst ist nicht quantifizierbar, sie ist kein Element der makroökonomischen Analyse. Da sie nicht messbar ist, existiert sie für den IWF nicht.
Ich gehe zu Fuß durch den dunklen Park in der Überzeugung, dass der Kampf lang sein wird gegen einen Gegner, der mächtiger ist als je zuvor. Für hunderte Millionen Menschen kommen schwere Zeiten der Demütigung, aber auch des Widerstands.
Man sage mir nicht, dass die Annullierung der Schuld unmöglich sei, weil sie das gesamte Bankensystem der Welt in Todesgefahr bringe ! Jedes Mal, wenn ein von seiner Verschuldung erdrücktes Land (vorübergehend) in das Loch der Zahlungsunfähigkeit fällt (wie Argentinien im Jahr 2002), kündigen das Wall Street Journal und die Financial Times die Apokalypse an …. falls das System, das zur Katastrophe geführt hat, infrage gestellt werden sollte. Sind diese Erscheinungen der psychischen Labilität der Journalisten zuzuschreiben ?
Natürlich nicht. Sie folgen einer geschickten Strategie. Die europäischen Fernsehzuschauer mögen noch so passiv sein, sie konstatieren dennoch tagtäglich die Ausmaße der Verheerungen, die von der Verschuldung verursacht werden. Sie sind empört und besorgt. Sie stellen Fragen. Die Männer, Frauen und Kinder der Dritten Welt spüren die Auswirkungen am eigenen Leib. Also muss man die Verschuldung »legitimieren«. Wie soll man das anstellen ? Man muss sie als »unausweichlich« hinstellen. Daher das Argument der Söldner des Kapitals, das ad nauseam wiederholt wird: Wer immer den Schuldendienst verweigert, bringt die Weltwirtschaft in Todesgefahr.
Analysieren wir diese angebliche Unausweichlichkeit ein des Schuldendienstes. Die neoliberalen Beutejäger von heute stoßen auf ein Problem, mit dem sich ihre Vorläufer im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht auseinander zu setzen brauchten. In der Zeit der triumphierenden Kolonialmacht war das rassistische Argument durchaus ausreichend :
»Die Schwarzen sind Faulpelze, mit der Güte kommt man bei ihnen nicht weit … Die Araber sind rückständig und unfähig, selbst und für sich selbst eine moderne Wirtschaft zu organisieren … Und die Indianer in Honduras oder im guatemaltekischen Urwald ? Wilde, die von Glück reden können, dass wir uns um ihren Kaffee kümmern.«
Heute hat sich die Lage jedoch geändert. Ein Cyberspace vereint die Welt. Telekommunikation ist überall. Und funktioniert in Echtzeit ! Das Internet bietet synchron Zugang zu Milliarden Informationen auf der Welt. Überdies sendet das Fernsehen trotz all seiner Mängel andauernd Bilder aus aller Welt. Der Massentourismus bringt es mit sich, dass hunderte Millionen Weiße (und Japaner), wenn auch nur kurz, dafür aber oft, die exotischsten Gegenden bereisen. Sie begegnen dort dem Elend, der Demütigung und dem Hunger. Unter diesen neuen Bedingungen ist der Rassismus nicht mehr voll wirksam. Er kann den Nationen des Nordens die ungleiche Verteilung von Reichtum und Kapital auf der Erde nicht mehr als legitim verkaufen.
Also musste etwas anderes gefunden werden. Und so haben die Beutejäger die Theorie der »natürlichen Gesetze« in Umlauf gebracht, die angeblich den Kapitalfluss bestimmen. Doch diese angebliche Theorie, die auf die Unmöglichkeit schließt, das Verschuldungssystem der Länder der Dritten Welt infrage zu stellen, hält der Analyse nicht stand. Blicken wir etwas genauer hin.
Die Zahlungen, die in den letzten zehn Jahren von den 122 Ländern der Dritten Welt im Rahmen des Schuldendienstes an die Staaten und Banken des Nordens getätigt wurden, beliefen sich auf weniger als 2 % des gesamten Volkseinkommens der Gläubigerländer.
Zwischen 2000 und 2002 hat eine heftige Finanzkrise so gut wie alle Finanzplätze der Welt erschüttert und Vermögenswerte in der Höhe von mehreren hundert Milliarden Dollar vernichtet. Innerhalb von zwei Jahren haben die meisten an der Börse notierten Wertpapiere bis zu 65 % ihres Werts verloren. Bei den am Nasdaq notierten Wertpapieren des Neuen Marktes hat der Kursabschlag manchmal 80 % betragen. Letzten Endes waren die im Laufe dieser Periode vernichteten Werte siebzigmal höher als der Gesamtwert der Wertpapiere der Auslandsschuld aller 122 Länder der Dritten Welt.
Trotz des Ausmaßes des vernichteten Kapitals ließ die Börsenkrise von 2000 bis 2002 das internationale Bankensystem nicht zusammenbrechen : Die Finanzplätze haben sich in einer relativ kurzen Zeitspanne wieder erholt. Und das Bankensystem hat die Krise vollkommen verdaut, anstatt die Wirtschaften, die Arbeitsmärkte und die Spargelder der Nationen des Nordens in seinem hypothetischen Untergang mitzureißen. Kein einziges Land des Nordens – um hier nicht von der Weltwirtschaft insgesamt zu sprechen – ist in Schwierigkeiten geraten. Warum wird also dann die Schuld nicht annulliert ? Die bedingungslose, unilaterale und vollständige Annullierung der Auslandsschuld der armen Länder würde – ganz sicher – keine westliche Wirtschaft ruinieren oder den Zusammenbruch der Gläubigerbanken herbeiführen, aber es ist nicht auszuschließen, dass die eine oder andere öffentliche oder private Institution in Europa oder Amerika einigen Schaden erleidet. Diese Schäden würden jedoch durchaus beschränkt bleiben und wären folglich vollkommen akzeptabel für das gesamte System.
In seinen »Wesentlichen Bemerkungen zur Wahl unserer Delegierten für die Nationalversammlung«, die am 1. Oktober 1789 veröffentlicht wurden, schreibt Jean-Paul Marat :
»Was sind einige an einem einzigen Tag vom Volk geplünderte Häuser im Vergleich zu der Veruntreuung, die die ganze Nation fünfzehn Jahrhunderte hindurch vonseiten unserer drei Königsgeschlechter erlitten hat ? Was sind einige ruinierte Personen im Vergleich zu einer Milliarde Menschen, die von den öffentlichen Steuerpächtern, Vampiren und Vergeudern ausgeraubt worden sind ? […] Legen wir unsere Vorurteile ab, und öffnen wir die Augen.« (20)
Ja, sagen wir es noch einmal : Eine schlichte und einfache Annullierung der gesamten Auslandsverschuldung der Länder der Dritten Welt hätte auf die Wirtschaft der Industrieländer und den Wohlstand ihrer Einwohner praktisch keinen Einfluss. Die Reichen würden sehr reich bleiben, aber die Armen würden ein bisschen weniger arm werden.
Die Frage brennt einem natürlich auf der Zunge: Warum verlangen unter diesen Umständen die neuen kapitalistischen Feudalsysteme und ihre Lakaien in den Institutionen von Bretton Woods mit unnachgiebiger Härte, dass der geringste Groschen der geringsten Schuld genau am Fälligkeitstag bezahlt wird? Ihre Motivation hat nichts mit irgendeiner Rationalität des Bankwesens zu tun, wohl aber mit der Logik des Herrschafts- und Ausbeutungssystems, das sie den Völkern der Welt aufzwingen.
Der Schuldendienst ist die sichtbare Geste des Gehorsams. Der Sklave wird kniefällig, sooft er einen Absichtsbrief des IWF oder einen Strukturanpassungsplan akzeptiert. Ein aufrechter Sklave ist bereits ein gefährlicher Sklave, selbst wenn er schwere, rostige Ketten um seine Handgelenke, seinen Hals und seine Knöchel trägt. Nehmen wir Bolivien als Beispiel.
Wie könnten die Kosmokraten ihre skandalösen Bergwerksverträge, ihre Konzessionen für Ländereien im Amazonas, ihre Waffenverkäufe, die Privatisierung profitabler öffentlicher Unternehmen zu lächerlichen Preisen oder ihre Steuerprivilegien aushandeln, solange Bolivien auch nur die geringste ökonomische Autonomie, die geringste politische Würde beanspruchen würde ?
In Venezuela, in Kuba, in noch einigen anderen Ländern – und morgen vielleicht in Argentinien und in Brasilien – stoßen die Herren des Finanzkapitals auf Widerstände. Überall sonst haben sie jedoch freie Hand. Man muss also versuchen, durch die ökonomische Blockade die Regierung in Kuba zu Fall zu bringen, durch die Sabotierung der nationalen Erdölgesellschaft PDVSA die Präsidentschaft von Hugo Chavez Frias in Caracas zu destabilisieren, Präsident Kirchner in Argentinien diffamieren und Brasilien die Daumenschrauben anziehen. Kurz : Jene, die ganz unten sind, sollen auch ganz unten bleiben. Die Kosmokraten sorgen dafür. Das Überleben des Systems und die von ihnen erzielten astronomischen Profite hängen davon ab.Um die Würgeschraube der Schuld zu lockern, verfügen die Völker der Dritten Welt über drei strategische Mittel.
- Die Anführer der sozialen Bewegungen der unterjochten Völker können sich mit den mächtigen Solidaritätsbewegungen der nördlichen Erdhälfte verbünden, vor allem mit der Organisation Jubilé 2000, deren energische Aktionen insbesondere in England und Deutschland manche Gläubigergruppen und sogar den IWF gezwungen haben, einige winzige Konzessionen zu machen. So sind die Debt Reduction Strategy Papers entstanden. Worum handelt es sich ?
- Vor mehr als dreißig Jahren haben die Vereinten Nationen den Begriff least developed countries (LDC) geprägt. Die Einwohner dieser Länder sind diejenigen mit dem niedrigsten Einkommen. Eine Reihe komplexer Kriterien definiert die LDCs. 49 Länder (1972 waren es nur 27, ein Zeichen der Zeit) gehören heute in diese Kategorie. Sie umfassen eine Bevölkerung von 650 Millionen Menschen, das heißt knapp mehr als ein Zehntel der Weltbevölkerung. Diese 49 Länder produzieren alle zusammen weniger als 1 % des Welteinkommens. 34 dieser Länder liegen in Afrika, 9 in Asien, 5 im Pazifik und eines in der Karibik.
- Es gibt Länder, die diese Kategorie verlassen, und andere, die darin neu sind. Ein Beispiel : Dank seiner Investitionspolitik und landwirtschaftlicher Reformen hat Botswana vor kurzem diese Gruppe verlassen. Der Senegal hingegen ist neu dazugekommen.
- Die Kampagne von Jubilé 2000 beruht auf der Feststellung, dass die Gesamtauslandsschuld der fraglichen 49 Staaten 124 % der Gesamtsumme ihrer Bruttosozialprodukte darstellt. (21) Diese Länder geben also viel mehr für den Schuldendienst aus als für die Aufrechterhaltung ihrer Sozialleistungen : Die meisten von ihnen wenden jährlich mehr als 20 % ihrer Haushaltsausgaben für den Schuldendienst auf. (22) Seit 1990 liegt überdies das Wachstum desBruttoinlandsprodukts in jedem der LDCs durchschnittlich unter 1 %, während sich die Bevölkerungswachstumsrate auf 2,7 % beläuft, wodurch natürlich jede interne Kapitalanhäufung und jede Sozialpolitik vereitelt wird. Diese Länder treiben wie trunkene Schiffe in der Nacht davon und versinken im Ozean des Elends.
- Die Debt Reduction Strategy Papers antworten auf diese Kampagne und verlangen von den LDCs, die beim IWF eine Verringerung ihrer Schuld beantragen, dass sie gleichzeitig ein oder mehrere Projekte der Rückinvestition der durch die Reduktion gesparten Summen in ihrem Land vorlegen. Doch das System funktioniert auf sehr unbefriedigende Weise. Zum einen weckt es in den betroffenen Ländern ein Gefühl der Demütigung, weil der IWF zum direkten Herren der nationalen Entwicklungspläne wird. Zum anderen stimmt der IWF nur Umstellungsplänen zu, die mit seiner eigenen Vorstellung von der notwendigen »Öffnung der Märkte« und der ebenso unverzichtbaren »Wahrheit der Preise« konform gehen. Wenn das antragstellende Land einen Teil der »befreiten« Summen dazu verwenden möchte, die Grundnahrungsmittel zu subventionieren und damit für die Armen zugänglicher zu machen, dann wird der IWF mit Sicherheit ablehnen.
- Wenn sich hingegen das Schuldnerland verpflichtet, eine neue Autobahn zwischen dem Flughafen und der Hauptstadt zu bauen, wird der IWF zweifellos bereit sein, ihm eine debt reduction zu gewähren, die die Kosten für den Bau der Autobahn abdeckt. Kurz, es gibt noch viel zu tun, wenn man auf diesem Weg wirklich vorankommen will.
- Die Revision der Schuld: Die Regierung eines überschuldeten Landes kann immer eine Prüfung – Rechnung um Rechnung, Transaktion um Transaktion, Investition um Investition – vornehmen, um herauszufinden, wie ihre Vorgänger die ausländischen Kredite verwendet haben. Diese wirksame, aber komplizierte Methode ist von brasilianischen Wirtschaftsexperten konzipiert und entwickelt worden.
- 1932 hat das brasilianische Parlament die erste Revision der Auslandsschuld vorgenommen. Die Regierung weigerte sich daraufhin, den ausländischen Banken jede als »illegal« angesehene Summe zurückzuzahlen. Als solche galt jede Schuld, die aufgrund von gefälschten Unterlagen, überzogenen Rechnungen, Korruption oder irgendeiner Form von Betrug zustande gekommen war. Eine Schuld, die auf Wucherzinsen beruhte, wurde ebenfalls als null und nichtig eingestuft. Die Operation erwies sich als äußerst positiv für Brasilien. Ich werde noch darauf zurück kommen.
- Die Bildung eines »Schuldnerkartells: Die Schuld setzt immer ein Machtverhältnis voraus. Der Reiche zwingt dem Armen seinen Willen auf. Die Nichtbezahlung der Zinsen und der Tilgungen wird von der internationalen Rechtsordnung, die voll und ganz im Dienst der Gläubiger steht, sofort sanktioniert. Die Bildung einer homogenen Front der Schuldnerländer verändert dieses Machtverhältnis. Wie in gewerkschaftlichen Belangen vergrößert das kollektive Verhandeln den Verhandlungsspielraum des Schwachen.
- Der Exekutivrat der Sozialistischen Internationale hat die Mechanismen für das kollektive Aushandeln der Schuldreduktion ausgearbeitet, und zwar gestützt auf das Wissen und die Kenntnisse zahlreicher, vor allem europäischer Wirtschafts- und Bankexperten, die sich zu den sozialistischen Ideen bekennen. Auch darauf werde ich noch zurückkommen.
In der Wintersaison 2003/2004 haben Claus Peymann und Jutta Ferbers im Brecht-Theater am Schiffbauerdamm in Berlin eine moderne und mitreißende Version der Heiligen Johanna der Schlachthöfe inszeniert. Namentlich Meike Droste hat eine wunderbare heilige Johanna gespielt. Ich war bei der Premiere.
Nachdem Johanna vor den triumphierenden Herren der Schlachthöfe von Chicago und den Leichen der hingerichteten Streikenden ihre letzte Rede beendet hatte, kam aus dem Saal donnernder Applaus.
Johanna sagt: Und es sind zwei Sprachen oben und unten Und zwei Maße zu messen Und was Menschengesicht trägt Kennt sich nicht mehr. […] Die aber unten sind, werden unten gehalten Damit die oben sind, oben bleiben.
Die wirtschaftliche Unterentwicklung schließt ihre Opfer in ein Dasein ohne Hoffnung ein, denn ihre Einschließung ist von Dauer. Sie fühlen sich auf Lebenszeit verdammt. Die Flucht erscheint unmöglich : Die Gitterstäbe des Elends versperren jegliche Aussicht auf ein besseres Leben für sie selbst und, was noch schlimmer ist, für ihre Kinder. Diejenigen, die die Weltbank verschämt als die »extrem Armen« bezeichnet, leben mit weniger als einem Dollar pro Tag – und die meisten von ihnen mit noch weniger. Es sind heute mehr als 1,8 Milliarden Menschen. Ihre Zahl ist innerhalb von zehn Jahren um 100 Millionen gestiegen. (23) Um sie aus ihrem Gefängnis zu befreien, muss die Gesamtheit der Auslandsschuld ihrer Länder ohne Gegenleistung sofort annulliert werden.
In der internationalen Diskussion ist ein neuer Begriff aufgetaucht, jener der »widerlichen Schuld« (la dette odieuse). Hier ein Beispiel einer »widerlichen Schuld« : Ruanda ist eine kleine, 26 000 Quadratkilometer umfassende Bauernrepublik mit grünen Hügeln und tiefen Tälern, in der Tee, Kaffee und Bananen angebaut werden. Sie liegt im Gebiet der Großen Seen in Zentralafrika und ist seit 1960 unabhängig. Ungefähr acht Millionen Menschen leben dort, und sie gehören hauptsächlich zwei Ethnien an, den Hutus und den Tutsis. (24) Ruanda hat gemeinsame Grenzen mit dem Kongo im Westen, Tansania im Süden und im Osten und Uganda im Norden. Zwischen April und Juni 1994 haben die Soldaten der regulären Armee und Interhamwe-Milizsoldaten (25) die Kinder, Frauen und Männer der Tutsis sowie tausende Hutus, die Regimegegner waren, auf den Hügeln Ruandas systematisch ermordet. Die Killer durchstreiften unermüdlich die Städte und Dörfer des Landes, hatten sorgfältig zusammengestellte Listen in den Händen, wurden vom Radiosender Mille Collines zum Hass ufgestachelt und töteten Tag und Nacht, bevorzugt mit Macheten.
Vor der Tötung wurde gewöhnlich gefoltert. Die Opfer wurden meistens mit kalter und methodischer Wut zerhackt. Die Frauen und Mädchen wurden beinahe systematisch vergewaltigt, bevor sie ermordet wurden. Die Tutsi-Familien, die sich in Klöster, religiöse Schulen und Kirchen geflüchtet hatten, wurden häufig von Hutu Priestern und Ordensschwestern denunziert und ausgeliefert. Auf den Flüssen Kagera und Nyabarongo trieben drei Monate lang Tag und Nacht die abgehackten Köpfe und Gliedmaßen der zu Tode Gefolterten dahin. Für die Mörder ging es darum, alle Menschen, die der minoritären Tutsi-Ethnie angehörten, auszurotten.
Damals unterhielten die Vereinten Nationen in Ruanda ein Kontingent von über 1300 Blauhelmen, das sich hauptsächlich aus Bangladeschi, Ghanaern, Senegalesen und Belgiern zusammensetzte. Es stand unter dem Kommando des kanadischen Generals Roméo Dallaire und war in mehreren, mit Stacheldraht umzäunten Militärlagern quer über das Land verteilt.
Als es zu den Massakern kam, flehten zehntausende Tutsis die Blauhelme um Hilfe an und baten darum, sich in die bewachten Lager retten zu dürfen. Doch die UNO-Offiziere weigerten sich konstant. Der Völkermord hatte begonnen, und die Resolution Nr. 912 des Sicherheitsrats vom 21. April 1994 reduzierte die Zahl der UNO-Soldaten in Ruanda um die Hälfte. Obwohl die UNO-Soldaten bis an die Zähne bewaffnet waren, ließen sie die Massaker geschehen und begnügten sich damit, die Ereignisse und die Art und Weise, wie die Männer, Frauen und Kinder der Tutsis getötet wurden, gewissenhaft festzuhalten (und nach New York weiterzuleiten).
Kurz, sie gehorchten kriminellen Befehlen. (26) Innerhalb von hundert Tagen wurden zwischen 800 000 und 1 Million Frauen, Säuglinge, Kinder, Jugendliche und Männer der Tutsis (und im Süden, der Hutus) niedergemetzelt. Vor den unbewegten Mienen der Blauhelme der UNO.
Zwischen 1990 und 1994 waren die wichtigsten Waffenlieferanten und Kreditgeber in Ruanda Frankreich, Ägypten, Südafrika, Belgien und die Volksrepublik China. Bürge für die ägyptischen Waffenlieferungen war eine französische Großbank. Die direkte Finanzhilfe kam vor allem aus Frankreich. Zwischen 1993 und 1994 hatte die Volksrepublik China 500 000 Macheten an das Regime in Kigali geliefert. Kistenweise Macheten, mit französischen Krediten gekauft, kamen zusätzlich per Lastwagen aus Kampala und dem Hafen Mombasa, als der Völkermord bereits begonnen hatte …
Die Völkermörder wurden schließlich von der vorrückenden Armee der Patriotischen Front, die aus jungen Tutsis aus der Diaspora in Uganda bestand, geschlagen. Kigali wurde im Juli 1994 eingenommen. Frankreich jedoch lieferte weiterhin Waffen über Goma und Nord-Kivu an die letzten Völkermörder, die sich an das östliche Ufer des Kivu-Sees zurückgezogen hatten.
Das Frankreich von François Mitterrand hat in Ruanda eine besonders unheilvolle Rolle gespielt. Französische Offiziere haben die Mörder und deren politische Auftraggeber unterstützt und, als der Tag der Niederlage gekommen war, ausgeschleust. Die Haltung von Mitterrand befremdet. Wie ist sie zu erklären ? Die Hutu-Diktatur von Präsident Habyarimana war ein französischsprachiges Regime ; die Nationale Front, die es bekämpfte, bestand überwiegend aus Söhnen und Töchtern von in Uganda geborenen und deshalb englischsprachigen Tutsi-Flüchtlingen. Im Namen des Schutzes der Frankophonie gewährte François Mitterrand den völkermordenden Killern seine unerschütterliche Unterstützung. (27) Überdies war der französische Präsident mit der Familie des verstorbenen Hutu-Diktators Juvenal Habyarimana freundschaftlich verbunden, dessen Tod bei einem Flugzeugabsturz der Funke im Pulverfass gewesen war. Die neue ruandische Regierung hat eine Auslandsschuld
geerbt, die sich auf knapp über eine Milliarde Dollar beläuft.
Die neuen Regenten, die in einem vollständig verheerten Land an die Macht kamen und der Meinung waren, dass sie keine moralische Verpflichtung hatten, Kredite zurückzuzahlen, die dazu gedient hatten, Macheten zu kaufen, mit denen man ihre Mütter, Brüder und Kinder zerstückelt hatte, beantragten bei den Gläubigern eine Suspendierung und sogar eine Annullierung der Rückzahlung. Doch das Kartell der Gläubiger, das vom IWF und der Weltbank angeführt wurde, lehnte jede Regelung ab und drohte, die Kooperationskredite zu blockieren und Ruanda finanziell von der Welt zu isolieren.(28)
So müssen sich heute die bettelarmen Bauern in Ruanda und die wenigen Überlebenden des Völkermords abrackern, um Monat für Monat den ausländischen Mächten, die das Massaker finanziert haben, die Summen zurückzuzahlen.
Der Ausdruck »widerliche Schuld« wurde von Eric Toussaint geprägt. Er wurde von den meisten regierungsunabhängigen Organisationen und von den sozialen Bewegungen, die für eine weltweite soziale Gerechtigkeit kämpfen, aufgegriffen. Im Frühjahr 2004 wurde er auch – was für eine Überraschung ! – zum ersten Mal von einer großen Gläubigermacht verwendet. Auf einer Pressekonferenz in Bagdad hat Paul Bremer, der Repräsentant der Koalitionsstreitkräfte, tatsächlich die vom Regime Saddam Husseins angehäufte Auslandsschuld als eine »widerliche Schuld« bezeichnet. Er wandte sich in erster Linie an Frankreich und die Russische Föderation, die zwei Hauptgläubiger des Irak. Bremer verlangte an diesem Tag die Annullierung dieser Schulden, weil sie, so erklärte er, von einem verbrecherischen Regime getätigt worden seien. Er wollte die Wirtschaft des neuen amerikanischen Protektorats schleunigst wieder auf Profitkurs bringen …
Im Club von Paris diskutieren die 19 Gläubigerländer heftig miteinander. (29) 1980 hatte der Irak Devisenreserven in Höhe von 36 Milliarden Dollar. Der zehn Jahre dauernde Krieg gegen den Iran hatte den Irak in ein Schuldnerland verwandelt. Seine Verschuldung beläuft sich heute auf 120 Milliarden Dollar, von denen 60 Milliarden den Ländern der Region geschuldet werden und der Rest den Ländern, die den Club von Paris bilden.
Doch zur Schuld im eigentlichen Sinn müssen noch die 350 Milliarden hinzugerechnet werden, die Saudi-Arabien und Kuwait als Entschädigungen für die Invasion von 1990 verlangen. Das ist die Heuchelei der Kosmokraten und ihrer politischen Lakaien : Sie weigern sich, die Verschuldung der »unrentablen« Bevölkerungen zu annullieren, erklären jedoch die Kredite, die auf den reichen Ländern lasten, die sie mehr oder weniger direkt kontrollieren, zur »widerlichen Schuld« (die folglich nicht zurückbezahlt werden muss).
Meiner Meinung nach müssen alle Auslandsschulden der Länder der Dritten Welt, die zur wirtschaftlichen Unterentwicklung, zur Herabsetzung der Bevölkerung auf Leibeigenschaft und zur Zerstörung der Menschen durch den Hunger führen, als »widerliche Schulden« angesehen werden.
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