Das Hirngespinst der Freiheit Hören wir Jacques Roux : "Die Freiheit ist ein eitles Hirngespinst, wenn eine Klasse von Menschen die andere ungestraft aushungern kann. Die Gleichheit ist ein eitles Hirngespinst, wenn der Reiche mittels seines Monopols das Recht über Leben und Tod seiner Mitmenschen ausübt."
Das Hirngespinst der Freiheit
Im Sommer 1792 herrscht in Paris tiefstes Elend. In den Vorstädten geht der Hunger um. Das Bild der Tuilerien, des Königspalastes, setzt sich hartnäckig in den Köpfen der Hungernden fest. Die Stadt schwirrt von Gerüchten.
Die Menschen sind überzeugt, in den königlichen Gemächern würden Berge von Brot und Unmengen von Lebensmitteln gehortet …
In der Nacht vom 9. zum 10. August ist das Rathaus erleuchtet. Drinnen herrscht ein reges Treiben. Aus allen Stadtvierteln und aus den Vorstädten strömen die Abgeordneten der Sektionen herbei. Sie beraten sich, verhandeln und verkünden im Morgengrauen die aufständische Kommune von Paris. Die alte Stadtverwaltung wird aufgelöst.
Die Nationalgarde wird führerlos, ihr Befehlshaber, Mandat, getötet. Santerre nimmt seine Stelle ein.
Die Aufständischen beschließen, die Tuilerien anzugreifen. Zwei Kolonnen von Frauen und Männern, die mit Gewehren, Piken, Heugabeln und Dolchen bewaffnet sind und von »Sansculotten« geführt werden, bewegen sich auf den Palast zu. Eine Kolonne kommt aus dem Faubourg Saint-Antoine vom rechten Ufer der Seine, die andere vom linken Ufer aus Saint-Germain.
171 Schweizer Söldner verteidigen den Palast, der so gut wie leer ist.Die Schweizer werden bis auf den letzten Mann getötet. Plünderer bemächtigen sich der Schätze – Möbel, Wäsche, Geschirr –, die sie im Palast finden, und tragen sie davon. Als die Ersten von ihnen mit ihrer Beute auf dem Rücken auf die Kais der Seine hinaustreten, werden sie von den Milizionären der Sektionen, die zum Großteil Ja kobiner sind, festgenommen und an den Laternenpfählen aufgehängt. Das Plündern, die Verletzung des Privateigentums, und sei es auch jenes des verhassten Königs, werden mit dem Tod bestraft.
In dieser Episode der Aufrechterhaltung der Ordnung tritt ein zentraler Wert hervor – die Sakralisierung des Privateigentums – der vom Bewusstsein der neuen aufsteigenden Klasse getragen wird, nämlich der Bourgeoisie der Händler und der Frühindustriellen, die die Revolution bald konfiszieren werden.
Und eben gegen diese bürgerlichen Demokraten werden sich dann die von dem Priester Jacques Roux angeführten Enragés erheben.
Hören wir Jacques Roux : »Die Freiheit ist ein eitles Hirngespinst, wenn eine Klasse von Menschen die andere ungestraft aushungern kann. Die Gleichheit ist ein eitles Hirngespinst, wenn der Reiche mittels seines Monopols das Recht über Leben und Tod seiner Mitmenschen ausübt. Die Republik ist ein eitles Hirngespinst, wenn die Konterrevolution tagtäglich durch den Preis der Nahrungsmittel voran
schreitet, zu denen drei Viertel unserer Mitbürger keinen Zugang haben, ohne Tränen zu vergießen.«
Und ein Abschnitt weiter :
»Die Aristokratie der Händler, die schrecklicher ist als die Aristokratie des Adels und der Priester, macht sich in einem grausamen Spiel über das Vermögen der Privatleute und die Schätze der Republik her ; noch wissen wir nicht, wann ihre Erpressungen ein Ende nehmen werden, denn die Preise der Waren steigen auf erschreckende Weise von Morgen bis Abend. Bürger und Volksvertreter, es ist höchste Zeit, dass der Kampf bis auf den Tod, den der Egoist gegen die am härtesten arbeitende Klasse der Gesellschaft führt, ein Ende findet.«
Und immer noch Roux :
»Abgeordnete des Konvents, warum seid ihr nicht schon am ersten Tag bis in die vierte Etage der Häuser dieser revolutionären Stadt gestiegen, ihr wäret gerührt worden von den Tränen und den Klagen eines großen Volkes ohne Brot und ohne Kleidung, das in diesen Zustand der Not und des Unheils getrieben wurde von der unlauteren Spekulation und vom wucherischen Aufkauf, weil die Gesetze grausam sind für die Armen, weil sie von den Reichen und für die Reichen gemacht sind … Oh Wut, oh Schande ! Wer wird glauben, dass die Vertreter des französischen Volkes, die den Tyrannen im Ausland den Krieg erklärt haben, feige genug sind, diejenigen im Inland zu verschonen ?«
Was nützt einem Analphabeten die Verkündigung der Pressefreiheit ? Ein Wahlzettel macht den Hungrigen nicht satt. Wer seine Familie an Krankheit oder Elend verenden sieht, wird sich wohl kaum über Gedankenfreiheit und Versammlungsfreiheit Sorgen machen.
Ohne soziale Gerechtigkeit ist die Republik wertlos. Saint-Just schlägt ähnliche Töne wie Roux an : »Die Freiheit kann nur von Menschen ausgeübt werden, die geschützt sind vor dem Mangel.«
Das Recht auf Glück ist das oberste der Menschenrechte. Noch einmal Saint-Just : »Die Revolution endet bei der Vollkommenheit des Glücks.«
In Angola gibt es nur ein einziges Krankenhaus für Brandverletzte, das Spital de los Queimados in Luanda. Dabei hat der massive Einsatz von Napalm und Phosphorbomben gegen die Zivilbevölkerungen, die als »feindlich« angesehen werden, weil sie mit der Unità, einer bewaffneten, gegen die etablierte Macht kämpfenden Bewegung, sympathisieren, im Laufe eines achtzehnjährigen Bürgerkriegs bei zahlreichen Menschen zu schweren Verbrennungen geführt.
Los Queimados nimmt pro Jahr im Durchschnitt ungefähr 780 Kinder unter zehn Jahren auf. 40 % von ihnen sterben gleich nach ihrer Einlieferung an ihren schweren Verbrennungen. Ihre Schmerzen sind oft so groß, dass es unmöglich ist, ihren Verband zu wechseln. Werden die Verbände aber nicht gewechselt, entwickeln sich Infektionen. Parazetamol, Morphin, aber auch wenig kostenintensive
medizinisch-chirurgische Techniken sind die wichtigsten Mittel, mit denen die von den Verbrennungen verursachten Schmerzen bekämpft werden. In Angola fehlen diese Medikamente und diese Techniken. Mehr als 500 Kinder sind in den letzten drei Jahren unter entsetzlichen Schmerzen auf diese Weise gestorben.
Überall in der Welt passen die transkontinentalen Pharmakonzerne ihre Preise an die jeweilige wirtschaftliche Lage des Ortes an. In Schwarzafrika verfügen die meisten Länder jedoch nur über einen sehr begrenzten Binnenmarkt : Die übergroße Mehrheit der Bevölkerung ist mittellos. Die Pharmakonzerne ziehen es also vor, ihre Preise an die Kaufkraft der zahlenmäßig geringen autochthonen Führungsschicht anzupassen. Sie verkaufen lieber weniger, aber dafür teuer.
Die Familien der brandverletzten Kinder bilden keinen Markt, der diesen Namen verdienen würde, sie verfügen über keinerlei Kaufkraft und können sich deshalb die notwendigen Medikamente nicht leisten. Vom angolanischen Staat Hilfe zu erwarten, ist sinnlos. Er ist praktisch pleite.
Für die überwiegende Mehrheit der 4,8 Milliarden Menschen, die heute in einem der 122 Länder der so genannten Dritten Welt leben, klingen die von Gracchus Babeuf 1791 in Paris ausgerufenen Parolen erschreckend aktuell.
Als »Utopisten« werden diejenigen bezeichnet, die innerhalb der revolutionären französischen Bewegung dem Kampf für eine weltweite soziale Gerechtigkeit und das Menschenrecht auf Glück absoluten Vorrang eingeräumt haben. Sie alle sind in jungen Jahren eines gewaltsamen Todes gestorben. Saint-Just und Babeuf kamen unter die Guillotine. Saint-Just war 27 Jahre alt, Babeuf 37. Roux hat sich erdolcht, als er erfuhr, dass er vom revolutionären Tribunal zum Tode verurteilt worden war. Marat wurde ermordet. Die Guillotine und der Dolch haben ihre Körper vernichtet, nicht aber die Hoffnung auf eine planetarische soziale Gerechtigkeit, die ihr Kampf geweckt hat. Ihr Geist lebt heute in den Köpfen von Millionen Menschen in Gestalt einer neuen Utopie weiter.
Das Wort »Utopie« reicht weit zurück in die Geschichte. Thomas More, Englands Großkanzler, der Freund von Erasmus und der großen Geister der Renaissance, verweigerte seinem König den Supremateid und wurde deshalb am 6. Juli 1535 als Hochverräter hingerichtet. Als überzeugter Christ hatte er rund zwanzig Jahre zuvor ein radikal kritisches Buch über das ungerechte und ungleiche
England unter König Heinrich VIII. geschrieben. Dessen Titel : De optimo Republicae statu de que Nova Insula Utopia.
Vor ihm hatten Joachim von Floris und die ersten Franziskaner, später Giordano Bruno und seine Schüler für eine versöhnte Menschheit unter der Herrschaft des iusgentium und des unveräußerlichen Rechts aller Menschen auf die Sicherheit ihrer Person, auf das Glück und auf das Leben gekämpft. In ihren Büchern und Schriften wetterleuchten die Ideen der Aufklärung, die von den Philosophen des 18. Jahrhunderts auf den Begriff gebracht und in der Französischen Revolution Realität wurden.
More hatte anhand des griechischen Substantivs topos (Ort) und der Vorsilbe U (Vorsilbe der Verneinung) den Neologismus U-Topia (Nicht-Ort) geschaffen. Oder genauer : Ort beziehungsweise Welt, die es noch nicht gibt.
Die Utopie ist der Wunsch nach dem ganz Anderen. Sie bezeichnet, was uns in unserem kurzen Leben auf Erden fehlt. Sie umfasst die einklagbare Gerechtigkeit. Sie drückt die Freiheit aus, die Solidarität, das geteilte Glück, dessen Ankunft und dessen Umrisse vom menschlichen Bewusstsein vorweggenommen werden. Dieser Mangel, dieser Wunsch, diese Utopie bilden die innerste Quelle je
der menschlichen Aktion zugunsten der planetarischen sozialen Gerechtigkeit. Ohne diese Gerechtigkeit ist das Glück für keinen von uns möglich. Aber wenn die Utopie – mit der Schande – die mächtigste Kraft ist, so ist sie zugleich auch die geheimnisvollste der Geschichte. Wie funktioniert sie ?
Ernst Bloch antwortet : »[…] Es wäre uns nicht möglich, derart am Unzulänglichen zu leiden, wenn nicht in uns etwas weiter triebe, tiefer erklänge und weit über alles Leibliche hinaustreiben wollte. Es wäre uns nicht vergönnt (wie wir es dauernd tun […]), zu erwarten, gerichtet auf das vor uns, wozu wir bestimmt sind, wenn wir uns nicht wie Kinder fühlten, aber eines Tages öffnet sich die stets verschlossene Kommode, worin das Geheimnis unserer Herkunft versteckt ist. Derart zeigt sich hier eine gewaltige und unabgeschlossene Willens- und Apperzeptionsmasse des Tendierens, ein wahrer Seelengeist der Utopie am Werk.«
Der Mensch ist für ihn wesenhaft ein »unvollendetes Sein«. Die Utopie sitzt tief in seinem Inneren. So heißt es bei Bloch auch : »Denn wenn wir sterben, auch wenn wir, wie stets, als solche sterben, die noch viel Leben brauchten, um ›fertig‹ zu werden, so bleibt doch die Erde, und die Waffen lassen sich weitergeben.« Diesen Überschuss an Leben werden wir natürlich hier auf der Erde nie erhalten. Was bleibt uns also übrig ? Wir müssen uns der Utopie anvertrauen. Oder genauer gesagt :
Wir müssen unserer Sehnsucht nach dem ganz Anderen vertrauen, die auch in all denen lebendig sein wird, die nach uns kommen. Bloch :
»Im Augenblick des Sterbens müssen wir uns, ob wir es wollen oder nicht, zurückgeben, das heißt unser Ich den anderen überantworten, den Überlebenden, denen, und es sind Milliarden, die nach uns kommen, weil sie und nur sie allein unser unvollendetes Sein vollenden können.«
Hinter der Utopie steht ein Paradox : sie bestimmt eine unmittelbar bevorstehende politische, soziale und intellektuelle Praxis. Sie bringt soziale Bewegungen und philosophische Werke hervor. Sie lenkt die Kämpfe konkreter Individuen. Und gleichzeitig liegt ihre Realität jenseits des Horizonts des handelnden Subjekts. Jorge Luis Borges hat dieses Paradox formuliert : »Die Utopie ist nur mit dem
inneren Auge zu sehen.« Ein doppeltes Paradox : Borges war blind. Sein Text trägt den Titel : »… Mit weit geschlossenen Augen«.
Die Utopie ist eine ungeheure Kraft, aber niemand sieht sie. Sie ist geschichtlich, weil sie geschichtsbildend ist : »Die Zeit«, heißt es bei Borges, »ist der Stoff, aus dem ich gemacht bin. Die Zeit ist ein Strom, der mich mitreißt, aber ich bin dieser Strom.«
Henri Lefebvre hat sein berühmtes Buch Hegel, Marx, Nietzsche ou le royaume de l’ombre Mitte der siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts veröffentlicht. Ein Journalist von Radio France stellte ihm die Frage : »Ich möchte Sie ja nicht kränken … aber es heißt, Sie seien ein Utopist …« Worauf Lefebvre erwiderte : »Ganz im Gegenteil … Sie erweisen mir eine Ehre … Ich bekenne mich dazu … Diejenigen, die ihren Blick nur bis zum Horizont schweifen lassen und sich darauf beschränken, das zu betrachten, was man sieht, diejenigen, die sich zum Pragmatismus bekennen und nur mit dem auszukommen trachten, was da ist, haben keinerlei Chance, die Welt zu verändern … Nur diejenigen, die auf das blicken, was man noch nicht sieht, diejenigen, die über den Horizont hinausblicken, sind realistisch. Die haben eine Chance, die Welt zu verändern … Die Utopie ist das, was hinter dem Horizont liegt … Unsere analytische Vernunft weiß ganz genau, was wir nicht wollen, was man absolut ändern muss
… Aber das, was kommen soll, was wir wollen, die ganz andere, neue Welt, kann uns nur unser inneres Auge, nur die Utopie in uns zeigen.«
Und ein Stück weiter : »Die analytische Vernunft ist ein Joch … Die Utopie ist der Sturmbock.« Vor den Mitgliedern des Ausschusses für öffentliche Wohlfahrt von Paris, die seine Richter sein werden, ruft Saint-Just aus : »Ich verachte den Staub, aus dem ich gemacht bin und der zu euch spricht. Ihr könnt mich verfolgen und diesen Staub zum Schweigen bringen. Aber ich wehre mich dagegen, dass ihr mir dieses unabhängige Leben entreißt, das ich mir jetzt und unter diesem Himmel erworben habe.«
Am Tag darauf, am 27. Juli 1794, bestieg Saint-Just das Schafott auf der Place de la Concorde (damals Place de la Révolution) in Paris.
Die Träger der Utopie lassen sich nur schwer unter die triumphierenden Helden einreihen. Sie sind mit der Guillotine, mit dem Scheiterhaufen oder dem Strick vertrauter als mit den Siegesfeiern und der glücklichen Morgenröte. Und dennoch ! Ohne sie wäre jede Menschlichkeit, jede Hoffnung schon lange von unserem Planeten verschwunden.
Impressum