Teil IV: Von 1981 bis zur Gegenwart 26 Ecuador: Tod eines Präsidenten

Bei MAIN auszusteigen war gar nicht so einfach; Paul Priddy wollte es zuerst nicht glauben. »Das ist doch ein Witz«, meinte er augenzwinkernd. Ich versicherte ihm, daß ich es ernst meinte. Da mir Paula geraten hatte, nichts zu unternehmen, was andere gegen mich aufbringen oder zu der Vermutung Anlaß geben konnte, daß ich etwas über meine Arbeit als EHM ausplaudern könnte, betonte ich, daß ich sehr wohl zu schätzen wisse, was MAIN alles für mich getan habe, mich nun aber mit etwas anderem beschäftigen müsse. Ich hatte schon immer über die Menschen schreiben wollen, die ich durch MAIN kennen gelernt hatte, aber die Politik sollte dabei ausgespart bleiben. Ich sagte, ich wolle freiberuflich für National Geographic und andere Zeitschriften arbeiten und viel reisen. Ich erklärte, daß ich MAIN gegenüber auch weiterhin loyal sein würde, und gelobte, die Firma bei jeder Gelegenheit im besten Licht darzustellen. Schließlich ließ sich Paul erweichen.


Aber dann versuchten alle, mich von meinem Entschluß abzubringen. Man erinnerte mich mehrmals daran, wie gut ich es doch in der Firma gehabt habe, und unterstellte mir sogar, ich sei psychisch angeschlagen. Allmählich begriff ich, daß kein einziger Kollege akzeptieren wollte, daß ich freiwillig ging, denn dadurch wären sie gezwungen
worden, sich auch mit sich selbst zu beschäftigen. Wenn ich nicht verrückt war und trotzdem ging, dann mußten sie, die blieben, sich die Frage stellen, wie es denn um ihre eigene geistige Gesundheit stand. Da war es einfacher, mich als jemanden einzustufen, der den Verstand verloren hatte. Besonders irritierend waren die Reaktionen meiner Mitarbeiter. Ihrer Ansicht nach ließ ich sie im Stich, und außerdem gab es keinen designierten Kronprinzen. Aber ich hatte meine Entscheidung getroffen. Nach all den Jahren des Zweifelns wollte ich jetzt einen klaren Trennungsstrich ziehen.


Aber es lief nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich hatte jetzt keinen Job mehr, und da ich noch nicht voll berechtigter Partner war, reichte die Abfindung für meine Anteile nicht, um mich zur Ruhe zu setzen. Wäre ich noch ein paar Jahre bei MAIN geblieben, wäre ich mit 44 Jahren Millionär geworden, wie ich es mir einst vorgestellt hatte; aber jetzt, mit 35, war ich noch ein gutes Stück von diesem Ziel entfernt. Aber dann rief mich eines Tages Paul Priddy an und bat mich, zu ihm ins Büro zu kommen. »Einer unserer Klienten droht damit, abzuspringen«, sagte er. »Er hat uns engagiert, weil er wollte, daß Sie für ihn als Sachverständiger auftreten.« Ich dachte lange darüber nach. Als ich dann Paul wieder gegenübersaß, hatte ich meine Entscheidung getroffen. Ich nannte meinen Preis – ich verlangte einen Honorarvorschuß, der mehr als das Dreifache meines Gehalts bei MAIN betrug. Zu meiner Überraschung akzeptierte Paul meine Forderung, und das war für mich der Beginn einer neuen Karriere.


In den folgenden Jahren arbeitete ich als hochbezahlter Sachverständiger und Gutachter – vor allem für US-amerikanische Stromversorgungsunternehmen, die von den Behörden den Bau von Kraftwerken genehmigt bekommen wollten. Einer meiner Auftraggeber war beispielsweise die Public Service Company von New Hampshire. Ich sollte unter Eid eine Aussage über die Wirtschaftlichkeit des umstrittenen Atomkraftwerks Seabrook abgeben. Obwohl ich mit Lateinamerika nicht mehr unmittelbar befaßt war, verfolgte ich weiterhin, was sich dort tat. Als Sachverständiger hatte ich viel Freizeit. Ich blieb mit Paula in Kontakt und erneuerte alte Freundschaften aus der Zeit meines Peace-Corps-Einsatzes in Ecuador – einem Land, das auf dem Gebiet der internationalen Ölpolitik plötzlich in den Vordergrund rückte.


Jaime Roldós machte ernst. Er hielt sich an seine Wahlversprechen und startete einen Großangriff auf die Ölkonzerne. Er erkannte einige Dinge sehr klar, die andere Politiker auf beiden Seiten des Panamakanals entweder nicht sahen oder geflissentlich ignorierten. Er hatte ein Gespür für die Grundströmungen, welche die Welt in ein globales Imperium zu verwandeln drohten, in dem die Bürger seines Landes nur noch eine kleine Nebenrolle spielen und gewissermaßen zu Knechten degradiert werden würden. Als ich die Zeitungsartikel über ihn las, war ich nicht nur von seinem Engagement beeindruckt, sondern auch von seiner Fähigkeit, die tieferen Zusammenhänge zu erkennen. Und diese legten den Schluß nahe, daß wir in eine neue Epoche der Weltpolitik eintraten. Im November 1980 verlor Jimmy Carter die Präsidentschaftswahl gegen Ronald Reagan. Die Hauptgründe dafür waren das Abkommen über den Panamakanal, das er mit Torrijos ausgehandelt hatte, und die Lage im Iran, insbesondere der fehlgeschlagene Versuch, die Geiseln in der US-Botschaft in Teheran zu befreien. Doch es gab auch noch eine weniger augenfällige Veränderung. Ein Präsident, dessen erstes Ziel der Weltfrieden war und der die Abhängigkeit der USA vom Erdöl reduzieren wollte, wurde ersetzt durch einen Mann, der die Auffassung vertrat, daß der rechtmäßige Platz der USA an der Spitze einer Weltpyramide sei, die durch militärische Macht aufrechterhalten wurde, und daß die Beherrschung der Ölfelder, wo immer sie auch lagen, Bestandteil unserer Manifest Destiny sei.

Ein Präsident, der auf den Dächern des Weißen Hauses Solarzellen hatte anbringen lassen, wurde abgelöst durch einen Mann, der diese sofort nach seinem Einzug ins Oval Office wieder entfernen ließ.

 

Carter mag kein sehr erfolgreicher Politiker gewesen sein, aber er hatte eine Vision für Amerika, die sich mit jener deckte, die in unserer Unabhängigkeitserklärung formuliert wurde. Im Rückblick erscheint er hoffnungslos naiv, als unrealistischer Verfechter jener alten Ideale, die so viele unserer Großeltern in dieses Land gelockt hatten. Im Vergleich zu seinen unmittelbaren Vorgängern und Nachfolgern stellte er eine Anomalie dar. Seine Weltsicht entsprach ganz und gar nicht jener der EHM.


Reagan war demgegenüber eindeutig ein Verfechter des globalen Imperiums, ein Handlanger der Korporatokratie. Mir erschien es durchaus passend, daß er früher Hollywood-Schauspieler gewesen war, ein Mann, der Anweisungen von den Filmmoguln entgegengenommen hatte und wußte, wie man Anordnungen umsetzte. Nun war er jenen Männern zu Diensten, die zwischen Vorstandsposten in Unternehmen oder Banken und Regierungsämtern hin und her pendelten. Er diente den Männern, die scheinbar ihm dienten, doch in Wirklichkeit in der Regierung den Ton angaben – Männern wie dem Vizepräsidenten George H. W. Bush, Außenminister George S. Shultz, Verteidigungsminister Caspar Weinberger, Richard Cheney, Richard Helms und Robert McNamara. Er setzte sich für die Ziele dieser Männer ein: für ein Amerika, das die Welt und alle ihre Ressourcen beherrschte, für eine Welt, die den Wünschen dieses Amerikas Folge leisten mußte, für amerikanische Streitkräfte, die Regeln durchsetzten, die von Amerika definiert wurden, und für ein internationales Handels- und Bankensystem, das Amerika als Boß des globalen Imperiums stützte.


Ich hatte den Eindruck, daß jetzt eine Zeit begann, in der die EHM reichliche Betätigungsmöglichkeiten finden würden. Es war eine weitere Laune des Schicksals, daß ich mich gerade in diesem historischen Augenblick zum Ausstieg entschlossen hatte. Je länger ich darüber nachdachte, desto sicherer wurde ich. Ich wußte, daß ich den richtigen Zeitpunkt gewählt hatte. Was diese Entwicklung langfristig bedeuten würde, konnte ich auch nicht vorhersagen; ich wußte jedoch aus der Geschichte, daß sich kein Imperium auf Dauer hatte halten können und daß irgendwann das Pendel wieder in die andere Richtung ausschlug. In meinen Augen verkörperten Männer wie Roldós die Hoffnung auf Veränderung. Ich war überzeugt, daß der neue Präsident von Ecuador die Bedeutung der aktuellen weltpolitischen Situation richtig einschätzte. Ich wußte, daß er Torrijos verehrt und Carter wegen seiner mutigen Haltung in der Frage des Panamakanals Beifall gezollt hatte. Ich war überzeugt, daß Roldós die in ihn gesetzten Erwartungen nicht enttäuschen würde. Ich hoffte, daß seine Entschlossenheit den Führern anderer Länder als Vorbild diente, die jener Art von Inspiration bedurften, die er und Torrijos bieten konnten.

 

Anfang 1981 legte die Regierung Roldós ihr neues Gesetz zur Ölförderung dem ecuadorianischen Parlament vor. Dieses Gesetz sollte das Verhältnis Ecuadors zu den Ölkonzernen auf eine neue Grundlage stellen. Es erschien in vielfacher Hinsicht revolutionär oder gar radikal. Es zielte zweifellos darauf, die Art der Wirtschaftsbeziehungen mit dem Ausland zu verändern. Dadurch konnte es eine Signalwirkung entfalten, die weit über Ecuador hinausreichen und nach Lateinamerika und in die ganze Welt abstrahlen konnte.


Die Ölkonzerne reagierten wie erwartet – sie ließen alle Hemmungen fallen. Ihre PR-Beauftragten begannen Jaime Roldós nach Kräften zu verunglimpfen, und ihre Lobbyisten schwärmten in Quito und Washington aus, ausgestattet mit Aktenkoffern voller Schmiergelder. Sie versuchten, den ersten demokratisch gewählten Präsidenten Ecuadors der jüngeren Zeit als einen zweiten Castro hinzustellen. Doch Roldós ließ sich nicht einschüchtern. Im Gegenteil, er prangerte die Verschwörung zwischen Politik und Öl an – der sich nun auch die Kirche angeschlossen hatte. Offen beschuldigte er das Summer Institute of Linguistics (SIL), mit den Ölkonzernen zusammenzuarbeiten, und schreckte auch nicht davor zurück, die SIL-Mitarbeiter des Landes zu verweisen.
Nur wenige Wochen, nachdem er sein Gesetzespaket vorgelegt und die SIL-Missionare ausgewiesen hatte, warnte Roldós alle Vertreter ausländischer Interessen, nicht nur jene der Ölkonzerne, sie würden das Land verlassen müssen, wenn sie Pläne verfolgten, die dem ecuadorianischen Volk nicht von Nutzen seien. Nach einer großen Rede im Atahualpa-Stadion in Quito brach er auf zu einer kleinen Gemeinde im Süden Ecuadors. Dort kam er am 24. Mai 1981 bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben.


Die Welt war schockiert. Die Menschen in Lateinamerika waren wütend. Überall auf dem südamerikanischen Kontinent verkündeten die Zeitungen in großen Schlagzeilen: »Ein Anschlag der CIA!« Da Washington und die Ölkonzerne Roldós gehaßt hatten, schienen die Umstände diesen Verdacht zu stützen. Dann wurden Einzelheiten bekannt. Es konnte zwar nichts bewiesen werden, aber Augenzeugen berichteten, daß Roldós, der vor einem möglichen Anschlag gewarnt worden war, Vorkehrungen getroffen hatte und mit zwei Helikoptern unterwegs war. Im letzten Augenblick habe ihn einer seiner Sicherheitsbeamten überzeugt, in den präparierten Hubschrauber zu steigen. Dieser sei dann in die Luft gejagt worden. Trotz weltweiter Reaktionen wurde diese Nachricht in
den US-Medien kaum erwähnt.

 

Osvaldo Hurtado wurde neuer Präsident Ecuadors. Er ließ das Summer Institute of Linguistics und seine Sponsoren von den Ölkonzernen wieder ins Land. Ende des Jahres begann er mit der Verwirklichung eines ehrgeizigen Programms zur Steigerung der Öl-förderung durch Texaco im Golf von Guayaquil und im Amazonasbecken.


Omar Torrijos rühmte Roldós als einen »Bruder«. Er gestand, auch er fürchte sich vor einem Anschlag und sehe sich in seinen Alpträumen in einem riesigen Feuerball auf die Erde stürzen. Eine Äußerung, die sich als prophetisch erweisen sollte.