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Äthiopien – Die Erschöpfung und die Solidarität Das Imperium der Schande - Teil III

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Imperium der Schande
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Finale Theorie: Kurzfassung
Das Imperium der Schande

Das Imperium der Schande

Äthiopien – Die Erschöpfung und die Solidarität

Über die Hochebene von Tigre weht ständig der Wind. Der Himmel ist durchsichtig. Weiße Wolken wandern am Morgen langsam nach Westen auf die Wälder im Sudan zu. Es ist heiß. Die Sonne ist eine graue Scheibe, ihr Licht blendet. Wir sind am Ende der Trockenzeit, in den letz­ten Februartagen des Jahres 2004.


Tigre liegt zwischen 2000 und 2500 Metern über dem Meer. Soweit das Auge reicht, erstreckt sich ein staubreiches Land, das seit Jahrtausenden von Frauen und Männern mit zarten Gesichtszügen, dunkelbraunen Au­gen und schlanken, dunkelhäutigen Körpern bebaut wird. Die Männer sind ausgemergelt und gewohnt, hart zu ar­beiten.

 

In der Mitte des 4. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung sind aus Alexandria kommende Mönche langsam den Nil flussaufwärts gefahren. Sie haben den ersten Katarakt be­zwungen, dann den zweiten, dritten und vierten und sind so bis zum Tana-See und zur Quelle des Stroms gelangt. Auf den Vorbergen von Gondar, im Amhara-Gebiet, und auf den Hochebenen von Tigre haben sie das Evangelium gepredigt. Fast zur gleichen Zeit sind andere Prediger ge­kommen, die die südarabischen Sprachen beherrschten, das Geez und das palästinensische Aramäisch. Sie waren konvertierte Juden – Kaufleute und Seefahrer –, die mit den westlichen Küsten des Roten Meeres vertraut waren.


In manchen christlichen Gemeinden und Klöstern, die der äthiopischen orthodoxen Kirche der Region Addigrat gehören, kann man Aramäisch sprechen hören und auch Zeremonien miterleben, die aus den alten jüdischen Ge­meinden übernommen wurden. 


Seit dem Fall der Militärdiktatur von Oberst Haile Mengistu, der von seinen russischen Helfershelfern ge­stützt wurde, und seit dem Einzug der siegreichen Gue­rilleros der TPLF 1 in Addis-Abeba im Mai 1991 ist Äthi­opien eine Föderation von neun Regionalstaaten. Jeder Staat hat seine eigene Regierung, sein eigenes Parlament, sein Budget, seine regionalen Gesetze und vor allem seine eigene Bürokratie. 


Von wenigen Ausnahmen abgesehen, decken sich die Grenzen der Regionalstaaten mit den Grenzen der alten Zivilisationen, Sprachen und Kulturen, die sich seit Jahr­tausenden in Abessinien entfaltet haben. Das Staatsgebiet umfasst mehr als eine Million Quadratkilometer. 71 Mil­lionen Menschen leben hier. Tigre ist der nördlichste Regionalstaat. Im Osten fallen die Hochebenen steil ab in eine Art gigantischen Graben, der Great African Rift genannt wird. Er zieht sich wie eine braune Schramme praktisch durch ganz Ostafrika, von den südlichen Gestaden des Roten Meeres bis zum Njas­sa-See im fernen Malawi. Die Danakil-Senke, die den ganzen Norden von Äthi­opien nahe an der Grenze zu Eritrea säumt, ist eine der ödesten Gegenden des Planeten. Sie liegt 100 Meter unter dem Meeresspiegel. Verkohlte Baumstämme, Salzminen, von der Hitze gespaltene Steine, spärliches dürres Gras, da und dort die Lager von Nomaden, tagsüber ein blen­dendes Licht, nachts eine beängstigende Finsternis, einige Brunnen, wenige Oasen, zwölf Monate pro Jahr ein glü­hend heißer Himmel. Niemals nennenswerte Regenfälle. 


Durch diese Mondlandschaft zieht das Volk der Afar, sie sind kamelzüchtende Nomaden und bedeutende Salz­händler. 


Gleich am Tag unserer Ankunft begegnen wir auf der großen Straße, die von Mekele auf der Hochebene im Nor­den Äthiopiens nach Addigrat führt, zwei Salzkarawanen. Jede zählt zwischen 30 und 50 einhöckrige Kamele, jedes von ihnen trägt ungefähr 100 Kilo Salz, das aus den mine­ralisierten Seen von Danakil kommt und in dunkelgraue Platten zersägt wurde. Sie gehen mit wiegendem Schritt
hintereinander über tausende Kilometer bis zu den Märk­ten von Addis-Abeba und manchmal noch weiter südlich bis ins Tiefland von Kaffa. 


Junge Afar-Männer mit komplizierten Tätowierungen, lachenden Augen und dürren Körpern laufen pfeifend an der Karawane entlang. Mit einem langen Stock versuchen sie die Kamele an den Rand der Fahrbahn zu drängen. Die Mühe ist vergeblich ! Die großartigen Tiere mit ihrer schweren Last bleiben ungerührt und ignorieren hoch­mütig die Afar. Unser Geländewagen muss am Straßen­rand halten. Die Kamelkarawane zieht in ihrem Jahrtau­sende alten Trott an uns vorbei. 


Die Region Tigre besteht hauptsächlich aus einer tro­ckenen, felsigen und steil abfallenden Hochebene. Ganz im Westen jedoch senkt sich das Hochplateau sanfter zu den Bananenplantagen, den Maisfeldern und den subtro­pischen Wäldern und Gärten hinab. Tigre grenzt hier an den Sudan. Der Boden ist verschwenderisch fruchtbar. To­maten, Zwiebeln, Sorgho und Yamswurzeln wachsen in
Hülle und Fülle. Überall findet man Obstbäume und vor allem Orangenbäume. Die Mangobäume geben Früchte von außergewöhnlicher Qualität. 

 

Die Regionalregierung von Mekele versucht die Bauern und deren Familien an­zuregen, von der überbevölkerten Hochebene in das Tief­land nach Westen mit den subtropischen Plantagen zu zie­hen. Nichts erscheint vernünftiger ! Zwei Jahre lang wer­den die Behörden dem Einwanderer helfen, den Wald zu roden, zu pflanzen und seine Hütte zu bauen. Während dieser Zeit hat seine Familie so wie vorher das Nutzungs­recht an ihrem ursprünglichen Besitz. Ist die Erfahrung im Tiefland nach zwei Jahren positiv, geht der Bauer in das Hochland zurück, um seine Familie zu holen. Scheitert der Versuch der Niederlassung, so kehrt der Bauer endgültig nach Hause zurück, und das Abenteuer ist beendet. 


Es gibt allerdings einen Haken : Ein uralter Fluch liegt auf den Völkern von Tigre. In den subtropischen west­lichen Gebieten wüten die Seuchen. Trotz aller Vorbeuge­maßnahmen vonseiten der Behörden dezimieren die Ma­laria, die Bilharziose und das Gelbfieber die Bauern. Ein Krankheitserreger namens Trypanosoma ist besonders ge­fährlich. Er wird von der Tsetse-Fliege übertragen. Er ni­stet sich im Gehirn ein und verursacht den Tod. 

 

Doch der Lebenswille der Tigreer ist so stark, dass im­mer mehr Familien trotz all dieser extremen Widrigkeiten ihre Steinhäuser verlassen und nach Westen ziehen. Auf der felsigen Hochebene von Zentral-Tigre stehen zahlreiche in den Stein gehauene Felskirchen. Allein im Distrikt Gueralta findet man hundertzwanzig solcher Kir­chen. Wir besichtigen eine, die »Abreha und Atsebha« genannt wird oder auch »Debra Negast« (»Kirche der Könige«). Sie ist nach zwei Brüdern benannt, die zu Be­ginn des 4. Jahrhunderts gemeinsam über den blühenden und mächtigen kosmopolitischen Staat Aksum geherrscht hatten. 


Die Landschaft ist unsagbar schön. Am Fuß der roten Sandsteinklippe liegt das ganz aus Steinen errichtete Dorf und dämmert im Schatten riesiger Sykomoren vor sich hin. Bergspitzen mit eigenwilligen Formen verdecken den Blick auf den Horizont. Eine riesige Treppe aus rotem Granit mit verwitterten Stufen führt hinauf zum befe­stigten Portal und zu der Höhle, die ins Felsinnere ge­schlagen wurde. Unter dem hohen Gewölbe stehen drei Altäre, die den Erzengeln Gabriel und Michael sowie der Jungfrau Maria geweiht sind. Das Gewölbe ruht auf vom Kerzenruß geschwärzten Säulen, die direkt aus dem Fel­sen gehauen sind. 


Alem Tsehaye Adane, eine Kriegswitwe um die fünfzig 2, lebt einige hundert Meter vom Wehrportal entfernt. Ihr Mann, Simon Neguesse, ein junger Kämpfer der Volks­front für die Befreiung von Tigre, ist in einem Schützen­graben im Westen irgendwann Ende der achtziger Jahre verkohlt, ein russischer Antonow-Bomber hatte Napalm abgeworfen. 


Die Frau ist mager und hält sich kerzengerade. Sie trägt ein graues Baumwollkleid, Sandalen und einen bunten Stoffgürtel. Dunkelblaue Tätowierungen laufen in zarten Linien über ihre Stirn, die Umrisse ihrer Augen und ihre Handrücken. Sie ist selbstsicher, lacht gern und hat ein re­ges, waches Auftreten. Sie empfängt uns im zweiten Hof ihres Steinhauses. Die Felswand rechts von der riesigen Treppe schützt einige Bananenstauden, den Brunnen und den Hühnerstall vor dem ständig wehenden Wind und dem Sand, den er mitwirbelt. 


Warum im zweiten Hof ? Weil hier das steht, worauf Alem Tsehaye so stolz ist : die Latrine ! Gleich nach unserer Ankunft in Mekele sehr früh am Morgen mit der Fokker der Ethiopian Airlines von Addis-Abeba haben uns Abadi Zemu Gebru, der Vizepräsident der Regionalregierung von Tigre, und Teklewoini Asefa, der verantwortliche Direktor der REST (Relief Society of Tigray – Hilfsgesellschaft von Tigre), in die Geländewagen bugsiert. Auf holprigen Pisten sind wir Richtung Osten gefahren, zu den roten Felsklippen von Gueralta. Ich bin im Rahmen einer UNO-Mission hier. Es ist durchaus legitim, dass die Regionalregierung und REST mich zunächst einmal mit vorbildlichen Bürgern zusammenbringen wollen. Und nun bin ich bei Alem Tsehaye Adane. 


REST wurde 1978, ganz am Anfang des Aufstands, in der Absicht gegründet, sich um die verstümmelten Guerilla­kämpfer und um die Versorgung der befreiten Dörfer zu kümmern. Die Organisation musste auch den Transport der Schwerverletzten nach Kassala (im Sudan) und so­gar bis nach Port Sudan am Roten Meer organisieren, wo dank Solidaritätsspenden aus Europa schwedische, nor­wegische, französische, italienische und Schweizer Ärzte rund um die Uhr von Schrapnellen verletzte, von Sprenggeschossen durchlöcherte und von Napalm verbrannte Körper operierten : die der jungen Kämpfer und Kämp­ferinnen der Befreiungsfront. Die Chirurgen behandel­ten auch die Frauen und Kinder aus den Dörfern, die von den Antonow-Bombern in Brand gesteckt worden waren. 


REST ist heute die wichtigste, staatlich geförderte Hilfs­gesellschaft in Tigre. Sie hat den Einbau der Latrine im Hof von Alem Tsehaye finanziert. Abadi Zemu Gebru und Teklewoini Asefa sitzen hier im Hof : Sie sind wie durch ein Wunder davongekommen. Sie sind über sechzig und dennoch beide von erstaun­licher Geschmeidigkeit und Regheit. Sie zählen zu den wenigen überlebenden Gründern der Befreiungsfront. Sie haben den Dschungel im Sudan erlebt, die lange Periode des Kräftesammelns, dann die endlosen Märsche über die Berge und schließlich die schrecklichen Straßenkämpfe in den Städten der Hochebene. 


Abadi Zemu Gebru trägt die dicken Brillengläser eines Kurzsichtigen. Ein Kranz von weißen Haaren säumt sei­nen kahlen Schädel. Der rechte Ärmel seiner Jacke ist leer. Er flattert in der leichten Brise. Vor zwanzig Jahren hat ihm der Splitter einer russischen Granate die Schulter zerfetzt. Wundbrand drohte. Sein Freund Teldewoini hat mithilfe eines anderen Kameraden ein Messer über dem Holzfeuer geschärft. Er hat die Fleischfetzen weggeschnit­ten, die verbleibenden Muskeln und Sehnen durchtrennt, den Knochen sektioniert und den Arm in Schulterhöhe amputiert, Ohne Narkose. 


Die Bewohner von Tigre bilden nur 7 % der Gesamtbe­völkerung Äthiopiens. Sie jedoch waren es, die 1991 den Tyrannen gestürzt haben. Sie dominieren auch heute noch so gut wie alle Machtstrukturen. Wie stellen sie das an? Der ehemalige Generalsekretär der TPLF, Meles Zena­oui, ist der Premierminister von Äthopien. In den Regie­rungen der neun Regionalstaaten, welche die äthiopische Föderation bilden, fungieren die Tigreer entweder als Mi­nister oder häufiger noch als geheime Berater im Hinter­grund. Auf Bundesebene hat die TPLF seit 1991 und si­cherlich noch für lange Zeit die Schlüsselposten inne : Sie stellt den Premierminister, den Außenminister, den Vize-Premier, zuständig für die ökonomische Entwicklung, die Kommandanten der wichtigsten Einheiten der Streitkräfte und die Chefs der Sicherheitsdienste. 


Abadi Zemu Gebru ist ein angenehmer, reger, anspruchs­loser Reisegefährte, der auch humorvoll und selbstironisch sein kann. Er ist Marxist, aber auch tief geprägt von der Jahrtausende alten egalitären und antihierarchischen Kul­tur der Hochebenen. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. »Meles ? Haben Sie ihn getroffen ? … Noch nicht ? Nicht notwendig ! Wir alle hier sind Meles, ich bin auch ein Me­les.(3)« Und er bricht in schallendes Gelächter aus … 

 

Ein ganzer Schwarm lachender Kinder und neugieriger Halbwüchsiger mit ernsten, forschenden Blicken füllt den Hof. Ein ganz kleiner Junge in einem zu kurzen Trikot und mit bloßem Hintern wiegt sich stolz in den Armen von Alem Tsehaye. Die Witwe hat sechs Kinder, sie sind zwischen 18 und 25, und drei Enkelkinder, darunter den kleinen fröhlichen Kerl, den sie in den Armen trägt. Ihre Namen (vom Jüngsten bis zum Ältesten) zeugen alle da­von, welchen Einfluss die Priester der Kirche Debra Negast, die das Dorf überragt, auf die Familie ausüben : Ge­bremariam, Amanuel, Shenun Negesse, Yoseph, Tsiduk, Zasbia, Kushed. 


Die Latrine ist offensichtlich noch nie verwendet wor­den. Sie besteht aus einer mit Löchern versehenen und mit Beton eingefassten Plattform über einer Klärgrube. Sie zeugt als majestätisches Monument davon, dass die Familie der von der REST beschlossenen Entwicklungs­strategie anhängt. 


In dem nie aufhörenden Wind beantwortet Alem Tsehaye bereitwillig unsere Fragen. Ich begreife, warum uns die zwei alten Kämpfer, die zu Mitgliedern des Zen­tralkomitees der Front und zu Führungskräften des Regi­onalstaates geworden sind, uns zuallererst in diesen Hof unter die riesige Sykomore geführt haben. 2004 gilt als ein Jahr mit »guten Ernten«. Was in Tigre bedeutet, dass von den 4,9 Millionen Einwohnern des Regionalstaates nur 1 Million von der internationalen Ernährungshilfe, die aus dem Hafen Dschibuti eintrifft, abhängig ist. Alem Tsehaye ernährt ihre ganze Familie. 

 

Unter den 82 Familien des Dorfes – von denen zwölf in der Verantwortung al­lein stehender Frauen sind – ist ihre sicherlich die wohl­habendste … wenn man es wagte, dieses Wort auszuspre­chen, das hier auf den windigen Hochebenen von Tigre völlig fehl am Platz scheint. Gemessen an den Katastrophen, die Äthiopien seit Jahrhunderten heimsuchen, gilt 2004 also als ein »gutes« Jahr. Insgesamt verdanken nur 7,2 Millionen Menschen im ganzen Land ihr Überleben der internationalen Ernährungshilfe. Dabei liegt Äthiopien bekanntlich in der Zone der Monsune. Und diese Monsune kommen zunehmend un­regelmäßiger. Die Hungersnöte häufen sich : Sie folgen im­mer rascher aufeinander.


1973 sind fast zwei Millionen Menschen auf den Hoch­ebenen verhungert und verdurstet. 1984 belief sich die Zahl der Opfer immer noch auf hunderttausende. Seither wurden die Vorwarnmechanismen verbessert. In der Rue de Lausanne in Genf prognostiziert eine kaum bekannte, aber interessante Organisation die Orkane, die Dürreperioden und die Stürme : die Weltmeteorologieorganisa­tion (WMO). Ihre Satelliten gehören der UNO. Ihr ist es zu verdanken, dass die Reaktion vor Ort heute wirksamer und schneller ist als 1973 oder 1984.


Jedenfalls ist der Beobachter in diesem Februar des Jahres 2004 mit einer absurden Situation konfrontiert. In achtzehn Produktionszonen des Landes ist die Getreide­produktion überschüssig. Hunderttausende Tonnen Tef (eine Getreideart), Mais und Weizen verfaulen, weil es an Transportmitteln und geeigneten Straßen mangelt. Über­dies ist das Preisgefüge, das weitgehend von der Speku­lation der Händler bestimmt wird, völlig pervertiert. Die Produktionskosten für eine Tonne Mais belaufen sich im Durchschnitt auf 70 Dollar. Zu dem Zeitpunkt, an dem ich durch die Region fahre, erhalten die Bauern im Durch­schnitt 23 Dollar für eine Tonne. Das Welternährungsprogramm (WFP) finanziert den Transport von einer Tonne Mais vom Hafen Dschibuti bis zum Verteilungsort in Höhe von 140 Dollar pro Tonne. Um die 7,2 Millionen Personen zu ernähren, die hungern und ein ganzes Jahr lang von Ressourcen abgeschnitten sind, wären 900 000 Tonnen erforderlich.


Am 15. März 2004 hat das WFP einen dringlichen in­ternationalen Appell veröffentlicht und die Staatengemeinschaft aufgefordert, 100 Millionen Dollar bereitzustellen, um in Äthiopien selbst 300 000 Tonnen Sorgho, Weizen und Mais aufkaufen zu können. Der Appell ist praktisch ungehört verhallt. (4) Zehntau­sende Tonnen Sorgho, Mais und Weizen aus Äthiopien sind also weiterhin in der Sonne verrottet, und das nur wenige hundert Kilometer von den Dörfern entfernt, in denen die Hungerleidenden mit dem Tod rangen.


Von Norden bis Süden, von Osten bis Westen wird das weite Äthiopien immer wieder von Malaria, Tuberkulose, Typhus und Gelbfieber heimgesucht. Die Tabletten gegen Malaria werden von den »Entwick­lungsagenten«, den örtlichen Beamten der Regionalregie­rungen, in ungenügender Menge verteilt. Die Tuberku­lose ist eine Auswirkung der Unterernährung. Die Ver­breitung von Typhus erklärt sich aus der Verschmutzung der Flüsse, aus der Infizierung der Tümpel, an denen so­wohl das Vieh seinen Durst stillt als auch diejenigen Men­schen, die keine Brunnen haben.


Praktisch jeden Hof des Dorfes hat die Malaria heim­gesucht. Außer bei Alem. Mit glänzenden Augen sagt sie zu mir : »Ich habe niemanden verloren … kein einziges Kind.« Der Kleine in ihren Armen strampelt fröhlich. Im Februar beginnt die Fastenzeit, auf die das ortho­doxe Osterfest folgt. Dieses prächtige Fest ist das wichtigste im Jahreszyklus der Christen in Äthiopien. Die Hälfte der Bevölkerung besteht aus orthodoxen Christen, die an­dere aus Muslimen. Die Bauern halten die Fastenzeit ein. Was in einem Gebiet, in dem chronische Unterernährung herrscht, wirklich ein Paradox ist. In den Ortschaften, in denen wir Halt machen, bieten die kleinen Restaurants regelmäßig zwei Menüs an – das übliche (es besteht aus einem Teffladen mit Fleischsauce, Huhn oder Eiern) und das andere, das in fetteren Buchstaben auf die moralische Verpflichtung hinweist, und Fasten-food (Fastenessen) ge­nannt wird. Das Fastenessen schließt jedes tierische Pro­dukt aus. Fast alle Tigreer, die wir auf den Matten dieser Restaurants trafen, wählten das zweite Menü.


Äthiopien lebt nach dem Mondkalender. Im Jahr 2004 dauerte die Fastenzeit 55 Tage vom 16. Februar bis zum 14. April. Während der Fastenzeit werden in bunten Farben be­malte – gelbe, grüne, rote – Metalldosen auf Dreifüßen an den Wegkreuzungen aufgestellt. Diese Dosen sind ein Si­gnal für die Christen, sollen Besorgnis über ihr ungewisses Seelenheil wecken und sie zu Fastenspenden anregen.


Wieviel Birrs 5 spendet Alem ? Sie weigert sich zu ant­worten. Doch an ihrem Lächeln kann ich ablesen, dass sie die List der Geistlichen durchschaut hat.26. Februar 2004 : Am Eingang der Universität von Ad­dis-Abeba werden alle Besucher gründlich durchsucht. 


Wegen der »terroristischen Bedrohung«. Ich kaufe den Ethiopian Herald. Eine Nachricht auf der ersten Seite sticht mir ins Auge. Von diesem Tag an wird das WFP die in den Flüchtlingslagern auf äthiopischem Boden verteilten Tagesrationen um 30 % kürzen. 126 000 Flüchtlinge aus dem Sudan, aus Eritrea und Somalia vegetieren dort vor sich hin. Die neue Tagesration wird sich auf 1500 Kalo­rien pro Person belaufen. Das ist eine Ration, die unter­halb der Schwelle liegt, die von der UNO als Existenzmi­nimum eingestuft wird. (6) Es versteht sich von selbst, dass die neuen Normen, die in den Lagern zur Anwendung kommen, bald auf die ge­samte von der UNO in Äthiopien durchgeführte Ernäh­rungshilfe ausgedehnt werden wird.


Wie lässt sich diese brutale Kürzung erklären ? Das WFP hat im Februar 2004 einen neuen Spendenaufruf getätigt : Von den erforderlichen 142 Millionen Dollar konnten nur 37 Millionen aufgebracht werden. Die Antwort der wich­tigsten westlichen Staaten : Wir müssen unserer Sicherheits­politik gegen den Terrorismus den Vorrang einräumen. Das obsessive Sicherheitsdenken, das durch den »Krieg gegen den Terrorismus« ausgelöst wurde, lenkt die mei­sten Mitgliedsstaaten der UNO vom Kampf gegen das Elend ab. Das Geld wird knapp. Mangels finanzieller Mit­tel kann die UNO den Hunger in Äthiopien nicht mehr zurückdrängen.

Die grüne Hungersnot

Nahezu alle neun Regionalstaaten Äthiopiens sind eth­nisch homogen : Jeweils ein Volk (abgesehen von sehr kleinen Minderheiten) lebt in jedem von ihnen. Ein einziger Staat bildet eine Ausnahme : die SNNPR (Southern Nations, Nationalities and Peoples Region). Sie umfasst fünfundvier­zig Ethnien, von denen die fünf größten ungefähr gleich groß sind.


Dieser Staat liegt ganz im Süden der Föderation, in den fruchtbaren Gebieten mit subtropischem Klima an den Grenzen zu Kenia und zum Sudan. Er umfasst mehr als 100 000 Quadratkilometer und hat 14 Millionen Einwoh­ner. Seine Hauptstadt ist Awassa, eine Wellblechsiedlung mit einigen Betongebäuden. In einem nahen, von weiß blühenden Baumwollfeldern umstandenen See spiegelt sich eine nagelneue, grün gestrichene Moschee, ein Ge­schenk der Wahhabiten aus Saudi-Arabien …


Es ist schwül. Donnergrollen ist zu vernehmen. Der Ge­ruch von gegrilltem Mais hängt in der Luft. Am Straßenrand versuchen Frauen, Säcke mit Holzkohle zu verkaufen. Im Süden ist die Polygamie verbreitet. Im Herzen des Regionalstaats SNNPR, rings um Awassa und den See, erstreckt sich das Land der Sidamos. Die Sida­mos, ein Volk von Kaffeebauern, zählen ungefähr 3,5 Mil­lionen Seelen. Dieses Land ist erstaunlich fruchtbar. 


Bjorn Ljungqvist ist ein starrköpfiger Lutheraner. Er ist mittelgroß, massig, hat schalkhafte Augen, viel Hu­mor, eine graue Mähne, einen wachen Blick und Unmen­gen Energie. Er ist einer dieser Skandinavier, die ihr Le­ben dem Kampf gegen die Vernichtung der Kinder ge­widmet haben. Seine aus Tansania stammende Frau, von Beruf Ärztin, hat ihm drei Kinder geschenkt. Ljungqvist hat Afrika seit dreißig Jahren praktisch nie mehr verlas­sen. Er ist heute nationaler Koordinator der UNICEF für Äthiopien.


Mit seinen 53 Jahren hat er eine außerordentliche Er­fahrung angesammelt. Doch es ist nutzlos, ihn in eine politische Diskussion zu verwickeln. Er schert sich nicht darum. Auf einem meiner Flüge in einer der zwei Fok­ker der Ethiopian Airlines fragte ich ihn inmitten heftiger Turbulenzen : »Wie siehst du die Welt ? Wohin geht Äthiopien ? Woher kommt deine Entschlossenheit ?« Das Flug­zeug schwankte beunruhigend, und ich muss gestehen, ich starb fast vor Angst. Bjorn hingegen war ruhig wie ein Fels. Und offenkundig waren ihm meine Fragen ebenso ein Rätsel wie die Angst, die ich empfand. »Meine Mo­tivation ? Meine Eltern haben mir in frühester Kindheit beigebracht, was richtig ist und was man nicht dulden darf …. Man muss die Menschen respektieren.« Die Ant­wort erschien mir etwas kurz, aber ich fragte nicht wei­ter. Plötzlich blickte mir Bjorn in die Augen : »You have to help these kids … don’t you ?« Natürlich, Genosse Bjorn ! Bjorn Ljungqvist war es auch, der im Juni 2003 das Er­nährungszentrum Yirga Alem im Distrikt Dale der Region Sidamo einrichtete. An einem schönen Februarmorgen des Jahres 2004 stehe ich vor der vergitterten Tür dieses Zentrums. Im Vorjahr sind mehrere Dutzend dieser Zen­tren geschlossen worden.


Männer und Frauen sitzen im Staub mit ineinander ver­schränkten Beinen, der traditionellen Haltung der Leute im Süden. Die Hitze ist erdrückend. Hunde streunen zwi­schen ihnen umher. Jede Frau, jeder Mann trägt in sei­nen Armen ein kleines Kind am Rande der Auslöschung. Fliegen machen sich über die müden Augen der bis zum Skelett abgemagerten Kinder her. Die Erwachsenen ver­scheuchen sie mit einer matten Handbewegung. Kinder mit Armen und Beinen, die dünn sind wie Streichhölzer. Fiebrige Augen. Manche sind in Lumpen gehüllt. Mitunter dringt ein Röcheln aus diesen Fetzenbündeln. 


Flamboyants, Akazien und Eukalyptusbäume werfen Schatten auf den glühend heißen Platz. Doktor Endale Negessau ist der Verantwortliche des Zentrums. In regel­mäßigen Abständen öffnet Etaferahu Alemayehul, eine schöne, dunkelhäutige Frau, seine Oberkrankenschwester, das Gitter. Eine weitere Familie wird zum Eintritt aufge­fordert. In drei großen Zelten hat man Feldbetten aufge­stellt und Matten ausgelegt. Marta Shallama, sie ist 30, hat drei schwer unterernährte Kinder und ein gesundes Kind. Sie hocken alle zusammen um ein Bett im ersten Zelt. Ihre Namen : Belynesh Kay­emo, Kafita Kayemo, Mamush und Mengheshe. 

 

Bis auf das gesunde Kind erhalten sie alle zweimal täg­lich eine Schüssel »therapeutische Milch«. Dieses Getränk ist von Bjorn und seinen Kollegen entwickelt worden. Es enthält Proteine, Lipide, Vitamine (A, D, E, C, B1, B2) und Niazin, aber auch einen Cocktail von Mineralsalzen. Die Basis bildet Magermilchpulver. Diese Notnahrung wird in Aluminiumbeuteln transportiert. Sie trägt den wissenschaftlichen Namen »therapeutische Milch F-1000 B-0­ Nutriset«. Sie wird mit gekochtem Wasser angesetzt. Mit zwei Litern Wasser erhält man 2,4 Liter »Therapeutische Milch«. Der Inhalt des Beutels muss spätestens drei Stun­den nach Öffnung verzehrt werden. 


Kinder, die am Verhungern sind, wieder ins Leben zu­rückzuholen, ist ein komplexer Vorgang : Eine ständige medizinische Überwachung ist unerlässlich. Oft kom­men die Kinder mit Abszessen im Mund ins Zentrum, mit schweren Atemkrankheiten oder bereits im Koma. Dann ist die Einnahme über den Mund unmöglich, und man injiziert ihnen zunächst ein Stärkungsmittel auf Vi­taminbasis. Sobald sie ins Leben zurückgekehrt sind und nach­dem sie das Zentrum verlassen haben, erhalten diese Kin­der noch eine Zeit lang medizinische Nahrung. Aber da­nach ? 


Die UNICEF empfiehlt, überall und immer die Kinder zu stillen. Aber im tropischen Tiefland von Sidamo haben die meisten Frauen, die an der Hungersnot leiden, Brü­ste, die trocken sind wie Kieselsteine. Sie sind selbst an­dauernd schwer unterernährt und außerstande, die Milch zu produzieren, die für die Ernährung ihrer Kinder er­forderlich ist. 


Um den Krankenpflegern und Krankenschwestern, den Sanitätern und den (oft aus Kuba kommenden) Ärzten zu helfen, die aus dem Ernährungszentrum entlassenen Kinder am Leben zu erhalten, haben Bjorn Ljungqvist und seine Kollegen ein Handbuch verfasst. Sein Titel : The Management of Severe, Acute Malnutrition, a Manual for Ethio pia. Es enthält auf 160 Seiten eine Menge Abbil­dungen und zahlreiche praktische Ratschläge, wie die Beu­tel zu lagern sind, das Gewicht der Babys zu kontrollieren, die häusliche Hygiene zu gewährleisten ist, wie die wich­tigsten, durch Unterernährung bedingten Krankheiten zu bekämpfen sind, der Wasserverlust bei Durchfall, Hypo­glykämie usw. Dieses Handbuch ist in die wichtigsten lo­kalen Sprachen übersetzt worden. Doch seine Verbrei­tung stößt auf ein gewichtiges Problem : Nur wenige Müt­ter können lesen. 


Die Familien bleiben im Durchschnitt acht Tage im Zentrum. Die Kinder, die an schweren Krankheiten lei­den (Tuberkulose usw.), bleiben natürlich länger. Die drei Zelte entsprechen den drei Phasen der Behandlung. Die Kinder und die Erwachsenen wechseln von einem ins andere und erhalten darin eine Versorgung, die ihnen erlaubt, den Ort am Ende des Zyklus mit einem wie­derhergestellten Organismus und Stoffwechsel zu verlas­sen. Die von Ljungqvist und seinen Kollegen entwickelte therapeutische Nahrung hat richtiggehende Wunder ge­wirkt : Seit Juni 2003 sind in Yirga Alem hunderte Kinder und Erwachsene aufgenommen worden. Nur 10 % von ih­nen konnten nicht gerettet werden. 


Im Zelt Nr. 3 sind die Patienten untergebracht, die kurz vor der Entlassung stehen. Wenn sie das Zentrum verlas­sen, erhalten sie Beutel mit therapeutischem Milchpulver, mit denen sie über die ersten Wochen hinwegkommen. Dann gibt ihnen die Dienst habende Krankenschwester letzte Ratschläge.
Etaferahu, die Krankenschwester mit dem strahlenden Lächeln, kämpft gegen ein nie endendes Übel : Die Müt­ter kommen zu oft mit denselben, erneut schwer unter­ernährten Kindern ins Zentrum zurück. Die Kranken­schwester fragt dann : »Warum haben Sie den Kindern nicht regelmäßig die Milch gegeben, wie wir es Ihnen ge­sagt haben ?« Die Frau antwortet verlegen : »Ich habe die Beutel meinem Mann gegeben.« Sie weiß, dass die Kran­kenschwester sie schelten wird. Deshalb fügt sie im sel­ben Atemzug hinzu : »Gott wird mir noch andere Kinder schenken … aber ich habe nur einen Mann.«
Bjorn ist es auch, der mit einem treffenden Ausdruck die absurde Situation bezeichnet, in der sich Marta Shal­lama, ihre Kinder und tausende andere Bauernfamilien in Sidamo befinden. Sie alle sind Opfer der »grünen Hun­gersnot«, sagt er. 


Rings um die Zelte des Ernährungszentrums Yirga Alem zeigt sich eine verschwenderische Natur. Die roten und blauen Blüten der Bougainvilleen leuchten durch das dichte Astwerk der Ignes. Auch die Blätter der Akazien sind leuchtend grün. Nirgends eine Spur von Trockenheit. Der Boden ist rot und fett. Wildes Gras wächst in Men­schenhöhe. Die Wegränder sind von blühenden Büschen, Orangenbäumen und Bananenstauden gesäumt. Nur we­nige hundert Meter vom Zentrum Yirga Alem entfernt strömt ein Fluss mit dunkelbraunem Wasser. Seine Kraft ist so groß, dass er ganze Erdbrocken und Sträucher mit­reißt. Auf den Märkten ringsum – und bis hinauf nach Ziwy und Hosanne viel weiter im Norden – sind die Stände voll von Yamswurzeln, Sorgho, Bohnen, Linsen und Feigen. 


In der ersten Nacht nach unserer Ankunft sind sogar ein paar Regentropfen auf unsere Zelte gefallen.
Warum also die Hungersnot, die an Leib und Seele zeh­rende Unterernährung in Sidamo ? Die Antwort lässt sich in wenigen Worten geben : Die Ursache ist der katastrophale und brutale Zusammenbruch
des Kaffeepreises auf dem Weltmarkt. Die Region Kaffa, die an die Region Sidamo grenzt, liegt in den subtropischen Gebieten des Südwestens und ist die Wiege des Kaffees. Übrigens hat diese Region den braunen Bohnen den Namen gegeben (außer in Äthio­pien, wo der Kaffee buna heißt …). Der Kaffee spielt seit grauer Vorzeit im gesellschaftlichen Leben der abessinischen Völker eine äußerst wichtige Rolle : Die »Kaffeezeremonie« wird in fast allen Häusern abgehal­ten. Sie ist in erster Linie ein Empfangs- und Gastfreund­schaftsritual. Und außerdem hat sie auch noch die Funk­tion eines Exorzismus, sie vertreibt die bösen Geister : Die »Kaffeezeremonie« schützt das Haus vor Missgeschick. 


Die Hausherrin zerstampft die Bohnen und röstet sie dann auf einem kleinen Metalluntersatz. In wohlhabenden  Häusern ist er aus Silber, in den anderen aus Eisen. Er steht auf Füßen über der Glut. Weihrauch wird unter die Glut gemischt. Der Raum füllt sich rasch mit einem an­genehmen Duft … Der Kaffee wird dann ein eine irdene Karaffe gegossen. Man lässt ihn dreimal ziehen. Schließ­lich wird er in kleinen Tassen serviert, von denen die er­ste dem fremden Gast gereicht wird. Die Zeremonie wird feierlich in der Stille durchgeführt, die Gesten sind von diskreter Eleganz. Der Gast muss drei Tassen nacheinander trinken. So will es die Tradition. Wird sie verletzt, kommt Unglück über den Gast und seine Familie, aber auch über das Haus des Gastgebers.


Kaffee ist das wichtigste Exportprodukt der Äthiopier. Ne­ben Fellen, Leder und verschiedenen Zitrusfrüchten ist er das einzige Gut, an das Äthiopien die Hoffnung auf nen­nenswerte Devisen knüpfen kann. Deshalb nennt man ihn hier gern das »braune Gold«. Seit dem Jahr 2000 ist die Si­tuation des Kaffees auf den Weltmärkten jedoch katastro­phal : Die Einkaufspreise beim Produzenten sind buchstäb­lich zusammengebrochen. Im März 2004 haben sie den tiefsten Stand seit hundert Jahren erreicht. Wenn man weiß, dass in Äthiopien mehr als 95 % der Kaffeebohnen von Kleinbauern erzeugt werden, die mit ihren Angehörigen arbeiten, so kann man sich die Konse­quenzen vorstellen. Oxfam7 hat berechnet, dass der Kauf­preis von 1 Kilogramm Bohnen innerhalb dreier Jahren (2000 bis 2003) von 3 Dollar auf 86 Cents gesunken ist. (8)

 

Der Finanzminister in Addis-Abeba schätzt, dass das Land seit dem Crash 830 Millionen Dollar beim Export verlo­ren hat. (9) So kam es, dass 2004 eine Mehrheit von Bau­ern, die traditionell Kaffee produzieren, auf die Ernte der Bohnen verzichtete, weil der Verkaufspreis die Produk­tionskosten nicht deckte. 


Einige Zahlen : 1990 hatten die Kaffee produzierenden Länder insgesamt für etwa 11 Milliarden Dollar Kaffee­bohnen exportiert. Im selben Jahr hatten die Verbraucher der ganzen Welt für ungefähr 30 Milliarden Dollar Kaffee konsumiert. Im Jahr 2004 waren die Exporteinkommen der Kaffeebauern auf 5,5 Milliarden Dollar gesunken. Am anderen Ende der Kette hatten die Verbraucher 70 Milli­arden Dollar für ihren Konsum ausgegeben …(10)


Es gibt auf der Welt mehr als 25 Millionen Kaffeeprodu­zenten. Die meisten von ihnen sind kleine oder mittel­große Familienbetriebe, die Anbauflächen zwischen einem und fünf Hektar bewirtschaften. 70 % der Weltkaffeepro­duktion kommen aus landwirtschaftlichen Betrieben, die unter zehn Hektar groß sind. Im Jahr 2003 haben alle diese Bauern insgesamt ungefähr 119 Millionen Säcke produziert (ein Sack enthält 60 Kilo Bohnen). Der Weltkaffeemarkt ist immer schon durch starke Schwankungen der Erzeugerpreise gekennzeichnet gewe­sen. Doch Katastrophen wie diejenige, unter der die Pro­duzenten derzeit leiden, sind zum Glück selten. In dem Jahrzehnt zwischen 1980 und 1990 belief sich laut der International Coffee Organization der durchschnittliche Kaf­feepreis beim örtlichen Produzenten auf 1,20 Dollar pro Pfund Bohnen. Er ist heute auf unter 50 Cent gesunken. 94 % des Kaffees verlassen die Erzeugerländer in Ge­stalt von »grünen Bohnen«, das heißt von noch nicht ge­rösteten Bohnen, die dann außerhalb der Erzeugerländer geröstet werden. Der Weltmarkt wird von einer Hand voll
transkontinentaler Gesellschaften beherrscht, also von de­nen, die Noam Chomsky als »die gigantischen unsterb­lichen Personen« bezeichnet. Sie entscheiden tatsächlich über Leben und Tod von Dutzenden Millionen Bauern­familien, die von Brasilien bis Vietnam, von Honduras bis Äthiopien über die ganze Erde verstreut sind. An der Spitze dieser »gigantischen unsterblichen Personen« steht
der Nahrungsmittelkonzern Nestlé.(11) 


Die Zahl der Herrscher über den Weltmarkt für Kaf­fee schrumpft fortwährend. Ein gnadenloser Krieg wütet unter ihnen, und die größten schlucken die kleinen. Im Jahr 2004 heißen die fünf mächtigsten Herrscher : Nestlé, Sara Lee, Procter and Gamble, Tschibo und Kraft (Eigen­tum von Philip Morris). Gemeinsam haben sie im ver­gangenen Jahr mehr als 44 % der weltweiten Produktion von Rohkaffee gekauft, sämtliche Sorten inbegriffen. Über­dies herrschen sie fast vollständig über die Röstung, die
Verarbeitung und die Vermarktung des Kaffees. In den europäischen Supermärkten sieht sich der Konsument einem breit gefächerten Angebot von Marken mit löslichem, gemahlenem und ungemahlenem Kaffee ge­genüber. Aber die größten unter ihnen gehören in Wirk­lichkeit einer der fünf transkontinentalen Gesellschaften. 


Maxwell und Jacobs gehören Kraft; Nescafe und Nespresso gehören Nestlé, Procter and Gamble besitzt die Marke Folgers ; Sara Lee die Marke Douwe Egberts. Der Riese Tschibo vertreibt die Marken Tschibo und Eduscho. Und während der Hunger, die Unterernährung, die Amöben und die Tuberkulose die Kinder von Marta Shal­lama quälen, explodieren die Umsätze und die Nettoge­winne der Herrscher über den Kaffee. Die Profite von Sara Lee sind im Jahr 2000 um 17 % gestiegen (in dem Jahr, in dem die Erzeugerpreise einzustürzen begannen). Die von Nestlé sind um 26 % gestiegen. Für Tschibo war das Jahr 2000 das gewinnreichste seiner ganzen Geschichte : Seine Nettogewinne sind um 47 % nach oben geschnellt.


Über dreißig Jahre lang sind die Kaffeepreise von einem International Coffee Agreement (ICA) reguliert worden. Mit seiner Hilfe hofften die Erzeugerländer und die Rie­sen der Nahrungsmittelindustrie den Bauern relativ sta­bile Preise garantieren zu können. Und das trotz der Spe­kulationsmanöver in Chicago, der klimatischen Schwan­kungen (reiche Ernten auf diesem Kontinent in einem Jahr,
katastrophale im Jahr darauf), der Schäden, die von gewis­sen Krankheiten der Sträucher verursacht werden, und so manchen anderen Ursachen, die für die ständigen Preis­schwankungen verantwortlich waren. Die einzige Lösung : die künstliche Regulierung dieser Schwankungen. Aber wie stellt man das an? Das ICA legte strenge Exportquoten für die Erzeuger­länder fest. Dabei lehnte es sich an die Methode an, die von der Organisation Erdöl exportierender Länder entwi­ckelt worden war, der OPEC. Diese Ausfuhrquoten garan­tierten eine beschränkte Preisschwankung, zwischen 1,20 und 1,40 Dollar pro Pfund Rohkaffee. 


1989 wurde jedoch das ICA von den transkontinen­talen Kaffeegesellschaften liquidiert. Aus welchen Grün­den ? Oxfam liefert die Antwort. Der Kaffee wird von Bauern produziert, die gewöhn­lich arm sind, aber in Ländern wohnen, die von beträcht­licher geostrategischer Bedeutung sind. Solange die Bipolarität der planetaren Gesellschaft andauerte – anders ausge­drückt : solange einander auf diesem Planeten zwei antago­nistische ökonomische und politische Systeme gegenüber­standen –, galt es um jeden Preis zu vermeiden, dass Milli­onen Familien von Kaffeeanbauern der Verlockung erliegen,
kommunistisch zu wählen oder sich dem Kommunismus zuzuwenden. Die Drohung, dass sich Länder wie Brasilien, Kolumbien, Salvador oder Ruanda dem Sowjetblock an­schließen könnten, war für die Kosmokraten ein ständiger Albtraum. Und die künstliche Stabilisierung der Erzeu­gerpreise durch die komplizierten Mechanismen des ICA sollte diese Drohung abwenden. 


1989 sind die westlichen Grenzen des Sowjetreiches zusammengebrochen. Die So­wjetunion selbst sollte bald darauf ebenfalls auseinander fallen. Unter diesen Bedingungen war das ICA überflüssig
geworden. Seither herrscht auf dem Weltmarkt für Kaffee nur mehr das Recht des Stärkeren. Das heißt das Recht der fünf größten transkontinentalen Gesellschaften. 

 

Awassa ist die Hauptstadt von Sidamo. In dieser Stadt ver­kauften die Bauern einen Sack mit sechzig Kilo Arabica­bohnen für 670 Birrs im Jahr 2000. Im Jahr 2004 war die­ser Preis auf 150 Birrs gesunken.
Hier in dieser Region lebten 2,8 Millionen Familien aus­schließlich vom Kaffee. Und Sidamo war bis zum Jahr 2000 eine florierende Region ; weder die mörderische Dürre von 1973 noch die von 1984 hatten hier gewütet. Doch heute decken die Einkommen aus dem Kaffee nicht mehr – und zwar bei Weitem nicht mehr – die Produktionskosten. Mit­tels Handarbeit eine um die andere der – im Rhythmus
der Natur reifenden – Kaffeebohnen zu ernten, erfordert eine beträchtliche Geschicklichkeit, Energie und Erfah­rung. Heute wird diese Arbeit nicht mehr entlohnt. 


Die Bauernfamilien, die nichts mehr verdienen, sind nicht in der Lage, auf dem örtlichen Markt die Nahrung (das Öl für die Küche, die Medikamente, Salz, Kleidung usw.) zu kaufen, die sie benötigen, um zu überleben. Die Konsequenzen für die Schulbildung der Kinder sind, wie man sich vorstellen kann, katastrophal, wenn man weiß, dass es eine Familie 20 Birrs kostet, ein Kind für ein Se­mester in die Schule zu schicken : Weder die Bücher noch die Schuluniform sind gratis. Und die Schulen werden
immer leerer. 


Diejenigen unter den Bauern, die ein Haus besitzen, verkaufen es und gehen in die Stadt. Dort finden sie so gut wie nie eine regelmäßige und halbwegs bezahlte Ar­beit. Und die Prostitution und das Betteln werden bald die wichtigsten Einkommensquellen dieser ruinierten Bau­ernfamilien sein. In vielen Fällen werden sie letztlich vom Elend vernichtet werden. 


Hans Joehr ist der Direktor der Abteilung »Landwirt­schaft« bei Nestlé. Mehr als die meisten Leute weiß er um das Elend, das die Kaffeebauern befällt. Er empfindet üb­rigens Bedauern darüber. Aber er schreibt dieses Elend »den globalen Kräften des Marktes« zu. Die Spekulationen von Nestlé (und den anderen Nah­rungsmittelkonzernen) auf die Preise von Arabica und Robusta ? Joehr hat nie davon gehört. Nein, er beharrt darauf : Es sind die objektiven Kräfte, die ohne unser Zu­tun die Märkte bestimmen. Die Menschen haben keinen Anteil daran. 


Doch Hans Joehr hat Mitgefühl für die Opfer und möchte ihnen helfen. Sein Vorschlag ist einleuchtend : Von den 25 Millionen Kaffee produzierenden Familien, die es heute auf der Welt gibt, müssen mindestens 10 Millionen »bereit sein zu verschwinden«. Es geht darum, das ist wohl klar, den Markt »zu sanieren«. Joehr empfiehlt den überschüssigen Männern und Frauen, zu »verschwinden«. Ja, zu verschwinden. (12)

Der Widerstand

In Äthiopien ist niemand Grundbesitzer. Traditionell hat man nur ein Nutzungsrecht. Die Mönche in ihren Fe­stungen hoch oben auf den Bergen und die weltlichen Priester – die gewöhnlich Familienväter sind und den lan­gen Stab mit dem kupfernen Kreuz tragen und den wei­ßen Turban – bilden hier keine Ausnahme. Sie bebauen ihr Grundstück unter derselben gnadenlosen Sonne und im selben ständigen Wind wie ihre Pfarrkinder. 


In manchen Regionen des Landes, insbesondere in Wollo und in Tigre, macht die Regierung heute einen schüchternen Schritt in Richtung einer Privatisierung der landwirtschaftlichen Nutzflächen : Sie organisiert unter dem Druck der Weltbank die »Zertifikation« der Grund­stücke, mit anderen Worten die Registrierung der Nutz­nießer. 


Die Weigerung der Regierung, den Privatbesitz ein­zuführen, ist von der Geschichte diktiert. Seit grauer
Vorzeit und bis zum Sturz des letzten Kaisers an einem Septembermorgen des Jahres 1974 hat Äthiopien unter einem grausamen Feudalregime gelebt. Die Aristokratie, vor allem amharischer Herkunft, war gemeinsam mit den Klöstern und den Bischöfen der beinahe alleinige Eigen­
tümer des Ackerlandes, der Wälder, der Flüsse und der Weideflächen. 

 

Die amharischen Ras (Fürsten), Herren und Äbte be­hielten je nach Region von der Ernte der Bauern bis zu zwei Drittel für ihren Handel und ihren persönlichen Verbrauch zurück.(13) Diese Abgaben ruinierten die Pro­duzenten, mochten sie auch den Feudalklassen die Mittel bereitstellen, eine bewundernswerte literarische, architek­tonische und bildnerische Kultur zu entwickeln. Im Kai­serreich waren praktisch alle Bauern Pächter. 


Die Erinnerung an den ländlichen Feudalismus und seine ungerechten Abgaben hat sich tief in das kollektive Gedächtnis gegraben. Die Revolution von 1974, die rasch von einer Militärclique unter der Führung von Oberst Haile Mariam Mengistu konfisziert wurde, berief sich auf den Marxismus und verstaatlichte den gesamten Grund­besitz. Die Volksfront für die Befreiung von Tigre, die im Mai 1991 im Norden von Addis-Abeba die letzten mengi­stutreuen Regimenter besiegte, hat den kollektiven Grund­besitz beibehalten.


Belay Ejigu ist Minister für Landwirtschaft. Ein dicker, jovialer Mann mit dröhnender Stimme. Seit über einer Stunde diskutieren wir bereits in aller Ruhe beim rituellen Kaffee über die vielen Probleme, mit denen die Landwirt­schaft in Äthiopien zu ringen hat. Zwei Mitarbeiter, Spe­zialisten für Agrarfragen, begleiten mich. Als ich das Pro­blem des privaten Grundbesitzes anschneide, richtet sich der Minister plötzlich in seinem Lehnsessel auf, schlägt mit der flachen Hand auf den niedrigen Tisch und ruft:
»Niemals ! Hören Sie ? Niemals werden wir das Land den Spekulanten überlassen !« Das Argument des Ministers ist stichhaltig : Für Bauern, die ständig am Rande der Hun­gersnot leben, wäre die Verlockung groß, ihren Flecken Land an den erstbesten Händler aus Somalia oder Jemen zu verkaufen …
82 % der Äthiopier leben in äußerster Armut.14 50 % der Kinder unter fünf Jahren leiden an Untergewicht (under­weight nach den Kriterien der UNICEF). Im Jahr 2003 waren 58 % der Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren auf Unterernährung zurückzuführen. Zwischen 1997 und 2000 stieg die Kindersterblichkeit um 25 %. Die Äthiopier haben den niedrigsten Kalorienverbrauch des gesamten afrikanischen Kontinents : 1750 im Durch­schnitt pro Erwachsenem pro Tag. Der Mangel an Jod, Ei­sen und Vitamin A hat verheerende Folgen.(15) 


69 % aller Äthiopier haben keinen ständigen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Auf dem Land steigt dieser An­teil auf 76 %. Ich habe gesehen, wie in Sidamo die Kin­der ohne jede Vorsichtsmaßnahme das braune stehende Wasser trinken, in dem die Rinder baden und in das die schwarzen Schweine urinieren. Auf den Hochebenen im Zentrum und im Norden legen Frauen und junge Mäd­chen täglich zehn Kilometer oder mehr bis zu einem Bach oder einem Brunnen zurück und schleppen dann die mit
Wasser gefüllten Eimer nach Hause.(16) 


Zwei Millionen Äthiopier sind mit dem AIDS-Virus in­fiziert, und das ist, bezogen auf die Gesamtbevölkerung, eine der höchsten Raten in der Welt nach Indien und Südafrika. Die durchschnittliche Lebenserwartung bei Männern und Frauen beträgt 45,7 Jahre. Nur 2,9 % der Bevölkerung erreichen das Alter von 65 Jahren. 40,3 % aller Äthiopier über 15 Jahre sind Analphabeten. Nur 12 % der Bevölkerung haben Zugang zu medizinischer Versorgung-
Mit ihrem wiegenden Gang, ihrem schlanken Körper, ihren glutschwarzen Augen sind viele Äthiopierinnen von umwerfender Schönheit. In fast allen Ethnien werden die Mädchen bereits am Beginn der Pubertät verheiratet. Der erste Geschlechtsverkehr findet oft unmittelbar nach dem
Einsetzen der ersten Monatsblutung statt. Das sehr junge Mädchen wird im Alter von 12, 14 oder 15 Jahren Mutter. Mit 25 hat sie schon zwischen 8 und 10 Kinder auf die Welt gebracht … 


Die äthiopische Frau wird dreifach ausgebeutet : im Haus, auf den Feldern und sexuell. Ein zwölfjähriges Mädchen, das zwangsverheiratet wird, wird natürlich nie eine vollständige Schulausbildung erhalten. Sie wird nie eine Adoleszenz erleben, die es ihr gestattet, ungehin­dert Freundschaften zu knüpfen, die Welt zu entdecken und eine autonome Persönlichkeit zu entwickeln. Von der Hütte des Vaters, in der sie gemeinsam mit der Mutter und den Schwestern die niedrigsten häuslichen Arbeiten verrichtet, wechselt sie direkt zur Fronarbeit über, die ihr von ihrem Ehemann aufgezwungen wird. 


Die UNICEF hat eine Untersuchung in den östlichen Regionen durchgeführt, dort, wo die aus Somalia stam­menden Clans leben : Die Infibulation verstümmelt dort mehr als 70 % der jungen Mädchen. In anderen Regionen dominiert die Exzision. Das größte und älteste Krankenhaus für Frauen und Kinder, die an Fisteln leiden, wurde vor mehr als dreißig Jahren von einer äthiopischen Ärztin unter Mithilfe bri­tischer Frauen aus Addis-Abeba gegründet. Es ist heute vorbildlich für den ganzen Kontinent, in dem Millionen Frauen an diesem Übel leiden. 


Die Fistel ist ein demütigendes und sehr schmerzhaftes Übel : Aufgrund der Enge der Vagina bei den schwange­ren Mädchen zwischen 12 und 14 Jahren reißt bei der Nie­derkunft das Fleisch zwischen Vagina und Rektum. Die Ausscheidung von Kot und Urin kann dann nicht mehr kontrolliert werden.
Die verheerenden Folgen der Diskriminierung der Frauen in sämtlichen Kulturen Äthiopiens sind auf den Straßen der großen Städte nicht zu übersehen : Laut UNI­CEF gibt es 60 000 verlassene Kinder allein in der Haupt­stadt. Und die Organisation schätzt die Zahl der Minder­jährigen, die im Land umherirren, auf mehr als 300 000. Betteln, AIDS, zahllose Missbräuche und ein früher Tod sind ihr Los.

Von überall strömen die Elenden in die Hauptstadt. Ad­dis-Abeba ist der Schauplatz aller Abarten des Elends, der zugleich faszinierende Spiegel eines ganzen Landes. Un­ermüdlich steigen Tag und Nacht die Prozessionen der Bettler in die Tiefe des Vulkans hinab. Lastwagen, die von weit her kommen, setzen Familien in Lumpen ab. Nie­mand kennt auch nur annähernd die Einwohnerzahl der Hauptstadt. Der Bürgermeister nannte im März 2004 die (wahrscheinliche) Zahl von 5 Millionen. 


Im Jahr 1892 hat sich der Kaiser Menelik II. im Dorf Ad­dis-Abeba tief unten im Krater eines erloschenen Vulkans niedergelassen. Bis dahin waren der kaiserliche Hof (aber auch die Königshöfe der verschiedenen im Reich vereinten Ethnien) Wanderhöfe gewesen. Unter den zahlreichen politischen, militärischen und ökonomischen Gründen für diese permanente Wanderung war einer besonders zwingend : Da jeder Hof aus tausenden Würdenträgern, Verwandten, Sol­daten und Schreibern bestand, wurde das Holz zum Heizen und Kochen bald knapp. Also galt es, weiterzuziehen.
Dank seiner ausländischen Berater hatte Menelik II. in Australien eine außerordentlich schnell wachsende Baum­sorte entdeckt : den Eukalyptusbaum. Er hatte die Samen importiert. Das Problem der raschen Aufforstung, der Er­neuerung des Holzes, das zum Bauen und zum Kochen der Nahrung benötigt wurde, war gelöst. So ist Addis-Abeba zur ständigen Hauptstadt geworden. 


Heute ist Addis-Abeba die letzte Zuflucht derjenigen, die mit dem Tod ringen. Ein Ozean von verrostetem Blech, eine endlose Abfolge von Elendsvierteln überzieht den Grund des Vulkans. Herden spindeldürrer Zebus strei­fen auf dem Gelände zwischen den Wellblechhütten und den fröhlich lärmenden Kindern umher. Zahllos sind dort die Bettler, die nicht die geringste Sozialhilfe mehr erhalten. Bis zum Skelett abgemagerte Frauen tragen stark dehydrierte Kinder auf den Armen,
Männer in Lumpen, mit ausgemergelten Gesichtern bevöl­kern die Bürgersteige der Hauptstadt. An den Verkehrs­ampeln stürzen sie sich auf die ausländischen Autos. Diese murmelnde und buntscheckige Menge füllt die drei weit­läufigen, mit Eukalyptusbäumen bestandenen Höfe rings um die drei großen Kathedralen, die Treppen, die zu ih­nen hinaufführen, und die Zufahrtsstraßen. Weder die Stadtverwaltung noch die Zentralregierung haben die Mittel, irgendetwas zu tun. Nur die Almosen
der Passanten werden eine Weile die Agonie des Bett­lers mildern. 


Heißwasserquellen sprudeln inmitten der äthiopischen Hauptstadt aus dem Boden. Sie werden von Rohren auf­gefangen, die zu einer öffentlichen Badeanstalt führen. Mit Ausnahme der Händler des mercato (eines riesigen Marktes auf einem Hügel, der seinen italienischen Namen beibehalten hat), der höheren Offiziere, der Beamten und der ausländischen Diplomaten sind alle Einwohner von Addis-Abeba ärmlich gekleidet und gehen barfuß oder in ausgetretenen Sandalen. Viele sind in Lumpen. Unter­ernährte, oft invalide oder blinde Greise schleppen sich auf ihren Stock gestützt dahin. Die Ankunft eines öffent­lichen Busses gleicht einem Wunder : Das wackelige Ge­fährt wird von der Menge, die oft schon stundenlang im Regen gewartet hat, sofort gestürmt. 


Auf dem Kamm der Berge, die bis zu 3000 Meter hoch den Krater umringen, wachsen Eukalyptusbäume. Wäh­rend der Regenzeit ist diese Region der zentralen Hoch­ebenen von traumhafter Schönheit : Düstere Wolken zie­hen über die Hügel und bilden einen Kontrast zum leuchtenden Glanz der Blumen und zur fetten ockerfarbenen Erde, aus der ein leichter Dunst hochsteigt. Die Luft ist mit den unterschiedlichsten Düften gefüllt. Beim ersten Donnergrollen und bei den ersten Blitzen, die einen be­vorstehenden Regenguss ankündigen, flüchten sich die Leute überstürzt und lachend in notdürftige Unterstände, gewöhnlich in eine der zahllosen Bordellkneipen, welche die Straßen säumen. 


Um 19 Uhr geht der Tag zur Neige. Langsam senkt sich die Dämmerung herab. Im Park der Kathedrale Sankt Ge­org erklingt eine Glocke. Die Menge der Bettler gerät in Bewegung und schlägt Wellen wie ein plötzlich vom Wind aufgewühltes Gewässer. Von ihren Kindern begleitet, er­heben sich die Bettler rasch und gehen über die monu­mentale Treppe auf das Portal zu. Unter den hohen Ge­wölben gleiten sie lautlos an den Säulen entlang. Aus tau­send Kehlen steigt ein Murmeln empor, das Gemurmel des Gebets. Die Äthiopier, so arm und bedürftig sie auch sein mögen, sind Menschen von großer Würde, von einem Schamgefühl und einer Diskretion, die beeindrucken. Ist die Andacht zu Ende – sie kann je nach Kirche zwei, drei Stunden dauern –, stellt sich eine Reihe von Priestern vor dem Hauptaltar auf.
Es sind alte Würdenträger mit dünnen Bärten, sie tra­gen Roben aus schwarzer Seide und mit Goldbrokat ge­schmückte Schuhe. Man sieht auch junge Diakone mit ein­dringlichem Blick. Die Glocke erklingt von Neuem : Die Priester heben das Doppelkreuz der Kopten bis auf Au­genhöhe. Sie strecken ihren rechten Arm in Hüfthöhe aus und halten der Menge das Kreuz in einer äußerst würde­vollen Geste entgegen. Kein Sterbenswort. Ihre Blicke ver­lieren sich oberhalb der Menge im Halbdunkel der Ka­thedrale. Einige Kerzen spenden flackerndes Licht. Die Menge zieht vorbei. Einer nach dem andern küsst das Kreuz. Auf der Höhe des letzten Priesters angelangt, legt er den Großteil der spärlichen Münzen, die er während des Tages erbettelt hat, auf ein Silbertablett. 


Es wird dunkel in der Kathedrale. Die Kerzen sind fast niedergebrannt. Mit schleppenden Schritten ziehen sich die letzten, die ältesten Bettler zurück. Wächter kom­men, sie schlagen mit ihren Nagelstöcken auf die Mar­morplatten, um die Nachzügler zur Eile anzutreiben. Das schwere Portal des Heiligtums fällt mit einem trockenen Geräusch ins Schloss. Dann wird es für die Nacht verrie­gelt. Draußen hat es wieder zu regnen begonnen. Greise, Waisenkinder, ganze Familien lagern sich zur Nachtruhe. Im Schlamm, im Nebel, in der Kälte. Scharen verdreckter Kinder in Lumpen gruppieren sich nahe der Einfriedungs­mauer und schlummern sanft ein. Manche werden noch in dieser Nacht sterben. 


Die Dürre und die anderen Klimakatastrophen, die Ero­sion der Böden und ihre Auslaugung sind natürliche Phä­nomene. Nicht die Hungersnöte! Warum die Hungers­nöte? Die äthiopische Landwirtschaft gehört zu den am wenigsten produktiven der Welt. Zwischen Addis-Abeba und Awassa habe ich sieben Stunden lang keinen einzigen Traktor erblickt. Moderne Technologie ist auf den Hochebenen so gut wie nicht vorhanden – und auch im Tief­land nicht. Die Pflüge haben oft noch eine Pflugschar aus Holz. Von zwei müden Ochsen gezogen, die sich die Bau­ern gegenseitig ausleihen, muss der Pflug fünf oder sechs Mal über den steinigen Boden fahren, um ihn zu wenden und für die Saat aufzubereiten. 


Düngemittel sind selten. Man müsste sie vom Staat zum Weltmarktpreis kaufen. Nur wenige Bauern haben die Mit­tel dafür. Die Böden sind sichtlich mehr und mehr ausge­laugt. Jede neue Dürre zerstört die dünne Humusschicht noch ein bisschen mehr …


Jean-Claude Esmieu, der energische Leiter der Mission der Europäischen Union in Addis-Abeba, erklärt mir : Die mei­sten Familien, die die schreckliche Hungersnot von 1984 er­lebten und überlebten, haben bis heute noch immer nicht das soziale, ökonomische Niveau und die Produktionska­pazitäten erreicht, die sie vor der Katastrophe hatten. Abgesehen von einigen Militärstraßen in Tigre und der
Asphaltachse von Addis-Abeba nach Awassa gibt es so gut wie keine Straßeninfrastruktur. Im nationalen Durch­schnitt liegen die Dörfer zehn Kilometer vom nächsten befahrbaren Weg entfernt. In zahlreichen Gebieten ist es schon eine Leistung, überhaupt bis zum nächstgelegenen Markt zu gelangen. 


Äthiopien ist der Wasserturm Ostafrikas. Abgesehen vom Blauen Nil haben zwölf größere Flüsse dort ihre Quellen. Im Jahr 2003 hatten Belay Ejigu und seine In­genieure sogar geplant, 4000 Hektar Land zu bewässern. Bloß ein Viertel davon, also 1000 Hektar, ist ihnen zu bewässern gelungen. Warum ? Weil es an Geld mangelte. Aber, muss man hinzufügen, auch deshalb, weil die Bau­ern die Wasserbecken, die Reservoirs und die Kanäle mit Misstrauen betrachteten. Die Tsetse-Fliegen setzen sich dort fest. »Die Kanäle bringen den Tod«, sagte mir ein Bauer aus Addigrat. 


Kurz, die äthiopische Subsistenzlandwirtschaft ermög­licht nur ein prekäres Leben. Nach den Zahlen von Jean-Claude Esmieu, der seit dreißig Jahren entschlossen und mit Geschick verschiedene Delegationen der Europäischen Union in Afrika leitet, waren im Jahr 2004 nahezu 50 % der äthiopischen Bauernhöfe nicht lebensfähig.


Und trotz all dieser Widrigkeiten ist die äthiopische Ge­sellschaft nicht am Boden. Die Entschlossenheit, der Über­lebenswille und die Würde, die so viele Bäuerinnen und Bauern, denen ich begegnet bin, unter Beweis stellen, ha­ben mich zutiefst beeindruckt. Welches Geheimnis steckt hinter dieser Ausdauer ? Ein dichtes Netz von Vereinen durchzieht die Gesell­schaft. Es gibt tausende jeglicher Art : Nachbarschaftsver­eine, deren Mitglieder sich zur berühmten Kaffeezere­monie zusammenfinden ; wirtschaftliche Beistandsvereine, die berufsständisch organisiert sind ; religiöse Vereine, die einem besonderen (christlichen oder muslimischen) Hei­ligen geweiht sind ; Jägervereine beim Stamm der Karos, die eher wie Geheimgesellschaften funktionieren ; Ver­eine von Bauern, die gemeinsam einen Brunnen betrei­ben ; gemeinnützige Vereine, die dafür sorgen, dass die öffentlichen Dienste (Müllabfuhr zum Beispiel) eines ke­bele (eines Stadtviertels) funktionieren, usw. 


Drei Arten von Vereinen sind ganz besonders wichtig : Man trifft sie so gut wie überall an : idir, iqub und deba. Idir ist ein Bestattungsverein. Im sozialen Leben und in der kollektiven Vorstellungswelt nimmt der Tod eine zentrale Stelle ein. Er wird sehr stark ritualisiert. Die Be­stattung ist ein großer Moment im sozialen Leben. Eine Familie, die einen Angehörigen verliert, ist gezwungen, die ganze nahe und ferne Verwandtschaft, die Nachbarn und die Arbeitskollegen des Verstorbenen zur Totenwa­che einzuladen, die sieben Tage dauert. Die gleiche Ze­remonie mit denselben Gästen findet vierzig Tage später und dann ein Jahr darauf noch einmal statt. 


Für die trauernde Familie bringt diese massive Anwe­senheit Trost und Stärkung. Die Menge ist andächtig und taktvoll. Sie umringt die Hinterbliebenen und spricht leise zu ihnen. Sieben Tage und sieben Nächte lang füllt ein ständiges, gedämpftes Gemurmel den Hof. Doch die Be­stattung ist teuer. Zwar sind die christlichen Gräber ge­wöhnlich von großer Schlichtheit. Auch die muslimischen.
Schwer belasten den Familienhaushalt jedoch die ausgie­bigen Trauermahlzeiten, zu denen man die Trostspender einladen muss. Idir fungiert somit als Vorsorgekasse für etwaige Todesfälle. Die Männer und Frauen zahlen von ihrer Jugend an und auch während ihres ganzen berufstä­tigen Lebens ein, um in der Lage zu sein, das für die Be­zahlung der Bestattungskosten erforderliche Geld zu er­halten, wenn ein Verwandter stirbt.
 

Im Jahr 2003 waren die Niederschläge beinahe normal gewesen, und das wirtschaftliche Leben hatte von neuem begonnen. Ich war selbst Zeuge zweier Trauerzeremonien, die Anfang März 2004 in der Region Gueralta abgehalten worden waren. Eine jede versammelte mehrere tausend Personen, und man nahm dabei Abschied von Verstor­benen, die in einem Fall seit zehn, im andern seit zwölf Jahren tot und begraben waren. Warum diese Verspätung ? Weil die Jahre zuvor Jahre großer Not und die Beitrags­zahlungen nicht in ausreichender Höhe eingegangen wa­ren. Die Kassen der idirs waren leer – und die Abschieds­zeremonien hatten nicht stattfinden können. 


Der iqub ist ein Vereinstyp, der die Rolle einer Bank spielt. In den ländlichen Gebieten gibt es keine Bank­institute im eigentlichen Sinne (weder Entwicklungsbank noch Landwirtschaftsbank, noch sonst irgendeine Einrich­tung für die Bauern), weshalb auf dem Land und in den kebele der Wucher gedeiht.
Der iqub ist im Grunde ein Netz von Kleinstkrediten. Man borgt bei ihm eine bescheidene Summe, um zwei, drei Hühner zu kaufen, einen Esel, Saatgut, Ziegel für das Haus … Die europäischen und amerikanischen Experten des UNDP (United Nations Development Program) kom­men aus dem Staunen nicht heraus.


Wann wird das äthiopische Volk endlich ein Recht auf ein bisschen Glück haben ? Solange die Auslandsschuld aufrechterhalten bleibt das gemeinsame Glück eine bittere Illusion.

Alem Tsehaye

Über die Hochebene von Tigre weht ständig der Wind.
Der Himmel ist durchsichtig. Weiße Wolken wandern am
Morgen langsam nach Westen auf die Wälder im Sudan
zu. Es ist heiß. Die Sonne ist eine graue Scheibe, ihr Licht
blendet. Wir sind am Ende der Trockenzeit, in den letz­
ten Februartagen des Jahres 2004.
Tigre liegt zwischen 2000 und 2500 Metern über dem
Meer. Soweit das Auge reicht, erstreckt sich ein stau­
breiches Land, das seit Jahrtausenden von Frauen und
Männern mit zarten Gesichtszügen, dunkelbraunen Au­
gen und schlanken, dunkelhäutigen Körpern bebaut wird.
Die Männer sind ausgemergelt und gewohnt, hart zu ar­
beiten.
In der Mitte des 4. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung
sind aus Alexandria kommende Mönche langsam den Nil
flussaufwärts gefahren. Sie haben den ersten Katarakt be­
zwungen, dann den zweiten, dritten und vierten und sind
so bis zum Tana-See und zur Quelle des Stroms gelangt.
Auf den Vorbergen von Gondar, im Amhara-Gebiet, und
auf den Hochebenen von Tigre haben sie das Evangelium
gepredigt. Fast zur gleichen Zeit sind andere Prediger ge­
kommen, die die südarabischen Sprachen beherrschten,
das Geez und das palästinensische Aramäisch. Sie waren
konvertierte Juden – Kaufleute und Seefahrer –, die mit
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den westlichen Küsten des Roten Meeres vertraut waren.
In manchen christlichen Gemeinden und Klöstern, die
der äthiopischen orthodoxen Kirche der Region Addigrat
gehören, kann man Aramäisch sprechen hören und auch
Zeremonien miterleben, die aus den alten jüdischen Ge­
meinden übernommen wurden.
Seit dem Fall der Militärdiktatur von Oberst Haile
Mengistu, der von seinen russischen Helfershelfern ge­
stützt wurde, und seit dem Einzug der siegreichen Gue­
rilleros der TPLF 1 in Addis-Abeba im Mai 1991 ist Äthi­
opien eine Föderation von neun Regionalstaaten. Jeder
Staat hat seine eigene Regierung, sein eigenes Parlament,
sein Budget, seine regionalen Gesetze und vor allem seine
eigene Bürokratie.
Von wenigen Ausnahmen abgesehen, decken sich die
Grenzen der Regionalstaaten mit den Grenzen der alten
Zivilisationen, Sprachen und Kulturen, die sich seit Jahr­
tausenden in Abessinien entfaltet haben. Das Staatsgebiet
umfasst mehr als eine Million Quadratkilometer. 71 Mil­
lionen Menschen leben hier.
Tigre ist der nördlichste Regionalstaat. Im Osten fallen
die Hochebenen steil ab in eine Art gigantischen Graben,
der Great African Rift genannt wird. Er zieht sich wie eine
braune Schramme praktisch durch ganz Ostafrika, von
den südlichen Gestaden des Roten Meeres bis zum Njas­
sa-See im fernen Malawi.
Die Danakil-Senke, die den ganzen Norden von Äthi­
opien nahe an der Grenze zu Eritrea säumt, ist eine der
ödesten Gegenden des Planeten. Sie liegt 100 Meter unter
166

 

 

dem Meeresspiegel. Verkohlte Baumstämme, Salzminen,
von der Hitze gespaltene Steine, spärliches dürres Gras,
da und dort die Lager von Nomaden, tagsüber ein blen­
dendes Licht, nachts eine beängstigende Finsternis, einige
Brunnen, wenige Oasen, zwölf Monate pro Jahr ein glü­
hend heißer Himmel. Niemals nennenswerte Regenfälle.
Durch diese Mondlandschaft zieht das Volk der Afar,
sie sind kamelzüchtende Nomaden und bedeutende Salz­
händler.
Gleich am Tag unserer Ankunft begegnen wir auf der
großen Straße, die von Mekele auf der Hochebene im Nor­
den Äthiopiens nach Addigrat führt, zwei Salzkarawanen.
Jede zählt zwischen 30 und 50 einhöckrige Kamele, jedes
von ihnen trägt ungefähr 100 Kilo Salz, das aus den mine­
ralisierten Seen von Danakil kommt und in dunkelgraue
Platten zersägt wurde. Sie gehen mit wiegendem Schritt
hintereinander über tausende Kilometer bis zu den Märk­
ten von Addis-Abeba und manchmal noch weiter südlich
bis ins Tiefland von Kaffa.
Junge Afar-Männer mit komplizierten Tätowierungen,
lachenden Augen und dürren Körpern laufen pfeifend an
der Karawane entlang. Mit einem langen Stock versuchen
sie die Kamele an den Rand der Fahrbahn zu drängen.
Die Mühe ist vergeblich ! Die großartigen Tiere mit ihrer
schweren Last bleiben ungerührt und ignorieren hoch­
mütig die Afar. Unser Geländewagen muss am Straßen­
rand halten. Die Kamelkarawane zieht in ihrem Jahrtau­
sende alten Trott an uns vorbei.
Die Region Tigre besteht hauptsächlich aus einer tro­
167

 

 

 

 

ckenen, felsigen und steil abfallenden Hochebene. Ganz
im Westen jedoch senkt sich das Hochplateau sanfter zu
den Bananenplantagen, den Maisfeldern und den subtro­
pischen Wäldern und Gärten hinab. Tigre grenzt hier an
den Sudan. Der Boden ist verschwenderisch fruchtbar. To­
maten, Zwiebeln, Sorgho und Yamswurzeln wachsen in
Hülle und Fülle. Überall findet man Obstbäume und vor
allem Orangenbäume. Die Mangobäume geben Früchte
von außergewöhnlicher Qualität. Die Regionalregierung
von Mekele versucht die Bauern und deren Familien an­
zuregen, von der überbevölkerten Hochebene in das Tief­
land nach Westen mit den subtropischen Plantagen zu zie­
hen. Nichts erscheint vernünftiger ! Zwei Jahre lang wer­
den die Behörden dem Einwanderer helfen, den Wald zu
roden, zu pflanzen und seine Hütte zu bauen. Während
dieser Zeit hat seine Familie so wie vorher das Nutzungs­
recht an ihrem ursprünglichen Besitz. Ist die Erfahrung im
Tiefland nach zwei Jahren positiv, geht der Bauer in das
Hochland zurück, um seine Familie zu holen. Scheitert der
Versuch der Niederlassung, so kehrt der Bauer endgültig
nach Hause zurück, und das Abenteuer ist beendet.
Es gibt allerdings einen Haken : Ein uralter Fluch liegt
auf den Völkern von Tigre. In den subtropischen west­
lichen Gebieten wüten die Seuchen. Trotz aller Vorbeuge­
maßnahmen vonseiten der Behörden dezimieren die Ma­
laria, die Bilharziose und das Gelbfieber die Bauern. Ein
Krankheitserreger namens Trypanosoma ist besonders ge­
fährlich. Er wird von der Tsetse-Fliege übertragen. Er ni­
stet sich im Gehirn ein und verursacht den Tod.
168

 

 

Doch der Lebenswille der Tigreer ist so stark, dass im­
mer mehr Familien trotz all dieser extremen Widrigkeiten
ihre Steinhäuser verlassen und nach Westen ziehen.
Auf der felsigen Hochebene von Zentral-Tigre stehen
zahlreiche in den Stein gehauene Felskirchen. Allein im
Distrikt Gueralta findet man hundertzwanzig solcher Kir­
chen. Wir besichtigen eine, die »Abreha und Atsebha«
genannt wird oder auch »Debra Negast« (»Kirche der
Könige«). Sie ist nach zwei Brüdern benannt, die zu Be­
ginn des 4. Jahrhunderts gemeinsam über den blühenden
und mächtigen kosmopolitischen Staat Aksum geherrscht
hatten.
Die Landschaft ist unsagbar schön. Am Fuß der roten
Sandsteinklippe liegt das ganz aus Steinen errichtete Dorf
und dämmert im Schatten riesiger Sykomoren vor sich
hin. Bergspitzen mit eigenwilligen Formen verdecken den
Blick auf den Horizont. Eine riesige Treppe aus rotem
Granit mit verwitterten Stufen führt hinauf zum befe­
stigten Portal und zu der Höhle, die ins Felsinnere ge­
schlagen wurde. Unter dem hohen Gewölbe stehen drei
Altäre, die den Erzengeln Gabriel und Michael sowie der
Jungfrau Maria geweiht sind. Das Gewölbe ruht auf vom
Kerzenruß geschwärzten Säulen, die direkt aus dem Fel­
sen gehauen sind.
Alem Tsehaye Adane, eine Kriegswitwe um die fünfzig 2,
lebt einige hundert Meter vom Wehrportal entfernt. Ihr
Mann, Simon Neguesse, ein junger Kämpfer der Volks­
front für die Befreiung von Tigre, ist in einem Schützen­
graben im Westen irgendwann Ende der achtziger Jahre
169

 

 

 

 

 

verkohlt, ein russischer Antonow-Bomber hatte Napalm
abgeworfen.
Die Frau ist mager und hält sich kerzengerade. Sie trägt
ein graues Baumwollkleid, Sandalen und einen bunten
Stoffgürtel. Dunkelblaue Tätowierungen laufen in zarten
Linien über ihre Stirn, die Umrisse ihrer Augen und ihre
Handrücken. Sie ist selbstsicher, lacht gern und hat ein re­
ges, waches Auftreten. Sie empfängt uns im zweiten Hof
ihres Steinhauses. Die Felswand rechts von der riesigen
Treppe schützt einige Bananenstauden, den Brunnen und
den Hühnerstall vor dem ständig wehenden Wind und
dem Sand, den er mitwirbelt.
Warum im zweiten Hof ? Weil hier das steht, worauf
Alem Tsehaye so stolz ist : die Latrine !
Gleich nach unserer Ankunft in Mekele sehr früh am
Morgen mit der Fokker der Ethiopian Airlines von Addis-
Abeba haben uns Abadi Zemu Gebru, der Vizepräsident
der Regionalregierung von Tigre, und Teklewoini Asefa,
der verantwortliche Direktor der REST (Relief Society of
Tigray – Hilfsgesellschaft von Tigre), in die Geländewagen
bugsiert. Auf holprigen Pisten sind wir Richtung Osten
gefahren, zu den roten Felsklippen von Gueralta.
Ich bin im Rahmen einer UNO-Mission hier. Es ist
durchaus legitim, dass die Regionalregierung und REST
mich zunächst einmal mit vorbildlichen Bürgern zusam­
menbringen wollen. Und nun bin ich bei Alem Tsehaye
Adane.
REST wurde 1978, ganz am Anfang des Aufstands, in der
Absicht gegründet, sich um die verstümmelten Guerilla­
170

 

 

kämpfer und um die Versorgung der befreiten Dörfer zu
kümmern. Die Organisation musste auch den Transport
der Schwerverletzten nach Kassala (im Sudan) und so­
gar bis nach Port Sudan am Roten Meer organisieren, wo
dank Solidaritätsspenden aus Europa schwedische, nor­
wegische, französische, italienische und Schweizer Ärzte
rund um die Uhr von Schrapnellen verletzte, von Spreng-
geschossen durchlöcherte und von Napalm verbrannte
Körper operierten : die der jungen Kämpfer und Kämp­
ferinnen der Befreiungsfront. Die Chirurgen behandel­
ten auch die Frauen und Kinder aus den Dörfern, die von
den Antonow-Bombern in Brand gesteckt worden waren.
REST ist heute die wichtigste, staatlich geförderte Hilfs­
gesellschaft in Tigre. Sie hat den Einbau der Latrine im
Hof von Alem Tsehaye finanziert.
Abadi Zemu Gebru und Teklewoini Asefa sitzen hier
im Hof : Sie sind wie durch ein Wunder davongekommen.
Sie sind über sechzig und dennoch beide von erstaun­
licher Geschmeidigkeit und Regheit. Sie zählen zu den
wenigen überlebenden Gründern der Befreiungsfront. Sie
haben den Dschungel im Sudan erlebt, die lange Periode
des Kräftesammelns, dann die endlosen Märsche über die
Berge und schließlich die schrecklichen Straßenkämpfe in
den Städten der Hochebene.
Abadi Zemu Gebru trägt die dicken Brillengläser eines
Kurzsichtigen. Ein Kranz von weißen Haaren säumt sei­
nen kahlen Schädel. Der rechte Ärmel seiner Jacke ist
leer. Er flattert in der leichten Brise. Vor zwanzig Jahren
hat ihm der Splitter einer russischen Granate die Schulter
171

 

 

 

 

 

zerfetzt. Wundbrand drohte. Sein Freund Teldewoini hat
mithilfe eines anderen Kameraden ein Messer über dem
Holzfeuer geschärft. Er hat die Fleischfetzen weggeschnit­
ten, die verbleibenden Muskeln und Sehnen durchtrennt,
den Knochen sektioniert und den Arm in Schulterhöhe
amputiert, Ohne Narkose.
Die Bewohner von Tigre bilden nur 7 % der Gesamtbe­
völkerung Äthiopiens. Sie jedoch waren es, die 1991 den
Tyrannen gestürzt haben. Sie dominieren auch heute noch
so gut wie alle Machtstrukturen. Wie stellen sie das an?
Der ehemalige Generalsekretär der TPLF, Meles Zena­
oui, ist der Premierminister von Äthopien. In den Regie­
rungen der neun Regionalstaaten, welche die äthiopische
Föderation bilden, fungieren die Tigreer entweder als Mi­
nister oder häufiger noch als geheime Berater im Hinter­
grund. Auf Bundesebene hat die TPLF seit 1991 und si­
cherlich noch für lange Zeit die Schlüsselposten inne : Sie
stellt den Premierminister, den Außenminister, den Vize-
Premier, zuständig für die ökonomische Entwicklung, die
Kommandanten der wichtigsten Einheiten der Streitkräfte
und die Chefs der Sicherheitsdienste.
Abadi Zemu Gebru ist ein angenehmer, reger, anspruchs­
loser Reisegefährte, der auch humorvoll und selbstironisch
sein kann. Er ist Marxist, aber auch tief geprägt von der
Jahrtausende alten egalitären und antihierarchischen Kul­
tur der Hochebenen. Er nimmt kein Blatt vor den Mund.
»Meles ? Haben Sie ihn getroffen ? … Noch nicht ? Nicht
notwendig ! Wir alle hier sind Meles, ich bin auch ein Me­
les.3« Und er bricht in schallendes Gelächter aus …
172

 

 

 

 

Ein ganzer Schwarm lachender Kinder und neugieriger
Halbwüchsiger mit ernsten, forschenden Blicken füllt den
Hof. Ein ganz kleiner Junge in einem zu kurzen Trikot
und mit bloßem Hintern wiegt sich stolz in den Armen
von Alem Tsehaye. Die Witwe hat sechs Kinder, sie sind
zwischen 18 und 25, und drei Enkelkinder, darunter den
kleinen fröhlichen Kerl, den sie in den Armen trägt. Ihre
Namen (vom Jüngsten bis zum Ältesten) zeugen alle da­
von, welchen Einfluss die Priester der Kirche Debra Ne-
gast, die das Dorf überragt, auf die Familie ausüben : Ge­
bremariam, Amanuel, Shenun Negesse, Yoseph, Tsiduk,
Zasbia, Kushed.
Die Latrine ist offensichtlich noch nie verwendet wor­
den. Sie besteht aus einer mit Löchern versehenen und
mit Beton eingefassten Plattform über einer Klärgrube.
Sie zeugt als majestätisches Monument davon, dass die
Familie der von der REST beschlossenen Entwicklungs­
strategie anhängt.
In dem nie aufhörenden Wind beantwortet Alem
Tsehaye bereitwillig unsere Fragen. Ich begreife, warum
uns die zwei alten Kämpfer, die zu Mitgliedern des Zen­
tralkomitees der Front und zu Führungskräften des Regi­
onalstaates geworden sind, uns zuallererst in diesen Hof
unter die riesige Sykomore geführt haben. 2004 gilt als
ein Jahr mit »guten Ernten«. Was in Tigre bedeutet, dass
von den 4,9 Millionen Einwohnern des Regionalstaates
nur 1 Million von der internationalen Ernährungshilfe,
die aus dem Hafen Dschibuti eintrifft, abhängig ist. Alem
Tsehaye ernährt ihre ganze Familie. Unter den 82 Familien
173


des Dorfes – von denen zwölf in der Verantwortung al­
lein stehender Frauen sind – ist ihre sicherlich die wohl­
habendste … wenn man es wagte, dieses Wort auszuspre­
chen, das hier auf den windigen Hochebenen von Tigre
völlig fehl am Platz scheint.
Gemessen an den Katastrophen, die Äthiopien seit
Jahrhunderten heimsuchen, gilt 2004 also als ein »gutes«
Jahr. Insgesamt verdanken nur 7,2 Millionen Menschen
im ganzen Land ihr Überleben der internationalen Er­
nährungshilfe.
Dabei liegt Äthiopien bekanntlich in der Zone der
Monsune. Und diese Monsune kommen zunehmend un­
regelmäßiger. Die Hungersnöte häufen sich : Sie folgen im­
mer rascher aufeinander.
1973 sind fast zwei Millionen Menschen auf den Hoch­
ebenen verhungert und verdurstet. 1984 belief sich die
Zahl der Opfer immer noch auf hunderttausende. Seither
wurden die Vorwarnmechanismen verbessert. In der Rue
de Lausanne in Genf prognostiziert eine kaum bekannte,
aber interessante Organisation die Orkane, die Dürrepe­
rioden und die Stürme : die Weltmeteorologieorganisa­
tion (WMO). Ihre Satelliten gehören der UNO. Ihr ist es
zu verdanken, dass die Reaktion vor Ort heute wirksamer
und schneller ist als 1973 oder 1984.
Jedenfalls ist der Beobachter in diesem Februar des
Jahres 2004 mit einer absurden Situation konfrontiert. In
achtzehn Produktionszonen des Landes ist die Getreide­
produktion überschüssig. Hunderttausende Tonnen Tef
(eine Getreideart), Mais und Weizen verfaulen, weil es an
174

 

 

 

Transportmitteln und geeigneten Straßen mangelt. Über­
dies ist das Preisgefüge, das weitgehend von der Speku­
lation der Händler bestimmt wird, völlig pervertiert. Die
Produktionskosten für eine Tonne Mais belaufen sich im
Durchschnitt auf 70 Dollar. Zu dem Zeitpunkt, an dem
ich durch die Region fahre, erhalten die Bauern im Durch­
schnitt 23 Dollar für eine Tonne. Das Welternährungspro­
gramm (WFP) finanziert den Transport von einer Tonne
Mais vom Hafen Dschibuti bis zum Verteilungsort in Höhe
von 140 Dollar pro Tonne. Um die 7,2 Millionen Personen
zu ernähren, die hungern und ein ganzes Jahr lang von
Ressourcen abgeschnitten sind, wären 900 000 Tonnen
erforderlich.
Am 15. März 2004 hat das WFP einen dringlichen in­
ternationalen Appell veröffentlicht und die Staatengemein­
schaft aufgefordert, 100 Millionen Dollar bereitzustellen,
um in Äthiopien selbst 300 000 Tonnen Sorgho, Weizen
und Mais aufkaufen zu können.
Der Appell ist praktisch ungehört verhallt.4 Zehntau­
sende Tonnen Sorgho, Mais und Weizen aus Äthiopien
sind also weiterhin in der Sonne verrottet, und das nur
wenige hundert Kilometer von den Dörfern entfernt, in
denen die Hungerleidenden mit dem Tod rangen.

Von Norden bis Süden, von Osten bis Westen wird das
weite Äthiopien immer wieder von Malaria, Tuberkulose,
Typhus und Gelbfieber heimgesucht.
Die Tabletten gegen Malaria werden von den »Entwick­
lungsagenten«, den örtlichen Beamten der Regionalregie­
175

 

rungen, in ungenügender Menge verteilt. Die Tuberku­
lose ist eine Auswirkung der Unterernährung. Die Ver­
breitung von Typhus erklärt sich aus der Verschmutzung
der Flüsse, aus der Infizierung der Tümpel, an denen so­
wohl das Vieh seinen Durst stillt als auch diejenigen Men­
schen, die keine Brunnen haben.
Praktisch jeden Hof des Dorfes hat die Malaria heim­
gesucht. Außer bei Alem. Mit glänzenden Augen sagt sie
zu mir : »Ich habe niemanden verloren … kein einziges
Kind.« Der Kleine in ihren Armen strampelt fröhlich.
Im Februar beginnt die Fastenzeit, auf die das ortho­
doxe Osterfest folgt. Dieses prächtige Fest ist das wichtigste
im Jahreszyklus der Christen in Äthiopien. Die Hälfte der
Bevölkerung besteht aus orthodoxen Christen, die an­
dere aus Muslimen. Die Bauern halten die Fastenzeit ein.
Was in einem Gebiet, in dem chronische Unterernährung
herrscht, wirklich ein Paradox ist. In den Ortschaften, in
denen wir Halt machen, bieten die kleinen Restaurants
regelmäßig zwei Menüs an – das übliche (es besteht aus
einem Teffladen mit Fleischsauce, Huhn oder Eiern) und
das andere, das in fetteren Buchstaben auf die moralische
Verpflichtung hinweist, und Fasten-food (Fastenessen) ge­
nannt wird. Das Fastenessen schließt jedes tierische Pro­
dukt aus. Fast alle Tigreer, die wir auf den Matten dieser
Restaurants trafen, wählten das zweite Menü.
Äthiopien lebt nach dem Mondkalender. Im Jahr 2004
dauerte die Fastenzeit 55 Tage vom 16. Februar bis zum
14. April.
Während der Fastenzeit werden in bunten Farben be­
176


malte – gelbe, grüne, rote – Metalldosen auf Dreifüßen an
den Wegkreuzungen aufgestellt. Diese Dosen sind ein Si­
gnal für die Christen, sollen Besorgnis über ihr ungewisses
Seelenheil wecken und sie zu Fastenspenden anregen.
Wieviel Birrs 5 spendet Alem ? Sie weigert sich zu ant­
worten. Doch an ihrem Lächeln kann ich ablesen, dass
sie die List der Geistlichen durchschaut hat.
26. Februar 2004 : Am Eingang der Universität von Ad­
dis-Abeba werden alle Besucher gründlich durchsucht.
Wegen der »terroristischen Bedrohung«. Ich kaufe den
Ethiopian Herald. Eine Nachricht auf der ersten Seite sticht
mir ins Auge. Von diesem Tag an wird das WFP die in
den Flüchtlingslagern auf äthiopischem Boden verteilten
Tagesrationen um 30 % kürzen. 126 000 Flüchtlinge aus
dem Sudan, aus Eritrea und Somalia vegetieren dort vor
sich hin. Die neue Tagesration wird sich auf 1500 Kalo­
rien pro Person belaufen. Das ist eine Ration, die unter­
halb der Schwelle liegt, die von der UNO als Existenzmi­
nimum eingestuft wird.6
Es versteht sich von selbst, dass die neuen Normen, die
in den Lagern zur Anwendung kommen, bald auf die ge­
samte von der UNO in Äthiopien durchgeführte Ernäh­
rungshilfe ausgedehnt werden wird.
Wie lässt sich diese brutale Kürzung erklären ? Das WFP
hat im Februar 2004 einen neuen Spendenaufruf getätigt :
Von den erforderlichen 142 Millionen Dollar konnten nur
37 Millionen aufgebracht werden. Die Antwort der wich­
tigsten westlichen Staaten : Wir müssen unserer Sicherheits­
politik gegen den Terrorismus den Vorrang einräumen.
177


Das obsessive Sicherheitsdenken, das durch den »Krieg
gegen den Terrorismus« ausgelöst wurde, lenkt die mei­
sten Mitgliedsstaaten der UNO vom Kampf gegen das
Elend ab. Das Geld wird knapp. Mangels finanzieller Mit­
tel kann die UNO den Hunger in Äthiopien nicht mehr
zurückdrängen.

 

 

 

 

2

Die grüne Hungersnot

Nahezu alle neun Regionalstaaten Äthiopiens sind eth­
nisch homogen : Jeweils ein Volk (abgesehen von sehr klei­
nen Minderheiten) lebt in jedem von ihnen. Ein einziger
Staat bildet eine Ausnahme : die SNNPR (Southern Nations,
Nationalities and Peoples Region). Sie umfasst fünfundvier­
zig Ethnien, von denen die fünf größten ungefähr gleich
groß sind.
Dieser Staat liegt ganz im Süden der Föderation, in den
fruchtbaren Gebieten mit subtropischem Klima an den
Grenzen zu Kenia und zum Sudan. Er umfasst mehr als
100 000 Quadratkilometer und hat 14 Millionen Einwoh­
ner. Seine Hauptstadt ist Awassa, eine Wellblechsiedlung
mit einigen Betongebäuden. In einem nahen, von weiß
blühenden Baumwollfeldern umstandenen See spiegelt
sich eine nagelneue, grün gestrichene Moschee, ein Ge­
schenk der Wahhabiten aus Saudi-Arabien …
Es ist schwül. Donnergrollen ist zu vernehmen. Der Ge­
ruch von gegrilltem Mais hängt in der Luft. Am Straßenrand
versuchen Frauen, Säcke mit Holzkohle zu verkaufen.
Im Süden ist die Polygamie verbreitet.
Im Herzen des Regionalstaats SNNPR, rings um Awassa
und den See, erstreckt sich das Land der Sidamos. Die Sida­
mos, ein Volk von Kaffeebauern, zählen ungefähr 3,5 Mil­
lionen Seelen. Dieses Land ist erstaunlich fruchtbar.
179


Bjorn Ljungqvist ist ein starrköp

 

 

 

 

figer Lutheraner. Er
ist mittelgroß, massig, hat schalkhafte Augen, viel Hu­
mor, eine graue Mähne, einen wachen Blick und Unmen­
gen Energie. Er ist einer dieser Skandinavier, die ihr Le­
ben dem Kampf gegen die Vernichtung der Kinder ge­
widmet haben. Seine aus Tansania stammende Frau, von
Beruf Ärztin, hat ihm drei Kinder geschenkt. Ljungqvist
hat Afrika seit dreißig Jahren praktisch nie mehr verlas­
sen. Er ist heute nationaler Koordinator der UNICEF für
Äthiopien.
Mit seinen 53 Jahren hat er eine außerordentliche Er­
fahrung angesammelt. Doch es ist nutzlos, ihn in eine
politische Diskussion zu verwickeln. Er schert sich nicht
darum. Auf einem meiner Flüge in einer der zwei Fok­
ker der Ethiopian Airlines fragte ich ihn inmitten heftiger
Turbulenzen : »Wie siehst du die Welt ? Wohin geht Äthi­
opien ? Woher kommt deine Entschlossenheit ?« Das Flug­
zeug schwankte beunruhigend, und ich muss gestehen, ich
starb fast vor Angst. Bjorn hingegen war ruhig wie ein
Fels. Und offenkundig waren ihm meine Fragen ebenso
ein Rätsel wie die Angst, die ich empfand. »Meine Mo­
tivation ? Meine Eltern haben mir in frühester Kindheit
beigebracht, was richtig ist und was man nicht dulden
darf …. Man muss die Menschen respektieren.« Die Ant­
wort erschien mir etwas kurz, aber ich fragte nicht wei­
ter. Plötzlich blickte mir Bjorn in die Augen : »You have
to help these kids … don’t you ?«
Natürlich, Genosse Bjorn !
Bjorn Ljungqvist war es auch, der im Juni 2003 das Er­
180

 

nährungszentrum Yirga Alem im Distrikt Dale der Region
Sidamo einrichtete. An einem schönen Februarmorgen
des Jahres 2004 stehe ich vor der vergitterten Tür dieses
Zentrums. Im Vorjahr sind mehrere Dutzend dieser Zen­
tren geschlossen worden.
Männer und Frauen sitzen im Staub mit ineinander ver­
schränkten Beinen, der traditionellen Haltung der Leute
im Süden. Die Hitze ist erdrückend. Hunde streunen zwi­
schen ihnen umher. Jede Frau, jeder Mann trägt in sei­
nen Armen ein kleines Kind am Rande der Auslöschung.
Fliegen machen sich über die müden Augen der bis zum
Skelett abgemagerten Kinder her. Die Erwachsenen ver­
scheuchen sie mit einer matten Handbewegung.
Kinder mit Armen und Beinen, die dünn sind wie
Streichhölzer. Fiebrige Augen. Manche sind in Lumpen
gehüllt. Mitunter dringt ein Röcheln aus diesen Fetzen-
bündeln.
Flamboyants, Akazien und Eukalyptusbäume werfen
Schatten auf den glühend heißen Platz. Doktor Endale
Negessau ist der Verantwortliche des Zentrums. In regel­
mäßigen Abständen öffnet Etaferahu Alemayehul, eine
schöne, dunkelhäutige Frau, seine Oberkrankenschwester,
das Gitter. Eine weitere Familie wird zum Eintritt aufge­
fordert. In drei großen Zelten hat man Feldbetten aufge­
stellt und Matten ausgelegt.
Marta Shallama, sie ist 30, hat drei schwer unterernährte
Kinder und ein gesundes Kind. Sie hocken alle zusammen
um ein Bett im ersten Zelt. Ihre Namen : Belynesh Kay­
emo, Kafita Kayemo, Mamush und Mengheshe.
181

 

 

 

 

Bis auf das gesunde Kind erhalten sie alle zweimal täg­
lich eine Schüssel »therapeutische Milch«. Dieses Getränk
ist von Bjorn und seinen Kollegen entwickelt worden. Es
enthält Proteine, Lipide, Vitamine (A, D, E, C, B1, B2) und
Niazin, aber auch einen Cocktail von Mineralsalzen.
Die Basis bildet Magermilchpulver. Diese Notnahrung
wird in Aluminiumbeuteln transportiert. Sie trägt den wis­
senschaftlichen Namen »therapeutische Milch F-1000 B-0­
Nutriset«. Sie wird mit gekochtem Wasser angesetzt. Mit
zwei Litern Wasser erhält man 2,4 Liter »Therapeutische
Milch«. Der Inhalt des Beutels muss spätestens drei Stun­
den nach Öffnung verzehrt werden.
Kinder, die am Verhungern sind, wieder ins Leben zu­
rückzuholen, ist ein komplexer Vorgang : Eine ständige
medizinische Überwachung ist unerlässlich. Oft kom­
men die Kinder mit Abszessen im Mund ins Zentrum,
mit schweren Atemkrankheiten oder bereits im Koma.
Dann ist die Einnahme über den Mund unmöglich, und
man injiziert ihnen zunächst ein Stärkungsmittel auf Vi­
taminbasis.
Sobald sie ins Leben zurückgekehrt sind und nach­
dem sie das Zentrum verlassen haben, erhalten diese Kin­
der noch eine Zeit lang medizinische Nahrung. Aber da­
nach ?
Die UNICEF empfiehlt, überall und immer die Kinder
zu stillen. Aber im tropischen Tiefland von Sidamo haben
die meisten Frauen, die an der Hungersnot leiden, Brü­
ste, die trocken sind wie Kieselsteine. Sie sind selbst an­
dauernd schwer unterernährt und außerstande, die Milch
182

 

 

 

 

zu produzieren, die für die Ernährung ihrer Kinder er­
forderlich ist.
Um den Krankenpflegern und Krankenschwestern, den
Sanitätern und den (oft aus Kuba kommenden) Ärzten
zu helfen, die aus dem Ernährungszentrum entlassenen
Kinder am Leben zu erhalten, haben Bjorn Ljungqvist
und seine Kollegen ein Handbuch verfasst. Sein Titel :
The Management of Severe, Acute Malnutrition, a Manual
for Ethio pia. Es enthält auf 160 Seiten eine Menge Abbil­
dungen und zahlreiche praktische Ratschläge, wie die Beu­
tel zu lagern sind, das Gewicht der Babys zu kontrollieren,
die häusliche Hygiene zu gewährleisten ist, wie die wich­
tigsten, durch Unterernährung bedingten Krankheiten zu
bekämpfen sind, der Wasserverlust bei Durchfall, Hypo­
glykämie usw. Dieses Handbuch ist in die wichtigsten lo­
kalen Sprachen übersetzt worden. Doch seine Verbrei­
tung stößt auf ein gewichtiges Problem : Nur wenige Müt­
ter können lesen.
Die Familien bleiben im Durchschnitt acht Tage im
Zentrum. Die Kinder, die an schweren Krankheiten lei­
den (Tuberkulose usw.), bleiben natürlich länger.
Die drei Zelte entsprechen den drei Phasen der Be­
handlung. Die Kinder und die Erwachsenen wechseln von
einem ins andere und erhalten darin eine Versorgung, die
ihnen erlaubt, den Ort am Ende des Zyklus mit einem wie­
derhergestellten Organismus und Stoffwechsel zu verlas­
sen. Die von Ljungqvist und seinen Kollegen entwickelte
therapeutische Nahrung hat richtiggehende Wunder ge­
wirkt : Seit Juni 2003 sind in Yirga Alem hunderte Kinder
183

 

 

 

und Erwachsene aufgenommen worden. Nur 10 % von ih­
nen konnten nicht gerettet werden.
Im Zelt Nr. 3 sind die Patienten untergebracht, die kurz
vor der Entlassung stehen. Wenn sie das Zentrum verlas­
sen, erhalten sie Beutel mit therapeutischem Milchpulver,
mit denen sie über die ersten Wochen hinwegkommen.
Dann gibt ihnen die Dienst habende Krankenschwester
letzte Ratschläge.
Etaferahu, die Krankenschwester mit dem strahlenden
Lächeln, kämpft gegen ein nie endendes Übel : Die Müt­
ter kommen zu oft mit denselben, erneut schwer unter­
ernährten Kindern ins Zentrum zurück. Die Kranken­
schwester fragt dann : »Warum haben Sie den Kindern
nicht regelmäßig die Milch gegeben, wie wir es Ihnen ge­
sagt haben ?« Die Frau antwortet verlegen : »Ich habe die
Beutel meinem Mann gegeben.« Sie weiß, dass die Kran­
kenschwester sie schelten wird. Deshalb fügt sie im sel­
ben Atemzug hinzu : »Gott wird mir noch andere Kinder
schenken … aber ich habe nur einen Mann.«
Bjorn ist es auch, der mit einem treffenden Ausdruck
die absurde Situation bezeichnet, in der sich Marta Shal­
lama, ihre Kinder und tausende andere Bauernfamilien in
Sidamo befinden. Sie alle sind Opfer der »grünen Hun­
gersnot«, sagt er.
Rings um die Zelte des Ernährungszentrums Yirga
Alem zeigt sich eine verschwenderische Natur. Die roten
und blauen Blüten der Bougainvilleen leuchten durch das
dichte Astwerk der Ignes. Auch die Blätter der Akazien
sind leuchtend grün. Nirgends eine Spur von Trockenheit.
184

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Boden ist rot und fett. Wildes Gras wächst in Men­
schenhöhe. Die Wegränder sind von blühenden Büschen,
Orangenbäumen und Bananenstauden gesäumt. Nur we­
nige hundert Meter vom Zentrum Yirga Alem entfernt
strömt ein Fluss mit dunkelbraunem Wasser. Seine Kraft
ist so groß, dass er ganze Erdbrocken und Sträucher mit­
reißt. Auf den Märkten ringsum – und bis hinauf nach
Ziwy und Hosanne viel weiter im Norden – sind die
Stände voll von Yamswurzeln, Sorgho, Bohnen, Linsen
und Feigen.
In der ersten Nacht nach unserer Ankunft sind sogar
ein paar Regentropfen auf unsere Zelte gefallen.
Warum also die Hungersnot, die an Leib und Seele zeh­
rende Unterernährung in Sidamo ?
Die Antwort lässt sich in wenigen Worten geben : Die
Ursache ist der katastrophale und brutale Zusammenbruch
des Kaffeepreises auf dem Weltmarkt.
Die Region Kaffa, die an die Region Sidamo grenzt,
liegt in den subtropischen Gebieten des Südwestens und
ist die Wiege des Kaffees. Übrigens hat diese Region den
braunen Bohnen den Namen gegeben (außer in Äthio­
pien, wo der Kaffee buna heißt …).
Der Kaffee spielt seit grauer Vorzeit im gesellschaftlichen
Leben der abessinischen Völker eine äußerst wichtige Rolle :
Die »Kaffeezeremonie« wird in fast allen Häusern abgehal­
ten. Sie ist in erster Linie ein Empfangs- und Gastfreund­
schaftsritual. Und außerdem hat sie auch noch die Funk­
tion eines Exorzismus, sie vertreibt die bösen Geister : Die
»Kaffeezeremonie« schützt das Haus vor Missgeschick.
185


Die Hausherrin zerstampft die Bohnen und röstet sie

 

 

 

 

 

 

dann auf einem kleinen Metalluntersatz. In wohlhabenden
Häusern ist er aus Silber, in den anderen aus Eisen. Er
steht auf Füßen über der Glut. Weihrauch wird unter die
Glut gemischt. Der Raum füllt sich rasch mit einem an­
genehmen Duft … Der Kaffee wird dann ein eine irdene
Karaffe gegossen. Man lässt ihn dreimal ziehen. Schließ­
lich wird er in kleinen Tassen serviert, von denen die er­
ste dem fremden Gast gereicht wird.
Die Zeremonie wird feierlich in der Stille durchgeführt,
die Gesten sind von diskreter Eleganz. Der Gast muss
drei Tassen nacheinander trinken. So will es die Tradition.
Wird sie verletzt, kommt Unglück über den Gast und seine
Familie, aber auch über das Haus des Gastgebers.

Kaffee ist das wichtigste Exportprodukt der Äthiopier. Ne­
ben Fellen, Leder und verschiedenen Zitrusfrüchten ist er
das einzige Gut, an das Äthiopien die Hoffnung auf nen­
nenswerte Devisen knüpfen kann. Deshalb nennt man ihn
hier gern das »braune Gold«. Seit dem Jahr 2000 ist die Si­
tuation des Kaffees auf den Weltmärkten jedoch katastro­
phal : Die Einkaufspreise beim Produzenten sind buchstäb­
lich zusammengebrochen. Im März 2004 haben sie den
tiefsten Stand seit hundert Jahren erreicht.
Wenn man weiß, dass in Äthiopien mehr als 95 % der
Kaffeebohnen von Kleinbauern erzeugt werden, die mit
ihren Angehörigen arbeiten, so kann man sich die Konse­
quenzen vorstellen. Oxfam7 hat berechnet, dass der Kauf­
preis von 1 Kilogramm Bohnen innerhalb dreier Jahren
186


(2000 bis 2003) von 3 Dollar auf 86 Cents gesunken ist.8

 

 

 

 

 

 

Der Finanzminister in Addis-Abeba schätzt, dass das Land
seit dem Crash 830 Millionen Dollar beim Export verlo­
ren hat.9 So kam es, dass 2004 eine Mehrheit von Bau­
ern, die traditionell Kaffee produzieren, auf die Ernte der
Bohnen verzichtete, weil der Verkaufspreis die Produk­
tionskosten nicht deckte.
Einige Zahlen : 1990 hatten die Kaffee produzierenden
Länder insgesamt für etwa 11 Milliarden Dollar Kaffee­
bohnen exportiert. Im selben Jahr hatten die Verbraucher
der ganzen Welt für ungefähr 30 Milliarden Dollar Kaffee
konsumiert. Im Jahr 2004 waren die Exporteinkommen
der Kaffeebauern auf 5,5 Milliarden Dollar gesunken. Am
anderen Ende der Kette hatten die Verbraucher 70 Milli­
arden Dollar für ihren Konsum ausgegeben …10

Es gibt auf der Welt mehr als 25 Millionen Kaffeeprodu­
zenten. Die meisten von ihnen sind kleine oder mittel­
große Familienbetriebe, die Anbauflächen zwischen einem
und fünf Hektar bewirtschaften. 70 % der Weltkaffeepro­
duktion kommen aus landwirtschaftlichen Betrieben, die
unter zehn Hektar groß sind. Im Jahr 2003 haben alle diese
Bauern insgesamt ungefähr 119 Millionen Säcke produziert
(ein Sack enthält 60 Kilo Bohnen).
Der Weltkaffeemarkt ist immer schon durch starke
Schwankungen der Erzeugerpreise gekennzeichnet gewe­
sen. Doch Katastrophen wie diejenige, unter der die Pro­
duzenten derzeit leiden, sind zum Glück selten. In dem
Jahrzehnt zwischen 1980 und 1990 belief sich laut der In­
187


ternational Coffee Organization der durchschnittliche Kaf­

 

 

 

 

 

 

feepreis beim örtlichen Produzenten auf 1,20 Dollar pro
Pfund Bohnen. Er ist heute auf unter 50 Cent gesunken.
94 % des Kaffees verlassen die Erzeugerländer in Ge­
stalt von »grünen Bohnen«, das heißt von noch nicht ge­
rösteten Bohnen, die dann außerhalb der Erzeugerländer
geröstet werden. Der Weltmarkt wird von einer Hand voll
transkontinentaler Gesellschaften beherrscht, also von de­
nen, die Noam Chomsky als »die gigantischen unsterb­
lichen Personen« bezeichnet. Sie entscheiden tatsächlich
über Leben und Tod von Dutzenden Millionen Bauern­
familien, die von Brasilien bis Vietnam, von Honduras
bis Äthiopien über die ganze Erde verstreut sind. An der
Spitze dieser »gigantischen unsterblichen Personen« steht
der Nahrungsmittelkonzern Nestlé.11
Die Zahl der Herrscher über den Weltmarkt für Kaf­
fee schrumpft fortwährend. Ein gnadenloser Krieg wütet
unter ihnen, und die größten schlucken die kleinen. Im
Jahr 2004 heißen die fünf mächtigsten Herrscher : Nestlé,
Sara Lee, Procter and Gamble, Tschibo und Kraft (Eigen­
tum von Philip Morris). Gemeinsam haben sie im ver­
gangenen Jahr mehr als 44 % der weltweiten Produktion
von Rohkaffee gekauft, sämtliche Sorten inbegriffen. Über­
dies herrschen sie fast vollständig über die Röstung, die
Verarbeitung und die Vermarktung des Kaffees.
In den europäischen Supermärkten sieht sich der Kon­
sument einem breit gefächerten Angebot von Marken mit
löslichem, gemahlenem und ungemahlenem Kaffee ge­
genüber. Aber die größten unter ihnen gehören in Wirk­
188

 

 

 

 

 

lichkeit einer der fünf transkontinentalen Gesellschaften.
Maxwell und Jacobs gehören Kraft; Nescafe und Nespresso
gehören Nestlé, Procter and Gamble besitzt die Marke
Folgers ; Sara Lee die Marke Douwe Egberts. Der Riese
Tschibo vertreibt die Marken Tschibo und Eduscho.
Und während der Hunger, die Unterernährung, die
Amöben und die Tuberkulose die Kinder von Marta Shal­
lama quälen, explodieren die Umsätze und die Nettoge­
winne der Herrscher über den Kaffee. Die Profite von Sara
Lee sind im Jahr 2000 um 17 % gestiegen (in dem Jahr, in
dem die Erzeugerpreise einzustürzen begannen). Die von
Nestlé sind um 26 % gestiegen. Für Tschibo war das Jahr
2000 das gewinnreichste seiner ganzen Geschichte : Seine
Nettogewinne sind um 47 % nach oben geschnellt.

Über dreißig Jahre lang sind die Kaffeepreise von einem
International Coffee Agreement (ICA) reguliert worden.
Mit seiner Hilfe hofften die Erzeugerländer und die Rie­
sen der Nahrungsmittelindustrie den Bauern relativ sta­
bile Preise garantieren zu können. Und das trotz der Spe­
kulationsmanöver in Chicago, der klimatischen Schwan­
kungen (reiche Ernten auf diesem Kontinent in einem Jahr,
katastrophale im Jahr darauf), der Schäden, die von gewis­
sen Krankheiten der Sträucher verursacht werden, und so
manchen anderen Ursachen, die für die ständigen Preis­
schwankungen verantwortlich waren. Die einzige Lösung :
die künstliche Regulierung dieser Schwankungen. Aber
wie stellt man das an?
Das ICA legte strenge Exportquoten für die Erzeuger­
189

 

 

 

länder fest. Dabei lehnte es sich an die Methode an, die
von der Organisation Erdöl exportierender Länder entwi­
ckelt worden war, der OPEC. Diese Ausfuhrquoten garan­
tierten eine beschränkte Preisschwankung, zwischen 1,20
und 1,40 Dollar pro Pfund Rohkaffee.
1989 wurde jedoch das ICA von den transkontinen­
talen Kaffeegesellschaften liquidiert. Aus welchen Grün­
den ? Oxfam liefert die Antwort.
Der Kaffee wird von Bauern produziert, die gewöhn­
lich arm sind, aber in Ländern wohnen, die von beträcht­
licher geostrategischer Bedeutung sind. Solange die Bipola­
rität der planetaren Gesellschaft andauerte – anders ausge­
drückt : solange einander auf diesem Planeten zwei antago­
nistische ökonomische und politische Systeme gegenüber­
standen –, galt es um jeden Preis zu vermeiden, dass Milli­
onen Familien von Kaffeeanbauern der Verlockung erliegen,
kommunistisch zu wählen oder sich dem Kommunismus
zuzuwenden. Die Drohung, dass sich Länder wie Brasilien,
Kolumbien, Salvador oder Ruanda dem Sowjetblock an­
schließen könnten, war für die Kosmokraten ein ständiger
Albtraum. Und die künstliche Stabilisierung der Erzeu­
gerpreise durch die komplizierten Mechanismen des ICA
sollte diese Drohung abwenden. 1989 sind die westlichen
Grenzen des Sowjetreiches zusammengebrochen. Die So­
wjetunion selbst sollte bald darauf ebenfalls auseinander
fallen. Unter diesen Bedingungen war das ICA überflüssig
geworden. Seither herrscht auf dem Weltmarkt für Kaffee
nur mehr das Recht des Stärkeren. Das heißt das Recht der
fünf größten transkontinentalen Gesellschaften.
190

 

 

 

Awassa ist die Hauptstadt von Sidamo. In dieser Stadt ver­
kauften die Bauern einen Sack mit sechzig Kilo Arabica­
bohnen für 670 Birrs im Jahr 2000. Im Jahr 2004 war die­
ser Preis auf 150 Birrs gesunken.
Hier in dieser Region lebten 2,8 Millionen Familien aus­
schließlich vom Kaffee. Und Sidamo war bis zum Jahr 2000
eine florierende Region ; weder die mörderische Dürre von
1973 noch die von 1984 hatten hier gewütet. Doch heute
decken die Einkommen aus dem Kaffee nicht mehr – und
zwar bei Weitem nicht mehr – die Produktionskosten. Mit­
tels Handarbeit eine um die andere der – im Rhythmus
der Natur reifenden – Kaffeebohnen zu ernten, erfordert
eine beträchtliche Geschicklichkeit, Energie und Erfah­
rung. Heute wird diese Arbeit nicht mehr entlohnt.
Die Bauernfamilien, die nichts mehr verdienen, sind
nicht in der Lage, auf dem örtlichen Markt die Nahrung
(das Öl für die Küche, die Medikamente, Salz, Kleidung
usw.) zu kaufen, die sie benötigen, um zu überleben. Die
Konsequenzen für die Schulbildung der Kinder sind, wie
man sich vorstellen kann, katastrophal, wenn man weiß,
dass es eine Familie 20 Birrs kostet, ein Kind für ein Se­
mester in die Schule zu schicken : Weder die Bücher noch
die Schuluniform sind gratis. Und die Schulen werden
immer leerer.
Diejenigen unter den Bauern, die ein Haus besitzen,
verkaufen es und gehen in die Stadt. Dort finden sie so
gut wie nie eine regelmäßige und halbwegs bezahlte Ar­
beit. Und die Prostitution und das Betteln werden bald
die wichtigsten Einkommensquellen dieser ruinierten Bau­
191

 

 

 

ernfamilien sein. In vielen Fällen werden sie letztlich vom
Elend vernichtet werden.
Hans Joehr ist der Direktor der Abteilung »Landwirt­
schaft« bei Nestlé. Mehr als die meisten Leute weiß er um
das Elend, das die Kaffeebauern befällt. Er empfindet üb­
rigens Bedauern darüber. Aber er schreibt dieses Elend
»den globalen Kräften des Marktes« zu.
Die Spekulationen von Nestlé (und den anderen Nah­
rungsmittelkonzernen) auf die Preise von Arabica und
Robusta ? Joehr hat nie davon gehört. Nein, er beharrt
darauf : Es sind die objektiven Kräfte, die ohne unser Zu­
tun die Märkte bestimmen. Die Menschen haben keinen
Anteil daran.
Doch Hans Joehr hat Mitgefühl für die Opfer und
möchte ihnen helfen. Sein Vorschlag ist einleuchtend : Von
den 25 Millionen Kaffee produzierenden Familien, die es
heute auf der Welt gibt, müssen mindestens 10 Millionen
»bereit sein zu verschwinden«. Es geht darum, das ist wohl
klar, den Markt »zu sanieren«.
Joehr empfiehlt den überschüssigen Männern und
Frauen, zu »verschwinden«. Ja, zu verschwinden.12

 

 

3

Der Widerstand

In Äthiopien ist niemand Grundbesitzer. Traditionell hat
man nur ein Nutzungsrecht. Die Mönche in ihren Fe­
stungen hoch oben auf den Bergen und die weltlichen
Priester – die gewöhnlich Familienväter sind und den lan­
gen Stab mit dem kupfernen Kreuz tragen und den wei­
ßen Turban – bilden hier keine Ausnahme. Sie bebauen
ihr Grundstück unter derselben gnadenlosen Sonne und
im selben ständigen Wind wie ihre Pfarrkinder.
In manchen Regionen des Landes, insbesondere in
Wollo und in Tigre, macht die Regierung heute einen
schüchternen Schritt in Richtung einer Privatisierung der
landwirtschaftlichen Nutzflächen : Sie organisiert unter
dem Druck der Weltbank die »Zertifikation« der Grund­
stücke, mit anderen Worten die Registrierung der Nutz­
nießer.
Die Weigerung der Regierung, den Privatbesitz ein­
zuführen, ist von der Geschichte diktiert. Seit grauer
Vorzeit und bis zum Sturz des letzten Kaisers an einem
Septembermorgen des Jahres 1974 hat Äthiopien unter
einem grausamen Feudalregime gelebt. Die Aristokratie,
vor allem amharischer Herkunft, war gemeinsam mit den
Klöstern und den Bischöfen der beinahe alleinige Eigen­
tümer des Ackerlandes, der Wälder, der Flüsse und der
Weideflächen.
193

 

 

 

 

Die amharischen Ras (Fürsten), Herren und Äbte be­
hielten je nach Region von der Ernte der Bauern bis zu
zwei Drittel für ihren Handel und ihren persönlichen
Verbrauch zurück.13 Diese Abgaben ruinierten die Pro­
duzenten, mochten sie auch den Feudalklassen die Mittel
bereitstellen, eine bewundernswerte literarische, architek­
tonische und bildnerische Kultur zu entwickeln. Im Kai­
serreich waren praktisch alle Bauern Pächter.
Die Erinnerung an den ländlichen Feudalismus und
seine ungerechten Abgaben hat sich tief in das kollektive
Gedächtnis gegraben. Die Revolution von 1974, die rasch
von einer Militärclique unter der Führung von Oberst
Haile Mariam Mengistu konfisziert wurde, berief sich auf
den Marxismus und verstaatlichte den gesamten Grund­
besitz. Die Volksfront für die Befreiung von Tigre, die im
Mai 1991 im Norden von Addis-Abeba die letzten mengi­
stutreuen Regimenter besiegte, hat den kollektiven Grund­
besitz beibehalten.

Belay Ejigu ist Minister für Landwirtschaft. Ein dicker,
jovialer Mann mit dröhnender Stimme. Seit über einer
Stunde diskutieren wir bereits in aller Ruhe beim rituellen
Kaffee über die vielen Probleme, mit denen die Landwirt­
schaft in Äthiopien zu ringen hat. Zwei Mitarbeiter, Spe­
zialisten für Agrarfragen, begleiten mich. Als ich das Pro­
blem des privaten Grundbesitzes anschneide, richtet sich
der Minister plötzlich in seinem Lehnsessel auf, schlägt
mit der flachen Hand auf den niedrigen Tisch und ruft:
»Niemals ! Hören Sie ? Niemals werden wir das Land den
194

 

 

Spekulanten überlassen !« Das Argument des Ministers ist
stichhaltig : Für Bauern, die ständig am Rande der Hun­
gersnot leben, wäre die Verlockung groß, ihren Flecken
Land an den erstbesten Händler aus Somalia oder Jemen
zu verkaufen …
82 % der Äthiopier leben in äußerster Armut.14 50 % der
Kinder unter fünf Jahren leiden an Untergewicht (under­
weight nach den Kriterien der UNICEF). Im Jahr 2003
waren 58 % der Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren
auf Unterernährung zurückzuführen. Zwischen 1997 und
2000 stieg die Kindersterblichkeit um 25 %.
Die Äthiopier haben den niedrigsten Kalorienverbrauch
des gesamten afrikanischen Kontinents : 1750 im Durch­
schnitt pro Erwachsenem pro Tag. Der Mangel an Jod, Ei­
sen und Vitamin A hat verheerende Folgen.15
69 % aller Äthiopier haben keinen ständigen Zugang zu
sauberem Trinkwasser. Auf dem Land steigt dieser An­
teil auf 76 %. Ich habe gesehen, wie in Sidamo die Kin­
der ohne jede Vorsichtsmaßnahme das braune stehende
Wasser trinken, in dem die Rinder baden und in das die
schwarzen Schweine urinieren. Auf den Hochebenen im
Zentrum und im Norden legen Frauen und junge Mäd­
chen täglich zehn Kilometer oder mehr bis zu einem Bach
oder einem Brunnen zurück und schleppen dann die mit
Wasser gefüllten Eimer nach Hause.16
Zwei Millionen Äthiopier sind mit dem AIDS-Virus in­
fiziert, und das ist, bezogen auf die Gesamtbevölkerung,
eine der höchsten Raten in der Welt nach Indien und
Südafrika.
195

 

 

 

Die durchschnittliche Lebenserwartung bei Männern
und Frauen beträgt 45,7 Jahre. Nur 2,9 % der Bevölkerung
erreichen das Alter von 65 Jahren.
40,3 % aller Äthiopier über 15 Jahre sind Analphabeten.
Nur 12 % der Bevölkerung haben Zugang zu medizinischer
Versorgung-
Mit ihrem wiegenden Gang, ihrem schlanken Körper,
ihren glutschwarzen Augen sind viele Äthiopierinnen von
umwerfender Schönheit. In fast allen Ethnien werden die
Mädchen bereits am Beginn der Pubertät verheiratet. Der
erste Geschlechtsverkehr findet oft unmittelbar nach dem
Einsetzen der ersten Monatsblutung statt. Das sehr junge
Mädchen wird im Alter von 12, 14 oder 15 Jahren Mutter.
Mit 25 hat sie schon zwischen 8 und 10 Kinder auf die
Welt gebracht …
Die äthiopische Frau wird dreifach ausgebeutet : im
Haus, auf den Feldern und sexuell. Ein zwölfjähriges
Mädchen, das zwangsverheiratet wird, wird natürlich nie
eine vollständige Schulausbildung erhalten. Sie wird nie
eine Adoleszenz erleben, die es ihr gestattet, ungehin­
dert Freundschaften zu knüpfen, die Welt zu entdecken
und eine autonome Persönlichkeit zu entwickeln. Von der
Hütte des Vaters, in der sie gemeinsam mit der Mutter
und den Schwestern die niedrigsten häuslichen Arbeiten
verrichtet, wechselt sie direkt zur Fronarbeit über, die ihr
von ihrem Ehemann aufgezwungen wird.
Die UNICEF hat eine Untersuchung in den östlichen
Regionen durchgeführt, dort, wo die aus Somalia stam­
menden Clans leben : Die Infibulation verstümmelt dort
196

mehr als 70 % der jungen Mädchen. In anderen Regionen
dominiert die Exzision.
Das größte und älteste Krankenhaus für Frauen und
Kinder, die an Fisteln leiden, wurde vor mehr als dreißig
Jahren von einer äthiopischen Ärztin unter Mithilfe bri­
tischer Frauen aus Addis-Abeba gegründet. Es ist heute
vorbildlich für den ganzen Kontinent, in dem Millionen
Frauen an diesem Übel leiden.
Die Fistel ist ein demütigendes und sehr schmerzhaftes
Übel : Aufgrund der Enge der Vagina bei den schwange­
ren Mädchen zwischen 12 und 14 Jahren reißt bei der Nie­
derkunft das Fleisch zwischen Vagina und Rektum. Die
Ausscheidung von Kot und Urin kann dann nicht mehr
kontrolliert werden.
Die verheerenden Folgen der Diskriminierung der
Frauen in sämtlichen Kulturen Äthiopiens sind auf den
Straßen der großen Städte nicht zu übersehen : Laut UNI­
CEF gibt es 60 000 verlassene Kinder allein in der Haupt­
stadt. Und die Organisation schätzt die Zahl der Minder­
jährigen, die im Land umherirren, auf mehr als 300 000.
Betteln, AIDS, zahllose Missbräuche und ein früher Tod
sind ihr Los.
Von überall strömen die Elenden in die Hauptstadt. Ad­
dis-Abeba ist der Schauplatz aller Abarten des Elends, der
zugleich faszinierende Spiegel eines ganzen Landes. Un­
ermüdlich steigen Tag und Nacht die Prozessionen der
Bettler in die Tiefe des Vulkans hinab. Lastwagen, die von
weit her kommen, setzen Familien in Lumpen ab. Nie­
mand kennt auch nur annähernd die Einwohnerzahl der
197

 

 

 

 

 

 

Hauptstadt. Der Bürgermeister nannte im März 2004 die
(wahrscheinliche) Zahl von 5 Millionen.
Im Jahr 1892 hat sich der Kaiser Menelik II. im Dorf Ad­
dis-Abeba tief unten im Krater eines erloschenen Vulkans
niedergelassen. Bis dahin waren der kaiserliche Hof (aber
auch die Königshöfe der verschiedenen im Reich vereinten
Ethnien) Wanderhöfe gewesen. Unter den zahlreichen poli­
tischen, militärischen und ökonomischen Gründen für diese
permanente Wanderung war einer besonders zwingend : Da
jeder Hof aus tausenden Würdenträgern, Verwandten, Sol­
daten und Schreibern bestand, wurde das Holz zum Heizen
und Kochen bald knapp. Also galt es, weiterzuziehen.
Dank seiner ausländischen Berater hatte Menelik II. in
Australien eine außerordentlich schnell wachsende Baum­
sorte entdeckt : den Eukalyptusbaum. Er hatte die Samen
importiert. Das Problem der raschen Aufforstung, der Er­
neuerung des Holzes, das zum Bauen und zum Kochen
der Nahrung benötigt wurde, war gelöst. So ist Addis-
Abeba zur ständigen Hauptstadt geworden.
Heute ist Addis-Abeba die letzte Zuflucht derjenigen,
die mit dem Tod ringen. Ein Ozean von verrostetem Blech,
eine endlose Abfolge von Elendsvierteln überzieht den
Grund des Vulkans. Herden spindeldürrer Zebus strei­
fen auf dem Gelände zwischen den Wellblechhütten und
den fröhlich lärmenden Kindern umher.
Zahllos sind dort die Bettler, die nicht die geringste
Sozialhilfe mehr erhalten. Bis zum Skelett abgemagerte
Frauen tragen stark dehydrierte Kinder auf den Armen,
Männer in Lumpen, mit ausgemergelten Gesichtern bevöl­
198

 

 

 

 

 

 

kern die Bürgersteige der Hauptstadt. An den Verkehrs­
ampeln stürzen sie sich auf die ausländischen Autos. Diese
murmelnde und buntscheckige Menge füllt die drei weit­
läufigen, mit Eukalyptusbäumen bestandenen Höfe rings
um die drei großen Kathedralen, die Treppen, die zu ih­
nen hinaufführen, und die Zufahrtsstraßen.
Weder die Stadtverwaltung noch die Zentralregierung
haben die Mittel, irgendetwas zu tun. Nur die Almosen
der Passanten werden eine Weile die Agonie des Bett­
lers mildern.
Heißwasserquellen sprudeln inmitten der äthiopischen
Hauptstadt aus dem Boden. Sie werden von Rohren auf­
gefangen, die zu einer öffentlichen Badeanstalt führen.
Mit Ausnahme der Händler des mercato (eines riesigen
Marktes auf einem Hügel, der seinen italienischen Namen
beibehalten hat), der höheren Offiziere, der Beamten und
der ausländischen Diplomaten sind alle Einwohner von
Addis-Abeba ärmlich gekleidet und gehen barfuß oder
in ausgetretenen Sandalen. Viele sind in Lumpen. Unter­
ernährte, oft invalide oder blinde Greise schleppen sich
auf ihren Stock gestützt dahin. Die Ankunft eines öffent­
lichen Busses gleicht einem Wunder : Das wackelige Ge­
fährt wird von der Menge, die oft schon stundenlang im
Regen gewartet hat, sofort gestürmt.
Auf dem Kamm der Berge, die bis zu 3000 Meter hoch
den Krater umringen, wachsen Eukalyptusbäume. Wäh­
rend der Regenzeit ist diese Region der zentralen Hoch­
ebenen von traumhafter Schönheit : Düstere Wolken zie­
hen über die Hügel und bilden einen Kontrast zum leuch­
199

 

 

 

 

 

tenden Glanz der Blumen und zur fetten ockerfarbenen
Erde, aus der ein leichter Dunst hochsteigt. Die Luft ist
mit den unterschiedlichsten Düften gefüllt. Beim ersten
Donnergrollen und bei den ersten Blitzen, die einen be­
vorstehenden Regenguss ankündigen, flüchten sich die
Leute überstürzt und lachend in notdürftige Unterstände,
gewöhnlich in eine der zahllosen Bordellkneipen, welche
die Straßen säumen.
Um 19 Uhr geht der Tag zur Neige. Langsam senkt sich
die Dämmerung herab. Im Park der Kathedrale Sankt Ge­
org erklingt eine Glocke. Die Menge der Bettler gerät in
Bewegung und schlägt Wellen wie ein plötzlich vom Wind
aufgewühltes Gewässer. Von ihren Kindern begleitet, er­
heben sich die Bettler rasch und gehen über die monu­
mentale Treppe auf das Portal zu. Unter den hohen Ge­
wölben gleiten sie lautlos an den Säulen entlang. Aus tau­
send Kehlen steigt ein Murmeln empor, das Gemurmel
des Gebets. Die Äthiopier, so arm und bedürftig sie auch
sein mögen, sind Menschen von großer Würde, von einem
Schamgefühl und einer Diskretion, die beeindrucken. Ist
die Andacht zu Ende – sie kann je nach Kirche zwei, drei
Stunden dauern –, stellt sich eine Reihe von Priestern vor
dem Hauptaltar auf.
Es sind alte Würdenträger mit dünnen Bärten, sie tra­
gen Roben aus schwarzer Seide und mit Goldbrokat ge­
schmückte Schuhe. Man sieht auch junge Diakone mit ein­
dringlichem Blick. Die Glocke erklingt von Neuem : Die
Priester heben das Doppelkreuz der Kopten bis auf Au­
genhöhe. Sie strecken ihren rechten Arm in Hüfthöhe aus
200

 

 

 

und halten der Menge das Kreuz in einer äußerst würde­
vollen Geste entgegen. Kein Sterbenswort. Ihre Blicke ver­
lieren sich oberhalb der Menge im Halbdunkel der Ka­
thedrale. Einige Kerzen spenden flackerndes Licht. Die
Menge zieht vorbei. Einer nach dem andern küsst das
Kreuz. Auf der Höhe des letzten Priesters angelangt, legt
er den Großteil der spärlichen Münzen, die er während
des Tages erbettelt hat, auf ein Silbertablett.
Es wird dunkel in der Kathedrale. Die Kerzen sind fast
niedergebrannt. Mit schleppenden Schritten ziehen sich
die letzten, die ältesten Bettler zurück. Wächter kom­
men, sie schlagen mit ihren Nagelstöcken auf die Mar­
morplatten, um die Nachzügler zur Eile anzutreiben. Das
schwere Portal des Heiligtums fällt mit einem trockenen
Geräusch ins Schloss. Dann wird es für die Nacht verrie­
gelt. Draußen hat es wieder zu regnen begonnen. Greise,
Waisenkinder, ganze Familien lagern sich zur Nachtruhe.
Im Schlamm, im Nebel, in der Kälte. Scharen verdreckter
Kinder in Lumpen gruppieren sich nahe der Einfriedungs­
mauer und schlummern sanft ein. Manche werden noch
in dieser Nacht sterben.
Die Dürre und die anderen Klimakatastrophen, die Ero­
sion der Böden und ihre Auslaugung sind natürliche Phä­
nomene. Nicht die Hungersnöte! Warum die Hungers­
nöte? Die äthiopische Landwirtschaft gehört zu den am
wenigsten produktiven der Welt. Zwischen Addis-Abeba
und Awassa habe ich sieben Stunden lang keinen einzigen
Traktor erblickt. Moderne Technologie ist auf den Hoch­
ebenen so gut wie nicht vorhanden – und auch im Tief­
201


land nicht. Die P

 

 

flüge haben oft noch eine Pflugschar aus
Holz. Von zwei müden Ochsen gezogen, die sich die Bau­
ern gegenseitig ausleihen, muss der Pflug fünf oder sechs
Mal über den steinigen Boden fahren, um ihn zu wenden
und für die Saat aufzubereiten.
Düngemittel sind selten. Man müsste sie vom Staat zum
Weltmarktpreis kaufen. Nur wenige Bauern haben die Mit­
tel dafür. Die Böden sind sichtlich mehr und mehr ausge­
laugt. Jede neue Dürre zerstört die dünne Humusschicht
noch ein bisschen mehr …

Jean-Claude Esmieu, der energische Leiter der Mission der
Europäischen Union in Addis-Abeba, erklärt mir : Die mei­
sten Familien, die die schreckliche Hungersnot von 1984 er­
lebten und überlebten, haben bis heute noch immer nicht
das soziale, ökonomische Niveau und die Produktionska­
pazitäten erreicht, die sie vor der Katastrophe hatten.
Abgesehen von einigen Militärstraßen in Tigre und der
Asphaltachse von Addis-Abeba nach Awassa gibt es so
gut wie keine Straßeninfrastruktur. Im nationalen Durch­
schnitt liegen die Dörfer zehn Kilometer vom nächsten
befahrbaren Weg entfernt. In zahlreichen Gebieten ist es
schon eine Leistung, überhaupt bis zum nächstgelegenen
Markt zu gelangen.
Äthiopien ist der Wasserturm Ostafrikas. Abgesehen
vom Blauen Nil haben zwölf größere Flüsse dort ihre
Quellen. Im Jahr 2003 hatten Belay Ejigu und seine In­
genieure sogar geplant, 4000 Hektar Land zu bewässern.
Bloß ein Viertel davon, also 1000 Hektar, ist ihnen zu
202

 

 

 

bewässern gelungen. Warum ? Weil es an Geld mangelte.
Aber, muss man hinzufügen, auch deshalb, weil die Bau­
ern die Wasserbecken, die Reservoirs und die Kanäle mit
Misstrauen betrachteten. Die Tsetse-Fliegen setzen sich
dort fest. »Die Kanäle bringen den Tod«, sagte mir ein
Bauer aus Addigrat.
Kurz, die äthiopische Subsistenzlandwirtschaft ermög­
licht nur ein prekäres Leben. Nach den Zahlen von Jean-
Claude Esmieu, der seit dreißig Jahren entschlossen und
mit Geschick verschiedene Delegationen der Europäischen
Union in Afrika leitet, waren im Jahr 2004 nahezu 50 %
der äthiopischen Bauernhöfe nicht lebensfähig.

Und trotz all dieser Widrigkeiten ist die äthiopische Ge­
sellschaft nicht am Boden. Die Entschlossenheit, der Über­
lebenswille und die Würde, die so viele Bäuerinnen und
Bauern, denen ich begegnet bin, unter Beweis stellen, ha­
ben mich zutiefst beeindruckt. Welches Geheimnis steckt
hinter dieser Ausdauer ?
Ein dichtes Netz von Vereinen durchzieht die Gesell­
schaft. Es gibt tausende jeglicher Art : Nachbarschaftsver­
eine, deren Mitglieder sich zur berühmten Kaffeezere­
monie zusammenfinden ; wirtschaftliche Beistandsvereine,
die berufsständisch organisiert sind ; religiöse Vereine, die
einem besonderen (christlichen oder muslimischen) Hei­
ligen geweiht sind ; Jägervereine beim Stamm der Karos,
die eher wie Geheimgesellschaften funktionieren ; Ver­
eine von Bauern, die gemeinsam einen Brunnen betrei­
ben ; gemeinnützige Vereine, die dafür sorgen, dass die
203


ö

 

 

 

 

 

 

ffentlichen Dienste (Müllabfuhr zum Beispiel) eines ke­
bele (eines Stadtviertels) funktionieren, usw.
Drei Arten von Vereinen sind ganz besonders wichtig :
Man trifft sie so gut wie überall an : idir, iqub und deba.
Idir ist ein Bestattungsverein. Im sozialen Leben und
in der kollektiven Vorstellungswelt nimmt der Tod eine
zentrale Stelle ein. Er wird sehr stark ritualisiert. Die Be­
stattung ist ein großer Moment im sozialen Leben. Eine
Familie, die einen Angehörigen verliert, ist gezwungen,
die ganze nahe und ferne Verwandtschaft, die Nachbarn
und die Arbeitskollegen des Verstorbenen zur Totenwa­
che einzuladen, die sieben Tage dauert. Die gleiche Ze­
remonie mit denselben Gästen findet vierzig Tage später
und dann ein Jahr darauf noch einmal statt.
Für die trauernde Familie bringt diese massive Anwe­
senheit Trost und Stärkung. Die Menge ist andächtig und
taktvoll. Sie umringt die Hinterbliebenen und spricht leise
zu ihnen. Sieben Tage und sieben Nächte lang füllt ein
ständiges, gedämpftes Gemurmel den Hof. Doch die Be­
stattung ist teuer. Zwar sind die christlichen Gräber ge­
wöhnlich von großer Schlichtheit. Auch die muslimischen.
Schwer belasten den Familienhaushalt jedoch die ausgie­
bigen Trauermahlzeiten, zu denen man die Trostspender
einladen muss. Idir fungiert somit als Vorsorgekasse für
etwaige Todesfälle. Die Männer und Frauen zahlen von
ihrer Jugend an und auch während ihres ganzen berufstä­
tigen Lebens ein, um in der Lage zu sein, das für die Be­
zahlung der Bestattungskosten erforderliche Geld zu er­
halten, wenn ein Verwandter stirbt.
204

 

 

 

 

Im Jahr 2003 waren die Niederschläge beinahe normal
gewesen, und das wirtschaftliche Leben hatte von neuem
begonnen. Ich war selbst Zeuge zweier Trauerzeremonien,
die Anfang März 2004 in der Region Gueralta abgehalten
worden waren. Eine jede versammelte mehrere tausend
Personen, und man nahm dabei Abschied von Verstor­
benen, die in einem Fall seit zehn, im andern seit zwölf
Jahren tot und begraben waren. Warum diese Verspätung ?
Weil die Jahre zuvor Jahre großer Not und die Beitrags­
zahlungen nicht in ausreichender Höhe eingegangen wa­
ren. Die Kassen der idirs waren leer – und die Abschieds­
zeremonien hatten nicht stattfinden können.
Der iqub ist ein Vereinstyp, der die Rolle einer Bank
spielt. In den ländlichen Gebieten gibt es keine Bank­
institute im eigentlichen Sinne (weder Entwicklungsbank
noch Landwirtschaftsbank, noch sonst irgendeine Einrich­
tung für die Bauern), weshalb auf dem Land und in den
kebele der Wucher gedeiht.
Der iqub ist im Grunde ein Netz von Kleinstkrediten.
Man borgt bei ihm eine bescheidene Summe, um zwei,
drei Hühner zu kaufen, einen Esel, Saatgut, Ziegel für das
Haus … Die europäischen und amerikanischen Experten
des UNDP (United Nations Development Program) kom­
men aus dem Staunen nicht

Wann wird das äthiopische Volk endlich ein Recht auf ein
bisschen Glück haben ?
Solange die Auslandsschuld aufrechterhalten bleibt das
gemeinsame Glück eine bittere Illusion.

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Das Imperium der Schande. Der Kampf gegen Armut und Unterdruckung

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