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Der Hunger Das Imperium der Schande - Teil II - Massenvernichtungswaffen

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Imperium der Schande
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Finale Theorie: Kurzfassung
Das Imperium der Schande

Das Imperium der Schande

TEIL II – Massenvernichtungswaffen

Der Hunger

Das Massaker an Millionen Menschen durch Unterernä­herung und Hunger ist und bleibt der größte Skandal zu Beginn des dritten Jahrtausends. Eine Absurdität und eine Schande, die dutrch keinen einzigen Vernunftgrund ge­rechtfertigt und von keiner Politik legitimiert werden kön­nen. Es handelt sich um ein immer wieder von Neuem be­gangenes Verbrechen gegen die Menschheit. Heute stirbt, wie ich bereits sagte, alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren an Hunger oder an mit Un­terernährung verknüpften Krankheiten. Im Jahr 2004 hat der Hunger mehr Menschen getötet als alle in diesem Jahr geführten Kriege zusammen.


Wie steht es nun um den Kampf gegen den Hunger ? Jene, die ihn führen, verlieren eindeutig an Boden. Im Jahr 2001 starb alle sieben Sekunden ein Kind unter zehn Jahren. (30) Im selben Jahr sind 826 Millionen Personen auf­grund der Folgen schwerer und chronischer Unterernäh­rung invalid geworden. Heute sind es 841 Millionen. (31) Zwi­schen 1995 und 2004 ist die Zahl der Opfer chronischer Unterernährung um 28 Millionen gestiegen.


Der Hunger ist das direkte Produkt der Auslandsschuld, insofern sie es ist, die den armen Ländern die Fähigkeit nimmt, die notwendigen Summen in die Entwicklung von Infrastrukturen für die Landwirtschaft, für Sozialleistun­gen, für das Transportwesen und die Dienstleistungen zu investieren. 


Der Hunger bedeutet akutes körperliches Leiden, eine Schwächung der motorischen und geistigen Fähigkeiten, Ausschluss aus dem berufstätigen Leben, soziale Margina­lisierung, Angst vor dem nächsten Tag, Verlust der wirt­schaftlichen Autonomie. Er führt zum Tod. Von Unterernährung spricht man, wenn die Nahrung dem Menschen nicht genügend Energie zuführt. Diese Energie wird in Kalorien gemessen – die Kalorie ist die Maßeinheit für die Energiemenge, die vom Körper ver­brannt wird. (32)


Die Parameter variieren je nach Alter. Ein Säugling be­nötigt 300 Kalorien pro Tag. Ein Kind zwischen ein und zwei Jahren braucht 1000 Kalorien pro Tag, und im Al­ter von fünf Jahren sind 1600 Kalorien erforderlich. Um täglich seine Lebenskraft erneuern zu können, braucht der Erwachsene 2000 bis 2700 Kalorien, je nach Klima der Region, in der er lebt, und je nach der Art von Ar­beit, die er ausübt. 


Ungefähr 62 Millionen Menschen sterben pro Jahr auf der Erde an allen möglichen Todesursachen, das heißt 1 % der Menschheit. Im Jahr 2000 sind 36 Millionen an Hun­ger gestorben oder an Krankheiten, die durch einen Man­gel an Mikronutrimenten (Vitamine, Mineralstoffe, Spu­renelemente) verursacht sind. 

 

Der Hunger ist folglich die hauptsächliche Todesur­sache auf unserem Planeten. Und dieser Hunger ist von Menschenhand gemacht. Wer an Hunger stirbt, stirbt als Opfer eines Mordes. Und der Mörder trägt einen Namen, er heißt : Verschuldung. 


Die FAO 33 unterscheidet zwischen »konjunkturbe­dingtem« Hunger und »strukturellem« Hunger. Der kon­junkturbedingte Hunger wird durch den jähen Zusam­menbruch der Wirtschaft eines Landes oder eines Teils dieses Landes verursacht. Der strukturelle Hunger hin­gegen ist durch die permanente Unterentwicklung des Landes bedingt. 


Hier nun ein Beispiel für den konjunkturbedingten Hunger. Im Juli 2004 hat ein besonders heftiger Monsun Bangladesch überschwemmt. Mehr als 70 % dieses 116 000 Quadratkilometer großen Landes stehen unter Wasser. Von den 146 Millionen Einwohnern sind 3 Milli­onen vom Hungertod bedroht. Bangladesch ist ein Delta, es besteht aus zahlreichen Flüssen, die in den Golf von Bengalen münden. Diese Flüsse kommen aus den Vor­gebirgen des Himalaja (Bhutan, Ladakh, Nepal). In der Zeit des Monsuns wird das Hochwasser wild und unbe­rechenbar. Die Fluten reißen Bäume und Häuser mit, zerstören die Dämme und überschwemmen hunderte Mil­lionen Hektar landwirtschaftlicher Flächen mit grünem, sehr schlammigem und tosendem Wasser und verwüsten die Uferviertel der Städte. In normalen Zeiten, wenn ich so sagen darf, erblin­den in Bangladesch ungefähr 30 000 Kinder pro Jahr we­gen Vitamin-A-Mangel. Die WHO schätzt, dass sich diese Zahl im Jahr 2004 wegen der Überschwemmung minde­stens verfünffachen wird. 

 

 

Der strukturelle Hunger wie auch der konjunktur­bedingte Hunger sind die direkte Konsequenz der Verschuldung. Beim strukturellen Hunger liegt das auf der Hand. Die Kausalitätsbeziehungen zwischen konjunktur­bedingtem Hunger und Verschuldung hingegen müssen erklärt werden. 


Kehren wir zu der Hungersnot in Bangladesch im Jahr 2004 zurück. Die zwei wichtigsten hydographischen Be­cken, die für die Überschwemmungen im Juli verantwort­lich sind, sind das des Brahmaputra und das des Ganges. Im Jahr 2002 habe ich im Auftrag der Vereinten Natio­nen eine Mission in Bangladesch durchgeführt. Es ging darum, nach Möglichkeiten zu suchen, mit denen künftige Flutkatastrophen verhindert werden könnten. Im weit­läufigen Büro des Ministers für hydraulische Ressourcen in Dacca habe ich Stunden über Stunden damit verbracht, die Grafiken, Statistiken und Projekte zu prüfen. Aus die­ser Studie ergab sich, dass die moderne Technologie es ohne größeres Problem ermöglichen würde, sämtliche Flüsse in Bangladesch zu zähmen. Rein technisch wären die vom Monsun verursachten Überschwemmungen voll­kommen beherrschbar. (34) Doch da Bangladesch eines der am tiefsten verschuldeten Länder Südasiens ist, fehlt das Geld, um die Flüsse einzudämmen und ihre Strömung zu regulieren.

 

Hier nun ein Beispiel für das, was die FAO als strukturel­len Hunger bezeichnet. Als ich am 4. Februar 2003 spätabends das Büro des brasilianischen Staatspräsidenten im Planalto in Brasilia verlasse, versperrt mir auf der Esplanade ein fröhlicher blonder Riese den Weg. Seine Lebensfreude ist ansteckend. Wir sind alte Freunde und fallen einander in die Arme. João Stédilé, ein Mann von übersprudelnder Vitalität und Intelligenz, ist der Enkel von Tiroler Bauern, die nach Santa Catarina ausgewandert sind. Unter den neun natio­nalen Anführern der Bewegung der Landarbeiter ohne Land (35) ist er heute der einflussreichste. Seine Wortge­fechte mit Präsident Lula und dem andwirtschaftsminister sind legendär. 


»Was machst du morgen früh ?«, fragt er mich. »Ich fliege nach Rio zurück und dann nach Genf.«
»Kommt nicht infrage !«, erwidert João. »Morgen gehst du zum lixo. (36) Sonst wirst du nie etwas von dieser Regie­rung oder von dem, was hier los ist, begreifen … Du musst im Morgengrauen hinfahren … ohne deinen Dienstwa­gen und ohne deine Begleiter von der UNO … im Taxi … ganz allein.« 


Das Morgengrauen habe ich verpasst. Als ich aufwachte, stand die Sonne bereits hoch am Himmel, ich stürzte mei­nen Kaffee hinunter und sprang in ein Taxi. In Brasilia ist der Vormittagsverkehr höllischer als in Paris. Die Hitze senkte sich aus einem grauen, bedeckten Himmel herab. Da das Hotel Atlantica, in dem ich untergebracht war, in den westlichen Vierteln liegt, habe ich mehr als zwei Stun­den gebraucht bis zur städtischen Mülldeponie, die sich am östlichen Rand der Hauptstadt befindet.
Über zwei Millionen Männer, Frauen und Kinder leben in Brasilia. Eine nie abreißende Kette von Lastwagen trans­portiert rund um die Uhr ihre Abfälle hierher. Auf mehr als drei Quadratkilometern wachsen Pyramiden von Un­rat gen Himmel. Der Zugang zur Mülldeponie ist streng geregelt. Eine Metallschranke wird von einem Wachpo­sten der Militärpolizei bewacht. Die Männer in dunkel­blauer Uniform sind mit Maschinenpistolen und langen schwarzen Gummistöcken bewaffnet. 


Eine favela, in der offiziell an die 20 000 Familien wohnen, erstreckt sich zwischen den letzten Hochhäu­sern und der Schranke. Ein Ozean von Hütten aus Karton, von Holzbaracken, von Verschlagen mit Wellblechdächern … Hierher fliehen die Flüchtlinge des Hungers, die Op­fer des Latifundiums und der Lebensmittelkonzerne, die den fruchtbaren Boden in Goiás monopolisieren, und die Pächter, die Tagelöhner und ihre Familien verjagen. 


Von den Männern und Jugendlichen, die in der favela wohnen, erhalten ungefähr 600 täglich eine Zugangser­laubnis zur Deponie. Nach welchen Kriterien ? Es wird mir nicht gelingen, es herauszufinden. Da ich die Ge­wohnheiten und Bräuche der Militärpolizei kenne, ver­mute ich, dass die Korruption bei der Zuteilung eine be­trächtliche Rolle spielt. 


Unzählige Scharen von fröhlichen, aber sichtlich unter­ernährten Kindern mit großen, schwarzen Augen laufen auf den Gassen des Slums umher, zwischen den Abwas­serrinnen, den dürren Hunden und den Pappkartonhüt­ten. Sie umringen das Taxi. Sie lachen, klatschen in die Hände. Ich bahne mir meinen Weg durch den Kreis und gehe auf den Wachposten zu. Der Hauptmann erwartet mich auf der Türschwelle. Er lächelt breit. Stédilé hat ihn am Vortag angerufen. 


»Wir haben Sie ein bisschen früher erwartet«, sagt er. Mütter tragen Säuglinge, deren Mund, Nase und Augen von schwirrenden violetten Fliegen bedeckt sind. Über­all liegen Exkremente herum. Die Fliegenschwärme flie­gen zwischen den Exkrementenhaufen und den Augen der Säuglinge hin und her.

 
In Brasilien erfüllt die Militärpolizei die Aufgaben, für die bei uns die Gendarmerie zuständig ist. Sie ist dem Gouverneur des jeweiligen Mitgliedsstaats der Union un­terstellt. Der ungefähr dreißigjährige Hauptmann hat ein Gesicht mit feinen Zügen und die kohlschwarzen Augen eines Mulatten. Er ist aufgeweckt und wirkt kompetent. Aber er verhehlt nur mühsam seine Verachtung für die »armen Teufel«, die um den Wachposten herumschlur­fen und sich auf dem schlammigen Gelände hinter der
Schranke zu schaffen machen. Seine Rede ist klar, und er ist auf die Fragen des Be­suchers perfekt vorbereitet. Aber mein Besuch verwun­dert ihn. 


»Ihr in Europa, ihr seid reich ! Ihr verbrennt alles ! … Wir machen das anders, wir sind ein armes Land … Die Mülldeponie gibt einigen dieser armen Schlucker Arbeit … Wir verbrennen nichts … alles kann noch gebraucht werden … Und Sie würden staunen, wenn Sie sähen, was unsere favelados alles aus einem Stück Holz oder Alumi­nium machen können ! … Der Karton wird an Großhänd­ler verkauft … die Aludosen und die Bierdosen werden geplättet und verkauft … auch das Glas wird verkauft … 


Ein geschickter lixeiro kann bis zu 5 Reals pro Tag verdie­nen … (37) Mit den Lebensmittelabfällen, dem Gemüse, dem Obst, den tierischen Abfällen füttern sie ihre Schweine … Das ganze Viertel, das Sie hier sehen, lebt vom lixo.« Sein Arm deutet in einer ausholenden Geste auf den gesamten Raum zwischen der Mülldeponie und den fernen weißen Silhouetten der Hochhäuser. 


Die Militärpolizei betritt niemals das riesige Gelände, auf dem die Müllpyramiden stehen. »Wir sind nur da, um morgens die Karten auszuteilen, um den Zugang zur De­ponie zu kontrollieren und um zu verhindern, dass die Kinder sie betreten. Das wäre ungesund für sie.« Der Hauptmann stellt mir einen zahnlosen, sehr kor­pulenten, ungefähr sechzigjährigen Mann vor, der eine braune Jacke und eine braune Hose trägt, die mit Fettfle­cken übersät sind. Der Mann stützt sich auf eine Krücke. Er hat nur ein Bein. Auf seinem Kopf sitzt ein Strohhut von undefinierbarer Farbe. Sein Teint ist blass. Schweiß­
tropfen rinnen über seine Stirn. Er riecht schlecht. Sein ganzer Gesichtsausdruck wirkt verschlagen. Er ist mir so­fort unsympathisch. 


»Das ist der feitor …38 Der Herr ist verantwortlich für die lixeiros. Er weist jedem Mann die Stelle zu, an der er arbeiten kann. Ohne Autorität geht es nicht, wissen Sie ! Raufereien gibt es oft …« Der Mann mit dem Strohhut ruft zwei pistoleiros, zwei Schwarze, die ihm offensicht­lich als Leibwächter dienen. Zusammen gehen wir über die Piste auf die Müllberge zu. Wegen des traurigen Ein­beinigen, der mit seiner Krücke mühsam dahinhumpelt, kommen wir unter der glühend heißen Sonne nur lang­sam voran und brauchen für die Distanz ungefähr zwan­zig Minuten. 


Der Fäulnisgeruch nimmt mir den Atem. Ich schwitze literweise Wasser. Durch das ständige Hin und Her der Lastwagen gleicht die doch breite und von Abwassergräben gesäumte Fahr­bahn einer Schlucht. Sie ist mit Löchern übersät, von den tiefen Spuren der riesigen Räder zerfurcht. Die Lastwagen schwanken, so überladen sind sie. Ausgerüstet mit langen Stöcken, an deren Spitze eiserne Haken befestigt sind, klettern die Männer und die Halb­wüchsigen auf die Pyramiden. Die älteren Männer tra­gen schwarze Plastikstiefel und rote Schirmmützen, die der am Eingang zur Deponie postierte Coca-Cola-Ver­käufer verteilt. Ratten, groß wie Katzen, laufen zwischen den nackten Beinen der Halbwüchsigen. Viele Jugendliche sind spindeldürr und zahnlos. Sie tragen Kautschuksan­dalen und verletzen sich häufig. Sie sortieren mit bloßen Händen den Abfall und häufen ihn an bestimmten Stel­len auf. Ein Bruder, ein Vater, ein Cousin bringen den von einem Esel gezogenen Karren. Es sind flache Karren auf zwei Rädern mit abgenutzten Reifen. Jeder Karren wird mit einem anderen Material bela­den : Die einen biegen sich unter Bergen von Pappe und Papier. Die nächsten sind überladen mit Metall. Viele transportieren Flaschen und Glasscherben. Die Zwischen­händler warten am Ausgang, auf dem Gelände hinter der Schranke. 


Die meisten Karren transportieren Nahrung. Auf ih­nen stehen Bottiche aus grauem Plastik, in denen eine übel riechende Brühe von undefinierbarer Farbe schwappt. In den Bottichen ist ein Gemisch von Mehl, Reis, verfau­lendem Gemüse, Fleischstücken, Fischköpfen, Knochen – und manchmal einem toten Karnickel oder einer toten Ratte. Von den meisten dieser Bottiche geht ein entsetz­licher Geruch aus. 


Schwärme von violetten Fliegen bedecken die Kar­ren. Ihr unaufhörlicher Tanz erzeugt ein dumpfes Brum­men. Viele Fliegen hängen auf den infizierten Augen der Halbwüchsigen oder an den aufgeschürften Beinen der Älteren. Ich frage den feitor, für wen der Inhalt der Bottiche bestimmt ist.
»Das ist für die Schweine«, sagt er. Es klingt nicht über­zeugend. Ich stecke ihm einen Zehn-Reais-Schein zu. »Ich bin kein Tourist. Ich bin Sonderberichterstatter der Vereinten Nation für das Recht auf Nahrung … Ich will wissen, was hier vor sich geht«, sage ich mit lächer­lich feierlicher Stimme. Meine Mission ist dem feitor völ­lig egal. Für den Geldschein hingegen ist er empfänglich. »Unsere Kinder haben Hunger, verstehen Sie«, sagt er zu mir, als wolle er sie entschuldigen. Der verschlagene Einbeinige mit seinen zwei pistoleiros als Leibwächter wird mir beinahe sympathisch.

 

 Gravierende und chronische Unterernährung zerstört langsam den Körper. Sie schwächt ihn und beraubt ihn seiner Lebenskräfte. Die geringste Krankheit wirft ihn dann nieder. Das Gefühl des Mangels wird permanent empfunden. Doch die schlimmsten Leiden, die von der Unterer­nährung verursacht werden, sind die Angst und die De­mütigung. Der Hungernde führt einen verzweifelten und ständigen Kampf um seine Würde. Ja, der Hunger erzeugt Scham. Der Vater kann seine Familie nicht mehr ernäh­ren. Die Mutter steht mit leeren Händen vor dem hun­gernden Kind, das weint. Nacht für Nacht, Tag für Tag schwächt der Hunger die Widerstandskräfte des Erwachsenen. Er sieht den Tag herannahen, an dem er nicht einmal mehr imstande sein wird, auf den Straßen umherzuirren, in den Mülltonnen zu stöbern, zu betteln oder diese kleinen Gelegenheitsar­beiten auszuführen, die es ihm erlauben, ein Pfund Ma­niok zu kaufen, ein Kilo Reis, etwas, um seine Familie – wenigstens halbwegs – durchzubringen. Die Angst nagt an ihm. Er geht in Lumpen, mit ausgetretenen Sandalen und fiebrigem Blick. Er kann in den Augen der anderen lesen, dass er verachtet wird. Oft sind er und seine Angehörigen gezwungen, die Abfälle aus den Mülltonnen der Restaurants oder der bürgerlichen Häuser zu essen.

 

Die Soziologin Maria do Carmo Soares de Freitas und ihre Mitarbeiter an der Bundesuniversität Bahia (Brasilien) ha­ben eine Langzeitstudie im Viertel Pela Porco in Salvadordurchgeführt, um zu begreifen, wie die Hungernden selbst ihre Lage erleben. Pela Porco ist neben den Alagados eines der ärmsten bairos (39) der Metropole des Nordens und ehe­maligen Hauptstadt des lusitanischen Vizekönigtums Bra­silien. Hier herrschen die Korruption, die polizeiliche Will­kür, die Gewalt der bewaffneten Banden, die ständige Ar­beitslosigkeit, der totale Mangel an schulischen, sozialen und medizinischen Einrichtungen. Die Wohnverhältnisse sind prekär. Ungefähr 9000 Familien leben dort. Os textos dos famintos (40) lautet der Titel des noch nicht veröffentlich­ten Bandes, in dem die Hungernden zu Wort kommen. 


Um die Scham zu bannen, gebrauchen die Opfer der chronische Unterernährung oft Sätze wie diese : A fome vem de fora do corpo (Der Hunger kommt von außerhalb des Körpers). Der Hunger ist der Aggressor, eine Bestie, die mich angreift. Ich kann nichts dagegen machen. Ich bin nicht verantwortlich für meinen Zustand. Ich soll mich nicht schämen über die Lumpen, die ich trage, über die Trä­nen meiner Kinder, über meinen eigenen, schwach gewor­denen Körper und darüber, dass ich unfähig bin, meine Familie zu ernähren. 


Diejenigen, die nicht anders können, als sich von den Abfällen zu ernähren, die sie in den Mülltonnen des Stadt­zentrums oder der luxuriösen Hotels finden, die den wei­ßen Sandstrand von Ita-poa säumen, sagen :

 »Preciso tirar a vergonha de catar no lixo, porque pior é roubar« (»Ich muss meine Scham überwinden, in den Abfällen zu wüh­len, weil das Stehlen schlimmer wäre«). 

Zahlreiche Frauen und Männer, die befragt wurden, nennen den Hunger »a coisa« (»das Ding«). »A coisa bater na porta« (»Das Ding klopft an meine Tür«). Den Hun­ger außerhalb seines Körpers ansiedeln, sich als das Op­fer einer Aggression sehen, sich von einem übermäch­tigen Gegner verletzt sehen, sind lauter Abwehrmecha­nismen gegen die Scham. Manche Bewohner sagen auch: »Sentem-se persegui­dos, ou pela policia ou pela fome« (»Ich fühle mich ver­folgt, entweder von der Polizei oder vom Hunger«). Oder : »A fome e sempre um sofrimento que fere o corpo« (»Der Hunger ist immer ein Schmerz, der den Körper verletzt«). Das Tier fällt über mich her, was soll ich tun ? Nichts oder nicht viel, »porque ela é mais de que eu« (»weil das Tier immer stärker ist als ich«). 


Der Ausdruck »perseguido pela fome« (»vom Hunger verfolgt«) kehrt in fast allen Antworten wieder.
Manche unter den befragten Personen, vor allem un­ter den Halbwüchsigen beiderlei Geschlechts, lehnen sich auf gegen das Tier. Sie wollen den Angriff erwidern, Wi­derstand leisten. 

»Aper-sõa tem ser forte, tem que fazer qualquer negocio ; não ter vergonha, não ter medo ; pedir a um e a outro, bulir no lixo, tem uns que até rouba, as­salta, bole nas croisas dos outros ; não pode ficar esperando as coisas cair do ceu ; tem que ter muita fé pra ficar com força, se levantar e andar, andar …« 
(»Man muss stark sein, man muss zurückschlagen, etwas tun ; man darf sich nicht schämen oder fürchten ; man muss den einen oder den anderen um Hilfe bitten ; man muss in den Abfällen wühlen. Manche gehen so weit und stehlen, greifen die andern an, nehmen die Sachen der andern. Niemand darf darauf warten, dass die Dinge vom Himmel fallen. Man muss einen festen Glauben haben, um seine Kraft nicht erlöschen zu lassen, man muss aufstehen, vorwärtsgehen, vorwärtsgehen …«). 

Eine Reihe von besonders relevanten Fragen wurde von Maria do Carmo und den anderen Mitarbeitern zu la fome nocturna (dem nächtlichen Hunger) gestellt. Fast alle befragten Personen jeden Geschlechts und Alters haben nächtliche Visionen, kompensatorische Träume, in denen Tische mit blütenweißen Tischtüchern auftau­chen, die sich unter Bergen von Obst, Fleisch und Ku­chen biegen. Diese Halluzinationen trösten über die kör­perlichen Entbehrungen, die quälende Angst und den
Schmerz hinweg. 


Eine junge Frau, die ebenfalls befragt wurde, sagte : 

»No tempo da noite, quando as crianças choram ou a violen­cia assusta ainda mais, são produzidas insoñia e visões« (»In der Nacht, wenn die Kinder weinen und die Gewalt [die der Polizei und der bewaffneten Banden] ausbricht, kommen Schlaflosigkeit und Visionen«). 

Angesichts ei­ner Gesellschaft, die ihn ausgrenzt und der Nahrung be­raubt, klammert sich der Hungernde an diese Schimären. Sie setzen ihn – dank der Vorstellungskraft – wieder in seine Würde als freies Individuum ein. 


Zwei Milliarden Menschen leiden an dem, was die Ver­einten Nationen als hidden hunger bezeichnen, am unsichtbaren Hunger, anders ausgedrückt : an schlechter Ernäh­rung. Sie ist durch den Mangel von Mikronutrimenten (Mineralstoffe, Vitamine) definiert. Diese Mängel sind es, die oft tödliche Krankheiten verursachen.


Die calampas in Lima, die favelas in São Paulo oder die dreckigen Slums der smoky mountains in Manila sind Orte, an denen ein pestilenzialischer Gestank herrscht. In den smoky mountains, wo eine halbe Million Personen leben, liegt überall der Fäulnisgeruch in der Luft. Ratten beißen Säuglinge ins Gesicht. In diesen Blechhütten fül­len sich die Frauen, Kinder und Männer mit Nahrungs­abfällen, die sie auf den Müllbergen auflesen, den Magen. Die Kalorienzufuhr mag also manchmal ausreichen. Die Zusammensetzung der Nahrung hingegen kann gefährliche Mängel mit sich bringen.


Ein Kind, das chronisch fehlernährt wird, kann sich durchaus satt fühlen, aber aufgrund des Mangels an Mikronutrimenten dennoch schwer erkranken und sterben. In den 122 Ländern der Dritten Welt, in denen, ich erinnere noch einmal daran, nahezu 80 % der Weltbevölke­rung leben, verursacht der Mangel an Mikronutrimenten ein Massensterben. (41)

 
Unter den gängigsten und am weitesten verbreiteten Krankheiten, die von diesem Mangel verursacht wer­den, findet man den Kwashiorkor, der in Schwarzafrika sehr häufig ist, Anämie, Rachitis und Blindheit. Die Jugendlichen, die Opfer des Kwashiorkor werden, haben einen geblähten Bauch, ihr Haar wird rot und ihre Gesichtsfarbe gelb. Sie verlieren ihre Zähne. Wer perma­nent unter Vitamin-A-Mangel leidet, erblindet. Rachi­tis verhindert die normale Entwicklung des Knochen­baus bei den Kindern. Die Anämie greift das Blutsystem an, raubt dem Opfer die Energie und jegliche Konzentrationsfähigkeit. Nehmen wir ein weiteres Beispiel. Nach dem Bericht der Weltbank vom März 2003 sind 15,1 % der palästinen­sischen Kinder unter zehn Jahren, die im Westjordanland und in Gaza leben, chronisch und in ernstem Aus­maß fehlernährt.


Die Vernichtung der palästinensischen Anbauflächen, die Umleitung des Grundwassers, die Blockade aller Städte und Dörfer in Palästina durch die israelische Besatzungs­armee haben bewirkt, dass das palästinensische Bruttosozialprodukt seit dem Beginn der zweiten Intifada im September 2000 um mehr als 42 % gesunken ist. In den Schulen der UNRWA, in Khan Younès, Rafah und Beït Hanoun, kommt es häufig vor, dass die Schü­ler vor lauter Entkräftung nicht stehen können und auf­grund von Anämie ohnmächtig werden. (42) Als Konsequenz der schlechten Ernährung tragen Tau­sende palästinensische Säuglinge irreparable Gehirnschä­den davon.


Analysieren wir die von einem Mangel an Mikronutri­menten verursachten Verheerungen näher. (43) Der Eisenmangel ist die am meisten verbreitete Ursache des unsichtbaren Hungers. Eisen ist unerlässlich für die Blutbildung. Sein Fehlen erzeugt Anämie, die vor allem durch einen Mangel an Hämoglobin gekennzeichnet ist. 


1,3 Milliarden Personen in der Welt leiden an Anämie. 800 Millionen unter ihnen leiden an einem Typus von Anämie, der einem Mangel an Eisen entspringt. Die Anämie bringt das Immunsystem durcheinander. Es gibt auch Arten von Anämie, die harmloser sind. Sie reduzieren in unterschiedlichem Ausmaß die Arbeits- und Fortpflanzungsfähigkeiten derjenigen, die an ihnen erkranken. In der südlichen Hemisphäre leiden ungefähr 50 % der Frauen und 20 % der Männer auf die eine oder andere Weise an einer durch Eisenmangel bedingten An­
ämie.


Für die Ernährung von Babys zwischen sechs und vier­undzwanzig Monaten ist Eisen extrem wichtig. Fehlt es, so wird die Bildung der Hirnneuronen beeinträchtigt. In den 49 ärmsten Ländern ist das bei 30 % der Babys der Fall. Sie werden ihr Leben lang geistig zurückgeblieben sein. Ungefähr 600 000 Frauen sterben pro Jahr während ih­rer Schwangerschaft aufgrund eines schweren Eisenman­gels. Ungefähr 20 % aller Frauen, die im Kindbett sterben, sterben an den Folgen eines Eisenmangels. Ein anderes wesentliches Mikronutriment ist das Vita­min A. In den armen Klassen, die auf der südlichen Erd­hälfte leben, ist der Mangel an Vitamin A die hauptsäch­liche Ursache für Blindheit. Alle vier Minuten erblindet eine Person aufgrund von Vitamin A-Mangel. Die WHO hat die Kategorie der populations at risk zah­lenmäßig erfasst, das heißt die Bevölkerungen, die von be­stimmten Krankheiten gefährdet sind (wie etwa von In­fektionen des Magen-Darm-Trakts oder der Atemwege), die indirekt durch den Mangel an Vitamin A bedingt sind. Diese Bevölkerungen belaufen sich im Jahr 2004 auf un­gefähr 800 Millionen Personen. (44)


Jod ist ebenfalls unerlässlich für das Gleichgewicht des Körpers. Die Frauen, Männer und Kinder, die an Jodmangel leiden, sind mehr als eine Milliarde. Sie leben vor allem in den ländlichen Regionen des Planeten, da die An­reicherung von Speisesalz mit Jod zumindest seit einem Jahrzehnt von den Behörden im städtischen Milieu geför­dert wird. Jodmangel wirkt sich verheerend auf den Kör­per der Mutter (und damit des Fötus) aus. Im Jahr 2003 sind 18 Millionen Babys mit unheilbaren geistigen Behin­derungen auf die Welt gekommen.


Und wie verhält es sich mit dem Vitamin B ? Wer in seiner täglichen Ernährung nicht genug davon bekommt, wird von der Beriberi befallen, einer Geißel, die langsam das Nervensystem zerstört.


Anhaltender Vitamin-C-Mangel erzeugt Skorbut. Folsäure ist wesentlich für Frauen im Wochenbett und für Neugeborene. Die UNO hat die Zahl der schweren und permanenten Schäden, die alljährlich durch den Mangel an diesem Mikronutriment bei den Neugeborenen verurs­acht werden, auf 200 000 geschätzt. Die Abwesenheit von Folsäure ist auch für jeden zehnten kardiovaskulären Tod in den Ländern der Dritten Welt verantwortlich.


In den meisten Fällen wird die Fehlernährung durch eine Kombination von Mängeln verursacht. Ein Kind, das in einer Hütte im sertão von Pernambuco am Rand eines Großgrundbesitzes zur Welt kommt, hat große Aussichten, unter einem Mangel an Jod, Eisen und verschiedenen Vi­taminen zu leiden. Mehr als die Hälfte der Personen, die unter Mangel an Mikronutrimenten leiden, leiden an ku­mulativen Mängeln.


Der Tod von hunderttausenden unterernährten Frauen im Wochenbett, die Geburt von Millionen geistig zurück­gebliebener Kindern und der Verlust der Arbeitsfähigkeit von Dutzenden Millionen Männern lasten schwer auf den Gesellschaften. Und das umso mehr, als diese Frauen und Männer, die von den in ihrer Kindheit erlittenen Mängeln gezeichnet sind, ihren eigenen Nachkommen »schlechtes Blut« vererben, das von Anämie und anderen, von Fehl­ernährung bedingten Übeln befallen ist.


Dabei könnte die Fehlernährung ohne großen tech­nischen Aufwand und ohne horrende finanzielle Mit­tel rasch von der Erdoberfläche vertrieben werden. Man brauchte bloß auf die in der Dritten Welt konsumierte Nahrung die gleichen Vorschriften anwenden wie auf die in der westlichen Welt. Das Salz, das ich in Genf kaufe, ist aufgrund der in Kraft befindlichen Gesetze mit Jod ange­reichert. So ist auch die durch Eisenmangel bedingte An­ämie in der westlichen Welt fast ganz verschwunden. Die einschlägigen Gesetzgebungen in den Industrieländern enthalten sehr strenge Vorschriften über das Vorhanden­sein von Mikronutrimenten in der im Handel befindlichen Nahrung. In den Ländern der südlichen Erdhälfte sind derartige Gesetzesregelungen die Ausnahme.


Ja, Milliarden Menschen vom Märtyrertum des unsicht­baren Hungers zu erlösen, würde keine größeren Schwierigkeiten bereiten. Es sei denn finanzielle. Denn die Kauf­kraft der meisten Opfer ist gleich null. Ihre Regierungen haben meistens nicht die Mittel – und gewöhnlich auch nicht den Willen –, die in ihrem Land erzeugte oder aus dem Ausland importierte Nahrung mit Mikronutrimenten anzureichern. Auch den internationalen Organisationen fehlt es an Geld, um Programme zur Ausrottung der Fehl­ernährung auf weltweiter Ebene starten zu können. (45)


Unterernährung und Fehlernährung spielen zusammen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Viruserkrankungen, die laut WHO nicht direkt in die Katego­rie der hunger-related diseases gehören. Ein vom Hunger gequälter Körper kann den Infek­tionen nicht widerstehen, weil seine Immunkräfte ge­schwächt sind. Der geringste Angriff des geringsten Vi­rus führt zum Tod. Der rapide Anstieg der Tuberkulose in Asien und in Afrika ist zum Großteil auf die wachsende Unter- und Fehlernährung zurückzuführen.


Das Gleiche gilt für die entsetzliche Ausbreitung von AIDS in Schwarzafrika. 36 Millionen Menschen in der ganzen Welt leiden daran. 24 Millionen von ihnen leben in Schwarzafrika. Die afrikanischen Männer, Frauen und Kinder, die an AIDS erkrankt sind, haben zum Großteil keine Kombitherapie. Das Geld dafür fehlt.46 Gewiss wird AIDS vom HIV-Virus verursacht und nicht von Kalori­enmangel oder dem Fehlen von Vitaminen. Die Seuche befällt die Wohlgenährten ebenso wie die Hungernden. Dennoch fördert die chronische Unterernährung die Aus­breitung der Pandemie. In Schwarzafrika vor allem verfü­gen die unterernährten und infizierten Körper über kei­nerlei Immunabwehr.


Nach der Rückkehr von einer Reise durch verschiedene afrikanischen Länder schrieb Peter Piot, der Direktor von UNAIDS, der Spezialorganisation der Vereinten Nationen für den weltweiten Kampf gegen AIDS (47):

»I was in Malawi and met with a group of women living with HIV. As I al­ways do when I meet people with HIV/AIDS and the other Community groups, I asked them what their highest prio­rity was. Their answer was clear and unanimous : food. Not care, not drugs for treatment, not relief from stigma, but food« (»Ich war in Malawi und habe dort eine Gruppe von Frauen getroffen, die HIV-infiziert sind. Ich habe sie gefragt, wie ich es immer tue, wenn ich Leute mit AIDS und andere organisierte Gruppen treffe, was für sie ober­ste Priorität habe. Ihre Antwort war klar und einstim­mig : Nahrung. Nicht Pflege, nicht Medikamente gegen ihre Krankheit, nicht das Ende der Ausgrenzung, son­dern Nahrung«). (48)

Werfen wir einen Blick auf das Leben von Virginia Ma­ramba, einer jungen Frau, die in Muzarabani in der Pro­vinz Mashonaland in Simbabwe lebt. Ihr Mann Andrew ist 2003 an den Folgen von AIDS gestorben und hat na­türlich keine Erbschaft hinterlassen (er war Landarbeiter). Virginia hat zwei minderjährige Kinder. Sie versucht auf den großen Farmen der Weißen Arbeit als Tagelöhnerin zu bekommen. Wenn sie keine Arbeit findet, sammelt sie Wurzeln und Gräser in den Wäldern am Rand der Groß­grundbesitze und macht daraus eine Suppe für ihre Kin­der. Ihre Nachbarn sind genauso arm wie sie. Die permanente Unterernährung, die den Körper und den Geist von Virginia und ihren Kindern quält, ist nicht durch irgendeine Trägheit bedingt. Die junge Frau arbei­tet – und zwar hart. Ende 2003 sichert sie sich ein Stück Boden. Sie pflanzt dort Mais und Bohnen, Karotten, Ma­niok und Süßkartoffeln. Doch die Regenfälle sind unregel­mäßig. Virginia hat kein Geld, um Dünger zu kaufen. Im Jahr 2004 erntet sie nur 20 Kilo Mais, was kaum ausreicht, um ihre Familie einen Monat zu lang zu ernähren. (49) Vir­ginia hat Hunger, ihr unterernährter Körper kann sich nicht wehren gegen die Infektion. Sie bewegt sich rasch auf den Tod zu.


In den internationalen Diskussionen über den Hun­ger ist das Wort »Fatalität« allgegenwärtig. Im Jahr 1974, drei Jahre nach der Erlangung der Unabhängigkeit, er­lebte Bangladesch eine der schlimmsten Katastrophen seiner Geschichte : Das Hochwasser des Ganges und des Brahmaputra und die Überschwemmungen verursach­ten eine Hungersnot, die vier Millionen Opfer forderte.


Henry Kissinger prägte damals den Begriff basket case, was so viel heißt wie : Manche Länder sind ganz unten im »Korb«, im Abgrund, blockiert, sodass es keinerlei Hoff­nung für sie gibt. Die klimatischen und topographischen Bedingungen, unter denen sie leben, machen den Hun­ger eines Großteils ihrer Bevölkerung unvermeidlich und verhindern jede wirtschaftliche Entwicklung. Ihre Bewoh­ner sind dazu verurteilt, in Angst zu leben und sich international durchzubetteln. (50) Sie sind auf lebenslänglich verdammt.


Ist die düstere Vorhersagung von Kissinger berechtigt ? Gibt es Länder, die für immer »ganz unten im Korb« blockiert sind ? Untersuchen wir diesen Begriff »Fatalität« et­was näher.


Das WFP veröffentlicht alljährlich seine World Hunger Map (die geographische Karte des Hungers, die in allen Schulen Europas an der Wand hängen sollte). Verschie­dene Farben zeigen den Prozentsatz der permanent und schwer Unterernährten in den unterschiedlichen Ländern an. Dunkelbraun steht für eine durchschnittliche Unterernährungsrate, die höher ist als 35 % der Bevölkerung. Diese Farbe bedeckt weite Zonen in Afrika und Asien sowie manche Länder der Karibik. Eines der drei Länder, die ständig an der Spitze dieser makabren Rangliste stehen, ist seit 2001 die Mongolei.


Die Mongolei ist ein wunderschönes Land, das aus Step­pen, Wüsten, Bergen und Tundra besteht und im Herzen Asiens liegt. Es misst 1,5 Millionen Quadratkilometer und hat 2,4 Millionen Einwohner, überwiegend Mongolen, aber auch Kasachen und Burjäten. Mehr als 50 % der Bevölke­rung sind Nomaden.


Der Sommer dauert nur zweieinhalb Monate, von Mitte Juni bis Anfang September. Dann kommen Herbst und Winter. Ende Oktober sinken die Temperaturen auf 20 Grad minus. Im Dezember sinken sie bis auf 50 Grad minus. Zweihundertfünfzig Tage pro Jahr ist der mongo­lische Himmel durchsichtig hellblau. Die Sonne scheint. Das Land, das an Sibirien, China und Kasachstan grenzt, ist von atemberaubender Schönheit. Im Norden die Taiga. Im Westen das Altai-Gebirge. Im tiefen Süden die Dü­nen und Felsplateaus, über die die Winde aus der Wüste Gobi hinwegfegen. Im Zentrum und im Osten erstre­cken sich, endlosen Wellen gleich, mit dichtem Gras bewachsene Hügel. Eine einzige, 600 Kilometer lange, asphaltierte Straße verbindet die Hauptstadt Ulan-Bator mit Selenge, einer Stadt an der Grenze zu Sibirien. Die Eisenbahn durch­quert das Land von Süden nach Norden und schafft eine Verbindung mit der berühmten Transsibirischen Eisen­bahn.


Dort, wo sich die löchrigen, durch die Steppe führen­den Pisten kreuzen, stehen Steinhaufen mit einer himmelblauen Fahne, der Farbe der Schamanen, aber auch des tibetischen Buddhismus. Einem alten Schamanenbrauch zufolge wird der Reisende eingeladen, den Steinhaufen dreimal zu umrunden und drei in der Nähe aufgelesene Steine auf ihn zu werfen.


Im Sommer weht ständig eine leichte Brise über die Steppe. Ab Oktober ziehen heftige Winde über den Him­mel. Von November bis März toben häufig Schneestürme und verschlingen oft Menschen und Tiere. Im Sommer explodiert das Leben. Hochzeiten werden gefeiert. In allen Aimaks (51) werden Wettkämpfe im Rin­gen, Bogenschießen und in Akrobatik sowie Pferderennen veranstaltet. Dann erklingen die mongolischen Gesänge – langgezogene, verhaltene und melodische Klagen. 


Die Mongolen besitzen ein sehr weit zurückreichendes und lebendiges kollektives Gedächtnis. Die Symbole ih­rer Vergangenheit sind überall zu sehen. Vom Ende des 12. Jahrhunderts bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts haben sie über das größte Reich geherrscht, das die Menschheit je gekannt hat. Es erstreckte sich von Ungarn bis nach Java und schloss praktisch den ganzen asiatischen Kontinent (mit Ausnahme Japans) ein. (52) Dschingis Khan, der Grün­der des Reiches, starb 1227. Seine Name bedeutet »univer­seller König«. Sein Enkel Kublai Khan verließ die Haupt­stadt Karakorum und gründete Peking.


Die Mongolen, die in ihren ger leben – einer Art Rund­zelt, gegen Wind und Kälte mit undurchlässigen Filzde­cken geschützt, die aus Schafwolle hergestellt werden –, besitzen einen Viehbestand von mehr als 30 Millionen Tie­ren : Ziegen (welche die kostbare, nach China exportierte Kaschmirwolle liefern), Schafe (aller Rassen), Kühe (die spindeldürr sind) und Kamele mit zwei Höckern (auch »Gobischiffe« genannt), vor allem wendige, gedrungene, sehr schöne Rassepferde, die verblüffend schnell galop­pieren können.


Stutenmilch, Pferdefleisch und Wodka, der aus von Russland geliefertem Getreide hergestellt wird, das sind die Lieblingsgerichte und -getränke der Mongolen. Die Nomadengesellschaft mag durchaus faszinierend wirken, wenn man den Reichtum ihrer Jahrtausende al­ten Bräuche, ihre Werte der Gastfreundschaft und gegen­seitigen Hilfe bedenkt, aber sie ist äußerst fragil. 1999 und 2002 haben Winter, die noch rauer waren als gewöhnlich, gefolgt von katastrophalen Dürren und Heuschrecken­invasionen, knapp 10 Millionen Tiere getötet. (53)

 
Auf der Karte des WFP ist die Mongolei mit einer chro­nischen und bedrohlichen Unterernährungsrate von durch­schnittlich 43 % verzeichnet. 70 % der Nahrung werden heute aus China, Südkorea und Russland importiert. Ungefähr 40 % der Bevölkerung leben unterhalb der ex­tremen Armutsgrenze. Sie sind gezwungen, mit weniger als 22 000 Tugriks pro Monat (1 US-Dollar entspricht 1100 Tugriks (54)) zu leben. Nach Angaben der Regierung beläuft sich jedoch das zum Überleben erforderliche Minimum in Ulan-Bator auf 30 000 Tugriks pro Monat.


In der Hauptstadt lebt mehr als die Hälfte der Bevölke­rung, und 30 % der Einwohner leben seit weniger als fünf Jahren dort ; sie sind vor den Naturkatastrophen und dem Hunger aus den Steppen hierher geflüchtet. Die Kindersterblichkeit ist eine der höchsten der Welt: (58) tote Babys auf 1000 Geburten im Jahr 2003. Für die Armen verschlimmert sich die Situation mehr und mehr.


Die Landwirtschaft existiert unter sehr schwierigen Be­dingungen, weil die Sommer zu kurz sind, um zu pflan­zen und zu ernten. Aufgrund des Wassermangels ist die Bewässerung auf drei Vierteln des Gebiets unmöglich. Also importiert die Mongolei praktisch ihre ganze Nah­rung mit Ausnahme von Fleisch und Milch. Die Preise der chinesischen und russischen Produkte steigen jedoch ständig. Während meines Aufenthalts im August 2004 ist der Preis der aus Russland importierten Nahrungs­mittel – Weizen, Kartoffeln usw. – durchschnittlich um 22 % gestiegen …


Von 1921 bis 1991 hat die Mongolei unter der sowje­tischen Knute gelebt. Das Land, das formal unabhängig, in Wirklichkeit aber ein Satellitenstaat der UdSSR war, hat schrecklich gelitten : Konzentrationslager, ein allmächtiger KGB, unaufhörliche Attacken gegen die traditionelle Ge­sellschaft. 30 000 buddhistische Lamas und Mönche sind im Lauf der so genannten »Kampagne gegen den Athe­ismus« im Jahr 1936 von den Schergen Stalins hingerich­tet worden.


Doch in ihren Tiefenstrukturen hat die mongolische Gesellschaft widerstanden. Die Clans sind praktisch unangetastet geblieben. Die Solidarität ist ihr Fundament : Wenn im Winter in der Steppe die Temperatur auf minus 50 Grad sinkt, oder während der Dürre im Sommer, wenn es an Wasser mangelt, kann niemand überleben ohne die Solidarität der anderen Bewohner der gers in der Steppe oder der baufälligen Viertel der Hauptstadt. Diese Solidarität ist allgegenwärtig. Sie ist der Atem der mongolischen Gesellschaft.


Das zweistöckige Haus mir gegenüber hat abbröckelnde, gelb verputzte Mauern. Es steht am Rand eines unbebauten Geländes in der fernen südlichen Vorstadt von Ulan-Bator am Fuß der ersten, baumlosen Hügel, über die die Straße nach Dundgobi verläuft. Eine kleine Treppe führt zur eisernen Tür. Ich lasse mir die Inschrift übersetzen, die einen Teil der Außenmauer schmückt : Children Address Identification Center of the Citys Governor’s Office (Städtisches Zentrum für die Identifizierung der Adressen von Kindern).

 

Ein etwa fünfzigjähriger massiger Mann in Zivilklei­dung, der überrascht und vage besorgt dreinblickt, emp­fängt uns. Es ist Oberst Bayarbyamba, der Direktor des Zentrums. Hinter ihm kommen eine Frau mittleren Alters in einem weißen Trainingsanzug, Doktor Enkhmaa, und ein junger Polizeiinspektor in blauer Uniform. Die Sonne steht bereits hoch am Himmel. Der Wind bewegt sacht die Zweige des einzigen Baums, der vor dem Haus steht. Es ist Vormittag, aber schon über 35 Grad heiß. Ein Polizeioberst als Direktor eines Heims für verlas­sene Kinder ? Ich zögere kurz, bevor ich die kleine Treppe hochsteige. Doch die Eisentür ist offen … Ich höre das Gezwitscher der Kleinen.


In jedem anderen Land der Welt hätte mich der Anblick eines Polizisten in blauer, goldgeschmückter Uniform zum Umkehren veranlasst. Ich hätte sofort an eine Maskerade für ausländische Besucher geglaubt. In der Mongolei ist jedoch alles anders. Ja, die staatliche Polizei ist es, die die Jungen und Mädchen in den Heizungstunneln aufstöbert, die sie zwingt, wieder an die Oberfläche zu kommen, die sie in den Toreinfahrten aufliest, die sie hierher bringt … Auch die Polizei ist von dieser Solidarität beseelt, die alle Mongolen vereint. Die staatliche Polizei, die ein Obdach gibt, Duschen, Toiletten, ein Minimum an Kleidung, Nah­rung und Versorgung für diese Tunnelkinder, die ohne sie mehrheitlich dem sicheren Untergang entgegengehen wür­den. Sie versucht dann, die Eltern ausfindig zu machen oder irgendein Familienmitglied zu finden, dem man ein solches Kind zur Obhut übergeben könnte. Diese Ermitt­lungen sind jedoch meistens vergeblich.


Die 132 Kinder, Jungen und Mädchen aller Altersstu­fen, die hier untergebracht sind, löffeln ihr Mittagessen aus Blechnäpfen. Ein ausgiebiges Essen, gekochtes Schaf­fleisch und Kartoffeln. 80 % der Kinder, die hierher kommen, sind verletzt oder krank. Die meisten von ihnen sind »Tunnelkinder«. Bei ihrer Ankunft sind sie fast alle schwer unterernährt. Am häufigsten leiden sie an Haut- und Magenkrankheiten.


Das moderne Ulan-Bator wurde vor fünfzig Jahren im Stil der damaligen sowjetischen Architektur errichtet. Ein riesiges, mit der in der Tundra reichlich vorhandenen Kohle betriebenes Werk liefert Strom und Heizwärme für die ganze Stadt. In endlosen unterirdischen Tunneln lau­fen die Rohre für diese kollektive Heizung : Sie liefern das heiße Wasser für die Heizkörper in den Wohnungen. In diese Tunnel flüchten ab Ende September jedes Jahr die Ärmsten unter den Armen und vor allem die verlas­senen Kinder. Sie tauchen im Mai wieder auf und im Sep­tember von Neuem unter. Die städtische Polizei sucht sie und bringt sie, wenn sie sie gefunden hat, in eines die­ser Zentren.


Ich bin über eine Metallleiter in einen dieser Tunnel hinabgestiegen. Der Boden war bedeckt von Exkrementen. Ich habe dort Kolonien von Ratten gesehen. Der Gestank war unerträglich. Die meisten Kinder sind Opfer häuslicher Gewalt. Im Jahr 2004 waren 47 % der berufstätigen städtischen Bevöl­kerung von Arbeitslosigkeit betroffen. Unter diesen Um­ständen hat der Wodka verheerende Auswirkungen. Die Verzweiflung ebenfalls. Die Kinder werden verletzt, sexu­ell missbraucht und geprügelt. Nachts flüchten sie sich in die Tunnel. Tagsüber wühlen sie in den Mülltonnen. Wie viele sind es in Ulan-Bator ? »Ungefähr 4000«, gibt Oberst Bayarbyamba zur Ant­wort. »Mindestens 10 000«, schätzt Prasanne da Silva, ein jun­ger, stark amerikanisierter Inder, der die Aktionen der World Vision in der Mongolei leitet. World Vision ist eine regierungsunabhängige amerikanische Organisation pres­byterianischer Herkunft, die über ein jährliches Budget von über einer Milliarde Dollar verfügt und zu 59 % aus privaten Spenden finanziert wird. World Vision unterstützt einige der 39 Auffangheime für Straßenkinder, die es in der Hauptstadt gibt.


Ich werde eingeladen, mit den Kindern zu Mittag zu essen. Neben mir füttert ein kleines, ungefähr zehnjähri­ges Mädchen einen mageren, achtzehn Monate alten Jun­gen. Er schluckt kleine Stücke Schaffleisch, die das Mäd­chen vorgekaut hat. Er sieht sehr zufrieden drein. Dulgun ist ein vierzehnjähriger Junge. Wegen der Hitze trägt er nur Shorts. Sein Rücken weist Spuren von Schlä­gen auf. Er hat blutunterlaufene rote Flecken beiderseits der Wirbelsäule. Ein anderer, noch nicht so alter Junge hat Schorf im ganzen Gesicht. Manche Kinder blicken uns mit Sym­pathie an. Andere wieder haben Angst. Aber allmählich kommen sie alle und schütteln uns die Hände. Ein zwölfjähriges Mädchen namens Zaya in einem ge­blümten Pyjama war so schwer unterernährt, dass ihr Ge­hirn beeinträchtigt wurde. Sie stößt unverständliche kleine Schreie aus. Ihr Blick drückt Schmerz und Irrsinn aus. Will sie sich bewegen, muss sie von einer jungen Kame­radin getragen werden. Nach dem Essen stehen die Kinder brav auf und bilden einen Kreis. Sie halten sich an den Händen und singen : »Dank dem Koch !« Die Szene scheint direkt aus einem Stück von Bertolt Brecht zu stammen. Andere Lieder fol­gen. Zaya, die nicht aufrecht stehen kann, wird sachte in die Mitte des Kreises gebracht. Ich bitte darum, mich länger mit den Kindern unter­halten zu dürfen. Bat Choimpong, der Direktor des Sozial­wesens der Stadt, wird übersetzen.


Die Geschichten der Kinder klingen banal, es sind die üblichen Berichte von Vernichtung, von Elend und von der Erniedrigung, wie Kinder sie überall auf der Welt er­leben.


Sondor ist ein siebenjähriger Junge mit großen, sanften braunen Augen. Narben ziehen sich über Unterarme und seine Wangen. Er ist seit zwei Monaten im Zentrum und nunmehr vor den Schlägen geschützt. Tagsüber würde er gern in eine Schule gehen. Seine Eltern seien im Gefängnis, sagt er. Tuguldur sagt, er sei fünfzehn. Er lebt seit drei Jahren auf der Straße, das heißt in den Tunneln. Seine Eltern haben wegen einer nicht mehr zu bewältigenden Verschuldung ihr ger verkaufen müssen. Auch sie leben in den Tunneln und auf der Straße. Tuguldur weiß nicht, wo sie sich aufhalten.


Byamba ist ein schmächtiger Junge mit weißer, fast durchsichtiger Haut, er ist zwölf. Er kommt aus dem Ai­mak Umgobi im Süden. Er ist ein Waisenkind. Seine El­tern sind gestorben, als er sechs war. Eine Großmutter hat ihn in Ulan-Bator aufgenommen. Kurz darauf ist auch sie gestorben. Byamba ist daraufhin in die Tunnel gegangen und hat dort fünf Jahre lang gelebt, bis zum Mai letzten Jahres. Als ich hinausgehe, klammert er sich an meine Jacke. Er hat nie erfahren, was es heißt, Zärtlichkeit und Geborgenheit in der Familie zu finden.


Schinorov ist ein hübsches, trauriges fünfzehnjähriges Mädchen in einem verwaschenen himmelblauen Kleid und weißen Sandalen. Ihre Mutter, von der Verzweiflung und vom Wodka zerrüttet, hat sie im Stich gelassen. Ihr arbeitsloser Vater hat versucht, sie zu vergewaltigen. Sie ist im Februar dieses Jahres in die Tunnel gegangen.

 

Am Dienstag, dem 17. August 2004, sitze ich General­major Purev Dash gegenüber, dem Direktor der Regierungsagentur für Katastrophenbekämpfung, die sich in einem hohen grauen Gebäude in der Straße der Partisanen Nr. 6 in Ulan-Bator befindet. (55) Der Generalmajor stellt stolz seine sowjetischen und mongolischen Orden zur Schau, die an einer dunkelgrünen Uniform befestigt sind. Er trägt eine Brille mit Stahlfassung und hat einen Bürstenhaarschnitt. Er ist mittelgroß, energiegeladen und strahlt diese lächelnde Ironie aus, die man bei den Mon­golen so oft antrifft. Er ist promovierter Naturwissenschaftler. Uijin Odkhuu, sein Stellvertreter, ist ebenfalls Generalmajor und diplo­mierter Naturwissenschaftler. Er ist klein, behandelt sei­nen Chef sehr respektvoll und ist neugierig auf die Besu­cher, die von so weit her gekommen sind.


Dash zählt mir die Katastrophen auf, die er zu bekämp­fen hat. Sein schlimmster Albtraum sind die Steppenbrände, die in den Sommermonaten hunderttausende Hektar vernich­ten, aber auch die Waldbrände. 8,3 % der Mongolei sind von der Taiga bedeckt, diesen weiten Nadelwald flächen, die sich über Sibirien nach Norden erstrecken. Die Taiga ist die größte zusammenhängende Waldzone der Erde. Die Steppen- und Waldbrände werden stark begünstigt durch eine Dürre, die seit Ende der neunziger Jahre zu­nimmt. Ende der achtziger Jahre brachten die Nieder­schläge im Durchschnitt 200 Millimeter Wasser pro Jahr, aber seit den großen Dürreperioden in den Jahren 1999 und 2003 sind sie viel seltener geworden. Dash hat we­der Hubschrauber noch Löschflugzeuge zu seiner Verfü­gung, um die Brände zu bekämpfen, die Familien zu eva­kuieren und das Vieh zu retten.


Seine zweite Sorge, das sind die Seuchen, die Ziegen, Schafe, Kamele, aber auch Menschen befallen. Der größte Feind der Tiere ist die Maul- und Klauenseuche. In den Jahren 2002 und 2003 hat sie hunderttausende Opfer gefordert. Die Veterinärdienste stehen mit leeren Händen da : ohne Impfstoffe, ohne Parasitenbekämpfungsmittel, ohne Vitamine. Die einzige Lösung : das kranke Vieh schlach­ten und verbrennen – und damit den endgültigen Ruin der Nomadenfamilien herbeiführen.


Was nun die Seuchen betrifft, die den Menschen befal­len, so hat der Generalmajor ständig das drohende Ge­spenst der Pest vor Augen. Die Flöhe, die Überträger der Krankheit, nisten sich mit Vorliebe im Fell der Murmel­tiere ein. Diese gehören neben den Antilopen und den wilden Eseln zum beliebtesten Wild der Mongolen. Sie liefern Fett, und ihr Fell ist auf den Märkten gefragt. Die Pest zu bekämpfen ist schwierig. Der Generalma­jor muss sich damit begnügen, im Rundfunk immer wie­der dringende Appelle an die Jäger zu richten :

»Lasst das getötete Tier ruhen. Auf seinem erkalteten Körper ster­ben die Flöhe von selbst.«

Eine weitere Sorge : die aus China kommende SARS-Epidemie, die wie ein Damoklesschwert über der Mon­golei hängt. Hier kann nur Dr. Robert Hagan, ein fein­sinniger und energischer Däne, Vertreter der WHO in der Mongolei, ein wenig Trost bringen. Ihm ist es zu ver­danken, dass die Mongolei seit kurzem in das Überwachungssystem der Epidemie einbezogen ist, das von der Agentur der UNO für den ganzen asiatischen Kontinent entwickelt wurde.


Die Schneestürme beginnen, wie gesagt, im Oktober, manchmal schon Ende September. Sie bedrohen die Fa­milien und das Vieh. Der Generalmajor würde dringend Kredite benötigen, um Winterunterkünfte für das Vieh bauen zu können. In den acht Wintermonaten sollen die Tiere mit Heu gefüttert werden. Doch seit der Heuschreckeninvasion am Ende des Jahres 2003 sind hunderttausende Hektar Wiesen vernichtet worden. Die Insekten ha­ben das Sommergras in den Steppen gefressen, sodass die Viehzüchter so gut wie kein Heu einfahren konnten. Um die Herden zu retten, müsste man also jetzt tausende Tonnen Heu per Lastwagen aus Sibirien importie­ren können …


Im Jahr 2003 hat die Direktion der Schweizer Tech­nischen Entwicklungskooperation gemeinsam mit der russischen Hilfsagentur eine Lastwagenkolonne organisiert und über 3000 Kilometer Nahrung und Futter für einige zehntausend eingeschneite gers herbeigeschafft. Für 2004 fehlt jedoch das Geld. Ich frage : »Was werden Sie tun ?« Der Generalmajor blickt zum Himmel : »Hoffen … hof­fen, dass der Winter mild sein wird.« Ein milder Winter ist in der Mongolei ein Winter, in dem die Temperatur nicht unter dreißig Grad minus sinkt.


Die Agentur lagert importiertes Korn, um Hungersnöte zu bekämpfen. Aber sie kann kein Wasser speichern. Es mangelt an Installationen und Krediten. Die Trockenheit lässt jedoch die Grundwasservorräte schwinden. Einige Tage nach meinem Besuch bei Generalmajor Purev Dash bin ich weit im Süden in der Region Gobi.


Die Stadt Mandalgobi ist 1942 gegründet worden. In einem hässlichen Betonblock im sowjetischen Stil befinden sich die Büros des Gouverneurs Janchovdoporjin Adiya. Dieser füllige und gesellige Mann regiert über den Aimak D und­ gobi, ein 76 000 Quadratkilometer großes, von 51 000 No­maden bewohntes Gebiet.


In seinem Aimak sind 90 % der traditionellen, min­destens 50 Meter tiefen Brunnen nunmehr unbenutzbar. Man müsste viel tiefere Brunnen graben, aber es fehlt an Bohrmaschinen und elektrischen Pumpen. Im Sommer kehren die Leute zu den Tümpeln und Bächen zurück. Die Todesfälle infolge von Durchfall werden immer häufiger, vor allem bei den Kleinkindern. Ist die Mongolei ein basket case nach den Kriterien von Henry Kissinger ? Lässt sich das Leid der mongolischen Kinder durch eine mysteriöse »Fatalität« erklären ? Natürlich nicht. Dieses Leid hat einen Namen : die Aus­landsschuld.


Im Jahr 2004 belief sie sich auf 1,8 Milliarden Dollar. Diese Zahl entspricht fast genau dem Bruttoinlandspro­dukt, das heißt der Summe aller Reichtümer, die inner­halb eines Jahres in der Mongolei produziert werden. Die Mongolei wird erwürgt. Alle Gefahren, die sie be­drohen, alle Katastrophen, die sie erleidet, könnten mit ei­ner geeigneten Technologie verhindert oder bekämpft wer­den. Diese Technologie gibt es auf den westlichen Märk­ten. Aber sie kostet Geld. Und praktisch wird das ganze Geld, über das die Mongolei verfügt, vom Schuldendienst
verschluckt.

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Das Imperium der Schande. Der Kampf gegen Armut und Unterdruckung

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