14 Eine neue und finstere Epoche der Wirtschaftsgeschichte

Als Chefökonom leitete ich nicht nur eine Abteilung bei MAIN und war verantwortlich für die Studien, die wir weltweit durchführten, sondern man erwartete von mir auch, daß ich mit aktuellen wirtschaftlichen Trends und Theorien vertraut war. Anfang der siebziger Jahre vollzogen sich in der Weltwirtschaft weitreichende Veränderungen.


In den sechziger Jahren hatte sich eine Reihe von Ländern zur OPEC zusammengeschlossen, einem Kartell Erdöl exportierender Staaten, um ein Gegengewicht zu den großen Mineralölkonzernen zu schaffen. Auch der Iran spielte dabei eine wichtige Rolle. Obwohl der Schah seine Position und möglicherweise auch sein Leben der heimlichen Intervention der USA bei seinem Kampf gegen Mossadegh verdankte – oder vielleicht gerade deswegen –, war er sich wohl bewußt, daß er jederzeit wieder in Bedrängnis geraten konnte. Auch die Führer der anderen ölreichen Länder teilten diese Besorgnis und die Befürchtungen, die damit verbunden waren. Sie wußten auch, daß sich die großen multinationalen Ölkonzerne, die man als die »Sieben Schwestern« bezeichnete, gemeinsam bemühten, den Preis für Rohöl – und dadurch auch die Zahlungen, die sie an die Erdöl exportierenden Staaten leisteten – möglichst niedrig zu halten, um ihre Gewinne zu steigern. Die OPEC sollte nun ein Gegengewicht zu diesem Kartell bilden.


Anfang der siebziger Jahre schließlich spitzte sich dieser Konflikt zu, als die OPEC die großen Industrieländer in die Knie zwingen wollte. Eine Reihe von konzertierten Aktionen, die 1973 in der Verhängung eines Ölembargos gipfelten, das durch lange Schlangen vor den amerikanischen Tankstellen symbolisiert wurde, schien eine ökonomische Katastrophe vergleichbar der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre heraufzubeschwören. Diese erste Ölkrise war ein Schock für die Volkswirtschaften der Industrieländer, dessen Ausmaß nur wenige Beobachter richtig erkannten. Die Ölkrise hätte für die USA zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen können. Das
Land war verunsichert, voller Ängste und Selbstzweifel, mußte die demütigende Niederlage in Vietnam verarbeiten und hatte einen Präsidenten, der kurz vor dem Rücktritt stand. Nixons Probleme beschränkten sich aber nicht auf Südostasien und Watergate. Er war zu einer Zeit auf die politische Bühne getreten, die man im Rückblick als den Übergang in eine neue Ära der Weltpolitik und der Weltwirtschaft einstufen muß. Zu dieser Zeit hatte es den Anschein, als könnten die »Davids« tatsächlich die »Goliaths« besiegen.


Ich war fasziniert von den weltpolitischen Ereignissen. Ich lebte nicht schlecht vom Geld der Korporatokratie, doch insgeheim freute ich mich auch, wenn meine Herren in die Schranken gewiesen wurden. Dadurch glaubte ich meine Schuldgefühle ein wenig abmildern zu können. Ich sah, wie der Schatten von Thomas Paine am Spielfeldrand auftauchte und die OPEC anfeuerte. Niemand konnte damals die volle Tragweite des Ölembargos abschätzen. Wir hatten natürlich unsere Theorien, aber wir konnten nicht voraussehen, was in den folgenden Jahren erkennbar wurde. Heute wissen wir, daß sich die Wachstumsraten nach der Ölkrise halbierten im Vergleich zu jenen, die in den fünfziger und sechziger Jahren gemessen worden waren, und daß sie unter einem erheblich höheren Inflationsdruck erwirtschaftet werden mußten. Das Wachstum war jetzt strukturell anders und schuf nicht mehr so viele Arbeitsplätze, so daß die Arbeitslosigkeit stieg. Zu allem Überfluß erlitt auch das Weltwährungssystem einen schweren Schlag; das System der festen Wechselkurse, das seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gegolten hatte, brach zusammen.

 

Damals diskutierte ich häufig mit Freunden und Bekannten beim Essen oder bei einem Bier nach der Arbeit über diese Dinge. Einige dieser Personen arbeiteten für mich – zu meinen Mitarbeitern gehörten blitzgescheite Männer und Frauen, meist noch ziemlich jung, die überwiegend Freigeister waren, zumindest nach herkömmlichen Begriffen. Andere waren bei Denkfabriken in Boston beschäftigt oder hatten Professuren an örtlichen Universitäten, und einer arbeitete als Assistent für einen Kongreßabgeordneten des Bundesstaats. Dies waren rein informelle Treffen, an denen bisweilen nur zwei Leute teilnahmen, obwohl gelegentlich auch ein Dutzend kam. Unsere Zusammenkünfte waren immer recht lebhaft, und es ging hoch her. Wenn ich mich an diese Diskussionen erinnere, bin ich peinlich berührt wegen des Überlegenheitsgefühls, das ich oft empfand. Ich wußte Dinge, über die ich nicht reden durfte. Meine Freunde brüsteten sich manchmal mit ihren Referenzen und Verbindungen – mit Kontakten nach Beacon Hill oder Washington, zu Professoren und Wissenschaftlern und ich präsentierte mich als Chefvolkswirt einer großen Consultingfirma, der weit in der Welt herumkam und First Class reiste. Doch ich durfte nichts erzählen von meinen persönlichen Gesprächen mit Männern wie Torrijos oder davon, auf welche Weise wir Länder auf allen Kontinenten manipulierten. Dies machte mich einerseits überheblich, doch andererseits war ich auch bis zu einem gewissen Grade frustriert. Wenn wir über die Macht der Kleinen sprachen, mußte ich mir auf die Zunge beißen. Ich wußte einiges, wovon die anderen keine Ahnung haben konnten. Ich wußte, daß die Korporatokratie, ihre EHM-Trupps und die Schakale, die im Hintergrund lauerten, die Kleinen niemals hochkommen lassen würden. Ich brauchte nur auf die Beispiele von Arbenz und Mossadegh zu verweisen oder auf Salvador Allende, den demokratisch gewählten Präsidenten Chiles, dessen Sturz 1973 erst wenige Jahre zurücklag. Mir war klar, daß der Würgegriff des globalen Imperiums immer fester wurde, trotz der OPEC – oder wie ich bereits damals vermutete, aber erst später bestätigt bekam – mit Hilfe der OPEC.


Unsere Unterhaltungen drehten sich häufig um die Ähnlichkeiten, die zwischen dem Anfang der siebziger und dem Anfang der dreißiger Jahre bestanden. Letztere hatten eine grundlegende Neuorientierung in der Weltwirtschaft, aber auch in der Untersuchung, der Analyse und der Wahrnehmung der weltwirtschaftlichen Vorgänge eingeleitet. Der Börsenkrach von 1929 und die folgenden Jahre hatten dem keynesianischen Ansatz und der Auffassung zum Durchbruch verholfen, daß der Staat eine aktive Rolle spielen solle bei der Steuerung der Wirtschaft und der Bereitstellung von Dienstleistungen wie Gesundheitsversorgung, Arbeitslosenversicherung und anderen sozialen Unterstützungsmaßnahmen. Wir hatten uns von der überkommenen Vorstellung verabschiedet, daß sich die Märkte selbst regulierten und der Staat sich so weit wie möglich aus der Wirtschaft heraushalten sollte.


Der Weltwirtschaftskrise begegnete man in den USA mit der Politik des New Deal, der eine stärkere wirtschaftliche Regulierung, eine Erhöhung der öffentlichen Ausgaben und den vermehrten Einsatz fiskalpolitischer Maßnahmen beinhaltete. Darüber hinaus führten die Depression und der Zweite Weltkrieg zur Gründung internationaler Organisation wie der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds (IWF) sowie zum Abschluß des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT). Der Übergang vom neoklassischen zum keynesianischen Modell wurde in den USA vor allem in den sechziger Jahren unter den Regierungen Kennedy und Johnson vorangetrieben. Besonders einflußreich in diesem Zusammenhang war ein einzelner Mann: Robert McNamara. McNamara war häufig anwesend bei unseren Diskussionsrunden – natürlich nur im Geiste. Wir alle hatten seinen kometenhaften Aufstieg vor Augen. Nachdem er 1949 als Planungsleiter und Finanzanalyst in die Ford Motor Company eingetreten war, wurde er 1960 Präsident und war damit der erste Ford-Chef, der nicht im Unternehmen groß geworden war. Kurze Zeit später ernannte ihn Kennedy zu seinem Verteidigungsminister.


McNamara war in der US-Regierung ein starker Verfechter der keynesianischen Denkschule und nutzte mathematische Modelle und statistische Verfahren, um Truppenstärken, die Verteilung der Finanzmittel und andere Strategien in Vietnam zu gestalten. Sein Eintreten für »entschlossene Führung« wurde zum Leitmotiv nicht nur für hohe Regierungsmitarbeiter, sondern auch für Firmenchefs. Dieses Konzept entwickelte sich in den wichtigsten Business Schools des Landes zur neuen philosophischen Grundlage für die Ausbildung von Managern und trug maßgeblich dazu bei, daß eine neue Generation von Unternehmenslenkern heranwuchs, die das Streben nach globaler Vorherrschaft energisch vorantrieben.


In unseren weltpolitischen Diskussionen faszinierte uns McNamara vor allem in seiner Funktion als Präsident der Weltbank, eine Position, die er kurz nach seinem Ausscheiden als Verteidigungsminister übernommen hatte. Die meisten meiner Freunde hoben darauf ab, daß er den »Militärisch-Industriellen Komplex« repräsentierte. Er hatte eine Spitzenposition in einem großen Konzern gehabt, hatte einer Regierung angehört und leitete jetzt die mächtigste Bank der Welt. Diese offensichtliche Außerkraftsetzung der Gewaltenteilung beunruhigte viele von uns; ich war vermutlich der Einzige in diesem Kreis, den dies nicht im Geringsten überraschte.


Heute bin ich der Ansicht, daß Robert McNamaras größte und zugleich verwerflichste historische Leistung darin bestand, daß er die Weltbank in einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß zur Agentin des globalen Imperiums machte. Außerdem brachte er etwas zustande, was keinem zuvor gelungen war. Er schaffte es, die Kluft zwischen den wichtigsten Fraktionen der Korporatokratie zu überbrücken – was von seinen Nachfolgern weiter vorangetrieben wurde. George Shultz beispielsweise war Finanzminister und Vorsitzender des Council on Economic Policy unter Nixon, arbeitete als Präsident von Bechtel und wurde unter Reagan schließlich Außenminister. Caspar Weinberger war einer der Vizepräsidenten und Chefsyndikus von Bechtel und wurde unter Reagan Verteidigungsminister. Richard Helms war unter Präsident Johnson CIA-Direktor und wurde unter Nixon Botschafter im Iran. Richard Cheney fungierte unter George Bush senior als Verteidigungsminister, ging dann zu Halliburton und wurde unter George Bush junior Vizepräsident. Präsident George Bush senior begann seine Karriere als Gründer der Firma Zapata Petroleum, war unter den Präsidenten Nixon und Ford US-Botschafter bei den Vereinten Nationen und wurde unter Ford CIA-Direktor.


Rückblickend bin ich verblüfft über die damalige Naivität meiner Zeitgenossen. In vielfacher Hinsicht hingen wir noch immer den überkommenen Vorstellungen vom Aufbau eines Imperiums an. Kermit Roosevelt hatte uns eine bessere Möglichkeit gezeigt, als er im Iran einen demokratischen Regierungschef stürzte und einen despotischen Kaiser an dessen Stelle setzte. Als EHM realisierten wir viele Ziele unseres Staates in Ländern wie Indonesien und Ecuador, aber Vietnam zeigte eindringlich, wie schnell wir in alte Muster zurückfallen konnten.


Es war Saudi-Arabien, die Führungsmacht der OPEC, die dies ändern sollte.

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